Verschiedene Wege zur Promotion

Hier geht es um die Kurse und Themen des Masterstudiengangs Politische Kommunikation.

Moderator: Keuneke

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Tilo.Beckers
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Verschiedene Wege zur Promotion

Beitrag von Tilo.Beckers » 9. Dezember 2010, 15:52

Das Feedback auf die im MA-SoWi-Forum eingestellten Links zu den Graduiertenkollegs und -schulen hat mir deutlich gemacht, dass es einer Klarstellung und Differenzierung zu Promotionsmöglichkeiten bedarf, die ich hier kurz vornehmen möchte. Schließlich gibt es auch ganz andere Wege zur Promotion als in diesen stärker strukturierten "Promotionsprogrammen".

[ANMERKUNG: Diese Angaben sind eine unverbindliche Einschätzung ohne allgemeine Gewähr; Korrekturen und Ergänzungen nehme ich gerne als Edit-Vorgang direkt in diesen Text auf]

Hilfreich ist in jedem Fall ein regelmäßiger Blick in die Printausgabe der ZEIT oder auf Academics.de (http://www.academics.de/home.html), da dort beinahe alle wissenschaftlichen Mitarbeiter/innenstellen und viele Stipendien in Graduiertenkollegs oder -schulen ausgeschrieben werden. Für letztere ist zusätzlich zu beachten, das die Vorlaufzeiten für die Bewerbung oftmals viel länger ausfallen als bei Stellen (vgl. die zahlreichen Postings im MA-SoWi-Forum). Für ausländische PhD-Programme gilt dies noch viel mehr, also: rechtzeitig im Master planen, wenn es danach direkt weiter gehen soll.

Fehlen soll nicht der Hinweis auf THESIS (http://www.thesis.de/), "das einzige interdisziplinäre und deutschlandweite Netzwerk für den wissenschaftlichen Nachwuchs und alle, die sich an das Abenteuer Promotion gewagt haben".



Zu unterscheiden sind grundsätzlich ganz verschiedene Wege der Durchführung eines Promotionsstudiums:


I) Unmittelbar an der Universität

a) Volle Stelle oder Teilzeitstelle (TV-L 13, 1/1 - 1/2) als wissenschaftliche/-r Mitarbeiter/-in an einem Lehrstuhl;
  • - Dauer: i.d.R. drei bis maximal 6 Jahre (Finanzierungsgrenze), ggf. Staffelverträge (erstmal ein Jahr dann weitersehen, wie es läuft ...);
    - daran gebunden: Lehrverpflichtung zwischen 2 und 4 SWS, die oftmals thematisch vom Promotionsprojekt stark abweicht;
    - ggf. Besuch scheinpflichtiger besonderer Lehrveranstaltungen (hängt von Promotionsordnung der Universität ab);
    - sowie administrative und/oder projektbezogene Aufgaben am Lehrstuhl;
    - eigener Arbeitsplatz samt Ausstattung,
    - ggf. Etatmittel für Dienst- bzw. Konferenzreisen,
    - stärkere Einbindung in den akademischen "Betrieb"
    - i.d.R. schwächere thematische Vernetzung mit anderen Promovend/inn/en bzw. größere thematische Offenheit bei der Wahl des Themas
    - >>> der "klassische" akademische Weg und potenzielle Werdegang, je nach Promotionsthema aber auch gute Chancen auf dem nicht-akademischen Arbeitsmarkt (Problem ggf. Dauer der Promotion und Aufgabenumfang neben der Promotion, Gefahr insbesondere bei halben Stellen: Promotion wird pekuniär zur Privatsache)
b) Durch Drittmittel (z.B. Projektmittel) finanzierte Stelle als wissenschaftliche/-r Mitarbeiter/-in (seltener volle Stelle, häufiger Teilzeitstelle)
  • - Dauer: i.d.R. minimal zwei bis maximal 6 Jahre (Finanzierungsgrenze);
    - daran sind i.d.R. keine weiteren Verpflichtungen gebunden,
    - sinnvoll ist aber eine freiwillige, häufig unentgeltliche gelegentliche Lehrtätigkeit mit vornehmlich projektbezogenen Themen;
    - ggf. Besuch scheinpflichtiger besonderer Lehrveranstaltungen (hängt von Promotionsordnung der Universität ab);
    - eigener Arbeitsplatz samt Ausstattung;
    - ggf. Etatmittel für Dienst- bzw. Konferenzreisen,
    - ggf. etwas schwächere Einbindung in den akademischen "Betrieb"
    - i.d.R. sehr starke Verflechtung des eigenen Projekts mit anderen sachverwandten Themen des Gesamtprojektes;
    - häufig engere Zusammenarbeit mit dem Betreuer/der Betreuerin
    - >>> ein alternativer bzw. "neoklassischer" akademischer Weg und potenzieller Werdegang, je nach Projektthema aber auch gute Chancen auf dem nicht-akademischen Arbeitsmarkt (Problem: ggf. hoher Projektworkload, der trotz thematischer Anbindung an das Promotionsthema viel Zeit kostet)
c) Stipendiat/-in bzw. Kollegiat/-in an einem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierten GraduiertenKOLLEG (zeitlich befristete und i.d.R. stark themenzentrierte Institution)
  • - i.d.R. zwischen 1000 und 1400 Euro monatliches steuer- und sozialversicherungsfreies Stipendium;
    - Dauer: i.d.R. 3 Jahre (Finanzierungsgrenze), Stipendiaten unterliegen ggf. einer strengeren Kontrolle des Arbeitsfortschritts;
    - keine administrativen oder sonstigen Verpflichtungen;
    - i.d.R. keine oder nur seltene freiwillige Lehrtätigkeit;
    - dafür aber Besuch scheinpflichtiger besonderer Lehrveranstaltungen;
    - i.d.R. eigener Arbeitsplatz samt Ausstattung;
    - ggf. Etatmittel für Dienst- bzw. Konferenzreisen;
    - schwächere Einbindung in den akademischen "Betrieb";
    - i.d.R. starke Verflechtung des eigenen Projekts mit anderen sachverwandten Projekten im Rahmen des Themas des Kollegs
    - >>> ein alternativer bzw. moderner akademischer Weg und potenzieller Werdegang, je nach Projektthema aber auch gute Chancen auf dem nicht-akademischen Arbeitsmarkt

d) Stipendiat/-in bzw. Kollegiat/-in an einer GraduiertenSCHULE (langfritig angelegte feste Institution)
  • - Dauer: i.d.R. 3 Jahre (Finanzierungsgrenze), Stipendiaten unterliegen ggf. einer strengeren Kontrolle des Arbeitsfortschritts;
    - für einige ausgewählte Kollegiaten zwischen 1000 und 1400 Euro monatliches steuer- und sozialversicherungsfreies Stipendium;
    - keine administrativen oder sonstigen Verpflichtungen;
    - i.d.R. keine oder nur seltene freiwillige Lehrtätigkeit;
    - dafür aber Besuch scheinpflichtiger besonderer Lehrveranstaltungen;
    - bei Stipendium i.d.R. eigener Arbeitsplatz samt Ausstattung;
    - dann ggf. Etatmittel für Dienst- bzw. Konferenzreisen;
    - schwächere Einbindung in den akademischen "Betrieb";
    - i.d.R. stärkere Anbindung an und Kommunikation mit anderen Stipendiat/inn/en im Rahmen der besonderen Promotions-Niveau-Veranstaltungen der Graduiertenschule;
    - weniger starke Verflechtung des eigenen Projekts mit anderen Projekten als im Graduiertenkolleg
    - >>> ein weiterer alternativer bzw. "postmoderner" akademischer Weg und potenzieller Werdegang, je nach Projektthema aber auch gute Chancen auf dem nicht-akademischen Arbeitsmarkt

e) Deutsche/r Doktorand/in im Ausland
  • - Dauer 2-7 Jahre, je nach Zielland und Programmzuschnitt (z.B. ggf. erst ergänzende ein bis zwei Master- bzw Courseworkjahre, dann eigentlicher PhD in den USA)
    Beschäftigungsbedingungen
    - in Stellenform,
    - als Stipendium einer Graduiertenschule o.ä. im Ausland,
    - als deutsches Stipendium für das Ausland (z.B. Studienstiftung u.a.), vgl. auch http://www.daad.de/ausland/index.de.html
    - als Stipendium einer im Zielland ansässigen Organisation oder Stiftung
    - als privat finanziertes PhD-Studium

f) Ausländische/r Doktorand/in in Deutschland


II) (Ggf.) Nur mittelbar an der Universität

a) Stipendiat/in der Studienstiftung des deutschen Volkes oder einer anderen politischen oder sonstigen Stiftung (Stipendium ähnlich wie c);
  • - Dauer: i.d.R. 2 bis maximal 3 Jahre (Finanzierungsgrenze; Ausnahmen bestätigen die Regel ...), Stipendiaten unterliegen einer sehr strengen Kontrolle des Arbeitsfortschritts;
    - keine administrativen oder sonstigen Verpflichtungen; i.d.R. keine oder nur seltene freiwillige Lehrtätigkeit;
    - ggf. Besuch scheinpflichtiger besonderer Lehrveranstaltungen (hängt von Promotionsordnung der Universität ab);
    - auch bei Stipendium nur durch besondere Vereinbarungen ggf. eigener Arbeitsplatz an der Universität;
    - Fördermittel für Konferenzreisen und Seminare über die Stiftung;
    - schwächere bis schwache Einbindung in den akademischen "Betrieb";
    - ggf. eher schwache Anbindung an sachverwandte Themen, sofern nicht eine Einbeziehung an ein Universitätsprojekt vorhanden ist ...
    - dafür aber starke Kommunikation und Vernetzung auch über Fachgrenzen hinaus mit anderen Stipendiat/inn/en im Rahmen der Veranstaltungen der jeweiligen Stiftung;
    - >>> ein ganz anderer möglicher akademischer Weg und potenzieller Werdegang, aber hier gilt: nicht spezifisch akademisch und je nach Projektthema gute Chancen auf dem nicht-akademischen Arbeitsmarkt (Vorzug: Prestige einer Stiftung; Vor- und Nachteil: mögliche weltanschauliche Beschränkung einer Stiftung und ihrer Wirkung
b) Freie/r Doktorand/in, die neben einer hauptberuflichen Voll- oder Teilzeittätigkeit promoviert (z.B. organisationssoziologische Promotion neben Tätigkeit in Unternehmensberatung);
  • - Dauer: unbestimmt, manchmal sehr schnelle Nebenher-Promotion zum prestige- und nutzenorientierten Titelerwerb, manchmal zähe lange Projekte, die unter der Doppelbelastung (neben dem Beruf ...) leiden;
    - keine administrativen oder sonstigen Verpflichtungen; i.d.R. keine oder eher seltene freiwillige Lehrtätigkeit;
    - sehr schwache Einbindung in den akademischen "Betrieb";
    - ggf. eher schwache Anbindung an sachverwandte Themen, sofern nicht eine Einbeziehung an ein Universitätsprojekt vorhanden ist ...
    - dafür aber starke Kommunikation und Vernetzung über die akademischen und universitäten Grenzen hinaus durch Einbindung in Unternehmen/Betrieb und Kenntnis relevanter Praxisfragen;
    - leichterer Wechsel in nicht-akademische, insbesondere marktgängige Praxisfelder und (häufig sehr gut bezahlte) Tätigkeiten
    - >>> ein ganz anderer i.d.R. nicht-akademischer Weg und folgender Werdegang, hier gilt: Projekt i.d.R. praxisorientierter und -vernetzter und daher sehr gute Chancen auf dem nicht-akademischen Arbeitsmarkt aber häufig weit weniger gute Chancen auf dem akademischen Arbeitsmarkt
Dr. Tilo Beckers
Akad. Rat, Soziologie III

tilo.beckers@uni-duesseldorf.de

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