So spannend kann eine Tagung sein!

Die Master-Studentin Alexandra Strzykalski hat für ihr Projekt im Modul „Being Academic“ die Tagung der Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Japanforschung besucht. Lesen Sie hier ihren Bericht – es lohnt sich!

Persönlicher Erfahrungsbericht zur Teilnahme an der Jahrestagung der VSJF 2019 – „Metropolitan Japan in Historical and Contemporary Perspective“
von Alexandra Strzykalski

Welche politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Faktoren beeinflussten die Urbanisierungs- und Transformationsdynamiken in Japan? Wie können dicht besiedelte Lebensräume gestaltet werden, die Kreativität und Lebensqualität zulassen, gleichzeitig jedoch Nachhaltigkeit, Sicherheit und Resilienz versprechen? Diese und viele weitere Fragen prägten den anregenden wissenschaftlichen Diskurs im Rahmen der Jahrestagung der Vereinigung für sozialwissenschaftliche Japanforschung (VSJF), die vom 8. bis 10. November an der Ruhr-Universität Bochum stattfand.

Bevor ich meine kleine Bahn-Odyssee in Richtung Ruhrgebiet antrat, waren meine Erwartungen an die Tagung ehrlicherweise eher gering. Mein persönliches Forschungsinteresse gilt den Kulturwissenschaften, dies deckte sich daher nicht unbedingt mit den Themen, die dieses Jahr auf der Tagung präsentiert wurden. Umso positiver überrascht war ich darüber, wie viel ich aus der kurzen Zeit in Bochum mitnehmen konnte. Dank des gehobenen Niveaus der Vorträge und Diskussionen, sowie der Aktualität der Thematik hatte ich eine wirklich wunderbare Erfahrung.

Neben international renommierten WissenschaftlerInnen wie Prof. Dr. André Sorensen (University of Toronto), der den Auftakt der Tagung vollzog, oder auch Prof. Dr. Fumihiko Seta (Universität Tokio), war es besonders erfreulich, dass Nachwuchs-WissenschaftlerInnen ebenfalls die Gelegenheit erhielten, ihre sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte und -ergebnisse auf Augenhöhe mit ihren etablierten Kollegen in Rahmen der Panels zu präsentieren und diskutieren. Die Panels standen dabei ganz im Zeichen der Interdisziplinarität. So machte sich das erste Themenpanel, bestehend aus fünf WissenschaftlerInnen aus Japan und Österreich, zum Ziel, anhand historischer, soziogeographischer und sozialwissenschaftlicher Ansätze die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio zu beleuchten und neue Perspektiven auf diese zu eröffnen. Hierfür wurden u.a. öffentliche Repräsentationen Tokios olympischer Vergangenheit, Anti-Olympia-Bewegungen in Tokio, der Einfluss der Olympiade auf die urbanen Strukturen der Stadt, aber auch die Rolle des Events auf die Ehevermittlung näher untersucht.

Aufgrund der vielen Beiträgen und knappen Zeiteinteilung blieb bedauerlicherweise nicht immer genug Zeit, um die Vorträge der Panels ausreichend zu diskutieren, jedoch hatten wir im Rahmen der Fachgruppen die Möglichkeit, sozialwissenschaftliche Subdisziplinen auch in einem kleineren Kreis genauer zu besprechen.  Mit einer breit gefächerten Auswahl von Themen wie beispielsweise „Bildung und Erziehung“, „Stadt- und Regionalforschung“ oder aber auch „Geschichte“, „Politik“ und „Technik“ konnte sichergestellt werden, dass das Interessensgebiet jedes Teilnehmers abgedeckt wurde. Ich persönlich entschied mich, die Sitzung der Fachgruppe zum Thema „Kultur und Medien“ zu besuchen, in der Dr. Florian Meißner des Kommunikations- und Medienwissenschaftlichen Instituts unser Universität einen besonders spannenden Vortrag zur Katastrophenberichterstattung in Japan hielt. Anhand von zwei Fallbeispielen zum medialen Umgang mit einerseits der Dreifach-Katastrophe, die sich Anfang März 2011 in Japan ereignete, und andererseits der Quecksilber-Katastrophe, die sich in den 1950er Jahren abspielte und die Minamata-Krankheit auslöste, wurden die Charakteristika und die Probleme der Risikokommunikation japanischer Medienunternehmen dargestellt und diskutiert. Im Anschluss referierte Dr. Michaela Oberwinkler der Eberhard Karls Universität Tübingen über die Rolle von Stickern (スタンプ sutanpu), die durch den in Japan beliebten Messenger LINE im Jahre 2011 eingeführt und verbreitet wurden. Besonderes Augenmerk der Analyse richtete sich hierbei auf die gender-spezifischen Unterschiede bei der Verwendung der Sticker. Zu guter Letzt bekam Markus Hoffmann der Universität Wien die Gelegenheit, sein Masterprojekt zum Thema hensachi 偏差値 (Schwierigkeit- und Bewertungsranking für Universitäten) als Technologie zur Bewertung von Universitäten vorzustellen. Hierfür wurden Interviews mit Studierenden aus fünf japanischen Universitäten durchgeführt. Anhand der konzeptuellen Basis der Actor-Network-Theorie wurde anschließend untersucht, inwieweit diese Rankings in der Praxis wirklich von Bedeutung für die Studierende sind. Wer mehr über die Vorträge der anderen Fachgruppen sowie der Tagung generell erfahren will, kann einen Blick auf das offizielle Programm werfen.

Auch außerhalb der Vorträge und Diskussionen fand der wissenschaftliche Gedankenaustausch lebhaft statt – beispielsweise in Form des gemeinsamen Mittagessens am zweiten Tag der Konferenz, bei dem ich zufällig, aber willkommener weise, die Möglichkeit erhielt, mit etablierten WissenschaftlerInnen an einem Tisch zu sitzen und so aus erster Hand etwas über universitäre Abläufe zu erfahren und einen kleinen Einblick hinter den Kulissen des wissenschaftlichen Betriebs zu bekommen.

Trotz anfänglicher Zweifel, wie viel ich für mich persönlich aus dieser Tagung rausholen kann, bin ich bin sehr froh darüber, teilgenommen zu haben. Auch wenn es zu keiner abrupten wissenschaftlichen Neuorientierung meines Forschungsthemas gekommen ist, konnte ich doch viel aus den vier Tagen in Bochum mitnehmen. Dies ist sicherlich der qualitativ hochwertigen fachlichen Arbeit der Vortragenden, der aktiven Teilnahme des Publikums und der gesprächsoffenen, diskussionsfreudigen Atmosphäre zu verdanken. Daher ist mein Tipp an alle Studierenden, die mit dem Gedanken spielen an einer wissenschaftlichen Konferenz teilzunehmen, die ihnen eventuell inhaltlich nicht unbedingt auf Anhieb zusagt – einfach mitmachen! Es werden einem viele neuen Perspektiven eröffnet, ihr schließt neue Bekanntschaften und es macht jede Menge Spaß.

 

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