Schlagwort-Archiv: Berlinale

Berlinale 2011: Heaven’s Story von Takahisa Zeze

 

Einen japanischen Preisträger gab es auf der Berlinale 2011 dann doch noch. Der vier Stunden und 38 Minuten lange epische Spielfilm Heaven´s Story des Regisseurs Takahisa Zeze gewann gleich zwei Auszeichnungen: den FIPRESCI (International Federation of Film Critics) und den NETPAC-Preis (Network for the Promotion of Asian Cinema).

Verdiente Auszeichnungen für einen Film, der es schafft den Spannungsbogen trotz einer solchen Länge bis zum Ende zu halten und der dabei seinen Figuren immer genügend Raum gibt, um sich zu entfalten. Takahisa Zeze revolutionierte in den 90er Jahren als einer der „Pink Shitennô“ (die vier „Himmelskönige“ des Pink) den japanischen Pink-Film und nutzen diesen als experimentelle Spielwiese. Gelungene Beispiele dafür finden sich auch in Heaven´s Story. Zu erwähnen ist insbesondere die Parallelmontage von Geburt und Tod gegen Ende des Films. Die Vielfalt der filmischen Mittel von wackliger Handkamera über Animationssequenzen schafft ein teilweise wunderschönes, teilweise herausforderndes Gesamtkunstwerk – herausfordernd vor allem, wenn die Kamera bei emotionalen Szenen in extremer Nahaufnahme auf den Gesichtern bleibt und dem Zuschauer keine Fluchtmöglichkeit lässt. Und Heaven´s Story ist ein sehr emotionaler Film: In wenigen japanischen Filmen wird so viel gebrüllt und getobt wie in diesem. Zeitsprünge und die Schar an Charakteren machen es dem Zuschauer auch nicht gerade leichter der Handlung zu folgen.

Im Mittelpunkt der verschiedenen Handlungsstränge, die die Figuren miteinander verbinden (wie die Fäden an denen Marionetten hängen, nur dass hier die Fäden nicht von einem großen Puppenspieler gehalten werden, sondern hier alles mit jedem verknüpft ist), stehen drei Tragödien. Die Familie der kleinen Sato wird in ihrem eigenen Wohnzimmer von einem jungen Mann niedergestochen, der sich seiner Strafe durch Selbstmord entzieht. Tomoki Sato verliert Frau und Kind als ein anderer junger Mann, Aikawa, Tomokis Frau erschlägt und vergewaltigt und seine kleine Tochter ertränkt. Sato sieht im Fernsehen, wie Tomoki dem Mörder Rache schwört. Für sie macht dies Tomoki zu ihrem Held, der Rache ausüben wird, wie es ihr nicht möglich war.  Drittens stirbt ein Mann, nachdem er einen Polizisten, Takagi, mit dem Messer bedroht und versucht hat, ihm die Waffe zu entreißen, als sich dabei ein Schuss löst. Der Polizist fühlt sich schuldig und lässt der Familie des Verstorbenen regelmäßig Geld zukommen und nimmt dafür sogar noch einen „Teilzeitjob“ als Auftragsmörder an. Daneben gibt es zahlreiche weitere Figuren und Handlungsstränge. Die Puppenmacherin Kyoko (gespielt von der bekannten Sängerin Yamasaki Hako), die an Alzheimer erkrankt und Aizawa, den Mörder von Tomokis Familie, der sich nach seiner Entlassung um sie kümmert, adoptiert. Haruki, der Sohn des alleinerziehenden Polizisten/Part-time-killers, gerät immer wieder in Schwierigkeiten, weil er die Schule schwänzt und die falschen Leute bestiehlt. Eine hörbehinderte Rockmusikerin bricht mit Hilfe des Schlüsseldienstes (es handelt sich um Tomoki) in das Apartment ihres Ex-freundes ein und zwingt dann Tomoki, den Abend mit ihr zu verbringen.

Screenshot von der offiziellen Homepage des Films unter http://heavens-story.com

Bei Heaven´s Story handelt es sich nicht um ein geradliniges Rachedrama, denn die Kategorien Täter und Opfer werden immer wieder verkehrt und in Frage gestellt. Die Opfer werden zu Tätern und die Täter zu Opfern. Zudem stehen nicht die Taten im Mittelpunkt. Nur einer der Morde wird überhaupt gezeigt. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Leben der Opfer und Täter nach der Katastrophe.

Den Rahmen des Films bildet ein japanisches Puppentheater, das von verschiedenen japanischen Theatertraditionen inspiriert wurde. Diese besondere Theaterform genannt Dondoro wurde von dem Solokünstler Hoichi Okamoto 1974 begründet. Er benutzte lebensgroße Puppen und Nô-Masken sowie  Elemente des Butô. Okamoto geht es in seinen Aufführungen mehr um die Ausstrahlung der Puppen an sich und weniger darum eine Geschichte zu erzählen. Zwar lässt Takahisa auch die Atmosphäre des Puppenspiels wirken, aber er nutzt sie auch um ein Gleichnis  zu erzählen von einem Monster, das in die Berge kam und niemandem etwas Böses wollte. Die Menschen aber machten Jagd auf es und so tötete es. Jeder der Getöteten wurde ebenfalls zu einem Monster, weshalb es so viele Monster gäbe. Diese Geschichte verweist auf den mythischen Charakter des Films, der auch im Titel angedeutet wird. Der Himmel in Heaven´s Story unterscheidet sich jedoch von dem der christlichen Religionen. Takahisa beruft sich eher auf shintoistische Vorstellungen, nach denen Götter nicht oben im Himmel seien, sondern im Diesseits unter uns weilen und in allen Dingen wohnen können und die Menschen ständig beobachten.

Dondoro-Theater (siehe http://www.yumehina.net/dondoro/index.htm)

Eine prominente Rolle in Heaven´s Story spielt auch der Ablauf der Jahreszeiten, der fast schon kitschig in Szene gesetzt wird. Kirschblüten, die Hitze des Sommers, die Blüte der Hortensien, Matsuri, Herbstlaubfärbung, Weihnachten und Kälte und Schnee des Winters: Die neun Kapitel sind bestimmten Jahreszeiten zugeordnet. Takahisa teilte  dafür den Drehplan in fünf Abschnitte, die jeweils 10 Tage dauerten. In einem Interview begründete Takahisa dies damit, dass die Jahreszeiten natürlich einen großen Einfluss auf das Spiel der Schauspieler hätten, aber auch die Normalität symbolisieren sollten, mit der das Leben nach einer Tragödie weiterlaufe. (Das Interview kann auf der Homepage der Berlinale nachgelesen werden.)

Die Stadt liegt unter dem Himmel als sei nichts passiert

Eindrucksvoll sind auch die Schauplätze des Films, insbesondere die „Paradies über den Wolken“ genannte Ruinenstadt an den Matsuo-Minen in der Iwate Präfektur (siehe Screenshot der offiziellen Homepage von Heaven´s Story) und ein Stadtteil der Stadt Takahagi in der Präfektur Ibaraki, der, obwohl keine Insel, nur per Fähre und mit dem Fahrrad erreicht werden kann. Diese Orte vermitteln eine besondere Stimmung und repräsentieren für Takahisa eine besondere Beziehung zum Himmel. Im Fall von Takahagi sei der Ort von dem Meer von der übrigen Welt getrennt und durch die im Hintergrund sichtbaren Fabrikschornsteine mit dem Himmel verbunden.

Die Liste der Motive und Interpretationsmöglichkeiten ließe sich noch weiter fortführen. Zu komplex ist der Film um ihm in einer kurzen Filmkritik gerecht zu werden. Abschließend kann man sagen, dass Heaven´s Story sicher kein einfacher Film ist, aber einer, der einen so schnell nicht mehr los lässt.

 

Berlinale-Nachlese: Kazoku X („Household X“)

Kazoku X ist einer der Filme, die den ungeübten Berlinale-Zuschauer auf die Geduldsprobe stellen: Man sieht, wie eine Frau die Wohnung sauber macht, die Platzsets auf dem Tisch akkurat ausrichtet, sich ein Glas Wasser einschenkt. Ein Mann im Anzug sitzt spät abends im Café und studiert Computer-Bücher. Ein junger Mann arbeitet nachts auf einer Baustelle und muss sich sagen lassen, dass er die Kehrbewegungen falsch ausführt. Die Kamera lässt sich sehr viel Zeit, eine dreiköpfige japanische Familie bei ihren täglichen Verrichtungen zu beobachen. Es gibt kaum Dialoge und keine Musik, die das alltägliche Nebeneinander der drei Menschen untermalen würde.


Wie Kurosawa Kiyoshis Tokyo Sonata (2008) ist Kazoku X ein Film, der sehr deutlich zeigt, welche Auswirkungen mangelnde Kommunikation auf das Leben in einer Familie haben kann. Während sich in Tokyo Sonata die Familienmitglieder aber zumindest noch zum Essen an einen Tisch setzen, um sich anzuschweigen, kommt es in Kazoku X nicht ein einziges Mal dazu, dass Vater, Mutter und Sohn zusammen essen. Der Esstisch – eigentlich das Zentrum des Familienlebens – wird nur noch von der Mutter genutzt, die als Gesellschaft lediglich den Fernseher hat. Ihrem Mann und ihrem Sohn bietet sie immer wieder etwas zu Essen an, das heißt im übertragenen Sinne ihre mütterliche Zuneigung. Die beiden sind jedoch in ihren eigenen Problemen gefangen und lehnen diese Fürsorge ab.

In Ihrem Ringen um Aufmerksamkeit durchbricht die Mutter schließlich die tägliche Routine. Im Supermarkt kauft sie, die sonst eine Wissenschaft aus dem Kochen gemacht hat, sich große Mengen Fertiggerichte – und schaut sich beim Einladen der Waren in ihren Einkaufskorb wie eine Verbrecherin um. Die Platzsets liegen nicht mehr im rechten Winkel auf dem Esstisch, die Blumen vertrocknen … die Veränderungen deuten sich subtil an.

Autogramm des Regisseurs Yoshida Kôki

In einer wunderschönen Plansequenz zeigt der Regisseur Yoshida Kôki, wie die Mutter mit prallgefüllten Supermarkttüten durch ihre Wohnsiedlung mit den elend gleichen Häusern läuft. Die Menschen auf der Straße sind laut, fröhlich, beschäftigt. Die Mutter aber läuft, als gehe sie das alles nicht an, sie geht am Leben vorbei und das Leben an ihr.

Kazoku X wirkt wie eine bitterböse Obduktion des klassischen Mittelschichts-Familienmodells. Das Elend eines Salaryman-Lebens wird ebenso deutlich gezeigt wie die Abgründe, die eine Hausfrau erwarten können. Durch den Sohn kommen auch noch die Probleme von jungen Menschen ins Spiel, die sich in prekären Arbeitsverhältnissen befinden und keine Zukunftsperspektiven sehen. Der 30-jährige Regisseur erklärte allerdings bei der Berlinale, dass sein Hauptanliegen weniger Gesellschaftskritik gewesen sei als das Verarbeiten persönlicher Ängste. Er selbst werde vielleicht bald eine Familie gründen und habe Angst, dass es ihm so gehen könnte wie der „Familie X“ in seinem Film: „Das X könnte auch für Yoshida stehen, was Sie gesehen haben könnte einmal meine eigene Gegenwart werden.“

Yoshida sieht die Mutter in seinem Film auch als Sklavin des sogenannten sekentei 世間体, des äußeren Scheines, der gegenüber dem Umfeld, der Nachbarschaft, gewahrt werden muss. So achtet sie peinlichst genau darauf, dass ihre Mülltüten ordentlich verschlossen sind, damit die Nachbarin die Überreste der „sündigen“ Fertiggerichte nicht sehen kann. Neben der gesellschaftlichen Kontrolle quält die Mutter auch das eigene Haus, das so sehr den Konventionen entspricht. „Das Haus ist für mich ebenso ein Protagonist wie die anderen Figuren“, erklärte Yoshida.

Yoshida arbeitete für den Film mit einem Stipendium des Pia Film Festivals, das er 2008 mit seinem Film Shôrei X („Symptom X“) gewonnen hat. Es gelingt ihm in Kazoku X, die Eintönigkeit und Tristesse des Familienlebens sehr eindrucksvoll in Bilder zu bannen. Für manche Berlinale-Zuschauer wohl etwas zu lebensnah, denn nicht wenige verließen den Saal vorzeitig oder fluchten anschließend über den Film.

Japan bei der Berlinale: Sekai good Morning!

Wie man sich als Oberschüler fühlt weiß der Regisseur Hirohara Satoru, der bei der Berlinale seinen Film Sekai Good Morning („Good Morning to the World“) präsentierte, bestimmt noch ziemlich genau: Schließlich ist er gerade einmal 24 Jahre alt.

Hiroharas Protagonist, der 16-jährige Yuta, der von seine Freunden „Jamira“ genannt wird, hat die besten Voraussetzungen, um ein „Problemjugendlicher“ zu werden. Seine Mutter sieht er nur gelegentlich abends, wenn sie völlig übermüdet von der Arbeit zurückkehrt, zwei Obentôs auf den Tisch stellt und sich mit riesigen Bierdosen tröstet. Seinen Vater kennt er nicht, in der Schule ist er eher ein Außenseiter.

Yuta hat sich einige Strategien ausgedacht, mit denen er seiner Verlassenheit begegnet. Er bespricht Tonbänder, obwohl er weiß, dass sie niemanden interessieren, und er macht sein Bett zur Bühne, auf der er nur für sich bis zur Erschöpfung Luftgitarre spielt. Den Zuschauer lässt der Regisseur diese Szenerie wie durch eine Glasscheibe beobachten. Mit der immer gleichen Einstellung fällt der Blick frontal in das Zimmer, es gibt keine Schnitte, keine Details. Wie als hätte man die Wand eines „ganz normalen“ japanischen Wohnhauses herausgetrennt, um die „ganz normalen“ Vorgänge darin offenzulegen.

Auf seinen Streifzügen durch die Sommerhitze in Tokyo geschieht dann aber doch etwas Ungewöhnliches. Yuta kommt in den Besitz der Tasche eines Obdachlosen, der von pöbelnden Jugendlichen erschlagen wurde. Yuta will mehr über den toten Mann erfahren und nutzt den Inhalt der Tasche, um das Rätsel seiner Herkunft zu ergründen.

Sekai Good Morning ist mit einfachen Mitteln gedreht und die Berlinale-Leinwand wirkte etwas überdimensioniert für diesen kleinen Film. Dennoch lohnt es sich, den Film zu sehen – gibt er doch einen sehr einfühlsamen Einblick in das Leben eines Jugendlichen, für den das, was in Japan unter „Familie“ verstanden wird, etwas Abstraktes ist, das er nie kennengelernt hat.

Familie ist auch das zentrale Thema eines anderen Berlinale-Films, den wir hier in Kürze vorstellen werden.

Einen Trailer zu Sekai Good Morning kann man sich auf der Homepage des Pia Film Festivals ansehen, wo der Film 2010 im Wettbewerb war.

Japan bei der Berlinale: Byakuyakô / Byakuyakou

Am Wochenende gab sich bei der Berlinale einer der großen Jung-Stars des japanischen Films die Ehre: Die Schauspielerin Horikita Maki, vor allem bekannt durch Fernsehserien wie Hanazakari no kimitachi e, war angereist, um ihren aktuellen Film Byakuyakô 白夜行 („Into the white night“) vorzustellen. Dieser ist in Japan bereits am 29. Januar angelaufen und hat mit einem Einspielergebnis von über 78 Millionen Yen an den ersten beiden Tagen einen fulminanten Start hingelegt.

Der Erfolg ist nicht verwunderlich, schließlich hat der Film des Regisseurs Fukugawa Yoshihiro alles, was ein Blockbuster braucht: An der Seite von Horikita spielt der Beau Kôra Kengo (Hebi ni piasu, Fish Story, Kanikôsen), die Geschichte basiert auf einem Bestseller des Kriminalautors Higashino Keigo und die aufwändigen Locations lassen ein großes Budget erahnen.

Der Thriller besticht vor allem zu Anfang durch seine düsteren, grauen Bilder, die minutiös das Ôsaka im Jahre 1980 nachzeichnen. Die Polizei recherchiert im Elend eines Slums am Rande der Stadt, bespricht sich in kahlen schäbigen Büros und zu all dem prasselt unaufhörlich der Regen. Ein Mord an einem Pfandleiher wird für den Polizisten Sasagaki zum Ausgangspunkt eines Rätsels: Zwar scheint der Fall bereits nach kurzer Zeit aufgeklärt, für den Ermittler bleiben jedoch viele Fragen offen, die ihn durch die folgenden Jahrzehnte begleiten werden. Erst im Jahr 1998, als er bereits pensioniert ist, hat er alle Fäden in der Hand und versteht, welch ungeheuerliche Geschichte hinter dem zunächst simpel erscheinenden Mord steht. Schlüsselmotive, die den alternden Polizisten auf die Spur des Geheimnisses führen, sind die kunstvollen Scherenschnitte, die der Sohn des Mordopfers anfertigt, der Roman „Vom Winde verweht“ und das Morsealphabet.

Autogramm des Regisseurs Fukugawa Yoshihiro

Für Byakuyakô kam eine spezielle Technik zum Einsatz, bei der der Vorgang des Bleichens bei der Farbfilmentwicklung ganz oder teilweise ausgelassen wird (Bleach-Bypass-Effekt). Dieses Verfahren führt zu einer geringeren Farbsättigung und einem höheren Kontrast – sehr stimmig für die Schilderung des tristen Lebens in den Slums von Ôsaka. Fukugawa orientierte sich an  Ichikawa Kons Film Otôto (1960), bei dem erstmals mit diesem Effekt gearbeitet wurde. Byakuyakô spielt zwar auch vor dem Hintergrund des Platzens der Wirtschaftsblase, aber dem Regisseur ging es mehr um das traumatische Erlebnis, das den Hintergrund der Geschichte bildet – „So etwas kann überall und zu jeder Zeit passieren“, erklärte Fukugawa. (Um was es sich genau handelt, wird hier nicht verraten, um die Spannung nicht zu verderben).

Horikita tut in Byakuyakô das, was sie am besten kann: Unnahbar und unergründlich aussehen. Im wahren Leben ist die Aktrice, wie das Publikum bei der Premiere im Cinemaxx am Potsdamer Platz erleben konnte, zwar ebenfalls sehr ansehnlich, wirkt aber eher unsicher – die auswendig gelernte Begrüßung auf Englisch endete vorzeitig in Stottern.

Byakuyakô ist gutes Unterhaltungskino, das vor allem Freunde des Genres nicht enttäuschen wird. Da lassen sich auch die eher flachen Charaktere und das allzu melodramatisch in die Länge gezogene Ende leicht verschmerzen.

Einen Trailer kann man sich auf der offiziellen Webseite ansehen.

Berlinale Nachlese: Yamada Yōjis und Abe Tsutomus ‚Kyōto Story‘

Als die Moderatorin vor dem Beginn der Aufführung auf der Berlinale den Film „Tōkyō Story“ ankündigte, war der Versprecher nicht ganz unberechtigt. Schließlich hat Yamada Yōji bei Ozu Yasujiro gelernt und den Titel bewusst an dessen ‚Tōkyō Story‘ (1953) angelehnt. Dies weist auf ein durchgehendes Motiv von ‚Kyōto Story‘ hin, denn im Film und in dessen Produktion geht alles um die Weitergabe von Wissen und die Fortführung von Traditionen von einer Generation zur nächsten.

‚Kyōto Uzumasa Monogatari‘, so der japanische Originaltitel, ist aus einer Zusammenarbeit des Shōchiku Filmstudios und der Ritsumeikan Universität entstanden. Die Shōchiku Studios liegen in genau dem Viertel von Kyōto, das der eigentliche Star des Films ist: Uzumasa. Früher war es das Zentrum der japanischen Filmindustrie, wo die Shōchiku, Daiei und Tōei Studios waren und wo Klassiker wie ‚Rashomon‘ entstanden. Auch heute noch werden dort ab und zu Filme gedreht, wenn auch die heutige Filmindustrie ihr Zentrum in Tōkyō hat, und es gibt dort auch den ‚Tōei Uzumasa Eiga Mura‘ (Tōei Uzumasa Filmpark), der die Vergangenheit wieder aufleben lässt.

Die Story dreht sich um die Bibliothekarin Kyoko (verkörpert von Hana Ebise), Tochter des Besitzers einer Reinigung in Uzumasa, die zwischen zwei Männern steht, ihrer Jugendliebe Kota, der davon träumt als Stand-up Comedian berühmt zu werden, und Enoki Daichi, einem Gastdozenten aus Tōkyō, der möchte, dass Kyoko ihn begleitet, wenn er für mehrere Jahre für einen Forschungsaufenthalt nach Beijing geht. Abgesehen von den drei Hauptdarstellern sind alle Schauspieler Laien, die sich größtenteils selbst spielen (eine weitere Ausnahme ist der Nachtwächter, der von einem bekannten ‚Butoh‘-Tänzer dargestellt wird). Dies und die in den Film eingeflochtenen Interviewszenen verleihen dem Film einen quasi dokumentarischen Charakter.

Die Geschichte wird mit viel Liebe zu den Figuren, insbesondere Nebenfiguren, erzählt. Studenten der Ritsumeikan haben ein Jahr lang in Uzumasa für den Film recherchiert. Sie haben mit den Menschen dort gesprochen und in den Geschäften als Aushilfen gearbeitet, um ein Gefühl für das Leben in dem Viertel zu bekommen.

Yamada Yōji hat sich für das Drehbuch von James Joyce und seinen ‚Dubliners‘ inspirieren lassen. Beides sind Liebeserklärungen an eine Stadt und ihre Menschen. Joyces Figuren versuchen einer hoffnungslosen Situation zu entkommen und schaffen es letztlich doch nicht. In der Kurzgeschichte ‚Eveline‘ plant diese mit ihrem Geliebten nach Buenos Aires auszuwandern. Ihre Mutter und ihr Bruder sind gestorben, ihr Vater ist ein gewalttätiger Alkoholiker, trotzdem kann sie sich ihrer Verantwortung für ihre Familie nicht entziehen und bringt es nicht über sich das Schiff zu besteigen.

„She felt her cheek pale and cold and, out of a maze of distress, she prayed to God to direct her, to show her what was her duty. The boat blew a long mournful whistle into the mist. If she went, to-morrow she would be on the sea with Frank, steaming towards Buenos Ayres. Their passage had been booked. Could she still draw back after all he had done for her? Her distress awoke a nausea in her body and she kept moving her lips in silent fervent prayer. […]No! No! No! It was impossible. Her hands clutched the iron in frenzy. Amid the seas she sent a cry of anguish. — Eveline! Evvy! He rushed beyond the barrier and called to her to follow. He was shouted at to go on but he still called to her. She set her white face to him, passive, like a helpless animal. Her eyes gave him no sign of love or farewell or recognition. “ (Link zum E-text)

Auch Kyoko entscheidet sich dagegen mit Enoki fortzugehen. Anders als bei Joyce jedoch ist das Leben, für das sie sich entscheidet, zwar auch hart, aber durch familiären Zusammenhalt und Wärme gekennzeichnet. Bei Yamada ist es wohl weniger die Unmöglichkeit zu Entkommen, als eine Entscheidung für etwas: Für die Familie und die heimatliche Gemeinschaft und für die Annahme von Traditionen. Dennoch hätte man sich für Kyoko ein glücklicheres Ende wünschen können als eine Zukunft als Heimchen am Herd.

Willkommen zur Space Show: „Uchū show e yōkoso“ auf der Berlinale

Das Weltall ist qietschbunt und sehr japanisch

In Masunari Kōjis („Read or Die“) neuem Anime Willkommen zur Space Show begegnen fünf Grundschüler einem Alien in Hundegestalt, Pochi, der sie mit auf eine Odyssee durch den Weltraum nimmt, auf der sie einer Vielzahl freundlicher und weniger freundlicher Aliens begegnen. Sie werden verfolgt von einigen Bösewichten, die hinter einer beinahe mythischen Pflanze her sind, die Wasabi nicht unähnlich ist.

Während die Kinder mit Hilfe von Pochi und anderer neu gefundener Freunde versuchen wieder nach Hause zu kommen und gegen die verbrecherischen Aliens zu bestehen, müssen sie vor allem lernen auf ihre eigene Stärke und einander zu vertrauen. Die Werte, die hier vermittelt werden sind dabei durchaus klassisch und mit einer großen Portion ganbaru-Spirit versehen. Es ist auch sehr auffällig, dass in beiden Animebeiträgen auf der Berlinale eine Science-Fiction Welt durch ein sehr ländliches Japan kontrastiert wird.

Die Charaktere sind sicherlich sehr fantasievoll gestaltet, wie auch das Design insgesamt ansprechend ist. Man hat jedoch das Gefühl, dass die Handlung den optischen Effekten untergeordnet wurde. Es erinnert an eine Fahrt in einem Vergnügungspark. Schade nur, dass es keine Achterbahn ist, sondern die zockelnde Kinderbahn. Insgesamt ist der Film etwas zu lang.

Die offizielle Seite zu „Uchū show e yōkoso“ findet Ihr hier.

Verfasst von Stephanie Klasen

Berlinale-Nachlese: Sona – the Other Myself

Ein großer Pluspunkt der Berlinale ist es, durch Filme Einblicke in Länder und Gesellschaften zu bekommen, zu denen man normalerweise keinen Zugang hat. Schon allein deshalb ist der Dokumentarfilm Sona – the Other Myself (2009) ein lohnender Film. Wo sonst kann man ein Nordkorea abseits von Militärparaden und Propaganda erleben und am Leben einer ganz normalen Familie in Nordkorea teilhaben?

Zwar dringt das Politische auch in das gezeigte Privatleben ein, z.B. wenn die kleine Sona vor der Kamera Lieder über den „großen Führer Nordkoreas“ singt. Zudem ist Yangs Familie durch ihren engen Kontakt mit Japan auch nicht unbedingt typisch. Dennoch kann man ein Nordkorea erleben, das in der Berichterstattung der Medien sonst kaum einen Platz findet.

Sona – the Other Myself (ソナ、もうひとりの私) ist der zweite Dokumentarfilm der Japankoreanerin Yang Yong-hi, die sich schon in Dear Pyongyang (2005) mit ihrer Familiengeschichte zwischen Nordkorea und Japan auseinandergesetzt hat. Im Mittelpunkt von Dear Pyongyang stand Yangs Vater, der ein führendes Mitglied der nordkoreanisch affiliierten Organisation der koreanischen Minderheit in Japan war und in den 70er Jahren seine Söhne nach Nordkorea schickte, weil er in Japan keine Zukunft für sie sah und Nordkorea für die in Japan lebenden Koreaner als der sozialistische Himmel auf Erden dargestellt wurde. Yang, die ihren Vater dafür verantwortlich machte, dass ihre Familie auseinandergerissen wurde, versuchte durch ihren Film zu verstehen, warum ihr Vater dies tun konnte und besuchte ihre drei älteren Brüder und deren Familien in Pjöngjang.

Dear Pyongyang wie auch Sona zeigt Videos von den seltenen Familienzusammenkünften in Nordkorea auf der einen Seite, und von Yang Yong-his Eltern in Ōsaka auf der anderen Seite; von riesigen Care-Paketen, Briefen und langen Ferngesprächen am Telefon. Zusammengehalten werden die Szenen durch den Audiokommentar Yangs, der auch teilweise als Untertitel eingeblendet wird.

In Sona – the Other Myself geht es um die Nichte Yang Yong-his, die in Nordkorea lebt. 1995 begegnet sie Sona zum ersten Mal. In einem Interview sagte Yang sie habe sofort einen Film über ihre Nichte drehen wollen, aber zunächst an ein Familienvideo gedacht, das schrittweise das Erwachsenwerden Sonas verfolgt und das sie dann auf der Hochzeit Sonas zeigen wollte. Fünf Jahre später, als Yang in New York Dokumentarfilm studierte, griff sie die Idee von einem Film über ihre Familie wieder auf, aber fokussierte diesen auf ihren Vater, auch um ihre Familie in Nordkorea zu schützen. Das Material von Sona stammt größtenteils aus der gleichen Zeit wie die Aufnahmen aus Dear Pyongyang mit einigen ergänzenden neueren Aufnahmen.

Yang erkennt sich selbst in Sona wieder. Auch wenn sie nicht so weit geht, Sona als ein Spiegelbild ihrer selbst zu sehen, sieht sie doch deutliche Parallelen. Beide sind das einzige Mädchen in einer Familie mit drei älteren Brüdern. Beide mussten früh erleben, wie ihre Familie auseinanderbricht: Yang Yong-hi durch die Trennung von ihren Brüdern und Sona durch die Scheidung ihrer Eltern und später den Tod ihrer Stiefmutter. Und beide stehen an der Grenze zwischen zwei Kulturen: Yang Yong-hi als Angehörige der koreanischen Minderheit in Japan und Sona, durch ihre Kontakte zu ihrer Familie in Japan. Im Audiokommentar zu Sona – the Other Myself sagt Yang sie hoffe, dass sich dieser Kontakt für Sona nicht zu einer Bürde entwickle. Abgesehen davon ist es natürlich für Yangs Familie in Pjöngjang auch nicht ungefährlich namentlich in den Dokumentationen genannt zu werden.

Auch wenn Yang betont, dass ihre Familie ausdrücklich die Erlaubnis für ihr Projekt gegeben habe, wurde ihr vorgeworfen ihre Familie zu verkaufen.

Durch die Verwendung der Familienvideos hat der Film einen sehr privaten und intimen Charakter, der in manchen Szenen mit dem tatsächlichen Medium, dem eines Dokumentarfilms im Widerspruch zu stehen scheint. Wenn Yang beispielsweise ihren von einem Schlaganfall gezeichneten Vater filmt, wirkt der Blick der Kamera beinahe zu voyeuristisch.

Auf der anderen Seite, wenn man die Geschichte des Erwachsenwerdens Sonas und damit verbunden die Geschichte der ganzen Familie Yangs über einen längeren Zeitraum dokumentiert, dann ist es nur natürlich und ehrlich auch die Dinge zu zeigen, die zwar schmerzhaft sind, aber trotzdem zum Leben dazugehören.

Dadurch, dass Yang ihre privaten Erinnerungen mit uns teilt, macht sie uns zum Teil ihrer Familie. Wir nehmen Teil an ihrer Freude und ihrem Leid. Letztendlich ist es das, was diesen Film so besonders macht.

Den Trailer zu Dear Pyongyang findet Ihr hier.

Verfasst von Stephanie Klasen

Berlinale-Nachlese: Sawako decides

Autogramm des Regisseurs Ishii Yuya

夢みたいな物はべつにないですし
„Sowas wie einen Traum hab ich eigentlich nicht …“

Sawako, die Hauptfigur von Ishii Yuyas Film Kawa no soko kara konnichi wa („Sawako decides“), hat keine besonderen Ansprüche. Schließlich hat sie selbst längst erkannt, dass sie als Frau nur „unteres Mittelmaß“ ist und das nehmen muss, was ihr gerade vor die Nase kommt. Seit fünf Jahren in Tôkyô, der fünfte miese Zeitarbeits-Job in Folge, der fünfte Freund – Sawako kann nicht gerade eine Muster-Biographie vorweisen. Zwar versucht sie regelmäßig, ihre Sorgen mit Darmspülungen wegzuschwemmen, doch auch das will nicht recht gelingen.

Im japanischen Fernsehen sind Geschichten über perspektivlose junge Menschen in letzter Zeit ein sehr populäres Thema. Die Drehbuchschreiber haben schnell auf die Phänomene reagiert, die mit der Entwicklung einer Polarisierungsgesellschaft (kakusa shakai) und mit der Wirtschaftskrise einhergehen: Jugendarbeitslosigkeit, Präkarisierung, Heiratsproblematik. Alle diese Themen werden in Fernsehserien (terebi dorama) aufgegriffen. Was dann meist folgt ist allerdings eine Bilderbuch-„ganbaru-story“. Der Protagonist findet – ob durch ein bestimmtes Ereignis oder durch die Anregung einer anderen Person – ein neues Ziel im Leben und setzt alle seine Kräfte daran, dieses zu erreichen. Die Botschaft: Wer einen Traum hat, der bringt es auch zu etwas, trotz Wirtschaftskrise.  So zu sehen zum Beispiel in der Serie Ohitorisama (TBS, 2009), in der ein junger „Freeter“ seine Berufung als Lehrer erkennt und so seinen Platz in der Gesellschaft finden kann.

Zwar kommt auch in Ishii Yuyas „Sawako decides“ die Protagonistin irgendwann auf das Zauberwort „ganbaru“, der Regisseur ist jedoch weit davon entfernt, in den üblichen pädagogisch-zurechtweisenden Ton der terebi dorama einzustimmen. Auf sehr krude-ironische Weise schildert Ishii, wie Sawako in ihre Heimat zurückkehrt, um den Süßwassermuschel-Handel ihres schwer erkrankten Vaters zu übernehmen. Was die junge Frau dort erwartet, lässt sich zunächst nur mit Bergen von Dosenbier ertragen …

Der 1983 geborene Regisseur erhielt 2007 für seinen Film Mukidashi Nippon den Preis des Pia Film Festivals, der mit einem Stipendium für einen neuen Film verbunden ist. Aus diesen Mitteln entstand der Film „Sawako decides“, der dieses Jahr in der „Golden Week“ (Mai) in Japan starten soll. Ishii Yuya hatte bereits drei Monate an dem Drehbuch gearbeitet, als die Wirtschaftskrise kam: „Danach habe ich das Drehbuch völlig geändert“, erklärte der Regisseur bei der Berlinale. Für die Hauptrolle konnte Ishii die Schauspielerin Hikari Mitsushima (Ai no mukidashi) gewinnen, die erfrischend unprätentiös daherkommt.

Es bleibt zu hoffen, dass dieser herrliche kleine Film auch in Deutschland einen Verleih finden wird. Auf der Berlinale hat er auf jeden Fall spontan sehr viele Freunde gefunden.

Einen Trailer zu „Sawako decides“ und weitere Informationen gibt es auf der Film-Homepage.

Elisabeth Scherer

Berlinale-Nachlese: Parade

Yukisada Isao ist bereits ein echter Berlinale-Profi. Parade, eine Adaption eines Romans von Yoshida Shuichi, der dafür 2002 den Yamamoto Shugoro-Preis gewann, ist schon der dritte Film, den er auf der Berlinale präsentiert (GO 2002, Kyo no dekigoto 2004).

Vier junge Leute wohnen zusammen in einer WG, aber haben sonst nicht viel gemeinsam. Ryosuke ist Student, jobbt nebenher und ist in die Freundin eines Freundes verliebt. Kotomi ist arbeitslos und schaut den ganzen Tag fern. Am liebsten guckt sie dorama in denen ihr Freund mitspielt, der sie ab und zu mal anruft, wenn er Sex haben will. Mirai ist Zeichnerin und verbringt die Abende in irgendwelchen Bars. Naoki ist scheinbar der normalste unter den WG-Bewohnern. Er arbeitet für einen Filmverleih und ist der Hauptmieter der Wohnung. Eines Morgens finden die Mitbewohner Satoru schlafend auf ihrem Wohnzimmersofa. Anscheinend hat Mirai den Stricher auf einer ihrer abendlichen Streifzüge aufgegabelt und mit nach Hause genommen, auch wenn sie sich nicht mehr daran erinnern kann. Satoru bleibt und wird in die Gemeinschaft mit aufgenommen als wäre er schon immer da gewesen. Als in der Nachbarschaft ein Killer umgeht, der nachts Frauen überfällt, wird deutlich wie wenig die Mitbewohner voneinander wirklich wissen.

Parade kritisiert die Oberflächlichkeit der heutigen (japanischen) Gesellschaft. Für das reibungslose Zusammenleben ist es notwendig in den gemeinsamen Raum nur das hineinzutragen, was für alle akzeptabel ist. Man isst zusammen, lacht zusammen und schaut zusammen fern, aber seine Geheimnisse behält man lieber für sich. Umgekehrt sieht man von den Anderen auch nur so viel wie sie zeigen wollen, auch wenn alle eigentlich Bescheid wissen.

Yukisada treibt diese Toleranz in seinem Film bis ins Absurde, wenn sich herausstellt, dass einer der WG-Bewohner ein Mörder ist – und alle wissen es schon lange.

Andererseits ist Parade auch ein ausgesprochen unterhaltsamer Film mit vielen kleinen witzigen Szenen, z.B. wenn Ryosuke und Kotomi versuchen herauszufinden, ob in der Nachbarwohnung ein Bordell betrieben wird.

Positiv hervorzuheben ist auch das hervorragende Cast, insbesondere Hayashi Kento als abgebrühtes Straßenkind Satoru und Kanjiya Shihori als Kotomi.

Ein Grund zur Freude: Parade gewann auf der Berlinale den FIPRESCI-Award (Fédération Internationale de la Presse Cinématographique) als bester Film in der Sektion Panorama.

Stephanie Klasen

Berlinale-Nachlese: Otôto / Otouto

Yamada Yôji mit der Berlinale-Kamera. Foto: Richard Hübner (c) Berlinale

Yamada Yôji (79), vor allem bekannt als der Regisseur der Serie Otoko wa tsurai yo („Tora-san“), zeigte auf der diesjährigen Berlinale sehr große Präsenz: Mit Kyôto Uzumasa Monogatari („Kyoto Story“) und Otôto („About her brother“) stellte er gleich zwei Filme vor, er bekam die Berlinale-Kamera verliehen und stellte sich in einer Diskussionsrunde den Fragen der jungen Filmschaffenden des „Berlinale Talent Campus“. Otôto, der als Abschlussfilm bei der Preisverleihung gezeigt wurde, ist ein klassisches Familiendrama, das stark von Yamadas Wurzeln im japanischen Studiosystem geprägt ist.

Als Yamada 2008 mit seinem Film Kâbei („Our Mother“) zur Berlinale aufbrach, erfuhr er noch auf dem Flughafen in Japan, dass sein Kollege Ichikawa Kon gestorben sei. „Ich war sehr traurig, Ichikawa war ein großes Vorbild für mich“, erklärte Yamada beim Berlinale Talent Campus. In Berlin habe er dann viel über Ichikawa nachgedacht und beschlossen, als Hommage an Ichikawa einen Film zu machen, der sich an dessen Otôto (おとうと, 1960) anlehnt.

Bei Yamada wie Ichikawa geht es um das Verhältnis einer älteren Schwester zu ihrem jüngeren Bruder, einem rechten Taugenichts, der die Liebe seiner Schwester mit immer neuen Fehltritten auf die Probe stellt. Eine tragische Wende nimmt die Geschichte, als der kleine Bruder schwer erkrankt und keine Aussicht mehr auf Heilung besteht.

Tetsurô, der kleine Bruder in Yamadas Otôto, lässt starke Parallelen zu Tora-san, dem herumziehenden Händler und Spieler, erkennen. Wie Yamada selbst sagt, sind beide ほんとうにだめな男, „wirklich nutzlose Männer“. Aber auch wenn sie die Hochzeit ihrer Nichte ruinieren, viel zu tief ins Glas schauen oder ihr ganzes Geld verspielen, sind Yamadas Figuren deshalb nicht weniger liebenswert und sehen in ihrer Torheit vielleicht einige Dinge sogar klarer als ihre Mitmenschen.

In Otôto zeigt sich aber nicht nur der Einfluss Ichikawas, auch Ozu Yasujirôs Filme, in denen immer die Familie im Mittelpunkt steht, bildeten einen Ankünpfungspunkt für Yamada Yôji. Als Yamada bei den Shôchiku-Studios als Drehbuchautor und Regieassistent sein Handwerk lernte, drehte Ozu dort gerade seine späten Meisterwerke wie Sôshun („Früher Frühling“) oder Ohayô („Guten Morgen“). Zwar mochte Yamada Yôji, wie er beim Talent Campus berichtete, Ozus Filme damals nicht besonders, weil sie ihm furchtbar altmodisch (furukusai) vorkamen und ihn die französische Nouvelle Vague viel stärker interessierte.

Heute aber sieht er sich klar in der Tradition der großen Familienfilme des Shôchiku-Studios, die häufig in einem begrenzten Umfeld – dem Familienhaushalt – spielen und einen Schwerkpunkt auf die Darstellung des Lebens in einfachen Verhältnissen legen. So lebt auch Ginko, die Protagonistin in Otôto, mit ihrer erwachsenen Tochter Koharu in einem unscheinbaren Vorort von Tôkyô und versucht, mit ihrer kleinen Apotheke gegen die Konkurrenz durch große Ketten zu bestehen. Mit den etwas kauzigen anderen Bewohnern ihres Viertels verbindet sie nicht nur die Angst vor einem geplanten Einkaufszentrum, sondern auch eine enge Freundschaft.

Otôto ist ein Film, bei dem Humor, Trauer und Humanismus eine enge Bindung eingehen. Hier hat sich Yamada Yôjis Erfolgsrezept bewährt: 「映画は商品ではなく、作品です。」– „Filme sind keine Waren, sie sind Kunstwerke.“

Das Filmdatenblatt der Berlinale zu Otôto gibt es hier und einen Trailer auf der offiziellen Webseite.

Elisabeth Scherer