Berlinale 2011: Heaven’s Story von Takahisa Zeze

 

Einen japanischen Preisträger gab es auf der Berlinale 2011 dann doch noch. Der vier Stunden und 38 Minuten lange epische Spielfilm Heaven´s Story des Regisseurs Takahisa Zeze gewann gleich zwei Auszeichnungen: den FIPRESCI (International Federation of Film Critics) und den NETPAC-Preis (Network for the Promotion of Asian Cinema).

Verdiente Auszeichnungen für einen Film, der es schafft den Spannungsbogen trotz einer solchen Länge bis zum Ende zu halten und der dabei seinen Figuren immer genügend Raum gibt, um sich zu entfalten. Takahisa Zeze revolutionierte in den 90er Jahren als einer der „Pink Shitennô“ (die vier „Himmelskönige“ des Pink) den japanischen Pink-Film und nutzen diesen als experimentelle Spielwiese. Gelungene Beispiele dafür finden sich auch in Heaven´s Story. Zu erwähnen ist insbesondere die Parallelmontage von Geburt und Tod gegen Ende des Films. Die Vielfalt der filmischen Mittel von wackliger Handkamera über Animationssequenzen schafft ein teilweise wunderschönes, teilweise herausforderndes Gesamtkunstwerk – herausfordernd vor allem, wenn die Kamera bei emotionalen Szenen in extremer Nahaufnahme auf den Gesichtern bleibt und dem Zuschauer keine Fluchtmöglichkeit lässt. Und Heaven´s Story ist ein sehr emotionaler Film: In wenigen japanischen Filmen wird so viel gebrüllt und getobt wie in diesem. Zeitsprünge und die Schar an Charakteren machen es dem Zuschauer auch nicht gerade leichter der Handlung zu folgen.

Im Mittelpunkt der verschiedenen Handlungsstränge, die die Figuren miteinander verbinden (wie die Fäden an denen Marionetten hängen, nur dass hier die Fäden nicht von einem großen Puppenspieler gehalten werden, sondern hier alles mit jedem verknüpft ist), stehen drei Tragödien. Die Familie der kleinen Sato wird in ihrem eigenen Wohnzimmer von einem jungen Mann niedergestochen, der sich seiner Strafe durch Selbstmord entzieht. Tomoki Sato verliert Frau und Kind als ein anderer junger Mann, Aikawa, Tomokis Frau erschlägt und vergewaltigt und seine kleine Tochter ertränkt. Sato sieht im Fernsehen, wie Tomoki dem Mörder Rache schwört. Für sie macht dies Tomoki zu ihrem Held, der Rache ausüben wird, wie es ihr nicht möglich war.  Drittens stirbt ein Mann, nachdem er einen Polizisten, Takagi, mit dem Messer bedroht und versucht hat, ihm die Waffe zu entreißen, als sich dabei ein Schuss löst. Der Polizist fühlt sich schuldig und lässt der Familie des Verstorbenen regelmäßig Geld zukommen und nimmt dafür sogar noch einen „Teilzeitjob“ als Auftragsmörder an. Daneben gibt es zahlreiche weitere Figuren und Handlungsstränge. Die Puppenmacherin Kyoko (gespielt von der bekannten Sängerin Yamasaki Hako), die an Alzheimer erkrankt und Aizawa, den Mörder von Tomokis Familie, der sich nach seiner Entlassung um sie kümmert, adoptiert. Haruki, der Sohn des alleinerziehenden Polizisten/Part-time-killers, gerät immer wieder in Schwierigkeiten, weil er die Schule schwänzt und die falschen Leute bestiehlt. Eine hörbehinderte Rockmusikerin bricht mit Hilfe des Schlüsseldienstes (es handelt sich um Tomoki) in das Apartment ihres Ex-freundes ein und zwingt dann Tomoki, den Abend mit ihr zu verbringen.

Screenshot von der offiziellen Homepage des Films unter http://heavens-story.com

Bei Heaven´s Story handelt es sich nicht um ein geradliniges Rachedrama, denn die Kategorien Täter und Opfer werden immer wieder verkehrt und in Frage gestellt. Die Opfer werden zu Tätern und die Täter zu Opfern. Zudem stehen nicht die Taten im Mittelpunkt. Nur einer der Morde wird überhaupt gezeigt. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Leben der Opfer und Täter nach der Katastrophe.

Den Rahmen des Films bildet ein japanisches Puppentheater, das von verschiedenen japanischen Theatertraditionen inspiriert wurde. Diese besondere Theaterform genannt Dondoro wurde von dem Solokünstler Hoichi Okamoto 1974 begründet. Er benutzte lebensgroße Puppen und Nô-Masken sowie  Elemente des Butô. Okamoto geht es in seinen Aufführungen mehr um die Ausstrahlung der Puppen an sich und weniger darum eine Geschichte zu erzählen. Zwar lässt Takahisa auch die Atmosphäre des Puppenspiels wirken, aber er nutzt sie auch um ein Gleichnis  zu erzählen von einem Monster, das in die Berge kam und niemandem etwas Böses wollte. Die Menschen aber machten Jagd auf es und so tötete es. Jeder der Getöteten wurde ebenfalls zu einem Monster, weshalb es so viele Monster gäbe. Diese Geschichte verweist auf den mythischen Charakter des Films, der auch im Titel angedeutet wird. Der Himmel in Heaven´s Story unterscheidet sich jedoch von dem der christlichen Religionen. Takahisa beruft sich eher auf shintoistische Vorstellungen, nach denen Götter nicht oben im Himmel seien, sondern im Diesseits unter uns weilen und in allen Dingen wohnen können und die Menschen ständig beobachten.

Dondoro-Theater (siehe http://www.yumehina.net/dondoro/index.htm)

Eine prominente Rolle in Heaven´s Story spielt auch der Ablauf der Jahreszeiten, der fast schon kitschig in Szene gesetzt wird. Kirschblüten, die Hitze des Sommers, die Blüte der Hortensien, Matsuri, Herbstlaubfärbung, Weihnachten und Kälte und Schnee des Winters: Die neun Kapitel sind bestimmten Jahreszeiten zugeordnet. Takahisa teilte  dafür den Drehplan in fünf Abschnitte, die jeweils 10 Tage dauerten. In einem Interview begründete Takahisa dies damit, dass die Jahreszeiten natürlich einen großen Einfluss auf das Spiel der Schauspieler hätten, aber auch die Normalität symbolisieren sollten, mit der das Leben nach einer Tragödie weiterlaufe. (Das Interview kann auf der Homepage der Berlinale nachgelesen werden.)

Die Stadt liegt unter dem Himmel als sei nichts passiert

Eindrucksvoll sind auch die Schauplätze des Films, insbesondere die „Paradies über den Wolken“ genannte Ruinenstadt an den Matsuo-Minen in der Iwate Präfektur (siehe Screenshot der offiziellen Homepage von Heaven´s Story) und ein Stadtteil der Stadt Takahagi in der Präfektur Ibaraki, der, obwohl keine Insel, nur per Fähre und mit dem Fahrrad erreicht werden kann. Diese Orte vermitteln eine besondere Stimmung und repräsentieren für Takahisa eine besondere Beziehung zum Himmel. Im Fall von Takahagi sei der Ort von dem Meer von der übrigen Welt getrennt und durch die im Hintergrund sichtbaren Fabrikschornsteine mit dem Himmel verbunden.

Die Liste der Motive und Interpretationsmöglichkeiten ließe sich noch weiter fortführen. Zu komplex ist der Film um ihm in einer kurzen Filmkritik gerecht zu werden. Abschließend kann man sagen, dass Heaven´s Story sicher kein einfacher Film ist, aber einer, der einen so schnell nicht mehr los lässt.

 

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