Japan-Pop ohne Grenzen: Bericht

Um Grenzen und deren Überschreitung ging es bei unserem Symposium „Japan-Pop ohne Grenzen“ am Freitag, 22. Mai 2015, im Haus der Universität Düsseldorf. Passend zum Thema waren auch viele Interessierte aus anderen Städten angereist, unter anderem eine größere Gruppe Studierender der Universität Trier. Das Publikum war im Durschnitt sehr jung, zugleich aber sehr erfahren im Bereich der japanischen Populärkultur, wie die fruchtbaren Diskussionen zwischen den Vorträgen zeigten. Bereichert wurde die Veranstaltung durch die Mischung wissenschaftlicher Vorträge mit Beiträgen aus der Praxis zu Cosplay und Manga. Das Symposium wurde so zu einem sehr erfolgreichen Beitrag zum Jubiläumsjahr „50 Jahre HHU“.

Zu Beginn machte Michiko Mae deutlich, welche Grenzen bei der Betrachtung der japanischen Populärkultur von besonderer Bedeutung sind. Zum einen gehe es um das Überschreiten kultureller Grenzen und um die Überschreitung der Grenzen von „high“ und „low“ culture, wie sie zum Beispiel von dem Künstler Murakami Takashi betrieben wird. Zudem lasse sich zunehmend feststellen, dass Mediengrenzen überschritten werden und Geschichten auf verschiedensten Plattformen präsent sind. Auch die Grenze zwischen Medienautor/innen und Fans werde durch zahlreiche Partizipationsmöglichkeiten aufgeweicht.

Mae zeigt anschließend in ihrem Vortrag zu shôjo-Manga anhand von Beispielen auf, wie diese Grenzüberschreitungen in der Praxis ausgestaltet werden. Der Manga Fuiichin-san (Ueda Toshiko, 1957–1962) zum Beispiel hat als Hauptfigur ein chinesisches Mädchen, das in einer multikulturellen Umgebung aufwächst – eines von vielen Beispielen für shôjo-Geschichten, die in einem transkulturellen Setting angesiedelt sind. Andere shôjo-Manga zeigen, wie Populärkultur eine offenere Auseinandersetzung mit schweren gesellschaftlichen oder auch persönlichen Problemen ermölgicht. Die shôjo-Manga erhielten dadurch laut Mae eine besondere Bedeutung für Mädchen: „Er ist nicht nur ihr Wegweiser, sondern geht in alle Höhen und Tiefen mit ihnen mit, eben wie eine gute Freundin, mit der sie aber nicht nur mitleiden, sondern auch Freude teilen können.“

Populärkultur für junge Männer stand im Mittelpunkt des Vortrags von Ronald Saladin: Er untersucht Lifestyle-Zeitschriften für junge Männer, eine in Japan sehr verbreitete Sparte, zu der es in Deutschland keine Entsprechung gibt. Anhand der Zeitschriften „Choki Choki“ und „Men’s Egg“ zeigte er auf, welch unterschiedliche Vorstellungen von Männlichkeit sich in diesen Publikationen zeigen können. In „Choki Choki“ wird der sogenannte sôshoku danshi („Pflanzenfresser-Mann“) angesprochen, der sich nach gängiger Vorstellung Frauen gegenüber eher passiv verhält und meist kaum Erfahrungen mit Frauen hat. Die Men’s Egg hingegen hat die Subkultur der gyaru-o als Zielgruppe, die ein bestimmtes (muskulöses) Körperideal verfolgt und für die es sehr wichtig ist, viele Sexualkontakte zu haben (wofür es in der Zeitschrift auch entsprechende Tipps gibt). Wie Saladin verdeutlichte, zeigen beide Zeitschriften trotz ihrer großen Unterschiede, dass das typische hegemoniale japanische Männlichkeitsideal des Salaryman durch verschiedene neue Männlichkeiten abgelöst wird.

Franziska Ritt widmete sich in ihrem Vortrag der glitzernden Welt der japanischen aidoru („Idols“) – jungen Persönlichkeiten, die als Sänger/innen, Models und TV-Stars auftreten, sich aber meist durch keine herausragenden Talente auszeichnen. Es handelt sich eher um den Typ „nettes Mädchen/netter Junge von nebenan“. Ritt verdeutlichte, wie sehr der Erfolg dieser Idols an das Fernsehen geknüpft ist: Eine ständige TV-Präsenz erzeugt eine große Vertrautheit beim Publikum und sichert vor allem den Produktionsfirmen, die hinter den Idols stehen (sog. jimusho), Einnahmen durch CD-Verkäufe, Konzerte, Merchandise und Werbung. Die derzeit bekannteste Idol-Gruppe AKB48 kann durch ein ausgeklügeltes Marketing-System auch sehr große Erfolge in ganz Asien verbuchen. Wie Ritt feststellte, bleibt der große Erfolg der Idols auf dem westlichen Markt – bis auf wenige Ausnahmen wie zum Beispiel Kyary Pamyu Pamyu – bisher noch aus.

Nach der Mittagspause führte Fritjof Eckardt, Autor des Buchs „Was ist Cosplay?“, in die Welt dieses Hobbies (oder besser: dieser Leidenschaft) ein. Eckardt hat selbst viele Jahre als Organisator verschiedener großer Cosplay-Veranstaltungen tätig und konnte dabei beobachten, wie sich die Szene verändert hat. Zu Anfang habe als ersten Preis bei Wettbewerben in Deutschland lediglich mal einen Manga-Band gegeben, berichtet er. Heute sei Cosplay auch zu einem enormen Wirtschaftsfaktor geworden: Sponsoren stiften tolle Preise für Wettbewerbe, Cosplayer werden zu Werbeträgern, und auch die Politik interessiert sich mehr und mehr für die Szene. In Japan erscheinen teilweise sogar hochranginge Politiker wie Bürgermeister oder Gouverneure im Cosplay. Eine weitere positive Entwicklung sei die zunehmend objektivere Medienberichterstattung in Deutschland.

Die Kreativität der Fans stand im Mittelpunkt von Katharina Hülsmanns Vortrag, bei dem es um sogenannte dôjinshi ging. Dôjinshi sind Zeitschriften mit von Fans gezeichneten Manga zu bekannten Serien, die bei Fan-Conventions wie der Comiket in Tokyo oder der DoKomi in Düsseldorf verkauft werden. Diese Fan-Manga spinnen Geschichten weiter, füllen Leerstellen in der Ursprungsgeschichte aus oder knüpfen Beziehungen zwischen den Hauptfiguren. Junge Frauen machen einen Großteil dieser produktiven Fans aus. Wie Hülsmann verdeutlichte, beschränken sich die Fan-Werke nicht auf Anime oder Manga; auch westliche Serien wie Sherlock oder Supernatural regen die Zeichnerinnen an und es gibt sogar kleine Conventions, die sich nur diesen Geschichten widmen. Katharina Hülsmann hatte auch einige spannende Beispiele dabei, u.a. ein dôjinshi zu einer „Rammstein-Pilgerfahrt“, die zwei Freundinnen nach Deutschland unternommen haben.

Die Manga-Zeichnerin Christina Plaka zeigte an ihrem eigenen Werdegang auf, wie sich die gesamte Manga-Szene in Deutschland entwickelt hat: Während am Anfang vor allem die Imitation der Vorbilder aus Japan im Vordergrund stand und alles „so japanisch wie möglich“ sein musste, hat sich mittlerweile verstärkt eine eigene Ausdrucksweise entwickelt. Plaka wurde zum Beispiel für ihren Comic „Kimi he – Worte an Dich“ – die Abschlussarbeit ihres Manga-Studiums an der Kyôto Seika Universität – auch von der Arbeit des französischen Zeichners Bastien Vivès inspiriert. Sie selbst nennt ihren neuen Stil, den sie sich über verschiedene Werke hinweg entwickelt hat, „Fusionsstil“. Mittlerweile hat sie auch überhaupt kein Problem mehr damit, ihre Werke in Deutschland spielen zu lassen, im Gegenteil: Ihre aktuellen Werke „Ciao Bibi“ (serialisiert in Comix) und „Go for it!“ (erscheint dieses Jahr bei Carlsen) sind sogar in Plakas Heimatstadt Offenbach-Bürgel angesiedelt.

Als glamouröses Highlight hatten wir die Sängerin Désirée Richter – die auch bei uns studiert – zu Gast, die zu Anfang und zum Ende des Symposiums zwei Songs aus bekannten Anime interpretierte: Kimi o nosete zum Ghibli-Meisterwerk Laputa und Bara wa utsukushiku chiru aus der Serie Berusaiyu no bara („Lady Oscar“).

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