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Kinema Junpo, 2018, Nr. 1772 - Cover

Kinema Junpō: Zeitschriftenangebot der ULB

Fans des japanischen Films aufgepasst! Im Zeitschriftenmagazin der Universitäts- und Landesbibliothek können Sie die aktuellen Ausgaben (ab 2012) der renommierten japanischen Filmzeitschrift „Kinema Junpō“ einsehen.

Die Kinema Junpō ist die älteste Filmzeitschrift Japans und wird seit 1919 herausgegeben, aktuell erscheint sie zweimal im Monat. Neben Neuigkeiten aus dem japanischen Box Office finden sie auch detaillierte Kritiken zu einzelnen Veröffentlichungen darin. Jährlich kürt das Magazin außerdem eine einflussreiche Liste der „best ten“ japanischer und ausländischer Filme, die unter Kritikern und in der Presse viel Beachtung findet (die Liste des Jahres 2015 finden Sie hier auf der offiziellen Website: Link).

Um eine Ausgabe der Zeitschrift einsehen zu können, ist eine Magazinbestellung der betreffenden Nummer über das Onlinesystem der Bibliothek erforderlich. Eine Ausleihe ist leider nicht möglich, die Zeitschriften können also nur innerhalb der ULB eingesehen werden. Die aktuelle Bestandsliste finden Sie im Online-Katalog der ULB (hier).

Weitere Informationen zu Kinema Junpō finden Sie auf der offiziellen Homepage der Zeitschrift: Link (Website auf Japanisch).

8. Japanische Filmwoche

 

Im neuen Jahr laden das Japanische Generalkonsulat, das Filmmuseum und die Japan Foundation zur achten japanischen Filmwoche.

Vom 17. bis 30. Januar werden in der Blackbox japanische Filme verschiedener Genre und Anime im Original mit deutschen und englischen Untertiteln gezeigt.
Vorgeführt werden unter anderem „Mein Nachbar Totoro“, “ Ame & Yuki – Die Wolfskinder“ und „Osaka Story“.

Weitere Informationen gibt es auf der Seite des Japanischen Generalkonsulats Düsseldorf.

Das Programm mit allen Filmen und allen Zeiten gibt es hier.

Das Besuchen aller Vorführungen ist komplett kostenlos. Es gibt keine Möglichkeit zur Platzreservierung im Voraus, sondern ab 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn werden die Karten an der Kasse des Filmmuseums ausgegeben.

Kein Dokumentarfilm über Walfang: Kujira no machi

Kujira no machi (Stadt der Wale), der auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Panorama gezeigt wurde, ist der Abschlussfilm und erste Spielfilm von Tsuruoka Keiko. Die Handlung dreht sich um die drei Jugendlichen Machi, Hotaru und Tomohiko, die durch Freundschaft aber auch unerwiderte Liebe miteinander verbunden sind: Hotaru liebt Tomohiko, Tomohiko liebt Machi und Machi ist in ihrer eigenen Welt versunken. Auf der Suche nach Machis verschwundenem Bruder, der die Familie vor sechs Jahren verließ, reisen die Freunde nach Tokyo. Da Tsuruoka fast kein Budget zur Verfügung stand, werden alle Rollen von Freunden und Bekannten übernommen, weshalb im Film auch keine Erwachsenen vorkommen. Diese Sachzwänge haben aber ein durchaus positives Ergebnis: Die Vertrautheit der Schauspieler untereinander und mit der Regisseurin erzeugt eine gewisse Intimität, von der der Film lebt und die Abwesenheit von Machis Mutter verdeutlicht die Einsamkeit von Machi.

Auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht so scheint: Auch in diesem Film spielen die Ereignisse vom März 2011 ein wichtige Rolle. Als die Dreifach-Katastrophe passierte, verwarf Tsuruoka ihr bisheriges Drehbuch und fing noch einmal neu an. Der Tsunami wird in Kujira no machi durch das Motiv des Wassers repräsentiert, das sich durch den gesamten Film zieht. Der Tsunami ließ viele Menschen spurlos verschwinden und zurück blieb nur eine Leere. In Kujira no machi ist es Machis Bruder, der verschwunden ist. Zurück bleiben nur ein leeres Apartment und das Tropfen des Wassers.

Der Titel Kujira no machi wurde im Berlinale Programm mit The Town of Whales, die Stadt der Wale, ins Englische übersetzt, kann aber im Japanischen noch anders verstanden werden: Wenn man machi nicht als das japanische Wort für Stadt liest, sondern als den gleichklingenden Namen der Protagonistin. Dann ist Machi der Wal. Im Traum fragt Machis Bruder Teppei sie: „Warum können die Wale nicht an Land bleiben? Weil sie dort ihr Gewicht nicht tragen können, müssen sie ins Wasser zurückkehren.“ Auch Machi ist nur glücklich, wenn sie schwimmen kann. In Situationen von emotionalem Stress kehrt sie ins Wasser zurück. Warum aber gerade ein Wal? „Weil ich Wale mag“, meint die Regisseurin, aber auch weil der Wal ein magisches Wesen sei. Denn Wale seien aus dem Meer gekommen und an Land gegangen, aber dann wieder ins Meer zurückgekehrt.

 

Nicht nur die Symbole des Wassers und des Wals sollen eine magische Stimmung erzeugen. Tsuruoka bedient sich auch verschiedener gestalterischer Mittel zu diesem Zweck. Teilweise wird das Bild so stark überbelichtet, dass das weiße, gleißende Licht den gesamten Frame ausfüllt. Zudem verwendet sie eine Farbtönung, die in manchen Szenen die Farben übernatürlich leuchten lässt.

 

 

Zu dieser magischen Stimmung soll, laut Tsuruoka, auch der Freund des Bruders beitragen, den die drei auf ihrer Suche um Hilfe bitten. Nanao kleidet sich als Frau und benutzt im Japanischen eine weibliche Ausdrucksweise. Diese Ambiguität, die nur eine solch ambivalente Figur auszudrücken vermag, trage zur magischen Stimmung bei. Für Tsuruoka war die Verwendung einer solchen Figur nicht in einem Hinweis auf eine Gender-Problematik verbunden – auch wenn die Publikumsfragen beim Q&A auf der Berlinale darauf hindeuten, dass es als Hinweis auf die sexuelle Orientierung des Bruders gelesen wurde und als mögliche Erklärung für seine Trennung von der Familie.  Übrigens wurde der Film auch von den Teddy-Award-Veranstaltern  in seine Liste der „Queer Films“ der diesjährigen Berlinale aufgenommen. Dies zeigt auch wie unterschiedlich man den Film interpretieren kann.

Fazit: Ein durchaus sehenswerter Film, der viele Deutungen zulässt, einen aber deshalb auch etwas unbefriedigt zurücklässt.

 

Japan auf der Berlinale 2013 – Capturing Dad

 

Capturing Dad (Chichi o tori ni) von Nakano Ryota ist eine Hommage an die Familie. Genauer gesagt an die Mutter des Regisseurs und deren „Coolness“, meint Nakano. Seine Mutter zog ihn und seinen Bruder nach dem Tod seines Vaters allein groß (Nakano war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt).

Im Film wurden die beiden Schwestern Koharu, 17, und Hazuki, 20, von ihrer Mutter aufgezogen, nachdem der Vater seine Familie für eine andere Frau verließ. Nun viele Jahre später bekommt die Mutter der beiden einen Anruf: ihr geschiedener Mann liegt im Sterben und die Mädchen sollen ihren Vater besuchen –  um Abschied zu nehmen und um für ihre Mutter ein Foto von ihm zu machen. Allerdings nicht aus sentimentalen Gründen, sondern damit sie über ihn lachen kann.

Immer humorvoll und liebevoll folgt Nakano den beiden Schwestern, die von Yanagi Erisa und Matsubara Nanoka wunderbar gespielt werden, auf ihrer Begegnung mit der Familie des Vaters. Damit die Mädchen und Watanabe Makiko, die die Mutter der beiden spielt, eine überzeugende Familie darstellen konnten, ließ Nakano die beiden, die sich durch den Dreh erst kennenlernten, händchenhaltend Einkaufen gehen. Und dann mit der Filmmutter Gyôza kochen –  und schon war die Familie da.

Es ist in gewissem Sinne ein sehr „Japanisch“ anmutendender Film. Wer sich mit japanischen Sitten nicht so gut auskennt, rätselt wohl über die Beerdigungsriten, den Job der einen Tochter im Dayclub (als Hostess) und anderes. Dennoch macht dies für manche sicherlich auch mit den Reiz dieses Films aus.

Fazit: Capturing Dad ist, trotz des ernsten Themas, ein „gute Laune“-Film, der einen den japanischen Sommer förmlich auf der Haut spüren lässt.

Für alle, die neugierig geworden sind: Hier der Trailer.

Berlinale 2011: Heaven’s Story von Takahisa Zeze

 

Einen japanischen Preisträger gab es auf der Berlinale 2011 dann doch noch. Der vier Stunden und 38 Minuten lange epische Spielfilm Heaven´s Story des Regisseurs Takahisa Zeze gewann gleich zwei Auszeichnungen: den FIPRESCI (International Federation of Film Critics) und den NETPAC-Preis (Network for the Promotion of Asian Cinema).

Verdiente Auszeichnungen für einen Film, der es schafft den Spannungsbogen trotz einer solchen Länge bis zum Ende zu halten und der dabei seinen Figuren immer genügend Raum gibt, um sich zu entfalten. Takahisa Zeze revolutionierte in den 90er Jahren als einer der „Pink Shitennô“ (die vier „Himmelskönige“ des Pink) den japanischen Pink-Film und nutzen diesen als experimentelle Spielwiese. Gelungene Beispiele dafür finden sich auch in Heaven´s Story. Zu erwähnen ist insbesondere die Parallelmontage von Geburt und Tod gegen Ende des Films. Die Vielfalt der filmischen Mittel von wackliger Handkamera über Animationssequenzen schafft ein teilweise wunderschönes, teilweise herausforderndes Gesamtkunstwerk – herausfordernd vor allem, wenn die Kamera bei emotionalen Szenen in extremer Nahaufnahme auf den Gesichtern bleibt und dem Zuschauer keine Fluchtmöglichkeit lässt. Und Heaven´s Story ist ein sehr emotionaler Film: In wenigen japanischen Filmen wird so viel gebrüllt und getobt wie in diesem. Zeitsprünge und die Schar an Charakteren machen es dem Zuschauer auch nicht gerade leichter der Handlung zu folgen.

Im Mittelpunkt der verschiedenen Handlungsstränge, die die Figuren miteinander verbinden (wie die Fäden an denen Marionetten hängen, nur dass hier die Fäden nicht von einem großen Puppenspieler gehalten werden, sondern hier alles mit jedem verknüpft ist), stehen drei Tragödien. Die Familie der kleinen Sato wird in ihrem eigenen Wohnzimmer von einem jungen Mann niedergestochen, der sich seiner Strafe durch Selbstmord entzieht. Tomoki Sato verliert Frau und Kind als ein anderer junger Mann, Aikawa, Tomokis Frau erschlägt und vergewaltigt und seine kleine Tochter ertränkt. Sato sieht im Fernsehen, wie Tomoki dem Mörder Rache schwört. Für sie macht dies Tomoki zu ihrem Held, der Rache ausüben wird, wie es ihr nicht möglich war.  Drittens stirbt ein Mann, nachdem er einen Polizisten, Takagi, mit dem Messer bedroht und versucht hat, ihm die Waffe zu entreißen, als sich dabei ein Schuss löst. Der Polizist fühlt sich schuldig und lässt der Familie des Verstorbenen regelmäßig Geld zukommen und nimmt dafür sogar noch einen „Teilzeitjob“ als Auftragsmörder an. Daneben gibt es zahlreiche weitere Figuren und Handlungsstränge. Die Puppenmacherin Kyoko (gespielt von der bekannten Sängerin Yamasaki Hako), die an Alzheimer erkrankt und Aizawa, den Mörder von Tomokis Familie, der sich nach seiner Entlassung um sie kümmert, adoptiert. Haruki, der Sohn des alleinerziehenden Polizisten/Part-time-killers, gerät immer wieder in Schwierigkeiten, weil er die Schule schwänzt und die falschen Leute bestiehlt. Eine hörbehinderte Rockmusikerin bricht mit Hilfe des Schlüsseldienstes (es handelt sich um Tomoki) in das Apartment ihres Ex-freundes ein und zwingt dann Tomoki, den Abend mit ihr zu verbringen.

Screenshot von der offiziellen Homepage des Films unter http://heavens-story.com

Bei Heaven´s Story handelt es sich nicht um ein geradliniges Rachedrama, denn die Kategorien Täter und Opfer werden immer wieder verkehrt und in Frage gestellt. Die Opfer werden zu Tätern und die Täter zu Opfern. Zudem stehen nicht die Taten im Mittelpunkt. Nur einer der Morde wird überhaupt gezeigt. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Leben der Opfer und Täter nach der Katastrophe.

Den Rahmen des Films bildet ein japanisches Puppentheater, das von verschiedenen japanischen Theatertraditionen inspiriert wurde. Diese besondere Theaterform genannt Dondoro wurde von dem Solokünstler Hoichi Okamoto 1974 begründet. Er benutzte lebensgroße Puppen und Nô-Masken sowie  Elemente des Butô. Okamoto geht es in seinen Aufführungen mehr um die Ausstrahlung der Puppen an sich und weniger darum eine Geschichte zu erzählen. Zwar lässt Takahisa auch die Atmosphäre des Puppenspiels wirken, aber er nutzt sie auch um ein Gleichnis  zu erzählen von einem Monster, das in die Berge kam und niemandem etwas Böses wollte. Die Menschen aber machten Jagd auf es und so tötete es. Jeder der Getöteten wurde ebenfalls zu einem Monster, weshalb es so viele Monster gäbe. Diese Geschichte verweist auf den mythischen Charakter des Films, der auch im Titel angedeutet wird. Der Himmel in Heaven´s Story unterscheidet sich jedoch von dem der christlichen Religionen. Takahisa beruft sich eher auf shintoistische Vorstellungen, nach denen Götter nicht oben im Himmel seien, sondern im Diesseits unter uns weilen und in allen Dingen wohnen können und die Menschen ständig beobachten.

Dondoro-Theater (siehe http://www.yumehina.net/dondoro/index.htm)

Eine prominente Rolle in Heaven´s Story spielt auch der Ablauf der Jahreszeiten, der fast schon kitschig in Szene gesetzt wird. Kirschblüten, die Hitze des Sommers, die Blüte der Hortensien, Matsuri, Herbstlaubfärbung, Weihnachten und Kälte und Schnee des Winters: Die neun Kapitel sind bestimmten Jahreszeiten zugeordnet. Takahisa teilte  dafür den Drehplan in fünf Abschnitte, die jeweils 10 Tage dauerten. In einem Interview begründete Takahisa dies damit, dass die Jahreszeiten natürlich einen großen Einfluss auf das Spiel der Schauspieler hätten, aber auch die Normalität symbolisieren sollten, mit der das Leben nach einer Tragödie weiterlaufe. (Das Interview kann auf der Homepage der Berlinale nachgelesen werden.)

Die Stadt liegt unter dem Himmel als sei nichts passiert

Eindrucksvoll sind auch die Schauplätze des Films, insbesondere die „Paradies über den Wolken“ genannte Ruinenstadt an den Matsuo-Minen in der Iwate Präfektur (siehe Screenshot der offiziellen Homepage von Heaven´s Story) und ein Stadtteil der Stadt Takahagi in der Präfektur Ibaraki, der, obwohl keine Insel, nur per Fähre und mit dem Fahrrad erreicht werden kann. Diese Orte vermitteln eine besondere Stimmung und repräsentieren für Takahisa eine besondere Beziehung zum Himmel. Im Fall von Takahagi sei der Ort von dem Meer von der übrigen Welt getrennt und durch die im Hintergrund sichtbaren Fabrikschornsteine mit dem Himmel verbunden.

Die Liste der Motive und Interpretationsmöglichkeiten ließe sich noch weiter fortführen. Zu komplex ist der Film um ihm in einer kurzen Filmkritik gerecht zu werden. Abschließend kann man sagen, dass Heaven´s Story sicher kein einfacher Film ist, aber einer, der einen so schnell nicht mehr los lässt.

 

Berlinale-Nachlese: Kazoku X („Household X“)

Kazoku X ist einer der Filme, die den ungeübten Berlinale-Zuschauer auf die Geduldsprobe stellen: Man sieht, wie eine Frau die Wohnung sauber macht, die Platzsets auf dem Tisch akkurat ausrichtet, sich ein Glas Wasser einschenkt. Ein Mann im Anzug sitzt spät abends im Café und studiert Computer-Bücher. Ein junger Mann arbeitet nachts auf einer Baustelle und muss sich sagen lassen, dass er die Kehrbewegungen falsch ausführt. Die Kamera lässt sich sehr viel Zeit, eine dreiköpfige japanische Familie bei ihren täglichen Verrichtungen zu beobachen. Es gibt kaum Dialoge und keine Musik, die das alltägliche Nebeneinander der drei Menschen untermalen würde.


Wie Kurosawa Kiyoshis Tokyo Sonata (2008) ist Kazoku X ein Film, der sehr deutlich zeigt, welche Auswirkungen mangelnde Kommunikation auf das Leben in einer Familie haben kann. Während sich in Tokyo Sonata die Familienmitglieder aber zumindest noch zum Essen an einen Tisch setzen, um sich anzuschweigen, kommt es in Kazoku X nicht ein einziges Mal dazu, dass Vater, Mutter und Sohn zusammen essen. Der Esstisch – eigentlich das Zentrum des Familienlebens – wird nur noch von der Mutter genutzt, die als Gesellschaft lediglich den Fernseher hat. Ihrem Mann und ihrem Sohn bietet sie immer wieder etwas zu Essen an, das heißt im übertragenen Sinne ihre mütterliche Zuneigung. Die beiden sind jedoch in ihren eigenen Problemen gefangen und lehnen diese Fürsorge ab.

In Ihrem Ringen um Aufmerksamkeit durchbricht die Mutter schließlich die tägliche Routine. Im Supermarkt kauft sie, die sonst eine Wissenschaft aus dem Kochen gemacht hat, sich große Mengen Fertiggerichte – und schaut sich beim Einladen der Waren in ihren Einkaufskorb wie eine Verbrecherin um. Die Platzsets liegen nicht mehr im rechten Winkel auf dem Esstisch, die Blumen vertrocknen … die Veränderungen deuten sich subtil an.

Autogramm des Regisseurs Yoshida Kôki

In einer wunderschönen Plansequenz zeigt der Regisseur Yoshida Kôki, wie die Mutter mit prallgefüllten Supermarkttüten durch ihre Wohnsiedlung mit den elend gleichen Häusern läuft. Die Menschen auf der Straße sind laut, fröhlich, beschäftigt. Die Mutter aber läuft, als gehe sie das alles nicht an, sie geht am Leben vorbei und das Leben an ihr.

Kazoku X wirkt wie eine bitterböse Obduktion des klassischen Mittelschichts-Familienmodells. Das Elend eines Salaryman-Lebens wird ebenso deutlich gezeigt wie die Abgründe, die eine Hausfrau erwarten können. Durch den Sohn kommen auch noch die Probleme von jungen Menschen ins Spiel, die sich in prekären Arbeitsverhältnissen befinden und keine Zukunftsperspektiven sehen. Der 30-jährige Regisseur erklärte allerdings bei der Berlinale, dass sein Hauptanliegen weniger Gesellschaftskritik gewesen sei als das Verarbeiten persönlicher Ängste. Er selbst werde vielleicht bald eine Familie gründen und habe Angst, dass es ihm so gehen könnte wie der „Familie X“ in seinem Film: „Das X könnte auch für Yoshida stehen, was Sie gesehen haben könnte einmal meine eigene Gegenwart werden.“

Yoshida sieht die Mutter in seinem Film auch als Sklavin des sogenannten sekentei 世間体, des äußeren Scheines, der gegenüber dem Umfeld, der Nachbarschaft, gewahrt werden muss. So achtet sie peinlichst genau darauf, dass ihre Mülltüten ordentlich verschlossen sind, damit die Nachbarin die Überreste der „sündigen“ Fertiggerichte nicht sehen kann. Neben der gesellschaftlichen Kontrolle quält die Mutter auch das eigene Haus, das so sehr den Konventionen entspricht. „Das Haus ist für mich ebenso ein Protagonist wie die anderen Figuren“, erklärte Yoshida.

Yoshida arbeitete für den Film mit einem Stipendium des Pia Film Festivals, das er 2008 mit seinem Film Shôrei X („Symptom X“) gewonnen hat. Es gelingt ihm in Kazoku X, die Eintönigkeit und Tristesse des Familienlebens sehr eindrucksvoll in Bilder zu bannen. Für manche Berlinale-Zuschauer wohl etwas zu lebensnah, denn nicht wenige verließen den Saal vorzeitig oder fluchten anschließend über den Film.