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Vom Geschlecht des Bleistifts und sprachlichen Märchenlanden

Der folgende Beitrag von Gina Di Dio stellte den Auftakt der neuen Kategorie Literatur unseres Weblogs dar. Wir freuen uns auf viele weitere interessante Berichte über literarische Begegnungen.

Buchrezension zu Tawada Yôkos „Talisman“ (Konkursbuchverlag, 1996, 142 S.)

In der Muttersprache sind die Worte den Menschen angeheftet, so daß man selten spielerische Freude an der Sprache empfinden kann. […] In einer Fremdsprache hat man aber so etwas wie einen Heftklammerentferner: Er entfernt alles, was sich aneinanderheftet und sich festklammert.

Dieser kurze Abschnitt aus Tawada Yôkos literarischem Werk „Talisman“ beschreibt auf passende Art, wie die Autorin mit der uns so bekannten deutschen Sprache spielt, sie auseinandernimmt und zu farbenfrohen neuen Bildern zusammensetzt. In den 16 Essays der Sammlung eröffnet sie dem Leser eine völlig neue Sicht auf die eigene Muttersprache und regt dazu an, sich auf dieselbe Art von Fremdsprachen faszinieren zu lassen.

Die Begeisterung für das Fremde lässt sich bei der gebürtigen Japanerin schon früh erahnen, so fand sie mit jungen 22 Jahren ihren neuen Wohnort in Deutschland und begann schon wenige Jahre später literarische Texte in japanischer und deutscher Sprache zu veröffentlichen. In ihren Texten ermöglicht sie dem Leser nicht nur einen Blick auf eine vielleicht fremde Kultur, sondern auch eine völlig neue Sichtweise auf die eigene. So wurde sie für ihre einzigartige literarische Leistung 1996 dann auch mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet.

Es lässt einen nicht nur schmunzeln, wenn Tawada Yôko in den Texten ihres Werks von den Schwierigkeiten spricht, die sie damit hatte, allen Gegenständen im Deutschen plötzlich ein Geschlecht zuzuordnen und damit ihre gesamte Umgebung zu sexualisieren, vielmehr regt es auch zum Nachdenken an, wenn sie auf gespielt naive Art danach fragt, wer eigentlich dieses es ist, das dafür sorgt, dass es regnet. Mit viel Sprachgefühl und einer Faszination für Wortspiele macht sie so aus einem grammatikalischen Lückenfüller einen mysteriösen Unbekannten. (Ob es sich hierbei um denselben Unbekannten handelt, der dafür sorgt, dass es einem gut geht?)
Auch der geschriebenen Sprache geht sie auf den Grund, wenn sie beschreibt, wie eine deutsche Freundin einen Drachen in dem chinesischen Schriftzeichen für „Drache“ erkennt, während sie eher Bilder in den ihr noch nicht völlig vertrauten römischen Buchstaben sieht.
In den verschiedenen Texten zieht sie interessante Parallelen zwischen der japanischen und der deutschen Kultur, beispielsweise wenn sie in Berichten ihrer Kindheitserinnerungen über die japanischen Baumgeister schreibt und die Vermutung anstellt, dass es sich wohl um dieselben Geschöpfe handeln muss, die man um Hilfe anruft, wenn man in Deutschland „auf Holz klopft“.
Sei es, dass sie beschreibt, wie die nachts hell erleuchteten Telefonzellen in Japan sie an ein Raumschiff erinnerten, oder aber sie dem Phänomen des fotografierenden Japaners auf den Grund zu gehen versucht, indem sie es mit dem alten Brauch des „Fuchsfensters“ vergleicht (hierbei formt man mit den Händen ein Fenster vor dem Gesicht, durch das man in tiefer Natur hindurchsehen soll, um keine seelischen Grenzen zu überschreiten und so den Verstand zu verlieren), die Autorin eröffnet eine völlig neue Sicht auf die Welt, die fasziniert, nachdenklich macht und manchmal vielleicht auch einfach nur verwirrt.

Tawada Yôkos manchmal sehr kühler Schreibstil, kombiniert mit einer gespielter Naivität und ihr Händchen für das Spiel mit Worten ist ein literarischer Genuss für sich. Es muss aber auf jeden Fall gesagt werden, dass es sich hierbei nicht und seichte Unterhaltungsliteratur handelt und „Talisman“ eine Sammlung von Texten für anspruchsvolle Leser ist, die auch bereit sind, einen schriftstellerische Leistung tiefergehend zu betrachten, um den literarischen Wert hinter manchmal sehr verwirrend wirkenden Texten zu finden.

Mich persönlich haben Tawada Yôkos Texte sehr fasziniert und auch dazu angeregt, weitere ihrer Werke zu lesen, da ich dieselbe Leidenschaft für Wortspiele mit eigener und fremder Sprache teile. Trotz allem gab es jedoch den ein oder anderen Kurztext, der mich verwirrt hat und dessen Sinn sich mir nicht erschließen konnte, wobei ich mir jedoch nicht so sicher bin, ob zu den Texten der Autorin auch tatsächlich nur eine vorgefertigte Interpretation gehört, oder ob das nicht vielmehr der Sichtweise und der Fantasie des Lesers überlassen ist.
Ich kann „Talisman“ jedem empfehlen, der eine Vorliebe für unkonventionelle Texte hat und sich von neuen Sichtweisen und Interpretationen bekannter Dinge faszinieren lässt. Hat man jedoch Probleme damit, manchmal mehr verwirrt als „erleuchtet“ zu werden und hat eher den Wunsch nach einfacher Unterhaltung, würde ich eher zu einem anderen Buch raten.

Gina Di Dio