KOMMUNIKATIONS- UND MEDIENWISSENSCHAFT

Angst als Instrument und Effekt politischer Kommunikation

Ängste sind eine starke Triebfeder, nicht nur für individuelles Handeln, sondern auch für gesellschaftliche Entwicklungen. Das zeigt sich etwa an angstinduzierten Veränderungen im Parteiensystem und Wahlverhalten westlicher Demokratien. Kollektive Ängste sind vielfältig und – zumal innerhalb der deutschen Gesellschaft – weit verbreitet, wie eine Langzeitanalyse zu den Ängsten der deutschen Bevölkerung zeigt. Daher sind Entstehung und Wirkung von Angst nicht nur für die psychologische Emotionsforschung, sondern auch für Gesellschaftswissenschaftler von höchstem Interesse. Angst und Angstreaktionen entstehen – vereinfacht gesprochen – aus der komplexen Interaktion zweier Wahrnehmungsmuster: der Wahrnehmung einer ernsthaften Bedrohung und der Wahrnehmung wirksamer und verfügbarer Maßnahmen zur Abwehr dieser Bedrohung. Beide Perzeptionen können durch direkte Erfahrung gespeist sein, sie können aber auch durch vermittelte und unvermittelte Formen der Kommunikation z.B. durch die (Massen-)Medien oder politische Gruppierungen induziert werden; die Kommunikation wird dann zur Angstkommunikation. Sollte das bewusst geschehen, so spricht man von persuasiver Angstkommunikation oder auch von Angstappellen. Es ist davon auszugehen, dass sich die Zahl und Wirkmächtigkeit ‚kommunikativer Angsträume‘ durch das Internet weiter erhöht hat, womit erweiterte Möglichkeiten einer ‚Politik der Angst‘ geschaffen wurden. Der BREXIT, der nie erwartete Wahlsieg von Donald Trump, die Erfolge der AfD in Deutschland, all dies wurde durch Angstappelle zumindest unterstützt. Daher ist Angstkommunikation in der Regel schlecht beleumundet, gerade im politischen Kontext. Sie gilt als Quelle von Antiaufklärung und Irrationalität.

Die Forschung des Arbeitsbereiches in diesem Feld geht demgegenüber vom Paradigma der Ambivalenz von Angstkommunikation aus. Immerhin resultierte auch die Niederlage von Geert Wilders bei der letzten Wahl in den Niederlanden oder der Sieg van der Bellens in Österreich mutmaßlich aus Angst – Angst vor dem Rechtspopulismus. Angstkommunikation kann mithin als Katalysator sozial und demokratiepolitisch erwünschter oder als Bremse gesellschaftlich unerwünschter Entwicklungen wirken. Tatsächlich funktioniert der Zusammenhang aber auch umgekehrt. Die übergreifende Frage ist dann, warum welche Formen öffentlicher Kommunikation welche Ängste induzieren und mit welchen sozialen und demokratiepolitischen Folgen?

Projekte

  • R&V-Angstmonitor: Was steckt hinter den „Ängsten der Deutschen“?
  • Angst und politische Mobilisierung
  • Angst als Ergebnis populistischer und journalistischer Kommunikation
  • Framing-Effekte im Digitalisierungsdiskurs: Angst vor Digitalisierung

Ausgewählte Publikationen & Vorträge

Marcinkowski, F. (2018). Staat in Angst: politisches Kalkül oder publizistische Nebenwirkung? In M. Eisenegger et al. (Hrsg.) Intimisierung des Öffentlichen. Berlin & Heidelberg: Springer Verlag. 209 – 226

Kieslich, K., Brinkschulte, F., Bennett, M., Groß, T., & Tielsch, K. (2017, November). Refugees Welcome? Media Coverage, Political Communication and the Creation of Fear. Präsentation auf der ECREA Interimskonferenz der Section Political Communication in Zürich (22.-23.11.2017).

Marcinkowski, F., Bennett, M., Best, J., Boehn, J., Brinkschulte, F., Brügger, R., Fechner, D., Groß, T., Kieslich, K., Mallek, S., Neumann, E., Tielsch, K. (2017). Die Quellen der Angst: Populistische Kommunikation und journalistische Berichterstattung im Vergleich. Forschungsreport 1/2017 des Arbeitsbereichs Kommunikation – Medien – Gesellschaft. Münster: Institut für Kommunikationswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität. (Download)