Japan auf der Berlinale: Caterpillar

„Die Spiegelhölle“ mit Geschichten von Edogawa Rampo. (c) Maas

„Und die Qualen des arms eligen Krüppels waren für sie nichts als ein Stimulans, von dem sie nie genug bekam.“

Edogawa Rampo, der bekannteste Autor sogenannter suiri shôsetsu 推理小説 (literarisches Genre zwischen Krimi, Mystery und Horror), schildert in seiner 1929 erschienenen Geschichte Imomushi 芋虫 („Die Raupe“) die Beziehung zwischen einer Frau und ihrem Ehemann, der aus dem Krieg zwar als hochdekorierter Held, aber auch als völliger Krüppel nach Hause kehrt: Ihm fehlen Arme und Beine, er kann weder hören noch sprechen und sein Gesicht ist entstellt. In der tief verstörenden Erzählung dient der zum Fleischklumpen verkommene Mann der Frau als Spielzeug, das sie nach Belieben hervorholt und zur Lustbefriedigung nutzt.

Ein schwieriger Stoff für eine filmische Umsetzung, an die sich nun Wakamatsu Kôji gewagt hat. Ein zimperlicher Umgang war von Wakamatsu nicht zu erwarten, schließlich blickt der 73-Jährige auf eine lange Karriere als Regisseur von pink eiga und Exploitation-Filmen (z.B. Yuke yuke nidome no shôjo) zurück. Mut bewies er unter anderem auch, als er 1976 Ôshima Nagisas Skandalfilm Ai no corrida („Im Reich der Sinne“) produzierte.

In seiner Edogawa-Rampo-Verfilmung „Caterpillar„, die im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale läuft, schreckt Wakamatsu nun auch nicht vor drastischen Bildern zurück: Das Elend des Alltags in seinem ganzen Ausmaß, wiederholte Sexszenen mit dem schwer Kriegsversehrten … und über allem wachen die Portraits des Tennô und seiner Frau, sozusagen als ständige Ermahnung, die Ehe zu ehren, zum Wohl des Vaterlandes.

Wakamatsu verlegt die Geschichte in die letzten Kriegsjahre und lässt sie nach der Radioansprache des japanischen Kaisers zur Kapitulation am 15. August 1945 enden. Die Pflege des Krüppels, der im Dorf als gunshin 軍神 (Kriegsgott) verehrt wird, wird für Shigeko, die Ehefrau, zu einer patriotischen Aufgabe. Rückblenden entlarven jedoch, was der gunshin tatsächlich an der Front getrieben hat: Brutal hat er mit Kameraden Chinesinnen vergewaltigt und getötet.

Die Geschichte, die bei Edogawa vor allem von den sadistischen Phantasien der Ehefrau lebt, entwickelt sich bei Wakamatsu trotz heftiger Szenen eher als Drama denn als Horrorszenario. Shigeko ist kein dämonisches Wesen, die Gründe für ihr Handeln werden offen dargelegt. Das Grauen, das am Ende zurückbleibt, reicht daher auch weniger tief als bei der literarischen Vorlage. Viele Berlinale-Zuschauer wollten sich die Qualen des Ehepaares dennoch nicht über 90 Minuten antun und verließen vorzeitig den Saal.

Was die filmische Qualität von „Caterpillar“ betrifft, so stoßen ein wenig die Kriegs-Rückblenden auf, die stilistisch an billige Fernsehfilme erinnern.

Vielleicht sollte man die Aufführung von „Caterpillar“ vor allem als Anstoß sehen, die grotesken Geschichten von Edogawa Rampo wieder einmal zur Hand zu nehmen und sich in seine literarischen Abgründe ziehen zu lassen. In deutscher Übersetzung ist eine feine Auswahl unter dem Titel „Die Spiegelhölle“ erschienen.

Elisabeth Scherer

Edogawa, Rampo (2005): Spiegelhölle. [Übersetzung Martina Berlin, Frank Böhling, Reiko Sato, Ingrid Schuster.] Berlin: Maas.

2 Gedanken zu „Japan auf der Berlinale: Caterpillar

  1. Elisabeth Scherer Artikelautor

    Terajima Shinobu, die in „Caterpillar“ die Ehefrau Shigeko spielt, hat heute für ihre schauspielerische Leistung den silbernen Bären gewonnen.

  2. Peter Bernardi

    Hier direkt ein Nachtrag: Zum Preis für Terajima Shinobu der Link zur japanischen Presse über das von der ULB lizensierte Press Display, im Sports Nippon – ein Bericht, wie man das Press Display zur Zeitungslektüre nutzen kann, folgt!


    Sports Nippon
    22 Feb 2010

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