Forschungsschwerpunkte
Meine Forschung konzentriert sich auf das komplexe Zusammenspiel von Sprache, Kognition und Kultur im Bereich des öffentlichen Sprachgebrauchs (Gesprochene Sprache-Forschung, Diskurs- und Korpuslinguistik). Mit Blick auf kognitive Semantik und Konstruktionsgrammatik betrifft dies etwa die Fragen, wie sprachliche Bedeutungen unterschiedlicher Komplexität (Morpheme, komplexe Wörter und Phraseme) in unserem Geist entstehen und wie sprachliches Wissen in unserem Geist „repräsentiert“ ist. Zur Erforschung des öffentlichen Sprachgebrauchs hat sich eine Verbindung von linguistischer Diskursanalyse, kognitiver Linguistik und konstruktionsgrammatischen Theoremen als besonders fruchtbar erwiesen. Hier liegt mein Forschungsschwerpunkt auf der Wissensrepräsentation durch Frames und verschiedenen Phänomenen der konzeptuellen Integration (etwa Metaphern, Metonymien, Synekdochen) sowie auf Text-Bildbeziehungen und Argumentationsmustern. In neueren Arbeiten rücken text- und kognitionslinguistische Fragestellungen zur Konnektivität in Texten in den Mittelpunkt, die ich am Beispiel von assoziativen Anaphern untersuche.
Disziplinär sind meine Arbeiten im Grenzbereich Semantik/Pragmatik sowie an Schnittstellen von Grammatik und Semantik angesiedelt. Der Großteil meiner Studien ist im Forschungsumfeld funktionaler Sprachtheorien, insbesondere der Konstruktionsgrammatik, Kognitiven Grammatik und historischen Semantik entstanden. Als erste Orientierung mag das Paper Kognitive Linguistik heute (pdf) dienen, das zentrale Positionen und Konzepte vorstellt. Es enthält auch wichtige Literaturangaben sowie eine Liste relevanter Zeitschriften, Buchreihen und Webseiten.
I. Aktuelle Projekte
Arbeitskreis "Konstruktionsgrammatik des Deutschen"
Auf der Konferenz “Construction Grammar: New Perspectives in the Study of German and English“ in Kiel im Februar 2010 habe ich zusammen mit Alexander Lasch den Arbeitskreis "Konstruktionsgrammatik des Deutschen" gegründet, der sich zum zweiten Mal im Rahmen des Panels "Constructions in German" auf der vierten DGKL-Tagung in Bremen getroffen hat. Ein drittes Treffen ist auf der Tagung "Konstruktionen als soziale Konventionen und kognitive Routinen" in Düsseldorf im September 2011 geplant.
Das langfristige Ziel besteht darin, ein möglichst umfängliches Repertoire an Konstruktionen des Deutschen zu identifizieren und empirisch zu beschreiben. Ein weiteres Ziel ist es, den Arbeitskreis "Konstruktionsgrammatik des Deutschen" langfristig als eine Plattform für internationale die Zusammenarbeit von LinguistInnen zu institutionalisieren, die Deutsch als Zielsprache untersuchen. Mehr Details finden sich unter Arbeitskreis "Konstruktionsgrammatik des Deutschen".
DFG-Forschungsnetzwerk Methoden und Methodologien der Diskusanalyse
Seit 2007 leite ich zusammen mit Johannes Angermüller (Soziologie, Magdeburg) und Martin Nonhoff (Politikwissenschaft, Bremen) das DFG-finanzierte Forschungsnetzwerk Methoden und Methodologien der Diskursanalyse (Laufzeit 2008-2011). In dem Forschungsnetzwerk kommen deutschsprachige DiskursforscherInnen aus den Sozial- und Sprachwissenschaften zusammen. Regelmäßige Treffen dienen der Zusammenführung der vielfältigen disziplinären und nationalen Tendenzen im Bereich der Diskursanalyse.
Im Rahmen des Netzwerkes entstehen derzeit ein Wörterbuch zur interdisziplinären Diskursforschung sowie ein Kompendium Methoden der Diskursanalyse. Das Wörterbuch umfasst ca. 650 Lemmata aus den Bereich Poststrukturalismus, Frame- und Kognitionslinguistik, Aussagenanalyse, Sprechakttheorie, Pragmatik, Hegemonietheorie, Critical Discourse Analysis, Konversationsanalyse, Soziolinguistik, Ethnographie der Kommunikation. Das Kompendium behandelt aktuelle Forschungstendenzen und Theorieansätze und stellt am Beispiel des Hochschulreformdiskurses ein integratives Modell zur empirischen Diskursanalyse vor.
DFG-Forschungsprojekt Sprachliche Konstruktion von Krisen in der BRD
Ziel des groß angelegten DFG-finanzierten Korpusprojektes (Laufzeit 2010-2012), das ich zusammen mit Prof. Dr. Martin Wengeler (Trier) leite, ist es, in einer Längsschnittstudie auf der Basis großer Textkorpora zu zeigen, wie wirtschaftliche und sozialpolitische „Krisen“ seit 1973 öffentlich konstruiert und verhandelt werden, um so einerseits korpuslinguistische Methoden für quantitative Auswertungen von Texten (weiter) zu entwickeln und andererseits zugleich einen Beitrag zur neueren Sprach- und Mentalitätsgeschichte zu leisten. Gegenstand der groß angelegten Korpusstudie ist ein Textkorpus, das ca. 6000 geparste Texte umfasst. Quantitative Auswertungen und multifaktorielle Annotationen erlaubt der Einsatz der IMS Corpus-Workbench sowie einer den spezifischen Anforderungen angepasste MySQL-Datenbank mit PHP-Webinterface.
„Krisen“ sind – als ein aktuell äußerst öffentlichkeitswirksames und vielschichtiges Thema – auf Vermittlung durch Komplexität reduzierende (Massen-) Medien angewiesen. Zugleich prägt und gestaltet aber die mittels Sprache und Bilder vermittelte Darstellung die ‚Fakten‘ des jeweiligen Gegenstandsbereichs. Dies gilt gerade auch im Fall politisch relevanter Einschätzungen dessen, was als gesellschaftliche „Realität“ und „Wahrheit“ wahrgenommen wird. Am Beispiel von wirtschafts- und sozialpolitischen „Krisen“ soll in diesem Projekt ein Phänomen untersucht werden, das sich seit 1973 wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zieht und die neuere (Sprach)Geschichte durchgehend und nachhaltig geprägt hat (und sie immer noch prägt).
Sprachliche Konnektivität in Texten
Im Rahmen von diesem Projekt werden verschiedene empirische Studien zu assoziativen Anaphern, NN-Komposita und Konnektiva (wie also, weil, obwohl) durchgeführt. Im Mittelpunkt steht die Analyse jener kognitiven Prozesse, die an der Auflösung assoziativer Anaphern und der Interpretation von Komposita und Konnektiva beteiligt sind. Dies betrifft sowohl Aspekte der Wissensrepräsentation als auch prozedurale Aspekte der Wissensverarbeitung. Auf der Basis von Befunden experimenteller sowie korpus-basierter Studien besteht das Ziel darin, eine psychologisch realistische Theorie sprachlicher Konnektivität und konzeptueller Integration zu entwickeln. Mit Blick auf Anaphern ist etwa zentral, inwiefern sich die Natur assoziativer Anaphern von anderen Anapherntypen (wie direkten pronominalen Anaphern oder direkten Komplexanaphern) unterscheidet. Dieser übergreifenden Frage folgend, richtet sich die Aufmerksamkeit in diesem Teilbereich insbesondere auf vier Teilaspekte:
- Gibt es empirische Evidenz für die Hypothese, dass semantische und konzeptuelle Informationen unterschiedlichen Einfluss auf den Konzeptualisierungsprozess ausüben?
- Angenommen, dass sich Frequenz, Konventionalität und Prototypikalität anaphorisch-referentieller Relationen auf den Verfestigungsgrad auswirken, welche Rolle kommt der kognitiven Salienz beim Aufbau anaphorischer Beziehungen zu?
- Welche kognitiven Prinzipien und Operationen leiten den Konzeptualisierungsprozess?
Statt sich auf introspektiv gewonnenen Daten zu verlassen, wird in dem Projekt davon ausgegangen, dass "konvergierende Evidenz" (Langacker 2008: 85) nötig ist, um reliable Ergebnisse zu erzielen. Die Arbeitshypothesen sind: (i) Mit Blick auf repräsentationale Aspekte ist die Konzeptualisierung indirekter Anaphern generell durch kognitive Schemata motiviert; (ii) mit Blick auf prozedurale Aspekte kann die Konzeptualisierung durch konzeptuelle Verschmelzung ("blending") adäquat beschrieben werden, also mittels Komposition, Ergänzung und Elaboration (Fauconnier/Turner 1998). Analoge Hypothesen gilt es, mit Blick auf Konnektiva und Kompositabildungen zu prüfen.
II. Vergangene Projekte
Mitarbeit am Forschungsprojekt Sensory Semantics and the Semantics of Taste
Bis Ende 2008 habe ich zusammen mit Heike Behrens (Basel) das kognitionswissenschaftlich ausgerichtete Teilprojekt des interdisziplinären Forschungsprojektes Sensory and the Semantics of Taste geleitet. Gegenstandsbereich des Projektes, in dem Linguisten, Lebensmittelsensoriker und Kognitionswissenschaftler kooperieren, ist der Geschmackswortschatz des Deutschen. Seit April 2008 wird es von der Gebert Rüf Stiftung gefördert.
Unser kognitionslinguistischer Teil beschäftigt sich mit der Frage, mithilfe welcher sprachlichen und kognitiven Mechanismen Geschmacksempfindungen in Worte gefasst werden. Ausgangspunkt meiner Untersuchungen war der Befund, dass es im Deutschen nur sehr wenige genuine Geschmacksausdrücke gibt (nämlich bitter, sauer, salzig, süß). Mit Blick auf Geschmacksausdrücke wurden (i) historisch-semantische Aspekte der Bedeutungsbildung, (ii) konventionelle Aspekte der Bedeutungsbildung sowie (iii) Bedeutungskonstruktionen durch Metaphern und Metonymien systematisch untersucht. Datengrundlage bildeten verschiedene Korpora, insbesondere historische und gegenwartssprachliche Wörterbücher sowie die Textsammlung des deutschen Referenzkorpus COSMAS II, das das Institut für deutsche Sprache im Mannheim bereitgestellt wird.
