Prosa 2. Platz
Das Fachgeschäft für Suizidanten - Mark Fritsche
Ein über die Niederlage seiner Mannschaft tieftrauriger Fußballfan verließ mit einer unscheinbaren Plastiktüte in der Hand das Fachgeschäft für Suizidanten. Ein hagerer Mann im schwarzen Anzug betrat es wenig später. Er ging zum Tresen, wo der fröhliche Verkäufer sofort auf ihn aufmerksam wurde. „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“, fragte er. „Nun, ich kaufe das erste Mal bei Ihnen ein“, begann der Kunde. „Ah, nun, ich kann Ihnen kurz unser Sortiment zeigen, um Ihnen einen Überblick zu verschaffen.“ „Wenn Sie so freundlich wären“, sagte der Kunde. „Nun, wir hätten hier drüben eine große Auswahl an Stricken“, sagte der Verkäufer und präsentierte dem Kunden mehrere Stricke von unterschiedlicher Farbe und Länge. „Wir bieten verschiedene Durchmesser an, je nach Gewicht. Und natürlich auch unterschiedliche Qualität, die günstigsten kosten um die 600 Euro, aber Sie sollten schon mit tausend bis 1.300 rechnen. Besonders zu empfehlen ist das Modell „Happy End“, das wird von vielen Experten empfohlen, ich benutz es selbst gern.“ „Ich dachte eigentlich eher an etwas anderes“, sagte der Kunde. „Nun gut“, sagte der Verkäufer und tippelte fröhlich in den hinteren Bereich des Ladens, während er weiter sprach. „Wir haben auch eine exquisite Auswahl an Haartrocknern, Toastern und anderen Gerätschaften, die Sie für ein letztes Bad mit in die Wanne nehmen können.“ Der Verkäufer präsentierte dem Kunden ein großes Regal, das mit allen möglichen Geräten in sämtlichen denkbaren Preisklassen gefüllt war. So gab es die meisten Geräte auch vergoldet und mit Diamanten besetzt und auf der jeweiligen Verpackung stand „Für einen glänzenden Abgang“. „Besonders zu empfehlen wäre da der Toaster der Marke „Brutzel“ im handlichen Format, bei Bedarf auch mit aufgedrucktem Kruzifix und extralangem Kabel für den Fall, dass Sie im Badezimmer keine Steckdose haben, ich benutze ihn selbst gern. Sollte das Kabel dennoch zu kurz sein bieten wir auch preiswerte Verlängerungskabel an. Die eignen sich auch zum Erhängen, falls Sie ihre Meinung noch kurzfristig ändern sollten.“ „Das ist eigentlich auch nicht ganz das, was ich suche“, sagte der Kunde leise. „Ich verstehe, Sie bevorzugen, bekleidet aufgefunden zu werden und in einem Stück“, sagte der Verkäufer lächelnd. „Folgen Sie mir nach nebenan, wir haben da genau das richtige für Sie.“ Er führte den Kunden in das Nebenzimmer, dessen Wände mit Regalen voller Tablettenschachteln und Medikamentenfläschchen voll gestellt waren. Ferner gab es noch eine gewöhnliche Personenwaage. „Wir haben hier eine ausgezeichnete Auswahl an hochwirksamen Medikamenten, die Sie im herkömmlichen Handel nicht ohne ärztliches Rezept erhalten. Sie erhalten die gewünschten Medikamente in jeder beliebigen Menge, allerdings müssen Sie dafür den vollen Preis bezahlen, da die Krankenkassen für gewöhnlich keine Kosten übernehmen. Wenn Sie die tödliche Dosis eines Medikaments berechnen möchten, müssten Sie kurz hier auf die Waage steigen und ich könnte Ihnen dabei behilflich sein. Besonders zu empfehlen, weil günstig und in geringer Menge wirksam, ist das Schlafmittel „Licht aus!“. Auch sehr gut verträglich, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, dass Sie sich übergeben könnten, bevor die Tabletten wirken. Wahlweise gibt es auch welche mit Erdbeer- oder Bananengeschmack. Köstlich, ich genehmige mir selbst gern welche.“ „Nein, das ist alles nicht das, was mir vorschwebt“, sagte der Kunde. „Haben Sie keine Schusswaffen im Angebot?“ Der Verkäufer vergrößerte sein Lächeln und seine Augenbrauen machten Luftsprünge. „Ah, ein Kenner! Folgen Sie mir!“ Er führte den Kunden wieder zurück in den eigentlichen Verkaufsraum und schloss dort eine Glasvitrine auf, die eine stattliche Auswahl an Pistolen enthielt. „Wir müssen sie in der Vitrine aufbewahren, aus Sicherheitsgründen“, sagte der Verkäufer. „Wie Sie sehen haben wir eine Auswahl wie Sie sie sonst nur im Krieg finden können. Zu jeder Waffe haben wir auch einen passenden Schalldämpfer, falls Sie Ihre Nachbarn nicht aufwecken wollen. Wir führen auch gebrauchte Exemplare in tadellosem Zustand, die deutlich kostengünstiger sind als Neuware. Aus Sicherheitsgründen dürfen wir die Waffen nur mit einer Patrone verkaufen, daher würde ich Ihnen noch unsere kostenlose Broschüre über richtiges Zielen ans Herz legen, damit auch alles glatt geht.“ Der Kunde suchte sich einen Revolver aus, der groß und schwer genug war, um damit einen Stier erschlagen zu können und der Verkäufer holte diesen aus der Vitrine und verschloss sie dann wieder ordnungsgemäß. „Sie werden sehen“, sagte er, während sie zur Kasse gingen, „das ist eine Anschaffung fürs Leben. Also Ihr Leben. Sie haben eine exzellente Wahl getroffen. Das macht dann 1.270 Euro und 99 Cent. Zahlen Sie bar oder mit Karte? Ratenzahlung ist leider nicht möglich.“ „Ich zahle bar“, sagte der Kunde und zahlte bar. Der Verkäufer gab ihm sein Wechselgeld. „Möchten Sie eine Tüte oder geht es so?“ „Es geht so, danke“, sagte der Mann und nahm den Revolver an sich. „Dann vielen Dank für Ihren Einkauf. Empfehlen Sie uns weiter oder beehren Sie uns wieder!“ Der Kunde richtete daraufhin seinen Revolver auf den Verkäufer. „Geld her oder Sie sind tot!“ Der Verkäufer verharrte einen Moment und zog dann seinerseits eine Pistole unter dem Tresen hervor, womit er dem Kunden in den Kopf schoss, bevor dieser überhaupt begriff, was vor sich ging. Der Verkäufer schaute auf die Leiche hinab und schüttelte den Kopf. „Ich muss mich immer wieder wundern, was für skrupellose Menschen es gibt.“
