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Berlinale-Nachlese: Sawako decides

Autogramm des Regisseurs Ishii Yuya

夢みたいな物はべつにないですし
„Sowas wie einen Traum hab ich eigentlich nicht …“

Sawako, die Hauptfigur von Ishii Yuyas Film Kawa no soko kara konnichi wa („Sawako decides“), hat keine besonderen Ansprüche. Schließlich hat sie selbst längst erkannt, dass sie als Frau nur „unteres Mittelmaß“ ist und das nehmen muss, was ihr gerade vor die Nase kommt. Seit fünf Jahren in Tôkyô, der fünfte miese Zeitarbeits-Job in Folge, der fünfte Freund – Sawako kann nicht gerade eine Muster-Biographie vorweisen. Zwar versucht sie regelmäßig, ihre Sorgen mit Darmspülungen wegzuschwemmen, doch auch das will nicht recht gelingen.

Im japanischen Fernsehen sind Geschichten über perspektivlose junge Menschen in letzter Zeit ein sehr populäres Thema. Die Drehbuchschreiber haben schnell auf die Phänomene reagiert, die mit der Entwicklung einer Polarisierungsgesellschaft (kakusa shakai) und mit der Wirtschaftskrise einhergehen: Jugendarbeitslosigkeit, Präkarisierung, Heiratsproblematik. Alle diese Themen werden in Fernsehserien (terebi dorama) aufgegriffen. Was dann meist folgt ist allerdings eine Bilderbuch-„ganbaru-story“. Der Protagonist findet – ob durch ein bestimmtes Ereignis oder durch die Anregung einer anderen Person – ein neues Ziel im Leben und setzt alle seine Kräfte daran, dieses zu erreichen. Die Botschaft: Wer einen Traum hat, der bringt es auch zu etwas, trotz Wirtschaftskrise.  So zu sehen zum Beispiel in der Serie Ohitorisama (TBS, 2009), in der ein junger „Freeter“ seine Berufung als Lehrer erkennt und so seinen Platz in der Gesellschaft finden kann.

Zwar kommt auch in Ishii Yuyas „Sawako decides“ die Protagonistin irgendwann auf das Zauberwort „ganbaru“, der Regisseur ist jedoch weit davon entfernt, in den üblichen pädagogisch-zurechtweisenden Ton der terebi dorama einzustimmen. Auf sehr krude-ironische Weise schildert Ishii, wie Sawako in ihre Heimat zurückkehrt, um den Süßwassermuschel-Handel ihres schwer erkrankten Vaters zu übernehmen. Was die junge Frau dort erwartet, lässt sich zunächst nur mit Bergen von Dosenbier ertragen …

Der 1983 geborene Regisseur erhielt 2007 für seinen Film Mukidashi Nippon den Preis des Pia Film Festivals, der mit einem Stipendium für einen neuen Film verbunden ist. Aus diesen Mitteln entstand der Film „Sawako decides“, der dieses Jahr in der „Golden Week“ (Mai) in Japan starten soll. Ishii Yuya hatte bereits drei Monate an dem Drehbuch gearbeitet, als die Wirtschaftskrise kam: „Danach habe ich das Drehbuch völlig geändert“, erklärte der Regisseur bei der Berlinale. Für die Hauptrolle konnte Ishii die Schauspielerin Hikari Mitsushima (Ai no mukidashi) gewinnen, die erfrischend unprätentiös daherkommt.

Es bleibt zu hoffen, dass dieser herrliche kleine Film auch in Deutschland einen Verleih finden wird. Auf der Berlinale hat er auf jeden Fall spontan sehr viele Freunde gefunden.

Einen Trailer zu „Sawako decides“ und weitere Informationen gibt es auf der Film-Homepage.

Elisabeth Scherer