WAS KULTURWISSENSCHAFT NICHT KANN UND AUCH NICHT WOLLEN SOLLTE!

 

Zu:

Hartmut Böhme, Peter Matussek, Lothar Müller:

Orientierung Kulturwissenschaft. Was sie kann, was sie will.

Rowohlt 2000 (2. Aufl. 2002)

 

Über (Kultur( und (Kulturwissenschaft( wird in der letzten Zeit sehr viel geredet. In den Literaturwissenschaften, aber auch in den Geschichtswissenschaften werden vermehrt sogenannte (kulturwissenschaftliche( Projekte durchgeführt, außerdem will man eine sogenannte (Kulturwissenschaft( als Einzeldisziplin etablieren. Was ist denn nun Kulturwissenschaft, was sind besondere kulturwissenschaftliche Sichtweisen? Die aus der Literaturwissenschaft kommenden Autoren Böhme, Matussek und Müller ( eifrige Verfechter einer kulturwissenschaftlichen Perspektive ( wollen in dem Buch (Orientierung Kulturwissenschaft( Antworten auf diese Fragen geben. Auf relativ knappem Raum informieren sie über Hauptarbeitsgebiete der Kulturwissenschaften, die sie mit so vollmundigen Ausdrücken wie (Wissenschaftskulturen(, (Kulturgeschichte der Natur(, (Historische Anthropologie(, (Erinnerung und Gedächtnis(, (Kulturgeschichte der Technik( und (mediale Praktiken( bezeichnen. Prüfen wir, ob sich hiermit interessante neue Problemstellungen verbinden, ob hier gar ein neues (Paradigma( vorliegt, das die Geisteswissenschaften revolutionieren könnte, oder ob hier nur in hochtrabender Prosa alter Wein in neue Schläuche abgefüllt wird. Und fragen wir auch, welche Chancen denn dafür bestehen, daß prominente kulturwissenschaftliche Vorhaben sich überhaupt in seriöser Weise bearbeiten lassen.

 

Mit dem Titel (Wissenschaftskulturen( ist die Geschichte der Wissenschaften mit ihrer Einbettung in den kulturellen Kontext gemeint. Die Wissenschaften seien nämlich nicht nur (auf die in ihnen enthaltenen Konzepte, aber auch auf die kulturelle Praxis zu untersuchen, die sich an sie anlagert( (114). Die Geschichte der Produktion und Distribution des Wissens werde zum Arbeitsfeld der Kulturwissenschaft. Und zwar sei dies mit der Überzeugung verbunden, daß die Wissenschaften (auch als Quelle von Weltdeutungsmodellen alltagsprägende Kraft gewinnen( (109). Soweit dies über Wissenschaftsgeschichtsschreibung im traditionellen Sinne hinausgeht, haben wir hier mit komplizierten historischen Fragestellungen zu tun: wie wirken sich die in den Wissenschaften entwickelten Ideen auf das Alltagsleben der Menschen aus? Die Bearbeitung solcher Fragen erfordert das Vorhandensein geeigneter Quellen, mit denen man kontrollieren kann, ob entsprechende kausale Beziehungen vorliegen. Diese Voraussetzungen werden insbesondere für eine fernere Vergangenheit nur selten gegeben sein, und wenn sie gegeben sind, wird hohe Kompetenz in den jeweiligen Wissenschaften und in der Sozialgeschichte erfordert. Ob ganz anders ausgebildete Literaturwissenschaftler hierfür geeignet sind, ist füglich zu bezweifeln.

 

 

Zweites Thema ist die sogenannte Kulturgeschichte der Natur. Diese kulturwissenschaftliche Unterdisziplin geht von der trivialen Behauptung aus, daß das, was die Menschen (von Natur wissen, niemals deckungsgleich ist mit der Natur selbst( (119). Und dennoch wird fünf Zeilen weiter unten das Wissen über die Natur mit der Natur selbst identifiziert: (Die Natur ist die Geschichte dessen, was die Menschen aufgrund kognitiver, technischer, ästhetischer, religiöser u.a. Modelle eben als Natur entworfen haben(. Ist Kulturgeschichte der Natur nun Geschichte der Natur selbst oder Geschichte der Erkenntnis der Natur? Wie unsere Autoren sie kennzeichnen, ist sie offenbar ein völlig widersprüchliches Unterfangen. Deswegen gelingt es ihnen nicht herauszuarbeiten, was die Kulturgeschichte der Natur eigentlich von der üblichen Wissenschaftsgeschichte unterscheidet. Eine neue, untersuchungswürdige Fragestellung scheint hier nicht vorzuliegen.

 

Drittes Thema der Kulturwissenschaft ist die sogenannte historische Anthropologie: sie stellt die (Frage nach dem (ganzen Menschen(((133). Was ist mit dieser großtuerischen Formulierung eigentlich gemeint? Was unterscheidet dieses Unternehmen von Untersuchungen der menschlichen Natur in der Psychologie oder in der Biologie, in denen heutzutage am ehesten anthropologische Fragestellungen angesiedelt sind? Unsere Autoren sagen uns jedoch, daß historische Anthropologie irgendwie mit einer (Geschichte der Sinne( zu tun hat, die (nach dem Ort und der Funktion der Sinne und Gefühle im Prozeß der Konstitution und Selbstauslegung einer kulturellen Formation oder Konstellation fragt( (138). Zur Geschichte der Sinne gehört ein Gegenstand, von dem die Kulturwissenschaftler nachgerade besessen sind: der Körper. Der ist aber nicht das, woran gewöhnliche Menschen denken, wenn sie an den Körper denken und wenn sie sagen: (Du hast einen schönen Körper(. Der eigentliche Belang der Geschichte der Sinne betreffe vielmehr (den Körper von vornherein nicht als gegebene (Natur(, sondern als kulturell definiertes Feld von Umkodierungen, Umgruppierungen, Umbesetzungen, Auf- und Abwertungen( (139). Leider sagen unsere Autoren nicht, was denn hier eigentlich umgruppiert wird, was denn auf- und abgewertet wird usw. Jedenfalls: Wenn der Körper in dieser Weise eine kulturelle Deutung erhält, dann kann man dem offenbar drängenden Bedürfnis nachkommen, dauernd vom Körper zu reden, ohne damit Anforderungen der politischen Korrektheit zu verletzen, denen die Kulturwissenschaftler ja geflissentlich nachkommen wollen. Aber fruchtbare Fragestellungen hat man damit noch nicht entwickelt.

 

 

Viertes Thema der Kulturwissenschaft ist das sogenannte kulturelle Gedächtnis. In erster Linie geht es hier darum, wie unter verschiedenen geschichtlichen Bedingungen Erinnerungen weitergegeben werden. Dies scheint eine sinnvolle Fragestellung zu sein, die aber nicht völlig neuartig ist. Diese Frage wird mit der ganz anderen Frage vermengt, wie die Funktionsweise des Gedächtnisses psychologisch zu beschreiben ist (149). Die Problematik des kulturellen Gedächtnisses wird von unseren Autoren noch mit einem dritten Problem zusammengebracht, dem der authentischen Erinnerung an den Holocaust: Die Zeitzeugen des Holocaust sterben aus und wir müssen uns der Frage stellen, (wie wir eine (authentische( Erinnerung dieses schrecklichsten aller Verbrechen bewahren können( (150). Nun sind bestimmte Entwicklungen einfach unvermeidlich: Menschen sterben. Authentische Erinnerungen an Ereignisse können sich nur so lange bewahren, als eben die Personen am Leben sind, die die Ereignisse erlebt haben. Also läßt sich auch keine authentische Erinnerung an den Holocaust bewahren. Ein Beweggrund für die Beschäftigung mit dem kulturellen Gedächtnis löst sich damit als völliges Scheinproblem auf. Unter dem Titel (Erinnerung und Gedächtnis( verbergen sich also drei völlig unterschiedliche Fragestellungen, von denen die eine unsinnig ist, die beiden anderen sinnvollen schon lange in der Geschichtswissenschaft bzw. in der Psychologie verfolgt werden.

 

Fünftes Thema: die Kulturgeschichte der Technik. Hier geht es um die Bedeutung der Technik bei der Prägung der Kultur. In diesem Zusammenhang erfahren wir etwa, daß (das Auto nicht die funktionale Antwort auf ein Bedürfnis nach Bewegungsoptimierung ist, sondern ein strategisches Dispositiv, das ein ganzes System voraussetzt wie erzeugt: von der Fabrik zum Straßennetz, von der Logistik bis zur Integration einer riesigen Zahl von Subtechniken ...( (173). (In diesem Sinne ist das technische Dispositiv (Auto( eine komplexe, dynamische und extrem festlegende kulturelle Konfiguration( (174). Für die Kulturgeschichte der Technik gilt wohl ähnliches wie das, was oben über Wissenschaftskulturen gesagt wurde: die Bearbeitung sinnvoller Fragen über kausale Zusammenhänge zwischen dem Einsatz der Technik und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen setzt hohe interdisziplinäre Kompetenz in Gebieten voraus, die nicht innerhalb des Bereichs der literaturwissenschaftlichen Expertise liegen.

 

 

Das sechste und letzte Thema ist die sogenannte Medientheorie, ein Lieblingsgebiet der modernen Kulturwissenschaftler, die unter diesem Titel zum Teil auch ganz gewöhnliche Literaturwissenschaft verkaufen. Aber der Anspruch dieser Medientheorie geht weiter: ihr geht es nicht allein um Zeitungen und Fernsehen, nicht allein um Romane und Gedichte, in Medien wird viel mehr gesehen als nur Signalübermittler. Alles und jedes wird zum Medium. Medien sind etwa im Sinne von Luhmann alle (Vermittler von Erkenntnisgegenständen, Individuen und Gesellschaften: Wahrheit, Liebe, Recht etwa oder Glaube, Macht.( (198). Diesen Medientheoretikern entgeht, daß man bei einer derartigen Ausdehnung des Medienbegriffs keine substantiellen Aussagen mehr über geschichtliche Entwicklungen machen kann. Andererseits betrachten sie durchaus auch Medien der gewöhnlichen Art und spekulieren darüber, wie diese auf die Gesellschaft einwirken, unterlassen es dabei, diese Spekulationen in kontrollierter Weise mit empirischen Daten zu konfrontieren. Die einen beklagen, daß an die Stelle der tradierten Kulturwerte ein (Technopol( tritt, das die Menschen in seinen Bann zieht und ihre Vorstellungsarten beherrscht (192), die anderen begrüßen die (telematische Gesellschaft(, die die Informationstechniken nicht mehr zu Kontroll- und Herrschaftszwecken verwendet. Unter dem Stichwort (Medientheorie( verbergen sich also mehrere verschiedenartige Fragestellungen, von denen keine irgendwie besonders neuartig wäre. (Medientheorie( ist erstens nur ein anderer Name für Literaturwissenschaft, zweitens höchst allgemeines, völlig unspezifisches Gerede über soziale Zusammenhänge, drittens Zeitdiagnose, die genaueres und anderes empirisches Wissen erfordert als das, über das Kulturwissenschaftler im allgemeinen verfügen.

 

Fazit:

(1) Kulturwissenschaft erweist sich als Sammelsurium ganz heterogener Fragestellungen. Vielen (kulturwissenschaftlichen( Untersuchungen liegen keine sinnvollen oder widerspruchsfreien Problemformulierungen zugrunde. Manche durchaus sinnvolle Fragestellungen der Kulturwissenschaften gehen nicht über das hinaus, was traditionellerweise in den Geisteswissenschaften behandelt wurde. Wieder andere Probleme sind sinnvolle und neuartige Fragestellungen, die Vertrautheit mit Methoden und Inhalten mehrerer Disziplinen erfordern.

(2) Für die Behandlung dieser zuletzt genannten Fragestellungen fehlt den sich selbst zu Kulturwissenschaftlern ernennenden bloßen Literaturwissenschaftlern einfach die erforderliche Ausbildung. In der Regel mangelt es ihnen an Kenntnissen über die sozialen und historischen Zusammenhänge, die in den Geschichtswissenschaften oder den Sozialwissenschaften erarbeitet wurden. Auch gehen ihnen die methodischen Kenntnisse ab, die für die Überprüfung geschichtswissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Hypothesen notwendig wären. Behauptungen über gesamtgesellschaftliche Trends müßten mit statistischen Techniken überprüft werden, die die meisten Literaturwissenschaftler überhaupt nicht kennen. Deswegen bemerken sie nicht einmal, daß solche Behauptungen einer empirischen Überprüfung bedürfen. Eine solche Bearbeitung interdisziplinärer Projekte muß in den Dilettantismus führen. Die vielgepriesene (Interdisziplinarität( der Kulturwissenschaft entpuppt sich somit als interdisziplinäre Inkompetenz.

(3) Wäre es also nicht angemessener gewesen, dem hier besprochenen Buch einen anderen Titel zu geben, nämlich: (Kulturwissenschaft ( was sie nicht kann und was sie auch nicht wollen sollte(?

 

Axel Bühler (Düsseldorf)

 

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