KOMMUNIKATIONS- UND MEDIENWISSENSCHAFT

Politische Online Kommunikation: Stabilität & Wandel

Die Verfügbarkeit digitaler Technologien für Information und Kommunikation hat zu einem grundlegenden Strukturwandel der politischen Kommunikation in der Online-Welt geführt – mit entsprechend weitreichenden Konsequenzen für politische Prozesse und Systeme. So lautet eine häufig gehörte These in Politik- und Kommunikationswissenschaft. Sie beruft sich auf eine Vielzahl empirischer Phänomene, etwa den raum- und zeitunabhängigen Zugang zu einer schier unübersehbaren Fülle von politischen Informationen, die Beschleunigung von Themenkonjunkturen, die Herausforderung der klassischen Top-Down-Struktur politischer Kommunikation durch interaktive Medien, den Bedeutungsverlust der traditionellen Gate-Keeper, neue Wege für politische Mitwirkung der Regierten, die Effektivität der so genannten ‚sozialen Medien‘ als Organisationstechnologie für politischen Protest u.v.a.m.

Das alles ist unbestreitbar richtig. Dennoch, bei genauerem Hinsehen zeigt sich mehr Stabilität, als die Behauptung des grundlegenden Wandels vermuten lässt, gerade auch auf der Ebene von Strukturen. Die Strukturbedingungen politischer Kommunikation sind nämlich nicht (kommunikations-)technologisch determiniert, sondern sozial, kulturell und politisch. Parteien und Kandidaten verbreiten über neue Kanäle die gleichen Botschaften, die sie zuvor in die traditionellen Medien getragen haben, die zusätzlichen Informations- und Mitwirkungsmöglichkeiten werden vor allem von denjenigen genutzt, die schon zuvor gut informiert und partizipationsbereit waren, selektive Aufmerksamkeit im Sinne der Dissonanzvermeidung funktionieren in der digitalen Öffentlichkeit wie in der traditionellen, die Dominanz der Unterhaltungsfunktion bei der Mediennutzung bleibt in der digitalen Welt ungebrochen, die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie betreffen digital verbreitete Inhalte genauso wie analog verbreitete usw. Mit anderen Worten, politische Online-Kommunikation schafft zunächst einmal Veränderungspotentiale, die aber – so die leitende These – wegen der Stabilität grundlegender Strukturmerkmal häufig unrealisiert bleiben. Ob das in jedem Fall ein Nachteil für Politik und Demokratie sein muss, ist eine durchaus offene Frage.

Die Forschung am Lehrstuhl befasst sich mit dem Verhältnis von Stabilitäten und Wandel politischer Kommunikation sowohl auf Struktur- als auch Prozessebene. Dabei interessiert zum einen, ob in der Onlineumgebung von neuartigen Phänomenen die Rede sein kann oder ob es sich lediglich um die gleichen politischen Instrumente in einem anderen Medium handelt. Unterscheiden sich beispielsweise Petitionen, die auf der Straße unterschrieben werden, grundlegend von Petitionen, die online durch einen Klick unterstützt werden können? Zum anderen interessiert uns, ob sich Perzeptions-, Selektions- und Aggregationsprozesse bei politischer Onlinekommunikation im Vergleich zu Offlinekommunikation systematisch unterscheiden oder ob auch hier lediglich das Medium sich geändert hat, die Mechanismen aber die gleichen wie zuvor sind. Hat zum Beispiel Wahlkampfwerbung in Offlinemedien eine andere Wirkung als in Onlinemedien? Wenn ja, woran liegt das genau? Worin unterscheidet sich die Dynamik von online- und offlineerzeugter Meinungsbildung?

Projekte

  • Entstehung von Wahlkampf-Reaktanz durch ungewollte Exposition gegenüber Wahlkampfkommunikation in sozialen Medien
  • Wahrnehmung und Bewertung von Online-Partizipations-Tools durch (potenzielle) Nutzer

Ausgewählte Publikationen & Vorträge

Dosenovic, P., Marcinkowski, F. & Flemming, F. (2018, Mai). Incidental Aversion: Eine Studie zur Wirkung von zufälligem Kontakt mit Wahlkampfinhalten im Internet auf psychologische Abwehrmechanismen. Präsentation auf der 63. DGPuK-Jahrestagung in Mannheim (09.-11.05.2018).

Flemming, F., & Marcinkowski, F. (2016). Der ‚trap effect‘ des Internet. Ausmaß und Folgen inzidenteller Rezeption von Wahlkampfkommunikation im Internet während des Bundestagswahlkampfs 2013. In P. Henn & D. Frieß (Hrsg.), Politische Online-Kommunikation. Voraussetzungen und Folgen des strukturellen Wandels der politischen Kommunikation (S. 191-212). doi: 10.17174/dcr.v3.9

Marcinkowski, F. & Flemming, F. (2016). Politische Internetnutzung bei Haupt- und Nebenwahlen in Deutschland. In J. Tenscher & U. Russmann (Hrsg.) Vergleichende Wahlkampfforschung. Studien anlässlich der Bundestags- und Europawahlen 2013 und 2014. Wiesbaden: Springer VS. 205-231.

Marcinkowski, F., Metag, J. (2014). Why do candidates use online media in constituency campaigning? An application of the Theory of Planned Behavior. Journal of Information Technology & Politics, 11(2), 151-168.

Flemming, F. & Marcinkowski, F. (2014) Das überschätzte Medium. Nutzung und Wirkung des Internet im Wahlkampf. In U. Dittler & M. Hoyer (Hrsg.). Kommunikation mit digitalen Medien: Kundenkommunikation, Facebook-Biographien, digitale Meinungsbildung und virtuelle Gerüchte in Zeiten von Social Media. München: kopaed. 259-281.