Unterricht zu sechst? Ein Besuch an den Schulen von Hikimi

 

Wir setzen heute unsere Serie über die Exkursion nach Shimane fort, die MA-Studierende in den letzten Semesterferien zusammen mit Prof. Shingo Shimada unternommen haben. Denise Schieberl berichtet über Besuche an zwei Schulen, die den demographischen Wandel für die Teilnehmer/innen deutlich greifbar gemacht haben. 

Im Rahmen unserer Shimane-Exkursion besuchten wir am zweiten Tag die Grundschule sowie die Mittelschule von Hikimi und erhielten so interessante Einblicke in den Alltag der Schülerinnen und Schüler, der sichtlich von den Konsequenzen des Bevölkerungsschwundes in der Region beeinflusst ist – denn Hikimi gilt als ein Ort in Japan, für den der Begriff kaso (zu deutsch: Entvölkerung) besonders charakteristisch ist.

Zuerst fuhren wir zur Grundschule von Hikimi und wurden dort vom Direktor herzlich begrüßt. In einer kurzen Einführung erfuhren wir erste spannende Dinge über die Besonderheiten der Institution, in welcher aktuell insgesamt nur 22 Schülerinnen und Schüler aus eigentlich sechs Jahrgangsstufen unterrichtet werden – eigentlich. Denn an der Schule gibt es mittlerweile so wenige Schülerinnen und Schüler, dass Klassen zusammengefasst werden mussten. So werden jeweils Erst- und Zweitklässler, Dritt- und Viertklässler, sowie Fünft- und Sechstklässler gemeinsam unterrichtet – und statt der wie für japanische Grundschulen sonst üblichen sechs Klassen gibt es in Hikimi eben nur noch drei. Andernfalls säßen in der zweiten Klasse beispielsweise nur zwei Schüler; zusammengefasst mit den Schülern der ersten Klasse sind sie aber immerhin zu sechst. 

Der Lehrplan, welcher an allen Schulen Japans derselbe ist, sei auch der, nach welchem die Kinder an der Grundschule in Hikimi unterrichtet werden. Laut dem Direktor gebe es bezüglich der Lehrinhalte keinen Unterschied, egal ob die Schüler nun an einer Grundschule in Tokyo oder eben an der Grundschule in Hikimi unterrichtet werden. Was allerdings den Einsatz neuer Technik wie Tablets im Unterricht angeht, ist die Hikimi-Grundschule anderen Schulen – auch im Vergleich zu urbanen Gebieten – sogar etwas voraus: Aufgrund der geringen Anzahl der Schüler konnten hier in einem Projekt, das nun bereits im zweiten Jahr läuft, digitale Lernansätze für alle Klassen der Grundschule erprobt werden, ohne dass direkt 30 Tablets pro Klasse angeschafft werden mussten, wie es an anderen Schulen der Fall gewesen wäre. Diese Methode des active learning wird zum Beispiel im Mathematikunterricht eingesetzt. Auch an der Mittelschule von Hikimi findet diese neue Technologie Anwendung in der Unterrichtsgestaltung. Gefördert wird das Projekt vom Bildungsausschuss der Stadt Masuda, der Gakugei-Universität Tokyo (Hochschule für Pädagogik), sowie der Firma Toshiba.

Im Unterricht wird ein gewisser Fokus auch auf die Besonderheiten der Region gelegt. So haben die Dritt- und Viertklässler beispielsweise selbst eine Broschüre gestaltet, in der sie für ihre Heimat typische Dinge wie Wasabi, Kagura (eine in Shimane sehr populäre traditionelle Theaterform mit Tanz und musikalischer Begleitung; siehe hierzu den Artikel von Thomas Ladurner) oder das Hikimi-Onsen, die örtliche heiße Quelle, vorstellen – alles handgeschrieben und mit selbstgemalten Bildern verziert. Und es gibt weitere Unterschiede im Vergleich zum Alltag an Schulen mit höheren Schülerzahlen, zum Beispiel in den Städten. Den dort durchaus üblichen Besuch der juku, der Nachhilfeschule nach dem regulären Unterricht, gibt es in Hikimi nicht – dafür aber aufgrund der niedrigen Schülerzahlen eine umso intensivere Betreuung durch die Lehrerinnen und Lehrer. Diese kommen übrigens fast alle aus der nächsten größeren Stadt Masuda; keine der Lehrkräfte wohnt direkt in Hikimi. Selbst in den kleinen Dingen zeigen sich weitere Unterschiede und Herausforderungen, an die man auf den ersten Blick nicht denken würde: Die Schülerinnen und Schüler haben beispielsweise beim Sportunterricht Probleme damit, Mannschaften zu bilden, da sie schlicht und einfach zu wenige sind.

Nach dieser Einführung, in der wir schon viele interessante Dinge erfuhren, wurden wir in zwei Gruppen eingeteilt und machten uns auf den Weg in die Klassenzimmer, um uns den Ablauf des Unterrichts anzuschauen. Dort hatten die Schülerinnen und Schüler bereits extra für uns kleine Kunstwerke an die Tafel gemalt: Bilder von Baumkuchen und Weißwürsten, aber auch von Doraemon, Kappa und Kagura erwarteten uns. In der ersten Unterrichtsstunde schrieben die Kinder selbst erdachte Haiku und trugen sie uns vor. Die Themen hatten sie vorher gemeinsam gesammelt; es drehte sich alles um die Heimat der Kinder. So schrieben sie über das klare Wasser von Hikimi, den köstlichen Wasabi, für den die Region bekannt ist, und natürlich über Kagura.

Danach ging es weiter in die nächste Klasse, in der die Kinder uns traditionelle Spiele vorführten, die wir dann auch selbst einmal ausprobieren durften – mit mehr oder weniger großem Erfolg, denn es war zum Beispiel gar nicht so einfach, beim kendama die an einem kurzen Seil befestigte Holzkugel mit dem Griff aufzufangen. Da waren uns die Schülerinnen und Schüler haushoch überlegen. Außerdem bekamen wir von den Kindern gezeigt, wie man Origami faltet oder mit welcher Technik man mit Pinsel und Tusche die japanische Kalligraphie am besten meistern kann – auch hier hatten die Kinder eindeutig mehr Übung. Zur Stärkung aßen wir noch alle gemeinsam in einem Klassenzimmer zu Mittag. Anschließend wurde ordentlich aufgeräumt. Die leeren Milchpackungen wurden sorgfältig aufgeschnitten und gründlich mit Wasser ausgespült, bevor sie, streng vom anderen Müll getrennt, entsorgt wurden.

Ganz zum Schluss unseres Besuches versammelten wir uns alle in der Turnhalle, in der es aufgrund ihrer Größe besonders kalt war, und es war offensichtlich, dass sie eigentlich für eine viel größere Anzahl an Schülerinnen und Schülern konzipiert war. Die in chronologischer Reihenfolge aufgehängten Klassenfotos auf dem Flur, die uns auf dem Weg in die Halle schon aufgefallen waren, zeigten deutlich, wie die Schülerzahl über die letzten Jahre und Jahrzehnte hinweg immer weiter geschrumpft ist. In der Halle spielten wir alle zusammen noch ein paar Spiele. Zunächst Schnick-Schnack-Schnuck in Gruppen und zum Schluss ein vom Prinzip her ähnliches Spiel, bei der sich jede Gruppe für eine von drei möglichen Posen – Samurai, Großmutter oder Tiger – entscheiden und gegen eine andere Gruppe antreten musste. Samurai schlägt Tiger, Tiger schlägt Großmutter und Großmutter schlägt Samurai. Alle hatten ihren Spaß und waren am Ende etwas aufgewärmt.

Nach dem Abschiedsgruppenfoto, das die Kinder für jeden von uns noch mit selbstgemalten Bildern verzierten und uns überreichten, machten wir uns zu Fuß auf zur nächsten Schule, der Hikimi-Mittelschule. Hier durften wir mit feierlicher Hintergrundmusik in die Turnhalle einziehen, wo uns bereits Schülerinnen, Schüler und Lehrerpersonal erwarteten und applaudierten. Und ebenso wie in der Grundschule zuvor erschien auch hier die Halle viel zu groß für die nicht allzu vielen Schülerinnen und Schüler. Nach der Vorstellungs- und Begrüßungsrunde erwartete uns auf der Bühne der Turnhalle eine Iwami-Kagura-Aufführung einiger Schülerinnen und Schüler, die der Vorstellung der Erwachsenen, welche wir am Abend zuvor gesehen hatten, in nichts nachstand. Die schöne Prinzessin Inada wurde ihrer Familie von einer bösartigen achtköpfigen Riesenschlange entrissen, doch der heldenhafte Gott Susanoo macht sich auf, sie mit seinen Kampfkünsten und einer gewieften List zu befreien. Untermalt wurde das Spektakel von dramatischer Musik, ebenfalls professionell auf Trommeln und Flöten von vier Schülerinnen und Schülern gespielt.

Im Anschluss an die Aufführung durften wir selbst einmal in die Kostüme schlüpfen und uns an den Instrumenten versuchen. Besonders die Kostüme der Riesenschlangen waren zwar beeindruckend gestaltet, doch bestachen sie nicht gerade durch Komfort: Der Körper bestand aus einem langen, unhandlichen Schlauch, der einem auf den Rücken gebunden wurde, dazu wurde der Schlangenkopf wie ein schwerer, wackeliger Helm auf den Kopf gesetzt. Man sah kaum etwas und auch das Tanzen, welches zuvor bei den Kindern so leicht ausgesehen hatte, erwies sich als schwierig. Doch wer kann schon von sich behaupten, einmal das Kostüm eines echten Iwami-Kagura getragen zu haben?

Aber damit war das Programm noch nicht beendet. Als nächstes lauschten wir den Klängen zweier Kotos, die im Duett von zwei Schülerinnen gespielt wurden. Und natürlich durften wir auch nach dieser Darbietung wieder selbst ran. Wir versuchten uns an dem wohl bekanntesten Koto-Stück „Sakura, Sakura“. Aber hier bereitete nicht nur das Lesen der speziellen Noten Probleme, auch die Handhabung der sogenannten tsume, der Plastikplättchen für die Finger, war nicht leicht. Zu guter Letzt begeisterten uns die Kinder noch mit einer dynamischen Taiko-Vorführung und auch wir durften zum Schluss noch einmal kräftig trommeln, ehe wir – von derselben Musik wie bei unserem „Einzug“ begleitet – den Rückweg antraten.

Alles in allem war der Besuch der beiden Schulen ein ganz besonderes Erlebnis, wobei wir alle viele neue Erfahrungen machen durften, Einblicke erhielten, die uns sonst verwehrt geblieben wären, und aus erster Hand viel über den Alltag von Schülerinnen und Schülern aus einem von Entvölkerung bedrohten Ort wie Hikimi lernen konnten. Und dank der erstaunlichen Offenheit und dem Elan der Kinder kam auch der Spaß nicht zu kurz.

Denise Schieberl

 

Links

Homepage der Hikimi-Grundschule
Blog der Hikimi-Grundschule
Homepage der Hikimi-Mittelschule
Blog der Hikimi-Mittelschule

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