Feldforschung in Japan: Ein Interview mit Hülya Güler

Fünf ereignisreiche Wochen liegen hinter Hülya Güler.

Sie nutzte die vergangenen Semesterferien für eine besondere Japanreise. Von Ende August bis Anfang Oktober forschte unsere Studentin (aktuell im fünften Semester) in der Präfektur Nagano für ihre Bachelor-Abschlussarbeit. Ihr Thema: Das Zusammenleben von brasilianischen nikkei mit ihren japanischen Nachbarn, KollegInnen und Bekannten in den Städten Ina und Komagane.

Schnell stellten sich die ersten Erfolge ein. Am Ende der fünfwöchigen Forschungsphase stehen ein öffentlicher Vortrag an der Nagano Nursing School und insgesamt 24 Interviews. Diese Daten versprechen spannende Ergebnisse darüber, wie und wo sich Kontakte ergeben, gepflegt oder auch verweigert werden und wie sich das Zusammenleben verändert hat. Mit den Interviews und teilnehmender Beobachtung konnte Frau Güler beide Perspektiven kennenlernen und erhielt viele Einblicke in das japanisch-brasilianische Miteinander. Wir haben mit Frau Güler gesprochen und Sie nach ihren Eindrücke, Erlebnisse und Ratschlägen für Feldforschung gefragt.

 

Was war in den fünf Wochen Feldforschung das beeindruckendste Erlebnis?

Eines meiner schönsten Forschungserlebnisse war das erste Kennenlernen mit den brasilianischen nikkeijin.

Ich wurde von Eduardo (einer meiner wichtigsten Kontaktpersonen, den ich durch Facebook kennengelernt habe) an einem Samstagabend um 20 Uhr vom Bahnhof (Ina) abgeholt. Eduardo ist 25 Jahre alt, wohnt mit seiner Freundin in Ina und arbeitet in einer Autofirma. Er machte sofort einen sehr sympathischen Eindruck mit seiner rundlichen Gestalt, seiner sportlichen Kleidung, seinem portugiesischen Akzent und seinen japanischen Augen.

Eduardo und ich stellten uns einander vor. Er sagte, dass er mit seinem Auto hier wäre und mir ein paar seiner Freunde vorstellen möchte. Unterwegs erklärte ich ihm meine Forschungspläne in Ina und wir unterhielten uns in japanischer und englischer Sprache (themengemäß) über Diskriminierung und ähnliche Dinge. Nach einer 15-minütigen Autofahrt durch die ländlich-hügelige Gegend kamen wir an einer Autowerkstatt am Stadtrand an.

Als ich aus dem Wagen stieg, durfte ich meine erste Überraschung erleben. Mir fiel sofort die alte, etwas chaotische Gestalt der Autowerkstatt auf, die mit Hilfe von vier großen Deckenlampen beleuchtet wurde, unterhalb der viele Motten, Fliegen und andere Insekten herumschwirrten. Danach sah ich die vielen Leute, die sich in der Werkstatt aufhielten. Zwei bis drei von ihnen waren damit beschäftigt, die Seitentüren eines Autos zu lackieren, und drei Leute saßen gemütlich in einer Ecke und tranken Bier. Eduardo konnte nicht sofort die Aufmerksamkeit seiner Freunde auf uns lenken. Jeder schien mit etwas anderem beschäftigt zu sein. Kurz darauf sahen mich sieben neugierige Augen an. Eduardo sagte etwas auf Portugiesisch. Danach stellte ich mich selbst noch einmal vor. Als Antwort erhielt ich weiterhin neugierige und skeptische Blicke, die mir sagten, dass sie nicht viel verstanden hatten von dem was ich erzählt hatte. Kurz darauf lockerte sich die Stimmung auf, man fing wieder an, zu plaudern, lud mich zu einem kalten Getränk ein und ich durfte die Runde beobachten und ein paar Fotos schießen. Im Gespräch mit Ricardo (rechts im Bild Nr. 3) merkte ich, wie gut er Japanisch spricht. Seine Freunde forderten ihn auf, sich zu einem Interview bereit zu erklären – wir machten gleich für den nächsten Morgen einen Termin fest. Man konnte die warme und enge freundschaftliche Beziehung der Anwesenden zueinander erkennen. Sie waren sehr offene und freundliche Menschen, die einem das Gefühl von Vertrautheit gaben

Viele Studierende, die Interviews führen wollen, machen sich darüber Gedanken, ob die Japanischkenntnisse ausreichen. Wie hat die Kommunikation auf Japanisch bei Ihnen geklappt?

Ich habe die meisten Interviews auf Japanisch durchgeführt, die in der Regel problemlos liefen. Die Teilnehmer sind immer freundlich und erklärten gerne das eine oder andere nicht verstandene Wort. Auch wenn man denkt, dass eine Zwischenfrage das Gespräch stocken würde, sollte man nicht zögern nachzufragen oder man sollte sich das Wort notieren und hinterher darauf eingehen.

In meinem  Fall fanden einige Gespräche auf Portugiesisch statt, wo dann immer eine Dolmetscherin (eine meiner ersten Interviewpartner, die mich mit vielen anderen ihrer Freunde bekannt machte) zur Seite stand und uns freundlich bei den Gesprächen unterstützte.

Wie haben Sie sich auf die Feldforschung vorbereitet?

Die ersten Vorbereitungen fanden in Deutschland statt. Ich schaffte mir eine Menge Literatur an, die das Thema „nikkei“, „Migration“ und Ähnliches behandelte und schrieb auch meine Hausarbeit im STM über das Thema „Migration und Integration japanischstämmiger Brasilianer in Japan“.  Eine klassische und sehr informative Literatur ist das Buch von Takeyuki Tsuda: „Strangers in the ethnic homeland“ (2003). Außerdem halfen mir die Arbeiten von Claudia Tamura („Arbeitsmigration“, 2004) und Hitomi Maeda („Japanese Brazilians in Japan“, 2007) dabei, die Arbeitsmigration und die Integrationsentwicklung in Japan besser zu verstehen.
Man sollte sich vorher überlegen, welche Art von Forschung man betreiben möchte. Ich entschied mich für das narrative Interview (was sich später zu einem Leitfrageninterview entwickelte) und bereitete die Interviewfragen in Deutschland vor.

Zuletzt: welche Tipps geben Sie anderen Studierenden, die in Japan forschen oder eigne Forschung planen?

Da sich einige Interviews bei mir spontan ergaben und ich unvorbereitet war, konnte ich auf einige Dinge nicht mehr eingehen oder nachhaken. Dies sollte man sofort am nächsten Tag nachholen und mit dem Interviewpartner noch einmal in Kontakt treten und freundlich einigen Punkte ansprechen. Es ist auch wichtig, zeitlich flexibel zu sein, da man nie weiß, wann und wie sich ein Interviewtermin ergibt.
Für die Nachbereitung der Interviews rate ich, nach jedem durchgeführten Interview, sich ein Ordner anzulegen mit Datum, Namen des Interviewten, Foto und Eindrücken zum Inhalt des Gesprächs für die spätere Gedächtnisstütze. Denn nach ein paar Wochen kann man die Gesichter und Namen schnell verwechseln. Auf diese Weise kann man den Überblick besser behalten.

Vielen Dank an Hülya Güler für das Interview – wir wünschen Ihr viel Erfolg bei der Auswertung und Transkription der Interviews!

Gerne veröffentlichen wir im Blog weitere Berichte aus der Feldforschung – bei Fragen ist Peter Bernardi ein Ansprechpartner.

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