„Die japanische Art Brasilianer zu sein“: Über Arbeitsmigration und japanische Identität in Brasilien

Peter Bernardi

Peter Bernardi

Ein Tag wie jeder andere in Brasilien: Betagte japanische Damen stehen auf der Bühne und singen Enka – das Pendant zum deutschen Schlager –, ein japanisches Publikum klatscht. Moment, wie kann das sein? Fakt ist: Dies ist nichts Außergewöhnliches in der japanischen Gemeinde in Brasiliens größter Stadt São Paulo. Wie eine solche Minderheit zustande kommen kann, ist offensichtlich: Migration.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen sich dazu entschließen, in ein anderes Land zu ziehen. Sei es aufgrund von Flucht aus dem Heimatland, wegen Heirat, aus beruflichen oder sonstigen Gründen. Im Master-Seminar „Living Abroad – Lifestyle Migration, Heiratsmigration und japanische Diaspora“ unter der Leitung von Frau Dr. Kottmann haben wir uns am 8. Mai mit dem Thema Arbeitsmigration beschäftigt und zu diesem Anlass den Dokumentarfilm Nipo Brasil – Die japanische Art Brasilianer zu sein angeschaut, der sich mit japanischen Migranten in Brasilien beschäftigt.

Als Experten auf diesem Gebiet hatten wir Herrn Peter Bernardi zu Gast, der im Studiendekanat der Philosophischen Fakultät als Ansprechpartner für den Bereich eLearning tätig ist und zum Thema der japanischen Gemeinde in São Paulo promoviert.

Japanische Diaspora in Brasilien

Brasilien hat aktuell die weltweit größte japanische Gemeinschaft im Ausland zu verzeichnen. An dieser Stelle kommt womöglich die Frage auf, wie es dazu kam. Eine Antwort darauf kennt Herr Bernardi, der uns über die Migrationsgeschichte der Japaner in Brasilien ausführlich berichten konnte.

Die ersten Auswanderungen von Japanern ins Ausland gab es bereits nach der Meiji-Restauration im Jahr 1868, denn diese brachte das Ende der Landesabschließung, des sogenannten sakoku (鎖国) mit sich. Der japanisch-brasilianische Freundschaftsvertrag sowie der Boom der Kaffeeindustrie bewirkten in Kombination mit sozioökonomischen Problemen, die durch die Landesöffnung verursacht wurden, dass sich die erste Welle japanischer Arbeitsmigranten Anfang des 20. Jahrhunderts nach Brasilien aufmachte. Im Zweiten Weltkrieg trat Brasilien den Alliierten bei, was einen Einwanderungsstopp zur Folge hatte sowie zu einer starken Diskriminierung der japanischen Gemeinde führte. Die Situation besserte sich jedoch nach Kriegsende, so dass Immigration erneut möglich wurde.

(Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Torii_Liberdade.jpg)

(Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Torii_Liberdade.jpg)

Heutzutage lebt die Mehrheit japanischstämmiger Brasilianer, sogenannter nikkei burajiru-jin (日系ブラジル人), in Liberdade, einem Stadtteil von São Paulo. Unübersehbar in diesem Stadtviertel ist die japanische Architektur, die japanischen Restaurants, die Tempel und das „Museum der japanischen Immigration“, weshalb Liberdade zweifellos als „Japantown“ unverkennbar ist.

 

Nikkei – Japaner oder Brasilianer?

Einen wichtigen Beitrag zu dieser Thematik leistet der Dokumentarfilm Nipo Brasil – Die japanische Art Brasilianer zu sein, der 2005 vom schweizerisch-brasilianischen Filmteam VIROfilm produziert wurde.

(Quelle: https://www.virofilm.ch/deutsch/filme/nipo-brasil/)

(Quelle: https://www.virofilm.ch/deutsch/filme/nipo-brasil/)

Nipo Brasil handelt von der Familie Naka, die seinerzeit als Gastarbeiter nach Brasilien ausgewandert und bis heute dortgeblieben ist. Großvater Luis Senzo Naka, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 93 Jahre alt, stammt ursprünglich aus Okinawa. Er wanderte im Alter von 17 Jahren auf der Suche nach Arbeit von seiner Heimat Okinawa nach Brasilien aus. Naka gründete eine Familie, sein Sohn Juaquim wuchs in einem brasilianischen Umfeld mit japanischer Erziehung auf. Auch dieser gründete eine Familie, heiratete eine Brasilianerin und bekam Kinder. Diese wuchsen überwiegend brasilianisch auf. Wie werden wohl die Kinder seiner Kinder – Luis Nakas Urenkel – aufwachsen? Denn mit jeder weiteren Generation geht ein Stück der japanischen Identität verloren – oder etwa nicht?

Die Frage der Identität ist bei Weitem nicht so leicht zu beantworten. „Wer bin ich?“ und vor allem „Was bin ich: Japaner, Brasilianer?“, dies ist vielen nikkei selbst nicht immer hundertprozentig klar. Der Umstand, dass in Brasilien Geborene automatisch die brasilianische Staatsangehörigkeit erlangen, macht die Beantwortung dieser Frage nicht leichter. In einem japanischen Umfeld aufzuwachsen, wie es in Liberdade – Klein-Tokio – der Fall ist, muss für die späteren Generationen der nikkei nicht heißen, dass sie sich auch japanisch fühlen.

Nipo Brasil zeigt auf einer Alltagsebene auf, wie sich Arbeitsmigration im Laufe der Jahre entwickeln und auswirken kann und wirft Fragen auf, die sich nur schwer beantworten lassen: Was macht Identität aus? Die Sprache, das Umfeld, oder die Erziehung? Ob der Film auf diese Frage eine für jeden zufriedenstellende Antwort geben kann, bleibt unklar. Doch Denkanstöße gibt er allemal.

Interessierte können sich den Film unter folgendem Link gerne anschauen: https://www.virofilm.ch/deutsch/filme/nipo-brasil/

Wir möchten uns vielmals bei Herrn Bernardi für seinen Besuch in unserem Seminar und die spannende Einführung in dieses wichtige Thema bedanken! 

Text: Noelia Muñiz Schley

 

 

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