Queerying Japan: Ein Blick auf das Thema „Ehe für alle“

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Kazuyoshi Kawasaka, Mitarbeiter am Institut für Modernes Japan, bei seinem Vortrag. Foto: Vu Thuy Doan Huynh

In unserer Serie über die internationale Konferenz „Queerying Japan“, die unser Institut im Juli 2018 veranstaltet hat, berichtet nun Katharina Buckel über den Themenbereich „Institutions: Matrimony – ‚Ehe für alle‘?“. Einen Beitrag über LGBT-Märkte und Konsum, den wir vor kurzem veröffentlicht haben, gibt es noch hier zu lesen.

„Queer“ war am 6. und 7. Juli 2018 nicht nur das Stichwort zum Straßenfest des Christopher Street Days in Köln, auch nebenan in Düsseldorf hielt im Haus der Universität das Thema Einzug: Das internationale Symposium „Queerying Japan – Transnational Perspectives on Politics, Society and Culture“ brachte in zwei Tagen und fünf Panels interessante Eindrücke und Perspektiven zu Themen wie queere Repräsentation, LGBT-Gesetzgebung und schulische Bildung in Hinblick auf LGBT. Der Fokus der Tagung lag – wie deren Name schon unschwer erkennen lässt – klar auf Japan, doch es gab auch Vorträge, die die deutsche Perspektive beleuchteten und damit zum Vergleich der beiden Länder einluden. Ein Thema, das sich dafür gut eignete, war das des zweiten Panels: „Institutions: Matrimony – ‚Ehe für alle‘?“ Kurze Zeit zuvor hatte sich die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland zum ersten Mal gejährt, nachdem sie im Juni 2017 überraschend umgesetzt wurde. Aber wie sieht es eigentlich in Japan mit dem Thema aus? Eine Meldung von 2015 zog nicht nur in Japan, sondern auch in internationalen Medien Kreise: Im Bezirk Shibuya, Tokyo, würden künftig gleichgeschlechtliche Paare „heiraten“ können. Doch das ist nicht unbedingt Anlass zur Freude und ein Indiz dafür, dass gleichgeschlechtliche Paare bald in ganz Japan den Bund der Ehe eingehen können.

Die Hintergründe erläuterte hierzu Akiko Shimizu von der Universität Tokyo in ihrem Vortrag „Marriage equality as strategy: family registration and moral conservatives“. Zunächst einmal stellte sie die Frage, inwiefern die Ehe strategisch genutzt werden kann oder sollte, um eine Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen mit gegengeschlechtlichen Paaren zu erzielen. Es gibt hierzu zwei mögliche Ansätze: Entweder, man lehnt die Ehe als Institution grundsätzlich ab, oder man nutzt sie, um sein Ziel zu erreichen. Diese Ansätze nennt man idealistisch beziehungsweise pragmatisch. In Japan ist das „family register“ (jap. koseki) von zentraler Bedeutung, das auf das patriarchalische ie-System zurückgeht. Jede Eheschließung muss darin registriert werden und eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft ist dort nicht vorgesehen. Die konservative LDP sieht keine Veranlassung, daran etwas zu ändern. Die „Ehezertifikate“, die unter anderem der Bezirk Shibuya gleichgeschlechtlichen Paaren übergibt, sind daher nur eines: symbolisch. Dies kritisieren queere Aktivist*innen, wobei es auch Vertreter*innen gibt, die sich dafür stark machen, diese „symbolic performances“ strategisch einzusetzen, um so die Akzeptanz bei der Bevölkerung und Politik zu erhöhen. Letzterer kommt diese Vorgehensweise gelegen: In Hinblick auf die Olympischen Spiele 2020 soll es so wirken, als sei Japan ein LGBT-freundliches Land, in dem die Öffnung der Ehe nur noch eine Frage der Zeit ist. Dazu sind symbolische „Ehezertifikate“ ideal, denn eine tatsächliche gesetzliche Änderung zieht die Regierung um Shinzo Abe keinesfalls in Betracht. Shimizu lehnt in ihrem Fazit die Strategie der „symbolic performances“ als wirkungslos ab und plädiert für einen eher pragmatischen Ansatz, der zum Beispiel das Anstreben einer rechtskräftigen Partnerschaft außerhalb des koseki-Systems beinhalten könnte.

Kazuyoshi Kawasaka forscht seit kurzem an der Heinrich-Heine-Universität und schloss sich mit dem Vortrag „LGBT rights are human rights, but in what sense?“ an. Auch er beleuchtete die Versuche der japanischen Regierung, sich im Zuge der Olympischen Spiele in Bezug auf queere Rechte gut darzustellen – zum Beispiel mithilfe eines Gesetzentwurfes, der für sich in Anspruch nimmt, LGBT-Freundlichkeit zu fördern, effektiv aber nichts bewirkt. Es gibt das universale historische Narrativ, dass die USA eine Vorreiterrolle einnimmt und der Rest der Welt ihr folgen würde; dementsprechend wirkte die USA vor Trump im Rahmen der „soft power“ an der Förderung von LGBT-Gleichstellung mit. Dies erzeugte ein Spannungsfeld für die lokalen Aktivist*innen in Japan, die sich mit einer Amerikanisierung ihrer eigenen Historie konfrontiert sahen. Oft werden Konzepte wie Internationalität und Diversität vor allem für PR-Zwecke genutz: Das gute Image, das man auf diesem Wege mit LGBT-Sichtbarkeit und -Freundlichkeit erreichen kann, ist häufig wichtiger als der Gedanke, dass LGBT-Rechte auch Menschenrechte sind. Doch auch LGBT ist nicht gleich LGBT. Die Komponente „Gender“, die sich im „T“ für „Transgender“ widerspiegelt, wird nicht unbedingt mitgedacht, allzu oft findet eine Verengung auf die Begriffe „gay“ oder „homosexual“ statt. Diese Label werden auch dazu benutzt, um auf Diversität zu verweisen, die keiner großen Anstrengung bedarf: Ein einziger japanischer, reicher Mann, der „gay“ ist, inmitten von anderen japanischen, reichen Männern:  ebenjene Gruppe kann sich mit der Flagge der Diversität wohl schmücken – oder?

Den Abschluss des Panels bildete der Vortrag „Merkel’s gut feeling – debate about marriage for all in Germany“ von Dorothée de Nève, einer Politikwissenschaftlerin aus Gießen. Sie befasste sich mit dem Paradox, dass es seit über zwanzig Jahren eine Mehrheit für die gleichgeschlechtliche Ehe gab, diese jedoch erst letztes Jahr eingeführt wurde. Sogar unter den Anhänger*innen der Union fand sich zuletzt 61% Zustimmung für die Ehe für alle. De Nève betonte auch den Beitrag, den Einzelpersonen wie Hella von Sinnen oder Klaus Wowereit geleistet hatten, um die Akzeptanz von nicht-heterosexuellen Orientierungen und die rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu stärken. Es war  2017 die letzte Chance für die linke Mehrheit im Bundestag, die nie zusammen regierte, die Öffnung der Ehe umzusetzen, ehe die nächste Bundestagswahl die Zusammensetzung und Mehrheiten nachhaltig verändern würde. Das genannte Paradox ist ein Beispiel von „non-action“, mit dessen Erklärung sich Politikwissenschaftler*innen beschäftigen, und das eindrücklich zeigt, dass der Kampf um die rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren mit gegengeschlechtlichen Paaren über die Sicherung von Mehrheiten hinaus geht. Ebenso wie nicht nur Gesetze im Fokus stehen dürfen, sondern auch die Verteilung von Budget oder die verwendete Sprache. Das Ziel kann nicht nur Sichtbarkeit und Überzeugung sein, sondern der Kampf für die Umsetzung der Rechte und gegen die Rücknahme von solchen, die bereits in Kraft sind.

Abschließend lässt sich zum Panel „Institutions: Matrimony – ‚Ehe für alle‘?“ festhalten, dass es nicht nur inhaltlich sehr aufschlussreich war, sondern auch mit außergewöhnlich gut vorgetragenen Beiträgen bestach. Die Vorträge von Shimizu, Kawasaka und de Nève weisen zudem übergreifend auf die Wichtigkeit hin, sich nicht von wohl gefeilten Worten blenden zu lassen, denen am Endes des Tages nur müßige Taten folgen. Queere Themen dürfen kein schmückendes Beiwerk in Imagekampagnen oder Wahlprogrammen sein. Queer muss unbequem bedeuten. Gleichstellung, Repräsentation und Diversität sind darauf angewiesen, stets aktiv eingefordert und verteidigt zu werden.

Katharina Buckel

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