Seminarbericht: Ein Semester mit Pokemon Go

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„Pokémon GO? Spielt das überhaupt noch jemand? “ – solche Kommentare von Passanten hört man als Pokémon-GO-Spieler/in häufig, wenn man sich in der Öffentlichkeit als solche/r zu erkennen gibt. Wie wir im „Forschungsseminar Pokémon GO“ im Wintersemester 2017/18 festgestellt haben, ist das Spiel tatsächlich aber noch sehr lebendig.

Neben dem Sammeln von Pokemon „draußen“ in Parks, Straßen und Wäldern ist mittlerweile auch der gemeinsame Kampf gegen besonders starke Pokemon in sogenannten „Raids“ zum wichtigen Teil des Spiels geworden. Offensichtliche Ziele des Spiels sind Sammeln von Erfahrungspunkten (und damit der Level-Aufstieg) sowie die Vervollständigung der eigenen Pokémon-Sammlung. Daneben spielt für viele Spieler aber auch der soziale Aspekt eine große Rolle, der sich durch die Begegnungen mit anderen Spielern beim Fangen und Kämpfen ergibt.

Die Praktiken und Netzwerke, die sich um Pokémon GO herum gebildet haben, sind für Außenstehende zunächst einmal schwer zugänglich und nachvollziehbar. Durch teilnehmende Beobachtung und Gespräche mit erfahrenen Spieler/innen konnten wir im Seminar jedoch nach und nach Strukturen identifizieren und so etwas wie „Pokémon-Communities“ ausfindig machen. Eine dieser Gruppen, die sich vor allem durch soziale Netzwerke organisieren, ist direkt an der Heinrich-Heine-Universität angesiedelt, und einige der Seminarteilnehmer/innen sind dort zu aktiven Mitgliedern geworden. Für die Spieler/innen sind die Heine-Statue vor der Phil-Fak-Cafeteria oder die Skulptur neben der Bibliothek nicht einfach nur Objekte, an denen man täglich vorbeiläuft, sondern Kampfarenen, in denen gemeinsam gegen starke Monster (sogenannte „Raidbosse“) gekämpft wird. Studierende und Uni-Mitarbeiter/innen aus den verschiedensten Fachbereichen kämpfen gemeinsam – und dabei kann es schon einmal vorkommen, dass jemand zu spät zur Vorlesung kommt.

Generell macht es einen wichtigen Reiz von Pokémon GO aus, dass man beim Spielen öfters die Grenzen des Alltags überschreitet und dabei vielleicht auch etwas Verbotenes macht – wie ein eingezäuntes Privatgrundstück zu betreten, um ein seltenes Pokémon zu fangen. Mit diesem „abenteuerlichen“ Aspekt des Spiels setzt sich eine Gruppe von Studierenden aus unserem Seminar genauer in einem Artikel auseinander.

IMG_2261Zugleich schöpfen viele Spieler/innen auch ein besonderes Vergnügen aus widerständigen Praktiken, die den (kommerziellen) Absichten der Firma Niantic, die das Spiel anbietet, entgegenlaufen. Lokale Pokémon-GO-Gruppen sind dabei ebenso wichtige Möglichkeiten des Austauschs wie internationale Internet-Plattformen wie „The Silph Road“. Fans verbünden sich zu Aktionen, mit denen das Spiel um Anreize erweitert wird, oder die dazu dienen, die Möglichkeiten Niantics zum Abschöpfen ökonomischen Kapitals aus dem Spiel zu verringern. Das Verhältnis der Firma zu den Fans gleicht teilweise einem Katz-und-Maus-Spiel: Die Fans kommen hinter bestimmte Mechanismen im Spiel, worauf Niantic seine Algorithmen ändert – und die Fans von vorne beginnen, die Funktionsweise von bestimmten Dingen zu erforschen. Diese beiden Seiten, d.h. die Strategien der Firma zum Generieren von Gewinn und die Praktiken der Fans, die diesen entgegenlaufen, werden von jeweils einer Gruppe aus dem Seminar in eigenen Artikeln vorgestellt.

Pokémon GO erfordert viel Zeit – egal ob man es einfach nur spielen will oder ob man versucht, das Phänomen auch aus einer wissenschaftlichen Perspektive zu ergründen. Zudem gibt es ständig Änderungen im Spiel und neue Praktiken im Fandom. Unsere Ergebnisse sind daher eher eine Momentaufnahme, und für einige wird die teilnehmende Beobachtung sicher mit dem Seminar nicht zu Ende sein. Alle Artikel sind auf unserem Popkultur-Blog „Popyura – Gedanken zur japanischen Populärkultur“ zu finden.

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