Ein Rest Fremdheit durch den Respekt vor dem Autor ...
"Entweder der Uebersezer läßt den Schriftsteller möglichst in Ruhe, und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen." (Schleiermacher 1838:218) |
Die erste, die autorenfreundliche Methode, wird von Schleiermacher favorisiert, sie respektiert den Autor und lässt in der Übersetzung einen Rest Fremdheit zu. Eine solche Übersetzung verrät sich sprachlich als "nicht ganz frei gewachsen, vielmehr zu einer fremden Aehnlichkeit hinübergebogen". (Schleiermacher 1838:227)
Aber: wieviel Ähnlichkeit zum Original, wieviel Fremdheit in der Übersetzung ist nötig? Schleiermacher legt sich nicht fest. Übersetzungswissenschaftler, Linguisten zumal, müssen versuchen, den Grad an sprachlicher Fremdheit - ob erwünscht oder nicht - zu fassen.
Der Bestimmung von Fremdheit ist die Suche nach möglicher Äquivalenz vorgeschaltet. In der Tat gehört Äquivalenz zu den zentralen Diskussionsthemen innerhalb der Übersetzungswissenschaft, besonders in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Der Begriff wurde wiederholt durchleuchtet, differenziert und umgedeutet bis 1997 Andrew Chesterman seinen Untergang, "decline" (1997:10) konstatiert. Entweder eine Übersetzung ist äquivalent, schon alleine, weil sie Übersetzung ist - dann wird der Ausdruck in der Tat überflüssig -, oder eine Übersetzung kann (und soll?) ohnehin nie auf allen denkbaren Ebenen äquivalent sein.
Äquivalenz bleibt ein zentrales Thema der kontrastiven Linguistik. Und hier ist die Diskussion bei weitem nicht erschöpft. Wie genau lässt sich der systematische Wert von nur formal reflexiven Konstruktionen wie in sp. se habla inglés im Vergleich zum Detuschen bestimmen? Passiv? Aktiv? Medium? Muss 'Hier wird englisch gesprochen', also eine deutsche Passivform, in der Übersetzung gewählt werden, mit einem ergänzten Hier? Oder ein sperriges 'Man spricht englisch'?
Und: warum klingen manche Übersetzungen zwar richtig, wirken aber (s.o.) sperrig, unelegant? Es gibt neben dem systematischen Wert auch einen - so könnte man sagen - "Bequemlichkeitswert", der mit statischen Methoden ermittelt werden kann (McLaughlin 2008). Eine für den deutschsprachigen Rezipienten nicht bequeme, d.h. nicht-präferierte Wortstellung wäre die Initialstellung des Objekts, im zweiten Satz:
[Der Protagonist liest heimlich einen Brief seines Vaters an die Mutter] Die Augen brannten, und die Schrift drohte zu verschwimmen. Etwas bedauerte der Vater. (Franck 2007:13)
In der italienischen Übersetzung wurde dieses (für die Autorin Julia Franck typische) Merkmal der syntaktischen Gestaltung nicht aufgenommen:
Gli occhi bruciavano e le parole scritte sembravano confondersi. Suo padre si rammaricava di qualcosa. (Franck/Galli 2008:12)
Die form-äquivalente Übertragung fehlt auch deshalb, weil italienische Wortstellungsregeln dies nicht erlauben und weil die Ausweichkonstruktion "Di qualcosa se ne rammaricava suo padre." eine leichte sematische Verschiebung (quantifizierende Bedeutung) bewirken würde: 'Wenigstens etwas bedauerte sein Vater.'
