ROMANISTIK IV

De Méziriacs Credo: Schön? Treu!

Dass der Respekt vor dem Autor des Originaltextes, mithin die Treue zu ihm, eine Art Vorbedingung des guten Übersetzens ist, betont schon 200 Jahre vor Schleiermacher eines der Gründungsmitglieder der Académie française, Claude-Gaspar Bachet de Méziriac, in einer (von Vaugelas vorgetragenen!) Rede vor der Académie. 

Aber die Schönheit der Sprache allein lässt uns eine Übersetzung noch nicht als exzellent beurteilen. Niemand würde bestreiten, dass die wichtigste Eigenschaft eines guten Übersetzers die Treue ist. (Übers. der Zitate von de Méziriac: M.N.)

De Méziriacs Demontage eines untreuen Übersetzers

Was de Méziriac unter mangelndem Respekt gegenüber dem Autor versteht, führt er, anders als Schleiermacher, sehr konkret und detailliert aus. Der Hauptteil seiner Rede ist der gnadenlose Verriss einer Übersetzung von Jacques Amyot, "grand traducteur", ja "mythe" im 16. Jahrhundert und eher der Tradition der Belles Infidèles verpflichtet (cf. de Méziriac/Ballard 1998:XXX). In  Les vies des hommes illustres grecs et romains, comparées l’une avec l’autre par Plutarque (1559) weist de Méziriac nicht nur übelste lexikalische, den Sinn und die Logik entstellende Fehler nach, sondern er muss auch erhebliche Lücken in Amyots Allgemeinbildung diagnostizieren. Zwei Beispiele aus de Méziriacs herablassend-kritischen Analysen:

  • ... il [Amyot, M.N.] fait dire à Plutarche que le commencement de bien vivre c'est être mocqué et blamé. Et cependant il veut dire que le commencement de bien vivre, c'est de bien écouter. (de Méziriac/Ballard 1998:31)

    '... er [Amyot, M.N.] lässt Plutarch sagen, dass man gut/richtig zu leben beginnt, wenn man Ziel von Beschimpfungen und Vorwürfen wird. Und dabei will er sagen, dass man gut zu leben beginnt, wenn man gut zuhört.'

  • Il n'y a pas moins d'apparence de croire qu'il [Amyot, M.N.] n'employa jamais beaucoup de tems à l'étude de la Géographie, attendu qu'il a bronché si souvent en cette matiére [sic], qu'il semble qu'il n'ait vu que par le dehors les livres des Géographes anciens. Peut-on juger autrement, si l'on remarque qu'il ... transforme la montagne d'Helicon en une ville, sans crainte d'offenser les Muses qu'il chasse outrageusement de leur solitude. (de Méziriac/Ballard 1998:45-4631)

    'Es scheint ganz so, dass er [Amyot, M.N.] nie viel Zeit auf das Studium der Geographie verwandt hat, schließlich hat er sich so oft in diesem Bereich geirrt, dass man annehmen muss, er habe die Bücher der Geographen der Antike nur von außen betrachtet. Kann man zu einem anderen Urteil kommen, wenn man bemerkt, dass er ... den Berg Helikon in eine Stadt verwandelt, ganz ohne Furcht, die Musen zu beleidigen, die er dreist aus ihrer Einsamkeit verjagt.'

De Méziriacs Nachfolger

Um derartige, offensichtliche inhaltliche Missverständnisse geht es in der augenblicklichen Debatte um Treue nicht mehr, sind doch die beteiligten Sprachen und die nötigen Rahmeninformationen im allgemeinen gut genug dokumentiert und das Niveau der Fremdsprachenkenntnis und des Allgemeinwissens heute zweifellos generell höher als vor 500 Jahren.

Unter Treue wird inzwischen eher eine umfassendere Loyalität verstanden, eine Loyalität zu "all people involved in the translation": zum Autor des Originals, zum Leser, zum Übersetzer selbst, zum Verleger. (cf. Boase-Beier 2011:25 und Prunč in Zybatow 2002:156)

 

 

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Les Belles Infidèles
'Die ungetreuen Schönen'

"Si l'on veut essayer de définir [...] les "belles infidèles", on peut dire qu'elles se caractérisent d'abord par une certaine liberté vis-àvis de la quantité des mots constituant le texte de départ, et puis par un certain goût de l'enjolivement au nom du "beau style". (De Méziriac/Ballard 1998:XXIII; cf. auch: Graeber 2007)

Die schönen Untreuen sind Übersetzungen aus dem 14. und 15. Jt., in denen der Ausgangstext üppig paraphrasiert und mutig geschönt wird. Anstatt:

Jesuschrist nasquit de Marie.

 wird bevorzugt:

Nostre sauveur et rédempteur Jésus pour notre salvation est né de la tressacree glorieuse et Vierge Marie.

(De Méziriac/Ballard 1998:XXIV).