Schlagwort-Archiv: Nippon Connection

Fukushima-Filme zeigen Leben mit der Strahlung

Die Trauer um die Toten, der Verlust von Heimat, wirtschaftlicher Niedergang – die Katastrophe vom 11. März 2011 ist innerhalb kurzer Zeit im japanischen Film schon von vielen Seiten beleuchtet worden. Unter den japanischen Beiträgen bei der diesjährigen Berlinale beschäftigten sich die Spielfilme Kujira no machi, Tôkyô kazoku und Cold Bloom mit der Katastrophe. Die Atomkatastrophe und die verheerenden Folgen der austretenden Radioaktivität allerdings waren bisher nur im Bereich des Dokumentarfilms präsent (z.B. Nuclear Nation, Friends after 3.11, Radioactivists).

nipponDas hat sich jetzt geändert: Beim diesjährigen japanischen Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt gab es gleich zwei Spielfilme, die sich mit der unsichtbaren nuklearen Bedrohung auseinandersetzen. Kibô no kuni (“Land of Hope”) von Sono Sion spielt in einer Zukunft, in der in Japan erneut ein Reaktor zerstört wird. Durch die Protagonisten – ein altes Bauernpaar, ihren Sohn und dessen schwangere Frau – erlebt der Zuschauer Ausweglosigkeit und verzweifeltes Aufbäumen. Odayakana nichijô (int. Titel “Odayaka”) schildert in schlichten, alltagsnahen Bildern die Reaktionen der Menschen auf die Katastrophe irgendwo im Großraum Tokyo. Der Regisseur Uchida Nobutera konzentriert sich dabei auf zwei Frauenfiguren, die sich um die Gesundheit der Kinder sorgen, mit ihren Befürchtungen jedoch den Missmut ihres Umfeldes auf sich ziehen.

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Nippon Connection 2011: Arrietty

Stephanie Klasen und ich haben es dieses Jahr endlich einmal zu Nippon Connection geschafft und werden hier einige Filme vorstellen. Bei über 100 Filmen fällt die Auswahl schwer – einer aber muss dabei sein: Der neueste Anime aus der Ghibli-Schmiede, 借りぐらしのアリエッティ (Karigurashi no Arietti, internationaler Titel “Arrietty”). In Japan bereits letzten Sommer veröffentlicht, hatte er am Freitag seine Deutschlandpremiere in Frankfurt. Das Drehbuch, das Miyazaki Hayao persönlich verfasst hat, basiert auf dem Roman “The Borrowers” der britischen Kinderbuchautorin Mary Norton. Regie führte Yonebashi Hiromasa und gab damit sein Langfilmdebüt.

Ein Mercedes rollt durch die Straßen einer beliebigen japanischen Stadt, man sieht die eintönig rechteckigen Häuser von oben. Der Wagen biegt ab, fährt einen Weg entlang, der rechts und links von Dickicht gesäumt ist – und schon befindet sich der Zuschauer in einer anderen Welt: Ein uraltes Haus, verwittert aber immer noch stolz, umsäumt von einem riesigen Garten, umrankt von Efeu und all das das Versprechen eines “ghibliesken” Abenteuers, das überall und nirgends erlebt werden könnte.

Offizielle Homepage zum Film

 

Die gesamte Handlung des Films bewegt sich nun in diesem Raum, der mitten in der Stadt liegt und dabei doch unsichtbar zu sein scheint. Das alte Haus ist ein sehr begrenzter Raum, erfasst man seine Dimensionen aus Menschensicht. Eine ganz andere Perspektive ergibt sich jedoch, wenn man all das mit den Augen der kleinen Protagonistin Arrietty wahrnimmt, die der seltenen Spezies der karigurashi, der “Borger”, angehört. Selbst nur geschätzte 10 Zentimeter groß, werden für die bald 14-jährige Arrietty Stecknadeln zu Säbeln, Blätter zu Regenschirmen und Würfelzucker zu einem Vorrat für ein ganzes Jahr.

Das “Däumelinchen”, das ein riesiges Haus erkundet, ist eine wunderbare Vorlage für die Macher des Studio Ghibli, die meisterhaft umgesetzt wird: Als Arrietty zum ersten Mal ihren Vater beim “borgen” – das heißt dem Besorgen für sie lebensnotwendiger Dinge aus dem “Reich” der Menschen – begleiten darf, kann sie nur stumm stehen und staunen ob der riesigen, bedrohlichen Ausmaße der Küche.

Arrietty ist ein typisches Ghibli-Mädchen: Mutig stellt sie sich ganz alleine den Gefahren des Lebens als Winzling, die sich ihr in Gestalt von Krähen, rotäugigen Ratten und einer fiesen Haushälterin zeigen. Sie entwickelt eine ungewöhnliche Freundschaft zu dem schwer kranken Menschenjungen Sho, der wie sie an einem Scheideweg steht, und bricht damit das eherne Gesetz, dass man sich als “Borger” den Menschen besser nicht zeigt. Über all dem liegt eine wehmütige Stimmung, die daher rührt, dass Arrietty einer vermutlich aussterbenden Spezies angehört – verdrängt durch den Menschen.

Wie Ponyo ist Arrietty ein Anime, der eher für jüngere Zuschauer ausgelegt ist und nicht die Tiefe von Meisterwerken wie Mononoke hime oder Sen to Chihiro no kamikakushi erreicht. Dennoch ist diese kleine Geschichte über Freundschaft und das Erwachsenwerden sehr unterhaltsam und einen Kinobesuch wert (in Deutschland soll der Film im Juni herauskommen).

 

Filmfestival Nippon Connection

Endlich ist es online – das diesjährige Programm des Filmfestivals „Nippon Connection“, dem größten Festival für japanischen Film weltweit. Vom 14. bis 18. April gibt es in Frankfurt nicht nur das Neueste aus den japanischen Kinos, sondern auch eine Retrospektive mit dem Besten aus zehn Jahren Nippon Connection und ein umfangreiches Kulturprogramm.  

Zu sehen ist unter anderem „Sawako decides“ (Originaltitel Kawa no soko kara konnichi wa) von Ishii Yuya, ein Geheimtipp aus dem diesjährigen Berlinale-Programm. In Japan läuft der Film erst im Mai an – eine tolle Gelegenheit, den Film früher als andere zu sehen. 

Als Gäste erwartet werden die Regisseure Matsue Tetsuaki, Toyoda Toshiaki und Taguchi Tomorowo, der vor allem als Schauspieler in Tsukamoto Shinyas „Tetsuo“-Filmen bekannt ist. Darüber hinaus gibt es einen Untertitelungs-Workshop, Vorträge, eine Soba-Lounge, Shiatsu Massage und vieles mehr. 

Wer das Festival besucht und einen Film besonders interessant findet, kann hier im Blog gerne eine Rezension veröffentlichen.