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Literarisches Rätsel 3

Auflösung

Die heute vergessene "Dichterkönigin" veröffentlichte ihre Werke unter dem Namen CARMEN SYLVA. Als Elisabeth Prinzessin zu Wied-Neuwied wurde sie am 29.12.1843 in Neuwied am Rhein geboren. Ihr Vater, Fürst Hermann, setzte die liberale und musische Tradition des Fürstenhauses fort. Dichter, Gelehrte und Künstler waren bei ihm zu Gast. Er selbst veröffentlichte unter Pseudonym zwei vom Mesmerismus und Okkultismus beeinflußte philosophische Werke.

Die Kindheit der lebhaften und phantasiebegabten Prinzessin Elisabeth war überschattet von ihrer strengen Erziehung und den schweren Krankheiten ihrer Eltern und ihres jüngeren Bruders. Um ständig unter ärztlicher Kontrolle zu sein, wohnte die Familie 1851 bis 1853 in Bonn. Die Mutter führte dort einen Salon, in dem unter anderem Ernst Moritz Arndt und Clara Schumann verkehrten. Elisabeth erlebte in Bonn den Abglanz der Biedermeierzeit, eine Erfahrung, die ihr Leben prägen sollte.

Bei der Erziehung der Prinzessin wurde besonderer Wert auf Sprachen gelegt. Elisabeth lernte Englisch, Französisch, Latein, Griechisch, Ungarisch, Russisch. Ungewöhnlich waren neben dem üblichen Unterricht in Literatur- und Kunstgeschichte die hohen Anforderungen, die die Eltern in den naturwissenschaftlichen Fächern stellten. Das Lesen von Romanen war ihr verboten. Elisabeth mußte ihr Tagebuch heimlich führen. Die eigentlich fröhliche und lebhafte Prinzessin fühlte sich unverstanden und zog sich häufig in die Wälder um Monrepos, dem Sommersitz der Fürsten, zurück.

Nach ihrer Konfirmation folgte eine Zeit des Reisens. Sie verbrachte ein Jahr in Paris, mehrere Monate am preußischen Hof in Berlin und in Neapel, In St. Petersburg erfuhr sie vom Tod ihres Vaters. 1867 war sie in Paris und 1868 in Schweden. Nach Monrepos zurückgekehrt, plante sie eine Zukunft als Lehrerin. 1869 lernte sie bei einem Brahmskonzert Karl von Hohenzollern-Sigmaringen, den damaligen Fürsten Carol und späteren König Carol von Rumänien, kennen. Sie heirateten im gleichen Jahr. Das Paar war durch Freundschaft und Achtung, nicht durch Liebe miteinander verbunden.

Elisabeth nahm ihre Aufgabe als Landesmutter ernst. Der Verbesserung des Schul- und Erziehungswesens widmete sie ihre ganze Kraft. Zusammen mit Fürst Carol versuchte sie das damals orientalisch geprägte Land politisch und kulturell an Mittel- und Westeuropa anzuschließen. Für den selbstlosen Einsatz der Fürstin während des Russisch-Türkischen Krieges erhielt sie den Katharinenorden.
Der Tod ihrer Tochter, der Prinzessin Marie, bedeutete für Elisabeth einen großen Verlust, aber auch einen Umschwung in ihrem geistigen Leben. Sie begann an ihr Talent zu glauben und sah sich als Dichterin. Ihre ersten Veröffentlichen waren Übersetzungen von den Gedichten des Rumänen Vasile Alecsandri.
Ab 1981 wurde Königin Elisabeth unter dem Pseudonym CARMEN SYLVA, welches sie sich selbst gegeben hatte, durch ihr literarisches Schaffen bekannt. Die Erklärung für dieses Pseudonym lieferte die Königin in lyrischer Form:

Carmen das Lied und Sylva der Wald.
Von selbst gesungen das Waldlied schallt.
Und wenn ich nicht am Wald geboren wär',
dann säng ich die Lieder schon selbst nicht mehr.
Den Vögeln hab ich sie abgelauscht;
Der Wald hat sie mir zugerauscht,
Vom Herzen tat ich den Schlag dazu,
Mich singen der Wald und das Lied zur Ruh!

1981, zur Zeit ihrer ersten Veröffentlichungen begann die Zusammenarbeit mit MITE KREMNITZ: Carmen Sylva hatte die deutsche Frau eines deutschen Arztes in Bukarest kennengelernt. Mite Kremnitz wurde offizielle Vorleserin der impulsiven Königin. Die gemeinsamen Werke der beiden ungleichen Frauen erschienen unter dem Pseudonym Dito und Idem. Mite Kremnitz stand neuen Literaturauffassungen wie dem Realismus und dem Naturalismus aufgeschlossen gegenüber, Carmen Sylva dagegen verachtete moderne Strömungen in der Literatur und Kunst. Diese Unstimmigkeit und ihre okkultistischen Neigungen führten zum Bruch zwischen den Frauen.

Ein Großteil der Werke Carmen Sylvas erschien zwischen 1881 bis 1892: Gedichtbände, Novellen, Märchen, Romane Essays und Aphorismen. Carmen Sylva machte die rumänische Literatur in Europa bekannt. Ihr Ruhm als "Dichterkönigin" begründete sich vor allem durch ihre aufwendig gestalteten Gedichtbände. Ein Teil der dem Volkslied angelehnten Lyrik wurde von August Bungert vertont. So zum Beispiel der 1884 entstandene Liederzyklus Mein Rhein, den sie in Bukarest aus einem Gefühl des Heimwehs heraus verfaßte.

Carmen Sylva war nicht zuletzt auf Grund ihre Position sehr unkritisch gegenüber sich selbst und anderen. Die Qualität ihrer Werke ließ nach, ihre Neigung zum Okkultismus und ihre unkritische Haltung hatte zur Folge, dass sie sich in eine politische Affäre um ihre Hofdame Helene Vacarescu und den Thronfolger Franz Ferdinand verstrickte, Als Folge dieser Ereignisse wurde sie unter dem Vorwand eines "Nervenleidens" ins Ausland geschickt. Orte der Verbannung (1890-1893) waren Venedig, der Lago Maggiore und das Heim der Mutter in Monrepos. 1893 reiste König Carol nach Monrepos. 1894 kehrten sie nach Bukarest zurück und feierten unter der Anteilnahme des ganzen Volkes ihre silberne Hochzeit.

Die Königin widmete sich vermehrt sozialen, wirtschaftlichen und karitativen Aufgaben. So schuf sie u.a. eine Heimarbeiterindustrie im textilen Bereich. Hierzu führte sie erfolgreich die Seidenraupenzucht in Rumänien ein. Carmen Sylva schuf Bildungseinrichtungen für Frauen und Mädchen und förderte in Bukarest das Frauenstudium. Obwohl sie der Frauenbewegung und den Suffragetten ablehnend gegenüberstand, sah sie für Frauen die Notwendigkeit finanzieller Unabhängigkeit durch eigenes Einkommen. Carmen Sylva war als Künstlerin überspannt und weltfremd, als Königin Elisabeth war sie tatkräftig, unkonventionell und erfolgreich. In einer Zeit der nationalen Pompes und kriegerischer politischer Auseinandersetzungen, setzte sie sich für Frieden zwischen den Völkern und die republikanische Staatsform ein. Dabei vernachlässigte sie nicht ihre literarischen Aktivitäten. Seelengespräche, Geflüsterte Worte und Mein Penatenwinkel enthalten biographische Aufzeichnungen und Kindheitserinnerungen.
Carmen Sylva drohte zu erblinden, sie verbrachte die meiste Zeit im Rollstuhl. Sie starb 1916, zwei Jahre nach dem Tod von König Carol.

(Text: Karin Dreier)

 

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-- zuletzt bearbeitet:
16-Oct-2005 --

 

 

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