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Neon Tokyo: Enter the Void

Ein schrill-eindrückliches Neon-Wunderwerk hat Tito, der Mitbewohner von Oscar, in seinem WG-Zimmer aufgebaut. Die Mini-Wolkenkratzer mit blinkenden Reklameschildern („Love Hotel“) sind eine Stadt in der Stadt, denn das WG-Zimmer liegt irgendwo mitten im Häuserwald von Tokyo.

Das Tokyo, das Gaspar Noé in seinem (Experimental)film „Enter the Void“ zeigt, ist ebenso ein Baukasten-Tokyo wie das in Titos Zimmer. Es scheint, als habe Noé massenhaft Quader aufgestellt, das Deckenlicht ausgeschaltet und befeuere den Zuschauer nun über 160 Minuten lang mit einem Blinklichtspektakel. In Noés Tokyo ist es immer Nacht, psychedelische Drogen und Sex sind omnipräsent und die Nachtclubs tragen Aufschriften wie „Sex Money Power“. Die Figuren, die der Regisseur in seiner Kulisse bewegt, sind vor allem Ausländer, die sich treiben lassen und es miteinander treiben.

Die Handlung des Films ist schnell erzählt: Oscar lebt in Tokyo, wo er Drogen konsumiert und verkauft. Seine jüngere Schwester Linda, mit der er sich seit dem Tod der Eltern bei einem Autounfall sehr stark verbunden fühlt, folgt ihm nach Japan und gerät ebenfalls sehr schnell in den Treibsand des Nachtlebens (sie verdingt sich als Stripperin). Bei einer Drogenrazzia wird Oscar von der Polizei erschossen, woraufhin sich sein Geist aus ihm löst. Oscar schwebt nun über dem Neon, blickt auf seine Vergangenheit zurück, beobachtet seine Schwester Linda bei der Verarbeitung seines Todes und geht schließlich in einen neuen Zustand über.

Noé stößt den Zuschauer wirklich mit der Nase darauf, dass er sich bei der Gestaltung seines Drehbuchs am tibetischen Totenbuch Bardo Thödol orientiert: Alex schenkt das Buch seinem Freund Oscar und empfiehlt dringend die Lektüre – bei Oscars Lebenswandel ein nützlicher Tipp, schließlich enthält das Bardo Thödol genaue Anweisungen darüber, was nach dem Tod genau passiert und wie sich der Verstorbene in den entsprechenden Situationen zu verhalten hat. Nachdem auf einer dreckigen Toilette in dem Club „Void“ eine Kugel durch seine Brust geflogen ist, gerät Oscar in eben jene Zwischenzustände, die das tibetische Totenbuch beschreibt: Er durchlebt sein Leben noch einmal, erheischt vielleicht einen Blick auf das „Licht des Seins-an-sich“, geht aber nicht in das Nirvana ein … das Rad der Wiedergeburten dreht sich weiter.

Beeindruckend ist an „Enter the Void“ aber weniger diese Handlungskonstruktion als die gewaltige Bildsprache, die durch eine spektakuläre Kameraarbeit erreicht wird. Bis zu Oscars Tod gewinnt der Zuschauer den Eindruck, wirklich 20 Minuten im Körper des Protagonisten zu verbringen, was durch eine extrem subjektive Kamera, die sogar Oscars Blinzeln imitiert, erreicht wird. Ein ähnliches Verfahren kennt man zum Beispiel aus „Dark Passage“ (1947), in dem man die ersten Filmminuten aus der Sicht eines flüchtigen Sträflings (Humphrey Bogart) erlebt. Zum ersten Mal soll es Rouben Moulian in Dr. Jekyll & Mr. Hyde (1931) eingesetzt haben. Noé treibt die subjektive Kamera nun bis zur letzten Konsequenz – auch als Oscar als Geist durch Tokyo schwebt, in den Kopf des Liebhabers seiner Schwester eindringt und so seine möglicherweise geheimsten Wünsche ausleben kann.

Der Geister-Blick auf das bunt-skandalöse Treiben bleibt dabei eher kühl-distanziert und sorgt dafür, dass dem Zuschauer auch die wildesten Orgien doch etwas lang werden können. Japanologen seien hiermit gewarnt: Wer sich auf „Enter the Void“ einlassen will, den sollte eher die Lust am Visuellen ins Kino führen als die Erwartung, einen Film über Tokyo zu sehen.