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Letzte Berlinale-Nachlese: Senzo ni naru („Roots“)

Ohayô! Kyô mo ganbarimashô!
„Guten Morgen! Lass uns auch heute unser Bestes geben!“

 

Dieser Satz, gerufen durch einen gelben Trichter, steht am Anfang des Dokumentarfilms Senzo ni naru 先祖になる („Roots“), der bei der Berlinale vorgestellt wurde. Die Stimme, die durch den Trichter schallt, gehört zu Satô Naoshi, dem mittlerweile 79-jährigen Protagonisten des Films, den der Regisseur Ikeya Kaoru über mehr als ein Jahr begleitet hat. Naoshi, der von seinem gesamten Umfeld vertraulich beim Vornamen genannt wird, hat am 11. März 2011 seinen Sohn durch den Tsunami verloren und das Aramachi-Viertel (in Rikuzentakata, Präfektur Iwate), in dem er lebt, wurde weitgehend zerstört. Das ganbarimashô zu Anfang legt schon den Grundton des Films fest: Es geht nicht in erster Linie um das Leid der Menschen oder um politische Intentionen, sondern um das Schicksal einer einzelnen Person, die mit einem beinahe schon aggressiven Optimismus der gewaltigen Zerstörung trotzt. Das mag auf manche verengt wirken – erwartungsgemäß kam von deutschen Zuschauern der Kommentar, dass sie die Thematisierung von Fukushima vermissten –, trifft in Japan aber sicher auch einen Nerv, zumal der Regisseur mit Naoshi wirklich einen Charakter gefunden hat, der seinesgleichen sucht.

Man erkennt es noch an einer feinen Linie: Mit dem Tsunami kam das Wasser in Naoshis Haus bis in den zweiten Stock. Der Sohn, der sich bei der freiwilligen Feuerwehr engagierte, wurde fortgerissen, als er eine alte Frau in Sicherheit bringen wollte. Doch für Naoshi geht das Leben sofort weiter. Nur einen Tag später, am 12. März, wird seine jüngste Enkelin geboren. Aus Getränkekisten baut er eine Art Hochbett, in dem er zusammen mit seiner Frau und seiner Schwiegertochter, die jetzt Witwe ist, schläft. Kurze Zeit später bestellt sich der Teilzeitbauer und -waldarbeiter eine neue Kettensäge, pflanzt Reis und Buchweizen und freut sich über Gurkenpflanzen, die aus dem Trümmerfeld vor seinem schwer demolierten Haus hervorsprießen.

Wenn Naoshi auf Bäume klettert, dicke Stämme fällt oder dem Regisseur und seinem Kameramann einen gigantischen Penis zeigt, den er für einen kleinen Tempel ausgesägt hat, dann merkt man ihm weder sein Alter an, noch die Prostata-Krebserkrankung, die in seinem Körper schwelt. Naoshi wäre unglaubwürdig, hätte man ihn für ein Drehbuch erfunden. So kann man aber nun staunend beobachten, wie dieser zierliche, drahtige alte Mann tatsächlich alles daran setzt, sein Haus genau an der selben Stelle wieder aufzubauen. Trotz der Gefahr weiterer Tsunamis, trotz der Behörden, die das nicht wollen, und trotz der Tatsache, dass fast alle anderen gegangen sind – inklusive seiner Frau. Mit seinem Optimismus steht Naoshi schließlich ziemlich alleine da, lebt aber konsequent das Leben, das für ihn das einzig lebenswerte ist: An dem Ort, aus dem er stammt, unabhängig von Hilfsleistungen, ehrfürchtig vor der Natur, und gosenzo to ishô ni – „zusammen mit meinen Ahnen“.

Der Regisseur Ikeya hatte zunächst vor, als Volunteer in die Katastrophenregion zu gehen, entschied sich dann jedoch dazu, seinen Teil mit einem Dokumentarfilm beizutragen. Naoshi lernte er auf einem Kirschblütenfest kennen, das dieser im Jahr 2011 zeitnah zur Katastrophe organisiert hatte. Ikeya erinnerte sich bei der Berlinale an einen der ersten Sätze, den er von Naoshi dort hörte: „Die Kirschblüten blühen auch dieses Jahr, wie immer.“ Der Regisseur übermittelte in Berlin eine Grußbotschaft von Naoshi, und aus dem Publikum kamen Antworten dazu, die Ikeyas Kameramann aufzeichnete. So wurde eine – wenn auch sehr zarte – Verbindung zwischen Berlin und Rikuzentaka geknüpft.

Zum Film gibt es eine Webseite, auch auf Englisch, auf der man viele Informationen und einen Trailer findet.

Kein Dokumentarfilm über Walfang: Kujira no machi

Kujira no machi (Stadt der Wale), der auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Panorama gezeigt wurde, ist der Abschlussfilm und erste Spielfilm von Tsuruoka Keiko. Die Handlung dreht sich um die drei Jugendlichen Machi, Hotaru und Tomohiko, die durch Freundschaft aber auch unerwiderte Liebe miteinander verbunden sind: Hotaru liebt Tomohiko, Tomohiko liebt Machi und Machi ist in ihrer eigenen Welt versunken. Auf der Suche nach Machis verschwundenem Bruder, der die Familie vor sechs Jahren verließ, reisen die Freunde nach Tokyo. Da Tsuruoka fast kein Budget zur Verfügung stand, werden alle Rollen von Freunden und Bekannten übernommen, weshalb im Film auch keine Erwachsenen vorkommen. Diese Sachzwänge haben aber ein durchaus positives Ergebnis: Die Vertrautheit der Schauspieler untereinander und mit der Regisseurin erzeugt eine gewisse Intimität, von der der Film lebt und die Abwesenheit von Machis Mutter verdeutlicht die Einsamkeit von Machi.

Auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht so scheint: Auch in diesem Film spielen die Ereignisse vom März 2011 ein wichtige Rolle. Als die Dreifach-Katastrophe passierte, verwarf Tsuruoka ihr bisheriges Drehbuch und fing noch einmal neu an. Der Tsunami wird in Kujira no machi durch das Motiv des Wassers repräsentiert, das sich durch den gesamten Film zieht. Der Tsunami ließ viele Menschen spurlos verschwinden und zurück blieb nur eine Leere. In Kujira no machi ist es Machis Bruder, der verschwunden ist. Zurück bleiben nur ein leeres Apartment und das Tropfen des Wassers.

Der Titel Kujira no machi wurde im Berlinale Programm mit The Town of Whales, die Stadt der Wale, ins Englische übersetzt, kann aber im Japanischen noch anders verstanden werden: Wenn man machi nicht als das japanische Wort für Stadt liest, sondern als den gleichklingenden Namen der Protagonistin. Dann ist Machi der Wal. Im Traum fragt Machis Bruder Teppei sie: „Warum können die Wale nicht an Land bleiben? Weil sie dort ihr Gewicht nicht tragen können, müssen sie ins Wasser zurückkehren.“ Auch Machi ist nur glücklich, wenn sie schwimmen kann. In Situationen von emotionalem Stress kehrt sie ins Wasser zurück. Warum aber gerade ein Wal? „Weil ich Wale mag“, meint die Regisseurin, aber auch weil der Wal ein magisches Wesen sei. Denn Wale seien aus dem Meer gekommen und an Land gegangen, aber dann wieder ins Meer zurückgekehrt.

 

Nicht nur die Symbole des Wassers und des Wals sollen eine magische Stimmung erzeugen. Tsuruoka bedient sich auch verschiedener gestalterischer Mittel zu diesem Zweck. Teilweise wird das Bild so stark überbelichtet, dass das weiße, gleißende Licht den gesamten Frame ausfüllt. Zudem verwendet sie eine Farbtönung, die in manchen Szenen die Farben übernatürlich leuchten lässt.

 

 

Zu dieser magischen Stimmung soll, laut Tsuruoka, auch der Freund des Bruders beitragen, den die drei auf ihrer Suche um Hilfe bitten. Nanao kleidet sich als Frau und benutzt im Japanischen eine weibliche Ausdrucksweise. Diese Ambiguität, die nur eine solch ambivalente Figur auszudrücken vermag, trage zur magischen Stimmung bei. Für Tsuruoka war die Verwendung einer solchen Figur nicht in einem Hinweis auf eine Gender-Problematik verbunden – auch wenn die Publikumsfragen beim Q&A auf der Berlinale darauf hindeuten, dass es als Hinweis auf die sexuelle Orientierung des Bruders gelesen wurde und als mögliche Erklärung für seine Trennung von der Familie.  Übrigens wurde der Film auch von den Teddy-Award-Veranstaltern  in seine Liste der „Queer Films“ der diesjährigen Berlinale aufgenommen. Dies zeigt auch wie unterschiedlich man den Film interpretieren kann.

Fazit: Ein durchaus sehenswerter Film, der viele Deutungen zulässt, einen aber deshalb auch etwas unbefriedigt zurücklässt.

 

Japan auf der Berlinale 2013 – Capturing Dad

 

Capturing Dad (Chichi o tori ni) von Nakano Ryota ist eine Hommage an die Familie. Genauer gesagt an die Mutter des Regisseurs und deren „Coolness“, meint Nakano. Seine Mutter zog ihn und seinen Bruder nach dem Tod seines Vaters allein groß (Nakano war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt).

Im Film wurden die beiden Schwestern Koharu, 17, und Hazuki, 20, von ihrer Mutter aufgezogen, nachdem der Vater seine Familie für eine andere Frau verließ. Nun viele Jahre später bekommt die Mutter der beiden einen Anruf: ihr geschiedener Mann liegt im Sterben und die Mädchen sollen ihren Vater besuchen –  um Abschied zu nehmen und um für ihre Mutter ein Foto von ihm zu machen. Allerdings nicht aus sentimentalen Gründen, sondern damit sie über ihn lachen kann.

Immer humorvoll und liebevoll folgt Nakano den beiden Schwestern, die von Yanagi Erisa und Matsubara Nanoka wunderbar gespielt werden, auf ihrer Begegnung mit der Familie des Vaters. Damit die Mädchen und Watanabe Makiko, die die Mutter der beiden spielt, eine überzeugende Familie darstellen konnten, ließ Nakano die beiden, die sich durch den Dreh erst kennenlernten, händchenhaltend Einkaufen gehen. Und dann mit der Filmmutter Gyôza kochen –  und schon war die Familie da.

Es ist in gewissem Sinne ein sehr „Japanisch“ anmutendender Film. Wer sich mit japanischen Sitten nicht so gut auskennt, rätselt wohl über die Beerdigungsriten, den Job der einen Tochter im Dayclub (als Hostess) und anderes. Dennoch macht dies für manche sicherlich auch mit den Reiz dieses Films aus.

Fazit: Capturing Dad ist, trotz des ernsten Themas, ein „gute Laune“-Film, der einen den japanischen Sommer förmlich auf der Haut spüren lässt.

Für alle, die neugierig geworden sind: Hier der Trailer.

Yamada Yôjis Geschenk an sich selbst: Tôkyô Kazoku

Yamada Yôjis neuer Film Tôkyô Kazoku 東京家族 („Tokyo Family“), der am Mittwoch auf der Berlinale vorgestellt wurde, klingt zunächst mächtig schwergewichtig: Ein Film, mit dem der Regisseur das mittlerweile 50. Jahr seines Schaffens feiert, ein Remake von Ozus Meisterwerk Tôkyô Monogatari, und das auch noch zum 60. Jubiläum dieses Films, der 1953 erschienen ist. Allen Befürchtungen zum Trotz wurde es dann doch ein vergnüglicher Kino-Abend mit einem Film, dessen Drehbuch sehr nah am Original bleibt, aber seine ganz eigene Stimmung entwickelt, eine typische Yamada-Yôji-Stimmung mit vielen Momenten zum Schmunzeln und einigen zum traurig sein.

Seine Qualität gewinnt Yamadas Film nicht aus einer Aktualisierung oder gar einem Einbezug virulenter gesellschaftlicher Tendenzen. Zwar wird auch das Leben der Familie Hirayama, die wir hier kennenlernen, ganz am Rande von der Katastrophe vom 11. März 2011 berührt, zwar bezeichnet sich einer der Söhne selbst als Freeter (wobei er als Bühnenbildner wohl eher der Kategorie „freier Künstler“ zuzuordenen wäre) – diese Elemente wirken jedoch eher wie Randbemerkungen, die Yamada notgedrungen fallen lässt, um nicht zu antiquiert zu wirken. Ansonsten hat sich nämlich für ihn nicht viel geändert seit den 1950er Jahren, als Ozu seinen Film schuf, der so treffend die Kluft zwischen den Generationen im Nachkriegsjapan einfing. Fumiko, die Frau des ältesten Sohnes, sieht man die meiste Zeit mit Schürze in der Küche stehen, immer ihre Pflicht gegenüber der Familie erfüllend. Dass der schusselige Sohn Shôji, den Yamada sozusagen hat auferstehen lassen (bei Ozu war er im Krieg gefallen), plötzlich eine aufgeräumte Wohnung hat, liegt nicht an dessen persönlicher Entwicklung, sondern daran, dass er jetzt eine Verlobte hat – Noriko, der „Engel“ des Films, der sich rührend um die Schwiegereltern kümmert und vor der Ehe auf getrennte Schlafzimmer besteht. Die ryôsai kenbo („gute Ehefrau und weise Mutter“) lässt grüßen.

Wenn man aber die Haltung einnimmt, von dem mittlerweile 81-jährigen Yamada keine gesellschaftskritischen Statements zu erwarten, und sich auf die Geschichte einlässt, so macht sie durchaus Spaß,  nicht zuletzt wegen der großartigen Schauspieler, die der Regisseur gewinnen konnte. Wie bei Ozu wirkt das ältere Ehepaar, das von einer Insel vor Hiroshima nach Tokyo gereist kommt, wie aus einer anderen Zeit. Zwar hat die 68-jährige Tomiko (Yoshiyuki Kazuko) gelernt, wie man ein Handy benutzt, dennoch erscheint es in ihrer Hand wie ein Fremdkörper, wenn sie mit ihren Kindern telefoniert. Ihr Mann Shûkichi (Hashizume Isao) wundert sich, dass der Enkel abends noch zu einer Nachhilfeschule gehen muss: Taihen da ne – Tôkyô no ko wa. („Die Kinder in Tokyo haben es schon schwer“).

Eine der stärksten Episoden des Films ist der Kurztrip, den die Kinder ihren Eltern schenken, um sie für eine Weile loszuwerden – schließlich sind alle zu beschäftigt. Während Ozu seine Protagonisten nach Atami, ein Seebad, schickte, landen Tomiko und Shûkichi bei Yamada in einem schicken Hotel hoch über Minato Mirai, dem futuristisch anmutenden Viertel am Hafen von Yokohama. Ein Luxus, vor dem sie hilflos stehen wie Kinder. So sitzen sie schließlich am hellichten Tag in ihrem Zimmer und haben nichts anderes zu tun, als das Riesenrad vor ihrem Fenster bei seinen gemächlichen Drehungen zu beobachten und sich an ein erstes Rendezvous und den „Dritten Mann“ zu erinnern. Wenn das Ehepaar beinahe resigniert vor seinem feinen europäischen Essen und den zahlreichen Besteckoptionen des Nobelrestaurants sitzt, hat das nichts Lächerliches, sondern man fühlt einfach mit.

Yamada hat sich auch in der Wahl seiner Kameraeinstellungen an Ozu orientiert. Als Regieassistent hat er einst selbst miterleben können, wie der Meister seinen Szenenaufbau gestaltete. Spürbar wird die stilistische Hommage an Ozu vor allem in den häuslichen Episoden, in denen die Kamera häufig die „Tatami-Perspektive“, also die Perspektive eines am Boden sitzenden Menschen, einnimmt. Auch deshalb kommen wohl so viele Zimmer im japanischen Stil vor.

Yamada Yôjis Tôkyô Kazoku ist vergnüglich, aber ohne die Schärfe und Aktualität, die Tôkyô Monogatari auszeichnen. Wenn der alte Vater in Tôkyô Kazoku sagt „jetzt sind wir obdachlos“, dann lacht der Kinosaal. Bei Tôkyô Monogatari hatte dieser Satz eine ungleich resigniertere Note. Yamada als ewiger Optimist kann eben die Familie nicht verloren geben.

 

Einen Trailer gibt es auf der offiziellen Webseite.

Japan auf der Berlinale 2013 / Cold Bloom

Die Auswirkungen der Katastrophe vom 11. März 2011 auf das Filmschaffen in Japan sind auch auf der diesjährigen Berlinale wieder sehr deutlich spürbar. Dass dieses Jahr nur fünf neue Filme aus Japan in Berlin vertreten sind – merklich weniger als in den Vorjahren – zeigt, dass die Filmindustrie sich nur langsam erholt. Drei der fünf Filme beschäftigen sich außerdem direkt oder indirekt mit der Katastrophe. Heute Abend feiert im Friedrichstadtpalast Yamada Yôjis neuer Film Tokyo Kazoku 東京家族 („Tokyo Family“) seine Premiere, ein Remake des Meisterwerks von Ozu Yasujirô. Ein gewagtes Projekt, auf das man gespannt sein darf.

Funahashi Atsushi, der letztes Jahr seinen eindringlichen Dokumentarfilm „Nuclear Nation“ vorgestellt hat, präsentierte am Montag sein neues Werk Sakura namiki no mankai no shita ni 桜並木の満開の下に („Cold Bloom“), eine Liebesgeschichte, die sich in einer von dem Tsunami gebeutelten Region entfaltet.

 

„Cold Bloom“ ist aus einer Menge vielversprechender Zutaten zusammengemengt. Mit der Stadt Hitachi in Ibaraki-ken hat Funahashi Atsushi eine Location gefunden, an der sich vieles konzentriert: Die Zerstörung durch den Tsunami, der langsame Zerfall einer ehemaligen Keimzelle der japanischen Wirtschaftskraft und die Perspektivlosigkeit der örtlichen Jugendlichen. Die Szenerie wird bestimmt von alten Fabrikgebäuden, Trümmerresten und einem wild schäumenden Meer. Die altmodische kleine Firma, in der die Geschichte spielt, ist ein treffend gewählter Ort für das Aufbäumen gegen den Niedergang einer Region. Per Hand stanzt eine Handvoll Mitarbeiter an altmodischen Maschinen Metallteile aus, der Computer im Büro ist eine Antiquität und die morgendlichen Parolen von einer „akarui mirai“, einer strahlenden Zukunft, wirken reichlich bizarr.

Funahashi ließ Beobachtungen in seinem Film einfließen, die er während seiner Reisen in der Region gemacht hat. Der Streit zwischen japanischen und chinesischen Arbeitern, der in dem Film immer wieder einmal aufbrandet, verdeutlicht nach Ansicht des Regisseurs ein Symptom, das sich derzeit in Japan beobachten ließe: „Menschen sind unzufrieden, können aber niemanden direkt dafür anklagen, deswegen lassen sie es an dem Typen aus, den sie direkt vor sich haben.“ – In diesem Fall der chinesische Arbeiter, der fleißig ist, weniger Geld nimmt und daher zur Konkurrenz wird.

Funahashi hat hier also einen vielschichtigen Hintergrund für eine Geschichte gewählt, deren Umsetzung schon vor 3/11 geplant war und in ihren Grundzügen unverändert geblieben ist. Mit seiner Geschichte hatte Funahashi nach Eigenaussage nicht weniger vor, als die „essence of human mind“ einzufangen. Stattdessen ist es aber leider nur eine schleppende und wenig glaubwürdige Liebesgeschichte geworden, die nicht nur unter dem plumpen Spiel der Hauptdarsteller leidet. Den Zuschauer beschleicht das Gefühl, dass dieser Drehort so viele Geschichten zu erzählen gehabt hätte – hätte man ihn gelassen und nicht versucht, ihm ein Buch aus der Schublade aufzupfropfen.

Funahashi verfolgt neben seinen Spielfilm-Projekten auch dokumentarisch das Schicksal der Menschen von Futaba weiter, die im Mittelpunkt von „Nuclear Nation“ standen – das lässt auf einen besseren Film im nächsten Jahr hoffen.

 

Einen Trailer zu dem Film gibt es hier.

Japan bei der Berlinale: Kazoku no kuni

Kazoku no kuni (internationaler Titel: „Our homeland“) ist ein Film, den eigentlich Stephanie Klasen besprechen müsste, unsere Expertin für Filme mit Japankoreaner-Thematik. Da sie aber gerade in Japan weilt, springe ich gerne ein, um diesen  gelungensten japanischen Spielfilm der Berlinale vorzustellen.

Raffiniert ist schon der Titel Films, „Kazoku no kuni“ – „das Land meiner/unserer Familie“. Welches Land damit gemeint ist, bleibt bewusst offen, denn die Hauptfiguren stehen zwischen zwei Ländern, Japan und Nordkorea. Es geht um eine Familie von Japankoreanern (Zainichi), die schon seit mehreren Generationen in Japan lebt. Die Mutter kann schon nicht besonders gut Koreanisch und die Tochter Rie, eine Japanischlehrerin, spricht es gar nicht (auch wenn sie es versteht). Der Vater allerdings ist ein nordkoreanischer Patriot, der sogar der örtlichen nordkoreanischen Vereinigung vorsteht. Auf Betreiben des Vaters ist der Sohn, Sonho, – wie viele Japankoreaner, die sich davon ein besseres Leben erhofften – in den 1970er Jahren im Alter von nur 16 Jahren nach Nordkorea ausgewandert und konnte seither nicht einmal für einen Urlaub zurückkehren. Nun leidet er an einem Hirntumor und hat die Erlaubnis erhalten, für drei Monate nach Japan einzureisen, zur Behandlung. Die Freude über das Wiedersehen mit der Familie wird allerdings nicht nur durch die Krankheit überschattet, sondern auch durch einen hartnäckigen „Aufpasser“, den das Regime mitgeschickt hat.

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen mit Zainichi-Thematik beschäftigt sich „Kazoku no kuni“ nicht damit, welchen Platz Japankoreaner in der japanischen Gesellschaft einnehmen. Nur einmal, ganz kurz, wird diese Problematik angesprochen, als ein homosexueller Zainichi davon spricht, dass die Diskriminierungen weniger geworden seien: „Ich muss es ja wissen, ich bin schließlich eine doppelte Minderheit“. Der Regisseurin Yang Yonghi geht es in ihrem ruhig, aber sehr eindringlich erzählten Film um eine Auseinandersetzung mit dem Land Nordkorea, den dortigen politischen Verhältnissen und Lebensbedingungen. Diese Auseinandersetzung könnte persönlicher gar nicht sein, denn Yang Yonghis Brüder leben in Nordkorea und sie darf seit 2005 nicht mehr in das Land einreisen – zu unbequem wurde die Regisseurin, die mit ihren beiden Dokumentarfilmen „Dear Pyongyang“ und „Sona, the other myself“ sehr kritisch Stellung bezogen hatte. „Ich kann meine Familie nicht mehr sehen, aber ich habe mich trotzdem entschlossen, diese Filme zu machen“, erzählt Yang Yonghi bei der Berlinale, und jeder im Saal kann spüren, wie groß dieses Opfer für sie ist und wie überzeugt sie dennoch von ihrer Arbeit ist.

Die Geschichte, die sie nun in ihrem ersten Spielfilm erzählt, dreht sich wie die beiden Dokumentationen um ihre eigene Familie. Yonghi macht sich selbst zur Protagonistin und erzählt vor allem aus ihrer Perspektive die Geschichte des jüngsten ihrer drei Brüder, der Ende der 1990er Jahre kurz für eine medizinische Behandlung in Japan war.

Es wird sehr deutlich, wie unterschiedlich sich die beiden Geschwister entwickelt haben, die über 20 Jahre in zwei völlig gegensätzlichen Welten gelebt haben. Der Bruder ist eine gebrochene Figur, deren alte Lebensfreude aber in einigen Momenten doch wieder aufkeimen kann. Wie die Familie changiert die Atmosphäre des Films immer zwischen dem Glück über den Augenblick, den man zusammen hat, und tiefer Verzweilfung – denn der Aufenthalt ist begrenzt, der nordkoreanische Staat unerbittlich. Aber wie die Regisseurin selbst stellen sich die Figuren dem Unausweichlichen tapfer entgegen, und sei es mit einem neuen Anzug für den ungeliebten Spitzel, „damit er dort besser angezogen ankommt, als er gegangen ist“. Eine kleine Genugtuung also, wie die Anteilnahme und das Interesse der Zuschauer eine kleine Genugtuung für die Regisseurin sein mögen.

Ein Fukushima-Film von Iwai Shunji: „Friends after 3.11“

„Friends after 3.11“ von dem bekannten Independent-Regisseur Iwai Shunji ist eigentlich kein Film für die große Leinwand. Hauptsächlich zeigt er „talking heads“, das heißt Menschen die Fragen stellen – in diesem Fall sind das der Regisseur selbst und die Schauspielerin Matsuda Miyuki – und Menschen, die darauf antworten. Weil sich „Friends after 3.11“ aber mit der Katastrophe in Japan beschäftigt und der Film damit eine große Aktualität und Brisanz besitzt, hat es die Dokumentation dennoch auf die Berlinale geschafft. In Japan wurde der Film in einer anderen Version im Fernsehen gezeigt, ab 10. März lauft er auch im Kino.

Es ist ein sehr breites Themenspektrum, das Iwai Shunji mit den Interviews anspricht, die er gemeinsam mit Matsuda Miyuki geführt hat, denn die Gesprächspartner könnten diverser nicht sein: Ein Teenie-Star in Schuluniform, der gegen Atomkraft protestiert, Professoren, den Vorsitzenen einer NGO, die sich gegen Selbstmord einsetzt, der Schauspieler Yamamoto Tarô, Journalisten und Regisseure. Viele sind enge Freunde des Regisseurs, der Film war Iwai ein großes Anliegen. Trotz dieser Vielfalt und Motivation bleibt der Ertrag jedoch leider oft dünn und bewegt sich im Bereich von Allgemeinplätzen.

Mitfühlen kann man immerhin mit Kitagawa Eriko, einer Drehbuchautorin, die ihre Sorgen als Mutter äußert und schildert, wie sie sich seit Fukushima fühlt, wenn sie Essen geht: „Ich überlege dann, wo die Zutaten wohl herkommen mögen. Wenn ich aber den ersten Bissen nehme, dann schmeckt es einfach nur lecker.“ Genau diese Unsichtbarkeit der Gefahr, die von der atomaren Verseuchung ausgeht, ist immer wieder Thema der Gespräche. Alles sieht so normal aus.

Skurril wirkt der Auftritt von Professor Takeda Kunihiko, der dazu aufruft, mehr CO2 auszustoßen und eine baldige Eiszeit ankündigt. Immerhin spricht er, der bei Asahi Kasei für Forschung zur Urananreicherung zuständig war, sich mittlerweile klar gegen Atomkraft aus.  Ein anderer Professor, Koide Hiroaki (Universität Kyôto), entschuldigt sich, dass er nichts gegen die Katastrophe tun konnte. Seit langem forscht er im Bereich Nuklearenergie und ist mit wachsender Erkenntnis zu einem entschiedenen Gegner der Technik geworden. Viele verstünden den Ernst der Lage nicht: „Die Situation jetzt gerade ist schlimmer als Krieg“, ist sein Fazit zu Fukushima.

Einige aufschlussreiche Momente also hat der Film, was ihm aber im Vergleich zu dem bewegenden Dokument „Nuclear Nation“ weitgehend fehlt ist Unmittelbarkeit und Emotionalität. Auch wenn einige Aufnahmen aus dem Katastrophengebiet eingestreut sind, es ist doch hauptsächlich ein „Sprechen über“ und kein „Zeigen“, das in „Friends after 3.11“ geschieht. So beklagt die Regisseurin Kamanaka Hitomi, dass umliegende Gemeinden in der Vergangenheit von den Fukushima-Reaktoren profitierten und die Menschen dafür die Schönheit ihrer Dörfer opferten – und blendet dabei die Hintergründe ebenso aus wie die Tatsache, dass die Reaktoren vor allem für Tokyo und andere große Städte (und damit für alle) gebaut wurden.

Als emotionaler Höhe- und Schlusspunkt mit Musikuntermalung muss schließlich herhalten, wie Fujinami Kokoro, das Teenie-Sternchen, beim Besuch in den vom Tsunami zerstörten Gebieten in Tränen ausbricht. Iwai Shunji wollte in seinem Film viel zusammenbringen; es wäre wohl besser gewesen, sich zu beschränken.

Als Film mag „Friends after 3.11“ mehr oder weniger gescheitert sein, als Projekt hat Iwai Shunjis Engagement aber jetzt schon einen großen Erfolg zu verzeichnen. „Friends after 3.11“ zeigt, dass es in Japan viele Intellektuelle, Stars und auch Sternchen gibt, die sich sehr kritisch äußern und ihre Bekanntheit nutzen, um auf Ihr Anliegen – einen anderen Umgang mit der Katastrophe und den Ausstieg aus der Atomkraft – aufmerksam zu machen.

Teile von „Friends after 3.11“ können auf der Webseite von Shunji Iwai angesehen werden. Gemeinsam mit Matsuda Miyuki und anderen veranstaltet Iwai die sogenannten ロックの会, die dem Austausch zu Katastrophe und Kernenergie dienen. Informationen dazu gibt es auf einer Webseite und bei facebook.

Fukushima-Filme auf der Berlinale: „Nuclear Nation“

Etwas weniger japanische Filme sind dieses Jahr bei der Berlinale vertreten, dafür aber um so wichtigere: Gleich drei Dokumentationen beschäftigen sich mit der Katastrophe vom 11. März.
Auch wenn manch einer das Gefühl haben mag, übersättigt zu sein vom Bildmaterial, das viele Monate die Medien überflutete – verwüstete Landschaften, wirr aufeinandergestapelte Überreste von Häusern, verzweifelte Menschen – auch wenn kritisiert wurde, dass „jeder, der eine Kamera halten kann“ versucht hat, in Nordjapan zu drehen: Filme wie „Nuclear Nation“ haben einen großen Wert, sie können ganz andere Einblicke gewähren als Nachrichtenbilder oder Online-Bildergalerien mit den spektakulärsten Aufnahmen der Verheerung.

Und es ist eben nicht die bloße Verheerung, die der Regisseur Funahashi Atsushi in den Mittelpunkt seines Films stellen will, sondern es ist das Leben der Menschen, die am schwersten von der Katastrophe betroffen sind, und das Warten dieser Menschen. „Deshalb musste der Film auch so lang werden“, erklärt er dem Berlinale-Publikum, „ich wollte damit auch zeigen, wie sich das anfühlt, dieses Warten“. Über 145 Minuten (leider nicht sehr virtuos geschnitten) sehen die Berlinale-Zuschauer, wie die Bewohner des Ortes Futaba auf ihr neues Leben warten. Und sie erfahren, dass auch jetzt noch, während der Berlinale, eine große Anzahl der Menschen aus Futaba in einer Schule in Saitama, ganz in der Nähe von Tokyo, auf engstem Raum wohnt.

Futaba ist ein Ort, der einmal etwas über 7000 Einwohner hatte und direkt neben den Atomanlagen von Fukushima liegt. Über 40 Jahre hat der Ort profitiert von der Atomenergie, sie sorgte für Arbeitsplätze, brachte eine schöne Bibliothek ein, einen Sportplatz … jetzt gibt es keine Menschenseele mehr in Futaba, und in den nächsten fünf Jahren wird dort nur Atommüll aus dem havarierten Kraftwerk eine neue Wohnstatt finden. Auch ob danach wieder Menschen dort leben können, weiß man nicht. Futaba existiert nicht mehr an einem festen Ort, es wandert. 1400 Bewohner wurden zusammen evakuiert, wurden von Halle zu Halle umgesiedelt, bis sie schließlich in der Schule in Saitama landeten.

Funahashi hat für „Nuclear Nation“ nicht mal eben „die Kamera draufgehalten“. Er hat die Bewohner von Futaba über Monate begleitet und will es auch weiter tun, „bis sie einen Ort zum Leben gefunden haben“, wie er sagt. Die Aufnahmen von der Männerrunde, die im Kunstraum fröhlich ihren Sake trinkt, von dem jungen Mann, der um seine Mutter trauert und ihr Bild auf einem Smartphone zeigt, von der morgendlichen Gymnastik, von Konzerten – all das wurde nur möglich, weil Funahashi über Wochen immer wieder da war, zunächst ohne Kamera, um das Vertrauen der Menschen aus Futaba zu gewinnen.

Was würde man haben wollen, wenn man nur ganz wenige seiner Besitztümer retten könnte? Die Bewohner von Futaba durften für zwei Stunden zurück in ihr altes Leben, im Schutzanzug, um ein paar Habseligkeiten aus der verseuchten Heimat zu holen. Ein Mädchen will ihr Tagebuch, eine alte Frau ein Jackett mit Blumen und ihr Mann seine DVD-Sammlung: Mad Max 1 bis 3, Planet der Affen 1 bis 5, Dirty Harry. Die Aufnahmen aus der „Todeszone“ gehören zu den beeindruckendsten des Films.

„Nuclear Nation“ hat viele Helden: Den Bürgermeister von Futaba, der vor wenigen Jahren noch für den Bau von weiteren Reaktoren war und sich jetzt mit einer Videobotschaft an die Berlinale-Zuschauer wendet und sich gegen Atomkraft ausspricht. Den Bauern, der seine Kühe weiter versorgt, obwohl die Regierung will, dass sie getötet werden und sich Fleisch und Milch sowieso nicht mehr verkaufen lassen, denn die Tiere weiden 14 Kilometer nah an der Reaktoren-Leiche. Die Menschen aus Futaba, die in Tokyo auf die Straße gehen und protestieren.

„Nuclear Nation“ ist natürlich auch ein politisches Statement, das verrät schon der Titel. Funahashi hat für seine Sache einen prominenten Unterstützer gefunden: Sakamoto Ryûichi, selbst Atomkraftgegner, hat sich mit einem Lied für den Abspann beteiligt und stand auch mit auf der Berlinale-Bühne. Vielleicht hilft die internationale Aufmerksamkeit Futaba ein wenig – denn bisher hat der Bürgermeister Idogawa noch gegen viele Widerstände zu kämpfen, wie der Film klar macht. Als er seine sehr emotionale Rede vor einem Atom-Ausschuss hält, ist der Minister schon gegangen. Wichtige Termine.

Morgen geht es weiter mit Iwai Shunjis Beitrag, „Friends after 3/11“, einem weiteren Blickwinkel auf das Thema.

 

Infos zu „Nuclear Nation“ und Fotos gibt es auch auf der offziellen Webseite des Films und auf der Berlinale-Seite.

 

Berlinale-Nachlese: „Vampire“ von Iwai Shunji

Einer fehlt noch: Mit einiger Verspätung folgt hier die Besprechung des Berlinale-Films „Vampire“ – ein japanischer Film und doch auch wieder nicht. Iwai Shunji ist der bekannteste japanische Regisseur, der in diesem Jahr auf der Berlinale zu Gast war. Filme wie „Swallowtail Butterfly“ (1996) oder „All about Lily Chou-Chou“ (2001) sind auch hierzulande vielen Cineasten bekannt. Mit seinem neuen Werk „Vampire“ betritt Iwai dahingehend Neuland, dass er den Film komplett in Kanada gedreht und produziert hat.

Die Arbeit im Ausland mit englischsprachigen Schauspielern war für Iwai nichts völlig Neues, schon in seiner Anfangszeit als Regisseur kam Iwai nach Europa und in die USA, um Musikvideos zu drehen. Mit dem Episodenfilm „New York, I Love You“, an dem sich u.a. auch Fatih Akin beteiligte, hat Iwai 2009 erstmals die große Bühne des internationalen Filmgeschäftes betreten.

 

„Vampire“ ist nun ein neuer Schritt in Iwais Karriere, was allerdings nicht heißt, dass der Film kein typischer Iwai-Film ist, im Gegenteil. Wie in früheren Werken widmet sich Iwai mit großer Aufmerksamkeit solchen Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden können oder wollen. Im Mittelpunkt des Films steht Simon, ein attraktiver Biologielehrer, der seinen Alltag mit großer Präzision organisiert und in einer beklemmenden Atmosphäre mit seiner dementen Mutter zusammenlebt. Simon hat eine Obsession: Menschliches Blut – aber er hat auch Prinzipien und würde niemals jemanden einfach nur töten, um an dessen Blut zu gelangen. Einen Ausweg bieten ihm solche Menschen, die sowieso vorhaben, sich das Leben zu nehmen. Simon geht mit diesen Menschen, die er über das Internet kennenlernt, eine seltsame Schicksalsgemeinschaft ein, die den Zuschauer zugleich befremden und faszinieren muss.

Trotz einiger weniger nicht ganz leicht verdaulicher Szenen ist „Vampire“ kein Horrorfilm, wie der Titel vermuten lassen könnte. Es geht vielmehr um menschliche Beziehungen, die Flucht in virtuelle Welten und die Bedeutung des Lebens und des Sterbens selbst. Iwai gelingt es allerdings nicht immer, diese Themen wirklich tief zu ergründen: Er setzt viele Symbole ein, und man hat das Gefühl, dass er manchmal zu sehr in diese verliebt ist, an ihnen haften bleibt.

Autogramm von Iwai Shunji

Was an „Vampire“ wirklich fasziniert, sind die Produktionsumstände: Iwai hat den Film komplett auf einer Canon 5D, das heißt einer Spiegelreflexkamera gedreht. Er hat das Drehbuch geschrieben, den Film produziert, Regie geführt, die Kamera selbst gehalten, den Film selbst geschnitten und sogar die Musik zum Film noch selbst komponiert. Das hat ihn, wie er bei der Berlinale berichtete, teilweise vor ziemliche Schwierigkeiten gestellt. So musste er die Schauspieler führen und gleichzeitig bei der Kamera die Schärfe ziehen. Eine interessante Erfahrung, auf die Iwai in Zukunft aber wohl verzichten wird: „honestly I don’t want to do it anymore“, lautete sein Fazit.

 

„FIT“ – Kampf um Individualität auf der Berlinale

Eine japanische Versandfirma, ein Mann, der abends nur mit einem blauen Regencape und einer bestickten Plastikmaske vor die Tür geht, eine Frau, die ihren psychisch kranken Bruder pflegt – der Film FIT (Regisseur: Hiromasa Hirosue) zeigt in verschiedenen Konstellationen, wie Menschen in der japanischen Gesellschaft um Individualität kämpfen.

Die 106 Minuten des Films lassen sich nicht leicht zusammenfassen; dazu gibt es zu viele Figuren und Szenarien. Zum einen gibt es Sagawa (Hiromasa Hirosue), der in einer Versandfirma angestellt ist und in seiner Freizeit mit Regencape und Maske bekleidet durch die Tokyoter Straßen läuft. Nitta (Shine Midori) hat ihre Großmutter gepflegt und ist seit deren Tod einsam. Deshalb ruft sie täglich in der Versandfirma mit fingierten Beschwerden an. Die neue Angestellte Ôki kümmert sich um diese Beschwerden, sie freundet sich mit Nitta an. In einem Gespräch gesteht sie ihre ungewollte Schwangerschaft. Außerdem gibt es noch Tahara (Nimiki Akie), die mit ihrem psychisch erkrankten Bruder Masaru (Arai Hideyuki) zusammenlebt und sich um ihn kümmert. Alle haben gemeinsam, dass sie nicht 100%ig in die gesellschaftlichen Strukturen passen und dennoch abhängig sind. Sie kämpfen mit ihren Ängsten, Unsicherheiten und ihrer Einsamkeit im alltäglichen Leben.

Dem Regisseur gelingt es, fragmentarisch und episodenhaft die Personen miteinander in Beziehung zu setzen, indem er immer nur eine oder zwei Figuren fokussiert. Die Individuen geben den Anschein, in der Gesellschaft verankert zu sein, sind aber bei genauer Betrachtung gleichzeitig losgelöst von sozialen Normen. Man könnte meinen, dass der Film einen melancholischen Beigeschmack beim Zuschauer hinterlässt; durch einen ungewöhnlichen Rhythmus langsamer Einstellungen und schneller Schnitte und durch den Einsatz origineller, zuweilen komischer Elemente, wird der moralische Zeigefinger aber weggelassen.

Ein außergewöhnlicher Low-Budget-Film über die Befindlichkeiten von Individuen in der heutigen Zeit.