"Fremde" sprachliche Strukturen in Übersetzungen literarischer Prosa
"Anders als man annehmen dürfte, ist der erste Reflex nicht die wörtliche Übersetzung, denn die eigenen Worte, Rhythmen, Ausdrücke stellen sich dazwischen. Man muss sich also gänzlich leer machen, damit die Energie des Textes zirkulieren kann. In diesem Sinn ist die wörtliche Übersetzung nicht der Anfang, sondern das Ziel." |
Die Tagungen:
Professionelles Übersetzen als Korrektiv
Die "wörtliche Übersetzung" ist, wenn sie verstanden wird als formal gleichwertige, "isomorphe" (Nida/de Waard 1986:32) Übertragung, manchmal nicht gut möglich oder nicht gewollt:
Das Herz klopfte, und zu eng schien ihm sein Hals. (Franck 2007:12)
Son coeur battait et sa gorge semblait se rétracter. (Franck/Landes 2009:13)
Il cuore batteva et la gola gli sembrava troppo stretta. (Franck/Galli 2008:12)
Der zweite Hauptsatz im deutschen Original ist doppelt außergewöhnlich konstruiert: syntaktisch (Nachstellung des Subjekts) und informationell (Nachstellung der bekannten Information). Es entsteht zusätzlich ein rhythmischer Bruch, denn das im ersten Hautpsatz vorgegebene Linearisierungmuster wird nicht aufgenommen, aber auch nicht konsequent umgekehrt, wie im Chiasmus. Die Wirkung auf den Leser: gleichsam schwebende Spannung, Irritation.
Kontrastive Sprachwissenschaft sollte präzise beantworten können, welche sprachlichen Mittel das Französische und Italienische zum Erzeugen von solcher Spannung und Irritation, d.h. zum Erzeugen von solchen "markierten" Strukturen des Deutschen anbietet.
Literaturübersetzer müssen entscheiden, ob diese zielsprachlichen Mittel zur Markierung wirklich verwertbar sind. In den vorliegenden Übersetzungen wurden von den Übersetzern unmarkierte, schlichte Strukturen bevorzugt. Die Markierung wurde somit nicht "wörtlich" übernommen. Fehlten hier sprachwissenschaftliche Befunde? Müssen sprachwissenschaftliche Befunde korrigiert werden?
