Bericht zum Symposium: „Japanische Populärkultur: Neue Potenziale – neue Perspektiven?“

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Die Teilnehmer/innen der Podiumsdiskussion

Unser diesjähriges Symposium am 20.05.2016 im Haus der Universität beschäftigte sich mit der Frage, welches Potenzial die japanischen Populärkultur in Deutschland hat und welche neuen Perspektiven sich aus ihrem anhaltenden Boom eröffnen. Gleichzeitig mit dem Symposium wurde das gerade neu erschienene Buch „Japanische Populärkultur und Gender“, herausgegeben von Michiko Mae, Elisabeth Scherer und Katharina Hülsmann, vorgestellt. Am Schluss der Veranstaltung wurden die wissenschaftlichen Vorträge durch eine Podiumsdiskussion zwischen Expert/innen, die in verschiedenen Bereichen der japanischen Populärkultur tätig sind, in die Praxis erweitert. Hier finden Sie nun einen kleinen Bericht von Anna-Lena von Garnier zu den Vorträgen und Diskussionen des Tages.

Nach den Grußworten des japanischen Generalkonsuls Ryûta Mizuuchi und der Prorektorin der HHU, Prof. Andrea von Hülsen-Esch, stellte Michiko Mae zunächst das Buch „Japanische Populärkultur und Gender“ und die einzelnen Beiträge daraus vor. Es enthält nicht nur Artikel zu Manga und Anime, sondern auch zu terebi dorama (japanischen Fernsehserien), kreativer Fan-Praxis (wie dôjinshi und Fanfiction) und Gender-Spielen (Cosplay und TRPG).

Im ersten Vortrag behandelte Michiko Mae (Universität Düsseldorf) das Thema der Gender-Grenzüberschreitungen im shôjo-Manga (Manga für Mädchen). Sie arbeitete den Typus „Mädchen in männlicher Repräsentation“ auf der Grundlage verschiedener Beispiele des Genres heraus. „Der Ritter mit der Schleife“ (Ribon no kishi, Tezuka Osamu, 1953–1956), „Die Rosen von Versailles“ (Berusaiyu no bara, Ikeda Riyoko, 1972–1973) und „Revolutionary Girl Utena“ (Shôjo kakumei Utena, Saitô Chiho, 1996–1997) zeigen Protagonistinnen, die durch „doing gender“ frei von genderbedingten Einschränkungen ihre eigene Identität gestalten und sich damit selbst ermächtigen, grenzüberschreitend ihr ganzes menschliches Potenzial zu entfalten. Gleichzeitig werden in dem experimentierfreudigen shôjo-Genre fernab von den konventionellen Genderverhältnissen Möglichkeiten für neue zwischenmenschliche Beziehungen aufgezeigt.

Der folgende Vortrag von Kenji-T. Nishino (Universität Bonn) beschäftigte sich mit der Frage des Gender-Bending im shônen-Manga (Manga für Jungen) und bildete ein interessantes Gegenstück zu Maes Ausführungen. Anhand der Beispiele „Naruto“ (Kishimoto Masashi, 1999–2014), „One Piece“ (Oda Eiichirô, seit 1997) und „Piano Forest“ (Piano no mori, Isshiki Makoto, 1998–2015) arbeitete er heraus, dass Gender-Bending im shônen-Genre nur möglich ist, solange es innerhalb der Heteronormativität stattfindet und die hegemoniale Geschlechterordnung nicht gefährdet; dies wird erreicht zum Beispiel durch die Heterosexualisierung homosexueller Paare oder durch Überzeichnung bis hin zur Lächerlichkeit. Grenzüberschreitungen von Mann zur Frau werden, so Nishino, eher mit einem Machtverlust assoziiert und werden auch in den behandelten Werken nicht als positiv dargestellt.

In einem Videovortrag referierte Björn-Ole Kamm (Universität Kyôto) über japanische Tischrollenspiele und zeigte, wie dabei Sprache Realitäten schafft. Dies ist vor allem dadurch möglich, dass die japanische Sprache viele Ausdrücke und Formulierungen enthält, die eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Das führt dazu, dass männliche Spieler weibliche Charaktere häufig übertrieben weiblich und hilflos zeichnen. Weibliche Spielerinnen bleiben dagegen, so Kamm, Rollenspiel-Conventions eher fern, da sie von ihren männlichen Mitspielern häufig bevormundet werden, selbst wenn sie mit den Regeln vertraut sind. Dies wird als hime-sama-mondai, das „Prinzessinnenproblem“, bezeichnet und ist ein Grund dafür, dass weibliche Spielerinnen häufig schlecht in die öffentliche Rollenspielszene integriert sind.

Nach der Mittagspause wurden im nächsten Block terebi dorama, japanische Fernsehserien behandelt. Den Anfang machte Ronald Saladin (Universität zu Köln), der sich mit dem Typus des sôshoku(kei) danshi (‚Grasfresser‘-Mannes) in der Serie Ohitorisama („Party for One“, 2009) beschäftigte. Der Protagonist der Serie erfüllt verschiedene Kriterien, die für sôshoku-danshi-Männer herausgearbeitet wurden: er hat keinen Ehrgeiz bezüglich seiner Karriere, ist unbeholfen im Umgang mit Frauen und desinteressiert an sexuellen Beziehungen. Interessant ist dabei, dass auch in dieser Serie das Leben als sôshoku danshi als ein Zustand betrachtet wird, der zumindest teilweise überwunden werden muss, während Männer dieses Typus in der Realität zufrieden mit sich und ihrer Lebensweise sind.

Im Anschluss daran widmeten sich Elisabeth Scherer und Nora Kottmann (beide Universität Düsseldorf) aktuellen Weiblichkeitsdiskursen im terebi dorama anhand des Beispiels Otona joshi („Erwachsene Mädchen“, Fuji TV, 2015) und verbanden dabei kulturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Herangehensweisen. Diese Serie beschäftigt sich mit den Beziehungswelten 40-jähriger Frauen und der Frage des Älterwerdens. Scherer und Kottmann arbeiteten heraus, dass Otona joshi an verschiedene aktuelle Diskurse um die Lebensgestaltung von Frauen anknüpft, was sich z.B. in dem Aufgreifen von Modewörtern zeigt. In dem terebi dorama wird, so das Fazit, trotz einiger progressiver Elemente und einer ironischen Note letztlich die Vorstellung nicht überwunden, dass der Alterungsprozess für Frauen mit vielen Verlusten verbunden ist. Zudem wird eine heterosexuelle Paarbeziehung weiter als das ultimative Mittel zum Glück präsentiert.

Nach den Vorträgen gab es eine spannende Podiumsdiskussion, an der Chen-Long Chung (Illustrator), Andreas Degen (Dokomi-Organisator), Karen Heinrich (Cosplayerin und Cosplay-Forscherin), Benjamin Schulte (Dokomi-Organisator) und Christopher Willmann (Verlag Egmont Manga) teilnahmen. Moderiert wurde die Diskussion von Michiko Mae.
Die Teilnehmer/innen berichteten zunächst über ihr Berufsfeld, wie sie zu ihrer Profession gekommen sind und welchen Einfluss die japanische Populärkultur auf ihr Leben hat. In der Diskussion wurde herausgearbeitet, dass die japanische Populärkultur sich in Deutschland mit deutschen Einflüssen vermischt und damit hybridisiert wird. Da das Interesse an Anime, Manga, Cosplay etc. in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, sahen die Teilnehmer/innen auch weiterhin ein großes Potenzial und gute Zukunftsperspektiven für die japanische Populärkultur in Deutschland.

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