"Fremde" sprachliche Strukturen in Übersetzungen literarischer Prosa
Shaking over the cobbles, skidding on the wet tramlines, disregarding the traffic lights, it [the limousine] had vanished, westward towards the illuminated hills.*
*Für die Nennung des Beispiels danke ich Stefanie Ochel, Universität Reading. |
Die Idee: Literarisches Übersetzen und kontrastive Grammatik
Grammatische sprachliche Zeichen, gemeint sind: morphosyntaktische Zeichen, etwa Tempusmarkierungen oder, wie oben, bestimmte Zeichen für Infinitheit (z.B. engl. -ing, dt. -nd) suggerieren Gleichwertigkeit: engl. shaking = dt. rüttelnd.
Die deutsche Version des Le-Carré-Zitats ist normgerecht und semantisch korrekt, hat jedoch einen anderen Klang als die Original-Version: die drei Partizipialkonstruktionen wirken gestelzt und wenig lesefreundlich; in literarischen Originaltexten werden sie ausgesprochen selten eingesetzt. Diese "Markiertheit" gilt für die englische Gerundialkonstruktion auf keinen Fall.
Haben die Übersetzer hier bewusst Lawrence Venutis (1995) Aufforderung zur Fremdheit umgesetzt?
Oder haben die Übersetzer (unter Zeitdruck?) die erste beste deutsche Parallelkonstruktion gewählt, ...
... ohne die Wirkung der nötigen Umstellungen auf die Informationsstruktur zu bedenken: Shaking over the cobbles / Über das Kopfsteinpflaster rüttelnd;
... ohne sich den Effekt für die Sprachverarbeitung bewusst zu machen, den die späte Nennung des Verbs - rüttelnd - sowie das Fehlen eines grammatischen Subjekts beim deutschen Leser bewirken;
... ohne die Funktionsspektren des Gerundiums ("ing-Form") und des Partizips vor dem Hintergrund des jeweiligen Sprachsystems zu vergleichen: die "ing-Form" ist deutlich flexibler einsetzbar, kann etwa als Subjekt fungieren oder innerhalb der Verlaufsform eine dynamische Färbung erhalten. Sie ist englischen Lesern somit höchst vertraut.
Es ist die Aufgabe der kontrastiven Grammatik solche Divergenzen zu ermitteln. Die Entscheidungen des Übersetzers für oder gegen einzelne Formen, für oder gegen einen gewissen Grad an Fremdheit, könnten, so die Leitidee des Projekts, durch die Befunde auch der kontrastiven Grammatik verlässlich gestützt werden.
Ganz konkret müsste etwa geklärt werden können, ob deutsche Partizipialkonstruktionen als kalkulierte Spuren des Fremden geeignet sind - prinzipiell, oder auch nur bei Le Carré (s.o.).
