Persönliche Eindrücke aus Shimane

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Nachdem wir in den letzten Wochen schon etwas über Kagura und die Situation von ländlichen Schulen in der Präfektur Shimane erfahren haben, schildert Caroline Ruhl nun die persönliche Seite der Exkursion nach Shimane, bei der die Studierenden in engen Kontakt mit der lokalen Bevölkerung gekommen sind. 

Hikimi

Das Ehepaar M begrüßte uns am ersten Abend der Exkursion gemeinsam mit den anderen freiwilligen Helfern im Bürgerzentrum von Hikimi. Über lokalen Köstlichkeiten wie tsukemono, süßem Wasabi und Nigiri wurden die ersten schüchternen – und nach einer über 20-stündigen Reise und weiteren Stunden straffen Programms zugegebenermaßen erschöpften – aisatsu ausgetauscht. Doch viel Zeit blieb nicht, um sich in Ruhe zu unterhalten, denn trotz der an jedem Tisch begonnen Gespräche erwartete uns ein letzter Programmpunkt für diesen Tag und so musste unser weiteres Kennenlernen auf später verschoben werden. Nach einer sehr eindrucksvollen Kagura-Aufführung und dem sich anschließenden Interviewtrubel mit lokalen Nachrichtensendern und Reportern von NHK World, begann der Menschenknäuel sich schließlich aufzulösen und die einzelnen Grüppchen aus Gastgebern und Studierenden verteilten sich auf die Fahrzeuge, die auf dem Parkplatz vor dem Bürgerzentrum bereitstanden.

Berfinaz, Denise und ich stiegen gemeinsam mit Herr und Frau M in einen weißen kastigen Toyota. Nach und nach winkten wir einzelnen Autos zu, die an unversehens auftauchenden Häusern hielten und uns mit Lichthupen in die Nacht verabschiedeten. Wir hingegen fuhren immer weiter den Berg hinauf, an sich windenden Schneemauern vorbei und immer weiter in die Dunkelheit hinein. Mir fiel es derweil immer schwerer die Augen offen zu halten, da machte Herr M unversehens einen Schlenker nach links und brachte den Wagen zum Halten. Wir schienen irgendwo im Nirgendwo angekommen zu sein, deshalb stiegen wir aus und standen nun inmitten der Dunkelheit und Kälte.  

Das von der Schneemauer abprallende Licht der Scheinwerfer erlaubte uns einen Blick in unsere unmittelbare Umgebung, doch außer Unmengen an weiterem Schnee und Bäumen ließ sich kein Anzeichen eines Hauses, kein Licht ausfindig machen. Stattdessen war das stetige Rauschen eines kleinen Flusses zu hören. Frau M schritt voran und wir folgten ihr den kaum auszumachenden Schneeweg entlang in die Richtung, aus der das Rauschen des unsichtbaren Flusses erklang. Und tatsächlich trabten wir kurz darauf über eine kleine stählerne Brücke hinweg und standen plötzlich vor einem Haus, das sich langsam aus der Dunkelheit schälte. Herr M hatte indes den Rückwärtsgang eingelegt und ließ den Toyota die schmale Kurve des Schneewegs hinab, über die Brücke und vor das Haus rollen. Nach über 30 Stunden waren wir also endlich angekommen!

Nachdem wir unser Gepäck ins Haus gebracht und uns gemeinsam bei einer Tasse Tee um den kotatsu aufgewärmt hatten, erklärte uns Frau M, wo und wie wir unsere Futons aufbauen durften. Es war furchtbar kalt im ganzen Haus, die Tatamimatten glichen einer Eisfläche und lediglich zwei dünne fusuma (Schiebewände) trennten uns von der eisigen Kälte draußen. Japanische Häuser sind häufig für die schwüle Hitze des Sommers konstruiert, und so gab es auch bei Familie M weder eine wirkungsvolle Isolation, noch eine Heizung. Ein kleiner Heizofen und vor allem der kotatsu mussten als Wärmequellen ausreichen. Voller Vorfreude machten wir uns also daran unser Lager zu errichten, das mit jeder hinzukommenden Lage kuscheliger und einladender aussah. Als krönenden Abschluss schob Frau M jedem von uns ein kleines Öfchen am Fußende unter die dicken Decken. Die drei Futons sahen herrlich aus! Doch bevor wir uns in unsere Futons hineinkuschelten, kehrten wir alle noch einmal an den kotatsu zurück und setzten unser Kennenlernen da fort, wo wir zuvor durch den unermüdlichen Programmverlauf unterbrochen worden waren.

Herr M versuchte uns unentwegt zum Trinken zu animieren, doch zu seiner großen Enttäuschung saß er mit zwei deutschen Studentinnen zusammen, die tatsächlich kein Bier mochten. Der erste Kulturschock war bereitet. Doch auch ohne Alkohol war die Stimmung von Beginn an gelöst und wir beantworteten ausführlich die vielen neugierigen Fragen von Herr M, während wir unsererseits allerlei Dinge im Haus entdeckten, die unser Interesse weckten. Frau M kümmerte sich unterdessen mit der allergrößten Aufmerksamkeit um uns, schenkte uns Tee nach und stellte eine Vielzahl köstlicher Snacks bereit. Erst spät am Abend tauschten wir den kotatsu gegen unsere Futons ein, packten die kränkelnde Denise in unsere Mitte, und vergruben uns bis zur Nasenspitze unter den vier Decken. Es war so kalt, dass jedes noch so kleine Körperteil, das aus dem Futon herausblitzte, von brennender Kälte gepackt wurde. Wir schliefen trotzdem wunderbar, tief und fest in dieser Nacht.

Am nächsten Morgen führte mich mein erster Gang auf die Toilette, die sich am Rand des Hauses befand und wo ich im Schein der Morgensonne meinen Eisatem beobachtete. Zwischen shodô-Pinseln und alten Puppen wuschen wir uns den Schlaf aus dem Gesicht und frühstückten anschließend – natürlich – um den kotatsu herum. Ungeduldig, das Haus unserer Gastgeber endlich im Hellen betrachten zu können, schnappte ich mir meine Kamera und folgte Herrn M nach draußen. Zu meinem Erstaunen gab es neben dem eigentlichen Haus noch ein weiteres Gebäude, das am Abend zuvor von der Dunkelheit nicht zu unterscheiden gewesen war. Es dient Herrn M als Lagerstätte und Werkstatt und er erklärte mir, dass die Grundgerüste beider Gebäude bereits weit über einhundert Jahre alt seien.

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Wir schritten den von einer Schneemauer gesäumten schmalen Pfad entlang in Richtung des weißen Toyota und von dort aus sah ich nun den kleinen Fluss, der plätschernd direkt vor dem Haus den Berg hinabfloss. Von der Brücke aus wurde mir klar, dass uns unser Eindruck der vergangenen Nacht nicht getrogen hatte, denn abgesehen von dem Haus der Familie M befand sich auf weite Sicht hin nur Wald, Schnee und noch viel mehr Schnee. Erst auf der Fahrt hinunter zur Grundschule von Hikimi tauchten nach und nach vereinzelt Häuser auf, bevor die Besiedlung so dicht wurde, dass man von einem Dorf sprechen mochte. Frau M kannte jedes der Häuser und deren Bewohner. Sie erklärte uns, dass die meisten dieser Häuser durch alte Ehepaare bewohnt seien, die nicht selten mit einem ihrer Kinder zusammenlebten, die selbst bereits ein hohes Alter erreicht hatten. Zu einem Haus auf der rechten Seite bemerkte sie, dass dort ein relativ junger Mann wohne, der nach einer gescheiterten Ehe wieder in seine alte Heimat zurückgekehrt sei. Zwei Häuser weiter habe ein anderer junger Mann sein Elternhaus noch nie verlassen. Links sei einmal ein Kino gewesen, doch das habe schon seit langer Zeit geschlossen, leider.

Okuizumo

Fünf ältere Damen standen in der Küche des Bürgerzentrums in Okuizumo. Sie alle waren um die 80 Jahre alt, klein und emsig dabei, verschiedene tsukemono in eine ansprechende Form zu bringen, um sie anschließend auf großen runden Tellern anzurichten. Nachdem wir an diesem Nachmittag vor die Wahl zwischen Holzhacken und Gemüseschneiden gestellt wurden, machten Berfinaz und ich uns schnurstracks auf den Weg in die Küche, wo die Vorbereitungen für das Abendessen bereits im vollen Gange waren. Begeistert schauten wir zunächst zu, wie die Frauen mit sicheren Handgriffen das Gemüse in die kleinen geschnitzten und verzwirbelten Leckereien verwandelten, die wir sonst wie selbstverständlich auf unseren Tellern vorfanden; doch es dauerte nicht lange und wir wurden selbst mit einem Brett, Messer und konnyaku (gelatineartige Masse aus Aronstabknollen) ausgestattet. Wir folgten den Anweisungen der Frauen und schnitten den konnyaku in fingerbreite dominosteinförmige Stücke, setzten daraufhin einen schmalen chirurgischen Schnitt mittig der flachen Seite an und zogen ein Ende des konnyaku-Streifens durch diesen Schlitz, sodass ein schraubenartiges Muster entstand. Diesen Kniff wiederholten wir einige Male, begutachteten stolz die ersten Ergebnisse und freuten uns über das anerkennende Nicken der umstehenden Frauen, bevor sie uns das nächste eingelegte Gemüse reichten, das unter unseren Messern zu neuer Form gelangte.

Nach kurzer Zeit gesellten sich Konstantin und Denise hinzu, die prompt zwei riesige Stücke gefrorenes Wildschweinfleisch vorgesetzt bekamen, das für die Suppe in Mundgerechte Stücke geschnitten werden sollte. Nach kurzer Zeit sahen die beiden bereits aus, als hätten sie sich in Schweineblut gesuhlt und ich war froh, dass dieser Kelch an mir vorüber gegangen war.
Die junge Frau S bereitete in der Zwischenzeit die Suppe vor. Sie stammt ursprünglich aus Tokio, doch sie entschloss sich vor ein paar Jahren gemeinsam mit ihrem Mann, der Stadt den Rücken zu kehren und sich in seiner alten Heimat ein neues Leben aufzubauen. Während die obâsan die Schneidekünste von Konstantin und Denise genau unter die Lupe nahmen, halfen wir Frau S dabei, das Gemüse für die Suppe zu schneiden. Dabei wurden wir tatkräftig von den beiden kleinen Enkelkindern unserer Gastgeber unterstützt, die gemeinsam mit ihrer Mutter extra wegen unseres Besuchs aus Kyoto gekommen sind. Die Stimmung in der Küche war fröhlich und es wurde ausgelassen geplaudert und gescherzt. Zwar sollte in wenigen Stunden ein Abendessen für mindestens 30 Personen fertig sein, doch es war nicht ein Hauch von Stress oder Hektik zu spüren.

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An diesem Abend freuten wir uns natürlich besonders auf das gemeinsame Essen, konnten wir doch behaupten, dass wir einen winzigen Teil dazu beigetragen hatten. Während sich der Raum langsam füllte, hielt ich Ausschau nach unseren obâsan, doch zu meiner Verwunderung und Enttäuschung nahmen sie nicht an diesem gemeinsamen Abendessen teil. Frau S erklärte mir später, dass jeder im Dorf seine eigene Spezialität habe, für die er im Dorf bekannt sei, und so habe man die Frauen vorher angesprochen, ob sie bereit seien, diese zu unserem Abendessen beizusteuern, oder sie haben von sich aus angeboten, anlässlich unseres Besuchs etwas zu kochen. So seien die obâsan zwar an diesem Abend nicht dabei, aber durch ihre Speisen hätten auch sie dazu beigetragen, uns einen schönen Besuch in Okuizumo zu bereiten.

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Matsue

Das erste Mal alleine bin ich nach einer Woche in meinem Einzelzimmer in einem Hotel in der Präfekturhauptstadt Matsue. Mein Zimmer befindet sich im rechten Flügel eines langen Ganges, auf dem zu beiden Seiten unzählige Zimmertüren abgehen, die nur durch die auf- oder absteigenden bronzefarbenen Nummern zu unterschieden sind. Zunächst habe ich mich darauf gefreut, einen Raum für mich alleine zu haben, um die Eindrücke der letzten Tage Revue passieren zu lassen und mich in aller Ruhe meinem Gepäck zu widmen, das im Laufe der vergangenen Woche durch die unzähligen omiyage und Informationsbroschüren wesentlich schwerer und chaotischer geworden ist. Doch statt mich meiner neurotischen Ordnungssucht hinzugeben, sitze ich auf meinem Bett und frage mich, was meine Zimmergenossinnen der vergangenen Tage, Berfinaz und Denise, wohl gerade treiben, nachdem wir die gesamte Exkursion quasi ununterbrochen gemeinsam verbracht haben. Berfinaz war mit Konstantin für einen Workshop bei ANA bereits nach Tokio weitergereist, während Denise wie die anderen vermutlich auch in ihrer eigenen Zimmerparzelle saß. Während ich so alleine auf meinem Bett hockte, hoffte ich, dass das Gemeinschaftsgefühl, das unsere eingeschworene Reisegruppe beseelt hatte und uns in den beiden Dörfern in Shimane begegnet war, noch lange nachklingen würde.

Caroline Ruhl

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