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Fukushima-Filme auf der Berlinale: „Nuclear Nation“

Etwas weniger japanische Filme sind dieses Jahr bei der Berlinale vertreten, dafür aber um so wichtigere: Gleich drei Dokumentationen beschäftigen sich mit der Katastrophe vom 11. März.
Auch wenn manch einer das Gefühl haben mag, übersättigt zu sein vom Bildmaterial, das viele Monate die Medien überflutete – verwüstete Landschaften, wirr aufeinandergestapelte Überreste von Häusern, verzweifelte Menschen – auch wenn kritisiert wurde, dass „jeder, der eine Kamera halten kann“ versucht hat, in Nordjapan zu drehen: Filme wie „Nuclear Nation“ haben einen großen Wert, sie können ganz andere Einblicke gewähren als Nachrichtenbilder oder Online-Bildergalerien mit den spektakulärsten Aufnahmen der Verheerung.

Und es ist eben nicht die bloße Verheerung, die der Regisseur Funahashi Atsushi in den Mittelpunkt seines Films stellen will, sondern es ist das Leben der Menschen, die am schwersten von der Katastrophe betroffen sind, und das Warten dieser Menschen. „Deshalb musste der Film auch so lang werden“, erklärt er dem Berlinale-Publikum, „ich wollte damit auch zeigen, wie sich das anfühlt, dieses Warten“. Über 145 Minuten (leider nicht sehr virtuos geschnitten) sehen die Berlinale-Zuschauer, wie die Bewohner des Ortes Futaba auf ihr neues Leben warten. Und sie erfahren, dass auch jetzt noch, während der Berlinale, eine große Anzahl der Menschen aus Futaba in einer Schule in Saitama, ganz in der Nähe von Tokyo, auf engstem Raum wohnt.

Futaba ist ein Ort, der einmal etwas über 7000 Einwohner hatte und direkt neben den Atomanlagen von Fukushima liegt. Über 40 Jahre hat der Ort profitiert von der Atomenergie, sie sorgte für Arbeitsplätze, brachte eine schöne Bibliothek ein, einen Sportplatz … jetzt gibt es keine Menschenseele mehr in Futaba, und in den nächsten fünf Jahren wird dort nur Atommüll aus dem havarierten Kraftwerk eine neue Wohnstatt finden. Auch ob danach wieder Menschen dort leben können, weiß man nicht. Futaba existiert nicht mehr an einem festen Ort, es wandert. 1400 Bewohner wurden zusammen evakuiert, wurden von Halle zu Halle umgesiedelt, bis sie schließlich in der Schule in Saitama landeten.

Funahashi hat für „Nuclear Nation“ nicht mal eben „die Kamera draufgehalten“. Er hat die Bewohner von Futaba über Monate begleitet und will es auch weiter tun, „bis sie einen Ort zum Leben gefunden haben“, wie er sagt. Die Aufnahmen von der Männerrunde, die im Kunstraum fröhlich ihren Sake trinkt, von dem jungen Mann, der um seine Mutter trauert und ihr Bild auf einem Smartphone zeigt, von der morgendlichen Gymnastik, von Konzerten – all das wurde nur möglich, weil Funahashi über Wochen immer wieder da war, zunächst ohne Kamera, um das Vertrauen der Menschen aus Futaba zu gewinnen.

Was würde man haben wollen, wenn man nur ganz wenige seiner Besitztümer retten könnte? Die Bewohner von Futaba durften für zwei Stunden zurück in ihr altes Leben, im Schutzanzug, um ein paar Habseligkeiten aus der verseuchten Heimat zu holen. Ein Mädchen will ihr Tagebuch, eine alte Frau ein Jackett mit Blumen und ihr Mann seine DVD-Sammlung: Mad Max 1 bis 3, Planet der Affen 1 bis 5, Dirty Harry. Die Aufnahmen aus der „Todeszone“ gehören zu den beeindruckendsten des Films.

„Nuclear Nation“ hat viele Helden: Den Bürgermeister von Futaba, der vor wenigen Jahren noch für den Bau von weiteren Reaktoren war und sich jetzt mit einer Videobotschaft an die Berlinale-Zuschauer wendet und sich gegen Atomkraft ausspricht. Den Bauern, der seine Kühe weiter versorgt, obwohl die Regierung will, dass sie getötet werden und sich Fleisch und Milch sowieso nicht mehr verkaufen lassen, denn die Tiere weiden 14 Kilometer nah an der Reaktoren-Leiche. Die Menschen aus Futaba, die in Tokyo auf die Straße gehen und protestieren.

„Nuclear Nation“ ist natürlich auch ein politisches Statement, das verrät schon der Titel. Funahashi hat für seine Sache einen prominenten Unterstützer gefunden: Sakamoto Ryûichi, selbst Atomkraftgegner, hat sich mit einem Lied für den Abspann beteiligt und stand auch mit auf der Berlinale-Bühne. Vielleicht hilft die internationale Aufmerksamkeit Futaba ein wenig – denn bisher hat der Bürgermeister Idogawa noch gegen viele Widerstände zu kämpfen, wie der Film klar macht. Als er seine sehr emotionale Rede vor einem Atom-Ausschuss hält, ist der Minister schon gegangen. Wichtige Termine.

Morgen geht es weiter mit Iwai Shunjis Beitrag, „Friends after 3/11“, einem weiteren Blickwinkel auf das Thema.

 

Infos zu „Nuclear Nation“ und Fotos gibt es auch auf der offziellen Webseite des Films und auf der Berlinale-Seite.

 

Berlinale-Nachlese: Sona – the Other Myself

Ein großer Pluspunkt der Berlinale ist es, durch Filme Einblicke in Länder und Gesellschaften zu bekommen, zu denen man normalerweise keinen Zugang hat. Schon allein deshalb ist der Dokumentarfilm Sona – the Other Myself (2009) ein lohnender Film. Wo sonst kann man ein Nordkorea abseits von Militärparaden und Propaganda erleben und am Leben einer ganz normalen Familie in Nordkorea teilhaben?

Zwar dringt das Politische auch in das gezeigte Privatleben ein, z.B. wenn die kleine Sona vor der Kamera Lieder über den „großen Führer Nordkoreas“ singt. Zudem ist Yangs Familie durch ihren engen Kontakt mit Japan auch nicht unbedingt typisch. Dennoch kann man ein Nordkorea erleben, das in der Berichterstattung der Medien sonst kaum einen Platz findet.

Sona – the Other Myself (ソナ、もうひとりの私) ist der zweite Dokumentarfilm der Japankoreanerin Yang Yong-hi, die sich schon in Dear Pyongyang (2005) mit ihrer Familiengeschichte zwischen Nordkorea und Japan auseinandergesetzt hat. Im Mittelpunkt von Dear Pyongyang stand Yangs Vater, der ein führendes Mitglied der nordkoreanisch affiliierten Organisation der koreanischen Minderheit in Japan war und in den 70er Jahren seine Söhne nach Nordkorea schickte, weil er in Japan keine Zukunft für sie sah und Nordkorea für die in Japan lebenden Koreaner als der sozialistische Himmel auf Erden dargestellt wurde. Yang, die ihren Vater dafür verantwortlich machte, dass ihre Familie auseinandergerissen wurde, versuchte durch ihren Film zu verstehen, warum ihr Vater dies tun konnte und besuchte ihre drei älteren Brüder und deren Familien in Pjöngjang.

Dear Pyongyang wie auch Sona zeigt Videos von den seltenen Familienzusammenkünften in Nordkorea auf der einen Seite, und von Yang Yong-his Eltern in Ōsaka auf der anderen Seite; von riesigen Care-Paketen, Briefen und langen Ferngesprächen am Telefon. Zusammengehalten werden die Szenen durch den Audiokommentar Yangs, der auch teilweise als Untertitel eingeblendet wird.

In Sona – the Other Myself geht es um die Nichte Yang Yong-his, die in Nordkorea lebt. 1995 begegnet sie Sona zum ersten Mal. In einem Interview sagte Yang sie habe sofort einen Film über ihre Nichte drehen wollen, aber zunächst an ein Familienvideo gedacht, das schrittweise das Erwachsenwerden Sonas verfolgt und das sie dann auf der Hochzeit Sonas zeigen wollte. Fünf Jahre später, als Yang in New York Dokumentarfilm studierte, griff sie die Idee von einem Film über ihre Familie wieder auf, aber fokussierte diesen auf ihren Vater, auch um ihre Familie in Nordkorea zu schützen. Das Material von Sona stammt größtenteils aus der gleichen Zeit wie die Aufnahmen aus Dear Pyongyang mit einigen ergänzenden neueren Aufnahmen.

Yang erkennt sich selbst in Sona wieder. Auch wenn sie nicht so weit geht, Sona als ein Spiegelbild ihrer selbst zu sehen, sieht sie doch deutliche Parallelen. Beide sind das einzige Mädchen in einer Familie mit drei älteren Brüdern. Beide mussten früh erleben, wie ihre Familie auseinanderbricht: Yang Yong-hi durch die Trennung von ihren Brüdern und Sona durch die Scheidung ihrer Eltern und später den Tod ihrer Stiefmutter. Und beide stehen an der Grenze zwischen zwei Kulturen: Yang Yong-hi als Angehörige der koreanischen Minderheit in Japan und Sona, durch ihre Kontakte zu ihrer Familie in Japan. Im Audiokommentar zu Sona – the Other Myself sagt Yang sie hoffe, dass sich dieser Kontakt für Sona nicht zu einer Bürde entwickle. Abgesehen davon ist es natürlich für Yangs Familie in Pjöngjang auch nicht ungefährlich namentlich in den Dokumentationen genannt zu werden.

Auch wenn Yang betont, dass ihre Familie ausdrücklich die Erlaubnis für ihr Projekt gegeben habe, wurde ihr vorgeworfen ihre Familie zu verkaufen.

Durch die Verwendung der Familienvideos hat der Film einen sehr privaten und intimen Charakter, der in manchen Szenen mit dem tatsächlichen Medium, dem eines Dokumentarfilms im Widerspruch zu stehen scheint. Wenn Yang beispielsweise ihren von einem Schlaganfall gezeichneten Vater filmt, wirkt der Blick der Kamera beinahe zu voyeuristisch.

Auf der anderen Seite, wenn man die Geschichte des Erwachsenwerdens Sonas und damit verbunden die Geschichte der ganzen Familie Yangs über einen längeren Zeitraum dokumentiert, dann ist es nur natürlich und ehrlich auch die Dinge zu zeigen, die zwar schmerzhaft sind, aber trotzdem zum Leben dazugehören.

Dadurch, dass Yang ihre privaten Erinnerungen mit uns teilt, macht sie uns zum Teil ihrer Familie. Wir nehmen Teil an ihrer Freude und ihrem Leid. Letztendlich ist es das, was diesen Film so besonders macht.

Den Trailer zu Dear Pyongyang findet Ihr hier.

Verfasst von Stephanie Klasen