Bericht: „Natur und ländlicher Raum im gegenwärtigen Japan“

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Hafen von Saki, Ama, Präfektur Shimane. Foto: Ludgera Lewerich

Walfang, Literatur aus Tohoku, das satoyama-Konzept oder der Fuji in der zeitgenössischen Kunst – so vielfältig waren die Themen, die am 9. und 10.06. im Rahmen eines an unserem Institut organisierten DoktorandInnen-Workshop im Haus der Universität vorgestellt wurden. Forschende unseres Institutes und der Japanologien in Berlin, Zürich und Wien präsentierten ihre Dissertationsprojekte rund um Natur und den ländlichen Raum. Aus unterschiedlichen Perspektiven wurde beleuchtet, woher bestimmte Natur- und Landschaftskonzepte stammen und wie bzw. wofür sie in Politik, Tourismus und Kunst verwendet werden.

Im ersten Panel „Bilder des Ländlichen in Tourismus und Binnenmigration“ ging es um die Vermarktung des ländlichen Raumes im Tourismus und in der Binnenmigration. Michiko Uike-Bormann (Universität Düsseldorf) sprach über die Inszenierung von europäischer Natur und ländlicher Idylle in Themenparks. Theresa Sieland (Universität Düsseldorf) trug über die Rolle der touristischen Vermarktung in der Etablierung einer „authentisch japanischen“ Landschaft vor. Den Abschluss bildete Ludgera Lewerich (Universität Düsseldorf), die die Narrativen von Stadt-Land-Migranten und die Werbung für einen Ausstieg aus dem urbanen Leben erforscht. Dabei wurde als übergreifendes Thema der drei Vorträge die Dichotomie zwischen Stadt und Land deutlich. Ging es einmal um europäische und zweimal um japanische Natur, so blieben die Projizierungen aber gleich: idealisierte und affektive Bilder japanischer furusato-Kulturlandschaften oder europäischer Ländlichkeit versprechen Städtern eine romantische und nostalgische Zuflucht. Der ländliche Raum wird als Gegenentwurf zu der Enge und Hektik der Großstadt inszeniert.

Das zweite Panel setze sich mit „Natur und ländlicher Raum in Medien, Kunst und Literatur“ auseinander. Andreas Riessland (Gastforscher aus unserer Partneruniversität Nanzan) stellte anhand von Autowerbung für den Toyota Crown anschaulich dar, wie hier furusato-Idealisierungen und Natur als Projektionsfläche urbaner Sehnsüchte zur Vermarktung des Konsumobjekts Auto genutzt wurden und immer noch werden. Jutta Teuwsen und Tamara Kamerer (Universität Wien) konnten in ihren Vorträgen aufzeigen, dass es aber durchaus auch eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Naturkonzepten und einen Widerstand gegen die Idealisierung des ländlichen Raumes gibt. In der Literatur aus der Präfektur Iwate, die Tamara Kamerer untersucht, wird die Natur als unheimlicher und teilweise auch als antagonistischer Raum gegenüber den Menschen dargestellt. Die Autorinnen schreiben ebenso schonungslos über den Alltag in den von Überalterung und Strukturschwache bedrohten ländlichen Gebieten. Jutta Teuwsen (Universität Düsseldorf) erforscht zeitgenössische Kunst und stellt ähnliche Tendenzen fest. Gegenwärtige Darstellungen etwa brechen und entfremden vermehrt die Überhöhung des Fuji als nationales Symbol.

Am Samstag ging es dann um „Natur und Nation: Revitalisierungsstrategien für die Fischerei“. Den Anfang bildete der Vortrag von Timo Thelen (Universität Düsseldorf), der deutlich machte, dass das als genuin japanisch konzipierte Umweltkonzept satoyama satoumi hauptsächlich der außenpolitischen Darstellung Japans als „green softpower“ dient, bei Akteuren vor Ort wie etwa bei den Austernfischern der Nanao-Bucht aber weitgehend ohne Auswirkungen bleibt. Fynn Holm (Universität Zürich) zeigte in seinem Vortrag auf, wie der Walfang in Tohoku – obwohl dort erst seit etwa 100 Jahren betrieben und mit nur rund 20 Angestellten vor 2011 eine marginale Branche – zum wichtigen Ort genuin japanischer Walfangkultur und zum Schlüssel für den Wiederaufbau Tohokus erklärt wurde. Den Abschluss bildete Susanne Auerbach (FU Berlin), die ihr Projekt zu Japans Küstenfischerei vorstellte. Viele Fischereigemeinden sind von Strukturproblemen bedroht und sollen durch neue Entwicklungen in der Fischerpolitik revitalisiert werden. Dabei geht es auch um das Spannungsfeld zwischen (Aus)nutzen und Erhalt maritimer Ressourcen.

Den Abschluss an beiden Tagen bildete eine gemeinsame Diskussion der Themen. Dabei wurde deutlich, dass Bilder des ländlichen Raumes weiterhin meist eng mit japanischen nationalen Selbstkonzepten verbunden sind, wenn etwa von  satoyama als besonderem, „ursprünglich japanischen Umweltkonzept“ oder einem „besonderen Verhältnis der Japaner zur Natur“ die Rede ist. Der ländliche Raum wird zudem weiterhin oft idealisiert und im Sinne von furusato als nostalgisch behafteter oft einer authentischen japanischen Vergangenheit inszeniert. Diese Konzepte dienen oft politischen und wirtschaftlichen Zwecken, wie in vielen der Vorträgen deutlich wurde. Potential zur Subversion dieser Narrative scheinen dabei hauptsächlich Kunst und Literatur zu bieten.


Unser Dank gilt der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Heinrich-Heine-Universität e.V. die den Workshop finanziell unterstützt hat.

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