W1/W2-PROFESSUR, ABTEILUNG IV, MÜNDLICHKEIT

Alexander Ziem - Forschungsschwerpunkte

Meine Forschung konzentriert sich auf das komplexe Zusammenspiel von Sprache, Kognition und Kultur im Bereich des öffentlichen Sprachgebrauchs (Gesprochene Sprache-Forschung, Diskurs- und Korpuslinguistik, Wissenschaftskommunikation und öffentliche Kommunikation). Mit Blick auf kognitive Semantik und Konstruktionsgrammatik betrifft dies etwa die Fragen, wie sprachliche Bedeutungen unterschiedlicher Komplexität (Morpheme, komplexe Wörter und Phraseme) in unserem Geist entstehen und wie sprachliches Wissen in unserem Geist „repräsentiert“ ist. Zur Erforschung des öffentlichen Sprachgebrauchs hat sich eine Verbindung von linguistischer Diskursanalyse, kognitiver Linguistik und konstruktionsgrammatischen Theoremen als besonders fruchtbar erwiesen. Hier liegt mein Forschungsschwerpunkt auf der Wissensrepräsentation durch Frames und verschiedenen Phänomenen der konzeptuellen Integration (etwa Metaphern, Metonymien, Synekdochen) sowie auf Text-Bildbeziehungen und Argumentationsmustern. In neueren Arbeiten rücken text- und kognitionslinguistische Fragestellungen zur Konnektivität in Texten in den Mittelpunkt, die ich am Beispiel von assoziativen Anaphern untersuche.

Disziplinär sind meine Arbeiten im Grenzbereich Semantik/Pragmatik sowie an Schnittstellen von Grammatik und Semantik angesiedelt. Der Großteil meiner Studien ist im Forschungsumfeld funktionaler Sprachtheorien, insbesondere der Konstruktionsgrammatik, Kognitiven Grammatik und historischen Semantik entstanden. Als erste Orientierung mag das Paper Kognitive Linguistik heute (pdf) dienen, das zentrale Positionen und Konzepte vorstellt. Es enthält auch wichtige Literaturangaben sowie eine Liste relevanter Zeitschriften, Buchreihen und Webseiten.

I. Aktuelle Projekte

Arbeitskreis "Konstruktionsgrammatik des Deutschen"

Auf der Konferenz “Construction Grammar: New Perspectives in the Study of German and English“ in Kiel im Februar 2010 habe ich zusammen mit Alexander Lasch den Arbeitskreis "Konstruktionsgrammatik des Deutschen" gegründet, der sich zum zweiten Mal im Rahmen des Panels "Constructions in German" auf der vierten DGKL-Tagung in Bremen getroffen hat. Ein drittes Treffen fand im September 2011 im Rahmen der Tagung "Konstruktionen als soziale Konventionen und kognitive Routinen" in Düsseldorf statt. Weitere Workshops und Tagungen finden in Heidelberg (9/2012), Freiburg (10/2012) und Münster (11/2012) statt.
 Das langfristige Ziel besteht darin, ein möglichst umfängliches Repertoire an Konstruktionen des Deutschen zu identifizieren und empirisch zu beschreiben. Ein weiteres Ziel ist es, den Arbeitskreis "Konstruktionsgrammatik des Deutschen" langfristig als eine Plattform für internationale die Zusammenarbeit von LinguistInnen zu institutionalisieren, die Deutsch als Zielsprache untersuchen. Mehr Details finden sich unter Arbeitskreis "Konstruktionsgrammatik des Deutschen".

Die Weimarer Republik als sprach- und mentalitätsgeschichtliche Sattelzeit: zur linguistischen Diskursgeschichte gesellschaftlicher "Krisen"

Bei dem geplanten Projekt (--> Projektskizze, pdf) handelt es sich um eine sprachgeschichtliche Korpusstudie, die an zentrale Forschungsergebnisse des sprachgeschichtlich ausgerichteten DFG-Projekts zur „Sprachlichen Konstruktionen von gesellschaftlichen Krisen“ (siehe unten) anknüpft, dieses aber nicht nur in diachroner Hinsicht substantiell erweitert, sondern auch ein eigenes und unabhängiges Erkenntnisinteresse verfolgt. Ziel der Korpusstudie ist es, in einer diachronen Längsschnittuntersuchung auf der Basis großer Textkorpora zu zeigen, wie wirtschaftliche „Krisen“ mit sprachlichen Mitteln in der sprachgeschichtlich bedeutsamen Zeit der Weimarer Republik öffentlich konstruiert und verhandelt wurden. Ausgangspunkt bildet der empirische Befund, dass aktuelle „Krisen“ – als ein äußerst öffentlichkeitswirksames und vielschichtiges Thema mit historischer Dimension – nur vor dem Hintergrund historischer „Krisen“ hinreichend zu verstehen sind. Dies gilt ebenso für die Wissenschaftskommunikation wie für den massenmedialen Diskurs.
   Mentalitäts- und ereignisgeschichtlich kommt der Weimarer Republik die besondere Rolle einer „Sattelzeit“ zu. Die entsprechende Untersuchung historischer Pressetexte sowie zeitgenössischer wissenschaftlicher Fachliteratur zur „Inflationskrise“ (1923) und zur „Weltwirtschaftskrise“ (1929) ist bislang ein Forschungsdesiderat. Die diachrone Analyse von dominierenden diskursiv hergestellten kollektiven Wissensbeständen zum Phänomen „Krise“ und deren diskurshistorischem Vergleich führt zu Ergebnissen, die über die sprachwissenschaftlichen Fachgrenzen hinaus einem besseren Verständnis von sozialen, politischen und wirtschaftlichen „Krisen“ dienen. Das bereits mit computerlinguistischer Expertise entwickelte Analyseraster, einschließlich der Datenbank- und Annotationssoftware INGWER, wird auch der Untersuchung des historisch erweiterten Korpus zugrunde liegen.
   Das Forschungsvorhaben leistet einen Beitrag zur neueren Sprach-, Diskurs- und Mentalitätsgeschichte sowie zur Erforschung des Zusammenhangs von fachwissenschaftlichem und öffentlichem Sprachgebrauch. Es schließt dabei eine Lücke im Programm einer „Sprachgeschichte als Zeitgeschichte“, in der soziale, wirtschaftliche und politische „Krisen“ der Weimarer-Republik bisher kaum thematisiert worden sind. Eine detaillierter Beschreibung befindet sich in der  Projektskizze (pdf).

Web-basiertes „Konstruktikon“ der Wissenschafts- und Alltagskommunikation

Auf der Basis eines Textkorpus im Umfang von ca. 18.000 Texten soll mit computerlinguistischer Expertise und nach dem Vorbild von FrameNet ein webbasiertes Netzwerk von miteinander in Beziehung stehender Frames und Konstruktionen der Wissenschafts- und Alltagssprache aufgebaut werden. Datengrundlage bildet ein Korpus, das teilweise im Rahmen des DFG-Projektes zu „Sprachliche Konstruktion gesellschaftlicher Krisen“ entstanden ist. Ziel ist es in Kooperation mit dem „International Computer Science Institute“ in Berkeley, USA, auf der Basis von korpusbasierten Analysen und Textannotationen eine relationale Datenbank aufzubauen, in der empirisch identifizierte Konstruktionen und Frames in wissenschaftlichen und öffentlich-medialen Diskursen vergleichend erfasst werden. FrameNet-Tools stellen hierzu geeignete computerlinguistische Hilfsmittel bereit, um die Vernetzung von Konstruktionen zu einem so genannten Konstruktikon abzubilden und mithilfe des „FrameGraphers“ diagrammatisch zu veranschaulichen. Die Datenbank kann praxisnah – etwas für (Wissenschafts-) Journalisten – Einsatz finden, und sie soll dabei helfen Unterschiede in der Alltags- und Wissenschaftskommunikation zu identifizieren, um ggf. den Hiatus zu überbrücken bzw. zu verringern. Eine etwas detailliertere Beschreibung findet sich in der englischsprachigen skizzenhaften Projektbeschreibung (pdf).

Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit am Beispiel der Hochschulreform

Bei diesem Forschungs- und Publikationsprojekt handelt es sich um die Fortsetzung des DFG-finanzierten Projektes „Methoden und Methodologien der Diskursanalyse“, das ich zusammen mit dem Soziologen Prof. Dr. Johannes Angermüller (Mainz) und dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Martin Nonhoff (Bremen) von 2008-2010 geleitet habe. Ein wichtiges Ergebnis des Projektes ist ein knapp 700 Einträge umfassendes „Wörterbuch zur interdisziplinären Diskursforschung“, das bei Suhrkamp erscheinen wird.
Das Anschlussprojekt hat ein mehrbändiges Methodenhandbuch zum Ziel, das am Beispiel der Hochschulreform („Bologna“) den Transfer von hybridem Fachwissen (Studiengänge, Kompetenzen etc.) in öffentlichkeitswirksame Medienformate untersucht. Es knüpft an methodologische Vorarbeiten an und stellt verschiedene methodische Zugänge – von der Ethnographie bis zu quantitativen Korpusanalysen – vor, um die vielschichtigen Kommunikationsprozesse in Wissenschaft und Öffentlichkeit zu untersuchen. Ein multimodales thematisches Korpus im Umfang von ca. 8.000 Texten dient dabei als gemeinsame empirische Basis. Unter der Mitarbeit von über 30 WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Fachdisziplinen (wie der Soziologie, Sprachwissenschaft, Informatik/Computerlinguistik, Medienwissenschaft, Politikwissenschaft und den Erziehungswissenschaften) sind Beiträge geplant zur Subjektpositionsanalyse, ethnographischen Diskursanalyse, multimodalen Diskursanalyse, Strategem-Analyse, mikrosoziologischen Kontextualisierungsanalyse, Biographieforschung, Äußerungstheorie, Lexikometrie, poststrukturalistische Figurationsanalyse, soziolinguistischen und interdiskursiven Analyse sowie zur politikwissenschaftlichen Frame-Untersuchungen.

Connectivity in texts: the case of associative anaphora (in cooperation with FrameNet, International Computer Science Institute, Berkeley)

Within the framework of this project several empirical studies on associative anaphora are conducted. Concentrating on the resolving process of associative anaphora, the studies try to gain empirical evidence of the involved representational and procedural aspects. By integrating findings of both experiential and corpus-based studies the project aims at developing a cognitive-linguistic theory (within the realm of construction grammar and frame semantics) of domain-bound reference. Overall, it addresses four issues:

  • In how far does the nature of associative anaphora differ from the nature of other anaphora types (such as direct pronominal or direct complex anaphora)?
  • Is there empirical evidence for the hypothesis that both semantic and conceptual information have different impacts on the conceptualization process?
  • Supposing that frequency, conventionality and prototypicality of anaphoric referential relations give rise to different degrees of entrenchment, what role does cognitive salience play in setting up the relations?
  • Which cognitive principles and operations guide the conceptualization process?

Instead of relying on introspection, the research project adopts the view that converging evidence is necessary in order to gain reliable findings (cf. Langacker 2008: 85). The working hypotheses are: (i) With respect to representational aspects, the conceptualization of associative anaphora is generally motivated by schema-based processes (Fillmore 1985, Ziem 2008, Busse 2012); (ii) with respect to procedural aspects, the conceptualization can be adequately explained by means of frame integration and conceptual blending, that is, composition, completion, and elaboration (Fauconnier/Turner 1998). In this view, it is thus neither necessary nor psychologically realistic to presume different cognitive schemas and mechanisms.

II. Vergangene Projekte

DFG-Forschungsprojekt Sprachliche Konstruktion von Krisen in der BRD von 1973 bis heute

Ziel des inzwischen abgeschlossenen DFG-finanzierten Korpusprojektes (Laufzeit 10/2010-10/2012), das ich zusammen mit Prof. Dr. Martin Wengeler (Trier)geleitet habe , ist es, in einer Längsschnittstudie auf der Basis großer Textkorpora zu zeigen, wie wirtschaftliche und sozialpolitische „Krisen“ seit 1973 öffentlich konstruiert und verhandelt werden, um so einerseits korpuslinguistische Methoden für quantitative Auswertungen von Texten (weiter) zu entwickeln und andererseits zugleich einen Beitrag zur neueren Sprach- und Mentalitätsgeschichte zu leisten. Gegenstand der groß angelegten Korpusstudie ist ein Textkorpus, das ca. 11.000 geparste Texte umfasst. Quantitative Auswertungen und multifaktorielle Annotationen erlaubt der Einsatz der IMS Corpus-Workbench sowie einer den spezifischen Anforderungen angepasste MySQL-Datenbank mit PHP-Webinterface.

„Krisen“ sind – als ein aktuell äußerst öffentlichkeitswirksames und vielschichtiges Thema – auf Vermittlung durch Komplexität reduzierende (Massen-) Medien angewiesen. Zugleich prägt und gestaltet aber die mittels Sprache und Bilder vermittelte Darstellung die ‚Fakten‘ des jeweiligen Gegenstandsbereichs. Dies gilt gerade auch im Fall politisch relevanter Einschätzungen dessen, was als gesellschaftliche „Realität“ und „Wahrheit“ wahrgenommen wird. Am Beispiel von wirtschafts- und sozialpolitischen „Krisen“ soll in diesem Projekt ein Phänomen untersucht werden, das sich seit 1973 wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zieht und die neuere (Sprach)Geschichte durchgehend und nachhaltig geprägt hat (und sie immer noch prägt).

Die Projektidee ist im Rahmen der Wissensdomäne Geschichte – Politik – Gesellschaft entstanden, die Bestandteil des Forschungsnetzwerkes Sprache und Wissen: Probleme öffentlicher und professioneller Kommunikation ist. Im Kontext des Netzwerkes untersuchen überwiegend linguistische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Versprachlichung und Konstituierung fachspezifischer Gegenstände und Sachverhalte.

DFG-Forschungsnetzwerk Methoden und Methodologien der Diskusanalyse (2008-2010/11)

Von 2008 bis 2010/11 habe ich zusammen mit Johannes Angermüller (Soziologie, Magdeburg) und Martin Nonhoff (Politikwissenschaft, Bremen) das DFG-finanzierte Forschungsnetzwerk Methoden und Methodologien der Diskursanalyse geleitet. In dem Forschungsnetzwerk, das derzeit als lockerer Forschungsverbund weiter arbeitet, kommen deutschsprachige DiskursforscherInnen aus den Sozial- und Sprachwissenschaften zusammen. Regelmäßige Treffen dienen der Zusammenführung der vielfältigen disziplinären und nationalen Tendenzen im Bereich der Diskursanalyse. 
Im Rahmen des Netzwerkes entstehen derzeit ein Wörterbuch zur interdisziplinären Diskursforschung sowie ein Kompendium Methoden der Diskursanalyse. Das Wörterbuch umfasst ca. 700 Lemmata aus den Bereich Poststrukturalismus, Frame- und Kognitionslinguistik, Aussagenanalyse, Sprechakttheorie, Pragmatik, Hegemonietheorie, Critical Discourse Analysis, Konversationsanalyse, Soziolinguistik, Ethnographie der Kommunikation. Das Kompendium behandelt aktuelle Forschungstendenzen und Theorieansätze und stellt am Beispiel des Hochschulreformdiskurses ein integratives Modell zur empirischen Diskursanalyse vor.

Mitarbeit am Forschungsprojekt Sensory Semantics and the Semantics of Taste


Bis Ende 2008 habe ich zusammen mit Heike Behrens (Basel) das kognitionswissenschaftlich ausgerichtete Teilprojekt des interdisziplinären Forschungsprojektes Sensory and the Semantics of Taste geleitet. Gegenstandsbereich des Projektes, in dem Linguisten, Lebensmittelsensoriker und Kognitionswissenschaftler kooperieren, ist der Geschmackswortschatz des Deutschen. Seit April 2008 wird es von der Gebert Rüf Stiftung gefördert.
Unser kognitionslinguistischer Teil beschäftigt sich mit der Frage, mithilfe welcher sprachlichen und kognitiven Mechanismen Geschmacksempfindungen in Worte gefasst werden. Ausgangspunkt meiner Untersuchungen war der Befund, dass es im Deutschen nur sehr wenige genuine Geschmacksausdrücke gibt (nämlich bitter, sauer, salzig, süß). Mit Blick auf Geschmacksausdrücke wurden (i) historisch-semantische Aspekte der Bedeutungsbildung, (ii) konventionelle Aspekte der Bedeutungsbildung sowie (iii) Bedeutungskonstruktionen durch Metaphern und Metonymien systematisch untersucht. Datengrundlage bildeten verschiedene Korpora, insbesondere historische und gegenwartssprachliche Wörterbücher sowie die Textsammlung des deutschen Referenzkorpus COSMAS II, das das Institut für deutsche Sprache im Mannheim bereitgestellt wird.