Verlagsanfragen zur Publikation von Abschlussarbeiten OK?

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Hartwig Hummel
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Verlagsanfragen zur Publikation von Abschlussarbeiten OK?

Beitrag von Hartwig Hummel » 26. Februar 2008, 20:57

Bei BetreuerInnen von Abschlussarbeiten sind mehrere Anfragen eines VDM-Verlags eingegangen, der mit Absolventinnen in Kontakt treten möchte, um deren Abschlussarbeiten zu veröffentlichen. Wer hat Erfahrungen damit? Wie sollen wir mit solchen Anfragen umgehen?
Viele Grüße
Hartwig Hummel

Wiederholz
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Beitrag von Wiederholz » 26. Februar 2008, 22:48

Ich habe mir vor kurzem das Buch "Soziale Ungleichheit im digitalen Zeitalter - Eine Analyse der Internetnutzung in Deutschland" von Martina Pohl aus der ULB ausgeliehen, welches 2007 im VDM-Verlag erschienen ist. Die Autorin hat laut Klappentext Soziologie, Medienwissenschaft und Psychologie an der HHU studiert. Vielleicht kennt sie ja noch jemand? Das Buch macht auf mich einen ganz vernünftigen Eindruck (ich wusste nicht, dass es sich um eine Abschlussarbeit handelt).

alexis
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Beitrag von alexis » 27. Februar 2008, 00:13

Hallo,

ich habe ein paar Nachforschungen angestellt; hier meine Einschätzung: der VDM-Verlag publiziert hauptsächlich wissenschaftliche Abschlussarbeiten. Jedes Jahr werden allein in Deutschland 250.000 dieser Arbeiten angefertigt; eine Marktnische, die der Verlag mit seinen Publikationen zu füllen versucht, gerade weil wenig andere Verlage solche Arbeiten verlegen wollen/können. Print-on-demand macht es möglich, also der digitale Druck von Büchern, wenn sie vom Handel bestellt werden. Das VDM Modell ist für den Autor kostenfrei, fünf Freiexemplare werden ihm zugeschickt, Pflichtexemplare an die betreffenden Bibliotheken versendet; das Werk Online und über ISBN dem Handel zugänglich gemacht.
Das Problem, VDM Bücher werden nicht wirklich nach Qualität ausgewählt und nur oberflächlich lektoriert. Es wird also lediglich geprüft, ob sie die Minimalstandards erfüllen, damit sie veröffentlicht werden können (meine Einschätzung, nachdem ich einige Foren dazu abgeklappert habe). Alle deutschen Verleger (und davon gibt es eine Menge) verlegen im Jahr ca. 90.000 Titel; VDM bringt es derweil schon auf über 7.000 und überflutet den Markt. Der Verlag macht sein Geld mit dem long-tail effect; also dem Verkauf von wenigen Exemplaren möglichst vieler, verschiedener Titel; bei VDM meist zu Preisen zwischen 39-89 €. Diese Umstände werfen das Problem auf, dass eigentlich niemand ein VDM Büch für wissenschaftliches Arbeiten verwenden wird. Eine eigene Buchpublikation bei VDM ist also eher etwas für das Ego oder einen aufpolierten Lebenslauf. VDM ist meines Erachtens gerade noch bei anwendungsorientierten Sach-/Fachbüchern für nicht Akademiker sinnvoll; jedoch sind hierfür die Preise eigentlich schon zu hoch.
Ich halte VDM nicht für professionell genug, als das er im wissenschaftlichen Betrieb bestand haben könnte/wird. Der Verlag ist zwar relativ neu (2002), wirft aber erst seit 2007 wirklich Massenweise neue Titel auf dem Markt, dies wird sich in der akademischen Welt herumsprechen und VDM Titel zu einer no-go area im wissenschaftlichen Arbeiten machen.
Andererseits kann hier fast jedeR seine Abschlussarbeit kostenlos in Buchform bringen lassen und über die Nationalbibliothek oder dem Handel der Öffentlichkeit zugänglich machen. Vielleicht reicht das auch schon?

Liebe Grüße
Alexis Michaltsis

PS: Natürlich kann schon heute jedeR seine Arbeiten unter eine freie Lizenz stellen (z.B. Creative Commons) und etwa unter archive.org kostenlos und restriktionsfrei der Welt zur Verfügung stellen.

Hartmann
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Beitrag von Hartmann » 14. April 2008, 12:37

"Das Problem, VDM Bücher werden nicht wirklich nach Qualität ausgewählt und nur oberflächlich lektoriert. Es wird also lediglich geprüft, ob sie die Minimalstandards erfüllen, damit sie veröffentlicht werden können."
Das dürfte bei den üblichen Dissertationsverlagen genau so sein, ist meines Erachtens kein Argument gegen VDM.

"dies wird sich in der akademischen Welt herumsprechen und VDM Titel zu einer no-go area im wissenschaftlichen Arbeiten machen."
Auch das wage ich zu bezweifeln. Wenn eine Arbeit gelungen ist, würde ich Sie auch - trotz VDM - zitieren. Und im Lebenslauf sieht das in jedem Fall besser als gar keine Veröffentlichung - was bei Magister/Masterarbeiten die Regel ist - aus.

In meinem Bereich wurden zwei Magister-Arbeiten über VDM veröffentlicht. Die Autoren hatten sie nochmals überarbeitet, und die Qualität der Bücher ist recht ansprechend. Ohne VDM wären diese Arbeiten gar nicht veröffentlicht worden. Ich gebe VDM-Anfragen, wenn die Magister- oder Master-Arbeiten wirklich gut sind, deshalb durchaus an die KandidatInnen weiter. Natürlich ist eine freie Veröffentlichung auch eine Option, aber oft wird daraus nichts.

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