Schlagwort-Archiv: Michiko Mae

Japan-Pop ohne Grenzen: Bericht

Um Grenzen und deren Überschreitung ging es bei unserem Symposium „Japan-Pop ohne Grenzen“ am Freitag, 22. Mai 2015, im Haus der Universität Düsseldorf. Passend zum Thema waren auch viele Interessierte aus anderen Städten angereist, unter anderem eine größere Gruppe Studierender der Universität Trier. Das Publikum war im Durschnitt sehr jung, zugleich aber sehr erfahren im Bereich der japanischen Populärkultur, wie die fruchtbaren Diskussionen zwischen den Vorträgen zeigten. Bereichert wurde die Veranstaltung durch die Mischung wissenschaftlicher Vorträge mit Beiträgen aus der Praxis zu Cosplay und Manga. Das Symposium wurde so zu einem sehr erfolgreichen Beitrag zum Jubiläumsjahr „50 Jahre HHU“. Weiterlesen

Eine Begegnung mit Japan im Landtag NRW

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Bei der „Parlametarischen Begegnung mit Japan“ sprachen sich japanische und deutsche Gäste für mehr Zusammenarbeit aus. Fotograf: Bernd Schälte, Landtag NRW.

„Die andere Kultur präsent und erfahrbar machen und gleichzeitig die Offenheit der eigenen Kultur für andere Kulturen bewusst machen“ – dies könnte man als Leitidee der „Parlamentarischen Begegnung mit Japan“ am 24. Februar im Landtag NRW betrachten, zu der rund 270 deutsche und japanische Gäste zusammengekommen waren. Veranstalter waren der Landtag NRW, das Japanische Generalkonsulat und die Deutsch-Japanische Gesellschaft am Niederrhein. Nach den Grußworten der Landtagspräsidentin Carina Gödeke, des Japanischen Generalkonsuls Kaoru Shimazaki und des  Präsidenten der Deutsch-Japanischen Gesellschaft am Niederrhein, Rudolf Franz, hielt Prof. Michiko Mae einen Vortrag zum Thema „Kulturvermittlung als politischer Auftrag“ (Redemanuskript als Pdf) und daran anschließend gab es eine Podiumsdiskussion.  Weiterlesen

Michiko Mae in Stiftungsrat des JDZB berufen

Michiko MaeWir freuen uns bekannt geben zu können, dass Prof. Dr. Dr. h.c. Michiko Mae zum 30. September  vom japanischen Außenminister Fumio Kishida zum Mitglied des Stiftungsrats der Stiftung „Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin“ ernannt wurde. Dem Stiftungsrat und dem Vorstand gehören jeweils von der deutschen und der japanischen Seite ernannte Mitglieder an, darunter namhafte Persönlichkeiten, auch die Botschafter der beiden Länder.

Die Stiftung wurde 1985 auf der Grundlage der Gespräche zwischen dem damaligen Bundeskanzler Kohl und dem damaligen Ministerpräsidenten Nakasone gegründet, um die japanisch-deutsche und internationale Zusammenarbeit auf den Gebieten der Wissenschaft und Kultur zu fördern und zu vertiefen. Seitdem finden am Japanisch-Deutschen Zentrum auf den Gebieten der Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur jährlich 20 bis 30 Seminare, Symposien und Tagungen statt.

Hier gibt es weitere Informationen über die Gremien des JDZB.

Literarische Schwerkost und leichte Pianoklänge

Die Studentin Maria Hermann berichtet von einem Vortrag über Ôe Kenzaburô, den Michiko Mae in der Japan-Woche Ende Mai gehalten hat.

Der japanische Schriftsteller Ôe Kenzaburô stand im Mittelpunkt eines Vortrages von Prof. Dr. Michiko Mae am 25. Mai in der Düsseldorfer Zentralbibliothek. Im Rahmen des Programms „Tokyo – Düsseldorf und zurück, eine transkulturelle Reise“ stellte sie den Literaturnobelpreisträger vor, den seine Kenner hierzulande bei seinem Besuch der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1990 und bei einer Lesungen im japanischen Kulturinstitut in Köln 2008 auch schon live erleben konnten.

Unterstützt wurde Frau Prof. Dr. Mae bei ihrem Vortrag von Bernt Hahn, einem erfahrenen Schauspieler und Sprecher, der die oftmals sehr schwermütigen Passagen, die dem Werk „Eine persönliche Erfahrung“ entnommen wurden, lebendig und spannend vorlas.

Den Abend wortwörtlich ausklingen ließ Yuko Kasahara an ihrem Piano und spielte Stücke von Ôe Hikari, dem behinderten Sohn von Ôe Kenzaburô.

Bevor man zu den Eckdaten im beachtlichen Lebenslauf des preisgekrönten Autors, Ôe Kenzaburô, kommt, ist es sinnvoll, sich ein Bild von seinem gegenwärtigen Einfluss zu machen und von den literarischen Wurzeln, die Ôes Reflexionen zur gegenwärtigen Lage Japans, vor allem in Bezug auf das Unglück von Fukushima, fundieren.

In seinem Essay-Band „Hiroshima-Notizen“ (Hiroshima nôto), geschrieben 1964, thematisiert Ôe die Nachkriegszeit in Japan. Er beruft sich auf Zitate und Interviews von Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Hiroshima.

Wodurch entstand das Interesse des Literaten an eben dieser Thematik? Alles läuft auf den 15. August 1945, dem Datum der bedingungslosen Kapitulation Japans und Radioansprache des Tennô Hirohito, hinaus. Ôe kritisiert die Freisprechung des Tennô von der Schuld und Verantwortung am desaströsen Krieg. Außerdem verarbeitet er im Essay den Kult um Mishima Yukio, einem japanischen Schriftsteller und Regisseur, der 1970 seppuku auf Grund eines fehlgeschlagenen coup d’état, welcher die Machtrestauration des Tennô, der durch die Amerikaner entwürdigt worden ist, als Zielsetzung verfolgte, beging.

Zudem wirft Ôe im Essay Offiziellen und Literaten vor, sie würden Kriegsverbrechen verschweigen und vergessen wollen und dass dies der Vergangenheitsbewältigung in keinerlei Weise zu Gute käme, welches wiederum den Prozess der Demokratisierung unterbinde. Auf der anderen Seite jedoch meint Ôe, dass allgemein die Neigung im Menschen bestünde solche grausamen Tatsachen beiseite zu kehren. Daher ist es immer fundamental wichtig, den Autor aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Diese Problematik hat sich der Autor als Schuld auferlegt, weshalb Themen wie Kriegsschuld, die Atombombenabwürfe, aber auch gegenwärtige politische und gesellschaftskritische Diskurse die Ausgangspunkte Ôes literarischer Werke bilden, im Mittelpunkt steht dabei in der Regel das Motiv der Verantwortung.

Über den Vorfall in Fukushima argumentiert Ôe, es sei der größte Verrat an den Opfern von Hiroshima. Gleichermaßen wie am Anfang seines Werdegangs zum Schriftsteller kritisiert er das Tennô-System, welches er nach wie vor für ein Symbol des Rechtsradikalismus hält.

Zum Lebenslaufs des Schriftstellers:

Ôe Kenzaburô wurde am 31. Januar 1935 im Dorf Ôse der Präfektur Ehime auf Shikoku geboren.
Er legt, trotz seines großartigen Werdeganges zum renommierten Literaten, großen Wert auf seine Wurzeln. So hält er stark an dem für seinen Geburtsort typischen lokalen Dialekt fest, so berichtete Frau Prof. Dr. Mae, die Ôe persönlich auf der Frankfurter Buchmesse getroffen hatte.

Er studierte ab 1956 an der Tôdai Universität französische Literatur, wodurch seine Weltanschauung stark von Jean-Paul Sartre geprägt wurde, insbesondere die Existenzphilosophie und ihre Topoi, wie Angst, Verzweiflung aber eben auch die Verantwortung spiegeln sich in Ôes Werken wider. So behandeln die „Hiroshima-Notizen“ Nuancen des Lebens wie Nihilismus, Hoffnungslosigkeit, berufend auf die provokative und groteske Darstellung von Sexualität des Menschen.

In Tôkyô fühlt sich Ôe nicht besonders wohl. Er bezeichnet die Großstadt als einen Ort, an dem ständig die Einengung und Entfremdung von Menschen stattfindet, sich selbst eingeschlossen.

Mit nur 23 Jahren erhielt Ôe 1958 den Akutagawa-Preis für sein Prosawerk „Der Fang“ (Shiiku).

1963 wird sein geistig behinderter Sohn Ôe Hikari geboren, der im Leben Ôes einen Wendepunkt einleitet:  Ôe schreibt 1964 den Roman, um den es sogleich gehen wird, „Eine persönliche Erfahrung“ (Kojinteki na taiken), dessen Protagonist Ôes Alter Ego ist, der sich durch seine Physiognomie den Kosenamen Bird einhandelt, und anders als Ôe selbst seinen behinderten Sohn als eine Bereicherung in seinem Leben schätzt, sondern sich vor seinem scheinbar irreparabel geschädigtem neugeborenen Kind in Eskapaden flüchtet.

Das Werk „Eine persönliche Erfahrung“

Der Traum von Bird ist es einmal nach Afrika zu reisen. Dieser Wunsch symbolisiert für ihn Freiheit, da er an der Schwelle zwischen seiner Jugend und der Verantwortung als Vater steht. Verantwortung zu übernehmen, fällt Bird nicht einfach. So wird erzählt, dass er bereits die Eheschließung mit seiner Frau als eine Art Käfig sieht, der ihn eines Teils seiner Freiheit beraubt hat, dessen Tür aber noch offen steht. Mit der Geburt seines Kindes, so fürchtet Bird, wird sich das Tor zur Freiheit allerdings endgültig schließen und damit seinen Traum von der Afrikareise begraben. Jene verinnerlichte Verbitterung und Verzweiflung Birds durchzieht seine 25 Jahre Lebenserfahrung wie ein roter Faden: der Protagonist war zunächst als Lehrer angestellt, jedoch kein besonders vorbildlicher oder zielstrebiger seiner Art. Im Gegenteil: Bird war nicht selten betrunken, oft mehrere Wochen am Stück. Indessen bricht er seinen Doktor-Kursus ab, verliert seine Stelle als Lehrer. Sein ganzer Charakter ist von einer grundsätzlichen Unzufriedenheit geprägt.
Als Birds Kind mit einer Anomalie auf die Welt kommt, redet er sich ein, er könne nicht für das behinderte Kind sorgen, und flieht vor seiner Verantwortung.

Bird versucht auch nicht sein Kind in Schutz zu nehmen, er wirkt teilnahmslos, als der Arzt im Krankenhaus ihn bezüglich des Zustandes des Neugeborenen konfrontiert und dies in einer absurden Art und Weise tut. Er bezeichnet das Kind als ein Ding, ein Monster, dessen geistliche Fähigkeiten der einer Pflanze entsprechen. Es wird erläutert, dass das Neugeborene eine Anomalie in Form einer  Gehirnhernie (Hirnbruch) aufweist. Bis zum Schluss des Romans hat der Sohn Birds keinen Namen, wird stets als ein Gegenstand bezeichnet. Nur einmal zeigt der Protagonist Gefühle, die man annähernd als Mitleid bezeichnen könnte, für sein Kind. Er weint, weil ihn die Verletzung am Kopf des Jungen an den Krieg erinnert, genauer an die Kriegsgefallenen, die schwere Kopfverletzungen davon trugen. Abgesehen davon sieht Bird im Kind nur ein Hindernis, ein Monster, das ihm seine Freiheit gänzlich entzogen hat. Es bleibt ihm nichts anderes übrig als die Flucht vor seiner Herausforderung ein behindertes Kind aufzuziehen. Zeitweise füttert Bird den Jungen nur mit Zuckerwasser, in der Hoffnung, sein Kind würde sterben.

Später lernt Bird eine Frau namens Himiko kennen. Sie ist geschieden und befindet sich ebenfalls auf der Flucht vor der Niedergeschlagenheit des alltäglichen Lebens und der Realität. Obwohl sie vom Erzähler als eine einfühlsame Person beschrieben wird, beruht ihrer Beziehung zu Bird wohl weniger auf Stabilität und einem mitleidvollen Miteinander, sondern eher auf einer Komplizenschaft.

Dass Himiko Birds Exzesse nur schürt, wird besonders daran deutlich, als Bird seinen Arbeitsplatz auf Grund eines Alkoholrausches verliert. Ethisch fragwürdig und bei dem Epitom seiner Verantwortungslosigkeit angelangt, der sich Bird nicht gänzlich bewusst ist, handelt der Protagonist und holt sein Kind aus dem Krankenhaus, bevor es einer Operation unterzogen werden konnte und bringt es zu einem Abtreibungsarzt, der ein Bekannter Himikos ist.

Einen Bogen zum Humanismus hin, spannt Ôe Kenzaburô in seinem Roman, als Bird plötzlich die Erkenntnis hat, dass es im Grunde nichts gibt, wovor er fliehen müsste. Von seinem Sinneswandel angetrieben spricht Bird mit Himiko, die jedoch keinerlei Verständnis für ihn zeigt. Ganz im Gegenteil: sie ist schockiert, bezichtigt Bird des Verrats an ihr, sollte er das Kind nun vom Abtreibungsarzt zum Krankenhaus bringen wollen,weiterhin, wenn das Kind dabei umkäme und dies sowohl auf Bird als auch sie zurückfallen würde. Doch Bird nimmt das Risiko auf sich, sollte das Kind auf dem Weg sterben und er damit des Mordes angeklagt werden. Zum ersten Mal erscheint der Protagonist selbstbewusst.
Auch die Erinnerung an den gemeinsamen Traum von Himiko und ihm nach Afrika zu fahren, lässt Bird nicht an seinem Vorhaben zweifeln. Ebenso scheitert der Versuch Himikos kläglich, Bird daran zu erinnern, wovor er die ganze Zeit geflohen ist und impliziert, dass selbst, wenn die Operation gelinge und das Kind diese überlebe, so wäre dessen Existenz immer noch sinnlos. DochBird ist sich dessen bewusst, dass er dieses Leben, welches er so leichtfertig wie einen Gegenstand behandelt hatte, erzeugt hat, dass er die Verantwortung für sein Kind trägt.

Zum Schluss wird der essentielle Gedanke bezüglich der Erkenntnis der subjektiven Freiheit des französischen Philosophen Sartre in Ôe Kenzaburôs Roman durch Bird pointiert erläutert: der Protagonist beteuert, es bliebe ihm ohnehin nichts anderes übrig, als sich seiner Verantwortung zu stellen. Seine neu erlangte Freiheit möchte Bird nun dadurch zum Ausdruck bringen, als dass er es sich vorgenommen hat, Reiseführer zu werden. Fast schon ironisch, wenn man bedenkt, dass er derjenige war, der verloren und ziellos vor einem scheinbar zu großen Problem, sich in die Sackgassen des Lebens und des menschlichen Wesens verirrt hatte.

Maria Hermann