Was ist Schriftlichkeit?
Schriftlichkeit ist, auch in Zeiten neuer und neuester Medien, allgegenwärtig und maßgeblich geblieben. Die Schrift als Medium ist ungeachtet aller medien(r)evolutionären Fortschrittserzählungen des Computerzeitalters weder verschwunden noch ersetzt worden; sie hat, wie einige Male zuvor in ihrer Geschichte, einschneidende und grundsätzliche Neukonfigurationen erfahren. Als Kulturtechnik organisiert und strukturiert die Schrift weiterhin die Verfassung beinahe aller sozialer Systeme: Politik, Recht, Wissen(schaft), Religion; sie ist nach wie vor konstitutiv für zentrale Bereiche unserer Subjektivität. Auch aus dieser Perspektive wäre angesichts der Zäsuren und Verschiebungen des letzten Jahrhunderts eher von einer – mit dem Begriff der Medientheoretiker Jay David Bolter und Richard Grusin – ›Remediation‹ zu sprechen als von der Ablösung der Schrift durch andere kulturelle Techniken. Unter systematischen Gesichtspunkten schließlich ist Schrift nach wie vor als Matrix von Zeichenmodellen (écriture) zu betrachten sowie als konzeptuelle Basis von Kulturmodellen, die auf dem Paradigma der Textualität beruhen.
Dieses Insistieren der Schriftlichkeit hat seinen Grund. Es ist darauf zurückzuführen, dass Schrift mehr und anderes übernimmt als nur die Rolle eines Mediums oder Kommunikationsmittels, die im Zuge technischer Innovationen jeweils neu umbesetzt werden könnte. Schrift ist mehr und anderes als bloß graphisch fixierte Sprache. Sie ist – seit Jahrhunderten – gleichzeitig der Gegenstand und der Ort, an dem die neuzeitlichen (europäischen) Gesellschaften über fundamentale Aspekte ihres Verfasstseins nachdenken.
Die Auseinandersetzung mit Schriftlichkeit kann deshalb durchaus den Status einer Grundlagenwissenschaft beanspruchen – und zwar sowohl aus der ›Anwenderperspektive‹ als aus der ›Beobachterperspektive‹. Diesen beiden Schwerpunkten trägt der Bereich Schriftlichkeit gleichermaßen Rechnung:
• durch ein breitgefächertes Spektrum an praxisbezogenen Lehrveranstaltungen sowie Lehraufträgen, die insbesondere auch die außeruniversitäre Expertise im akademischen Lehrangebot verankern wollen.
Sie vertiefen schriftbezogene Kompetenzen und tragen zur Ausbildung von Schlüsselqualifikationen beispielsweise in wissenschaftlichen, journalistischen und kreativen Schreibpraktiken bei.
• durch Lehrveranstaltungen, die den Praktiken und Techniken der Schriftlichkeit ein historisches sowie theoretisches Profil verleihen.
In den letzten Jahrzehnten sind grundlegende Ansätze einer weit gefassten, nicht einseitig auf funktionale Fragestellungen zielenden Schriftforschung erarbeitet worden. In der universitären Lehre aber ist dieses prosperierende Forschungsfeld, das in einer ganzen Reihe aktueller Projekte zum Ausdruck kommt, bisher weitgehend unterrepräsentiert geblieben und hat vor allem kaum je einen institutionellen Ort gefunden.
