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„Entschuldigung, wir sind von EA und…“

Wir freuen uns über einen Gastbeitrag von Melissa Sophie Sohlich, die Master-Studentin an unserem Institut ist. Ihr Interesse für Videospiele hat sie im August auf die gamescom in Köln, die größte Messe für Unterhaltungselektronik in Europa, geführt, wo sie als Reporterin für den Spieleentwickler Electronic Arts unterwegs war. Vielen Dank an Melissa Sohlich für ihren Erfahrungsbericht!

Die gamescom 2010 aus der Sicht einer temporären Reporterin

Es lohnt sich doch tatsächlich, immer mal wieder über den Rand der Cup-Nudeln hinauszuschauen. Mit diesem Gedanken bewarb ich mich Anfang Juli bei einem der größten Publisher im Bereich der Unterhaltungssoftware: Electronic Arts, kurz EA. Dort suchte man Leute, die hauptsächlich für die Gamer-Community von der gamescom 2010 berichten sollten. Dies hat bei EA bereits eine ziemlich lange Tradition: Jedes Jahr werden junge Fotografen und Reporter gesucht, die direkt aus der Community kommen.

Mit der Hoffnung etwas abseits des Studium zu tun und gleichzeitig meinem großen Hobby, dem Schreiben, nachkommen zu können, bewarb ich mich also und bekam Anfang August dann den Anruf, der mich für fünf Tage zur Reporterin machen sollte. Einige meiner Freunde bezeichneten mich ab diesem Punkt nur noch als Freak und ich war mir anfangs auch recht unsicher, was mich auf einer Messe wie der gamescom erwarten würde. Im letzten Jahr war ich dort normale Besucherin und es ist wirklich nicht schwer, die Messe nach einem flüchtigen Blick als „Freak-Sammelstelle“ zu bezeichnen. Doch nun hatte ich ein Fachbesucher-Ticket, würde in der Business- Area ein und ausgehen können und fünf Tage als ernst genommene Erwachsene über die Messe laufen.

Melissa Sohlich beim Interview mit James und Oliver Phelp

Kaum hatte ich die Business Lounge von EA in Halle 5 am 18.08. dann endlich gefunden, ging es auch gleich mit Vollgas in meine Feuertaufe: Um 10 Uhr durfte ich James und Oliver Phelp interviewen. Harry Potter-Fans kennen sie vielleicht als die Brüder von Ron Weasley. Zeit, um aufgeregt zu sein, blieb nicht und nachdem ich den Rest vom Team kennen gelernt hatte, ging es bereits in den kleinen Interviewbereich und ich stellte querbeet alle möglichen Fragen. Nach rund zehn Minuten war der Spuk dann auch schon vorbei und ich hatte mein erstes, selbst geführtes Interview hinter mich gebracht.

Gleich darauf lernte ich Lektion 2 der kleinen Reporterschule: Wenn man im Bereich der schnelllebigen Videospielbranche versucht zu berichten, dann ist man bereits zwei Minuten nach Ende eines Interviews zu spät dran. Und so schusterte ich mit Hochdruck einen Artikel über das Interview zusammen, während Linkin Park im Bereich neben mir vor der Weltpresse ihren neuen Song und gleichzeitig das umstrittene Medal of Honor anpriesen.

Danach war endlich Zeit, einmal ganz in Ruhe über die Messe zu streifen und erste Eindrücke zu sammeln. Begleitet von Tim, dessen Fotos Ihr auch in diesem Bericht seht, streifte ich durch die Hallen der Entertainment- Area. Mittwochs ist traditionell der Fachbesuchertag, will heißen: Keine meterlangen Schlangen vor den Ständen von Dragon Age, Assassin’s Creed, Mafia und Co. Man musste zwar trotzdem gelegentlich anstehen, aber im Vergleich zu der sechsstündigen Wartezeit, die ab Samstag an einigen Ständen normal war, war am Mittwoch noch alles ruhig und gelassen.

Hinzu kam ein weiterer Kniff, der sich in den folgenden Tagen noch als sehr hilfreich erweisen sollte: „Entschuldigung, wir sind von EA und…“ weiter brauchten wir meist nicht reden, da wir dann bereits durch gewunken wurden. Auf diese Weise konnten wir so ganz nebenher Microsofts Kinect und Sonys Move testen. Ab dem nächsten Tag bildeten sich dort Schlangen, die noch aus den Hallen hinaus führten. Generell war es auch ein ganz anderes Gefühl von den Leuten an den Messestände so ernst genommen zu werden, dass man durch den Priority-Entry gewunken wird oder den Foto-Verbots-Schildern zum Trotz im Dragon-Age-2-Vorführraum fotografieren darf.

In den nächsten Tagen reihten sich Highlights an Highlights. Den Donnerstag verbrachte ich ganz „Studenten-like“ auf einer Tagung, die sich mit den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Videospielen beschäftigte. Am Freitag nutzten wir alle die Chance, uns die Präsentationen der Entwickler selbst, die es nur in der Business- Area gibt, in aller Ruhe anzuschauen. Anstatt wie in der Entertainment- Area einfach nur die Demo-Version eines Spiels anzuspielen oder nur einen unkommentierten Trailer zu sehen, stellen hier die Entwickler ihre Spiele selber vor und beantworten Fragen. Auf diese Weise bekam man reichlich Informationen zu den kommenden Spielehits wie Crysis 2, Star Wars: Knights of the Old Republic, Dragon Age 2 und so weiter. Und natürlich kam hier dann bei jedem von uns Reportern noch der „Fan-Faktor“ hinzu, denn wann hätte man sonst die Möglichkeit die Entwickler seines persönlichen Lieblingsspiels selbst zu treffen? Dies wirkte sich natürlich auch auf unsere Berichte aus, aber genau dies war ja auch so von Seiten EAs gewünscht.

Nachmittags traf ich dann die Vizekonsulin und Handelsbeauftrage des kanadischen Generealkonsulats Nicole Van Hoven zu einem Interview. Kanada war in diesem Jahr Partnerland der gamescom und hat bereits vor Jahren das große wirtschaftliche Potenzial der Videospielindustrie erkannt: Ein Großteil der heutigen Videospiele wird mindestens zum Teil in Kanada produziert. EA Sports sitzt in Vancouver, Ubisoft lässt Assassin’s Creed aus Montreal entwickeln und Bioware ist in Edmonton, Alberta gegründet worden.

Am Samstag holte mich dann mein Studiengang für einen kurzen Moment wieder ein: Ein Bericht über Cosplay musste her. Also zog ich durch die Messehallen und befragte Cosplayer, warum sie sich ausgerechnet zur gamescom in dieses oder jenes Kostüm geschmissen haben. Auf meiner Suche nach den Kostümierten kam ich wieder einmal an dem sogenannten „competence“-Bereich vorbei, wo die Bundeszentrale für politische Bildung, die Bundesprüfstelle und die USK über ihre Arbeit informierten. Gerade die USK wird ja von Videospielern zu dem Sündenbock gemacht, wenn Spiele nur geschnitten oder gar nicht in Deutschland erscheinen. Umso erstaunlicher war es, zu sehen, dass ausgerechnet dort unglaublich viel los war. Ein Quiz fand statt, T-Shirts wurden verteilt und die Leute, die sonst laut aufschreien, wenn ein geschnittenes Spiel erscheint, zogen die Shirts über kaum, dass sie sie erhalten hatten.  Ich fragte mich am Stand ein wenig durch und schließlich fragte man mich, ob ich nicht einfach mit dem Geschäftsführer selbst reden wolle.

Melissa Sohlich im Gespräch mit dem Geschäftsführer der USK

Diesen trafen mein Reporter-Kollege Benjamin und ich dann noch am selben Nachmittag und interviewten ihn zusammen. Dabei lernten wir unglaublich viel, über die tatsächliche Arbeit der USK, die eher ein Rechtsberater für Publisher ist als die Zensurbehörde, für die sie in der Community immer gehalten wird.

Am Abend war dann Party-Zeit. Die vorhergegangenen Abende verbrachten wir immer in der Business- Lounge bei der regelmäßigen Happy Hour von EA. Doch Samstagabend war dort bereits geschlossen und EA lud zur großen Community-Party, Sony zu seiner traditionellen gamescom-Party. An dieser Stelle ein etwas anderer Hinweis, für Leute, die nächstes Jahr zur gamescom fahren: Falls Ihr sonntags dort seid, dann passt auf, wo Ihr am Sony-Stand hintretet, bzw. Euch hinsetzt, denn der klebende Boden und dezente Alkoholgeruch kommen nicht von ungefähr.

Sonntag machte sich dann ein wenig Wehmut breit, denn die gamescom neigte sich dem Ende und damit auch unsere Tätigkeit als Reporter. Die letzten Essensgutscheine wurden an dem großen Futtertrog gegen erneute, echt kölnische Magenschmerzen eingetauscht, man schrieb einen gemeinsamen Abschlussbericht und verabschiedete sich aus der Community- Lounge.

Die Zeit auf der Messe war bis jetzt eine der besten Erfahrungen, die ich im Laufe meines Studiums gemacht habe. Ich kann nur jedem, der Interesse an Videospielen hat, empfehlen sich vielleicht nächstes Jahr bei EA für diesen kleinen Job zu bewerben. Es ist anstrengend, keine Frage! Aber neben den guten Erfahrungen, dem neuen Wissen und Know-How, nimmt man auch sehr viele Erinnerungen an eine besondere Zeit voller Spaß mit.

Alle Berichte, die im Laufe der gamescom von uns Reportern geschrieben wurden, finden sich hier. Dort gibt es für Interessierte auch die vollständigen Bildergalerien mit vielen Cosplay-Fotos. Besonders hervorheben möchte ich den Bericht über die USK von meinem Kollegen Benjamin.

Alle Fotos dieses Berichts stammen von Tim Lota.