Bericht aus dem Seminar „Beziehungswelten“ (WiSe 2014/15)

Im Rahmen des Seminars „Beziehungswelten“ (WiSe 2014/15) haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine eigene Umfrage zum Thema „romantische Beziehungen“ entworfen und in Düsseldorf durchgeführt. Hier der – spannende – Abschlussbericht:

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Flickr cc, mrhayata

Jugend mit Beziehung?!
Wie junge Japanerinnen und Japaner in Düsseldorf über Liebesbeziehungen denken
von Lisa Fink, Cigdem Altinpicak, Susanne Böcker, Stefanie Follmann, Gina Graf, Dagmara Kowalkowski, Raphaela Miesen, Sebastian Sabas (und Nora Kottmann)

Im Rahmen des Seminars „Beziehungswelten in Japan“ (Wintersemester 2014/15) haben wir, circa 40 Studierende des Instituts Modernes Japan der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf, unter der Leitung von Frau Nora Kottmann eine Untersuchung zum Thema Liebesbeziehungen von jungen japanischen Erwachsenen in Düsseldorf durchgeführt. Das Ziel der Befragung war es, individuelle Beziehungsgeschichten zu erfassen sowie Einstellungen zu (romantischen) Beziehungen und deren möglichen Wandel aufgrund des Deutschlandaufenthalts zu untersuchen. Ein Auslöser für unser Interesse an dieser Fragestellung war der Artikel „Japan: Jugend ohne Sex“ der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ (Juni 2014), in der unter anderem die These vertreten wird, dass junge Erwachsene in Japan kein Interesse an Intimität haben oder aus unterschiedlichen Gründen auf (romantische) Beziehungen verzichten (müssen). Inwiefern sich diese These mit unseren Ergebnissen deckt, wird sich im Folgenden zeigen.

Mithilfe eines innerhalb der Lehrveranstaltung erstellten Umfragebogens wurden 21 Personen im Durchschnittsalter von 24 Jahren auf Deutsch, Englisch oder Japanisch anonym zu ihrer Beziehungsgeschichte sowie ihrem gegenwärtigen Beziehungsstatus befragt. Darüber hinaus wurden auch mögliche Beziehungswünsche und -vorstellungen erfragt. Unter den Befragten waren 14 Frauen und 7 Männer. Jeweils etwa die Hälfte der Frauen und Männer befand sich zum Zeitpunkt der Befragung eigenen Aussagen zufolge in einer festen Beziehung. Diese Befragten gaben an, ihre Partnerinnen und Partner über Freunde, in der Schule oder während des Studiums kennengelernt zu haben. Bis auf eine partnerlose Befragte gaben alle anderen Singles an, dass sie sich derzeit auf der Suche nach einem neuen Partner befinden. Auffällig hierbei ist jedoch, dass die meisten dieser Singles eine aktive Suche für sich ablehnen und erklärten, nur ‚passiv‘ zu suchen, das heißt das Zusammentreffen mit ‚Mr. oder Mrs. Right‘ – im Sinne eines romantischen Beziehungsideals – dem Zufall zu überlassen. Nur eine der befragten Frauen gab an, derzeit nicht an einer Beziehung interessiert zu sein.

Vielleicht aus gutem Grund? Insgesamt fiel uns auf, dass viele Befragte recht konservative Geschlechterrollenvorstellungen äußern: So gab beispielsweise eine Befragte an, dass die Rolle „Freundin“ in Japan sehr anstrengend sei, weil man gezwungen sei, sich betont weiblich zu verhalten, immer gut auszusehen und beispielsweise für den Freund zu kochen. Gleichzeitig zeigte die Umfrage jedoch deutlich, dass viele Frauen einen ‚starken‘, ‚männlichen‘ Partner und eine klassische Rollenverteilung bevorzugen. So wurde von einer 21-Jährigen der Wunsch nach einem Partner, der die Familie beschützt und ernährt geäußert: „Wie Samurai, weißt du. Er ist stark und … er arbeitet für seine Familie“.
Hinsichtlich der Beziehungsgeschichten ergab sich folgendes Bild: Die weiblichen Befragten gaben im Durchschnitt an, in der Vergangenheit bereits drei Beziehungen von durchschnittlich 15 Monaten geführt zu haben. Die männlichen Befragten wiederum sprachen durchschnittlich von fünf vergangenen Beziehungen, die knapp acht Monate anhielten. Nichtsdestotrotz gab es auch Befragte, die von deutlich längeren Beziehungen berichteten: Eine Befragte erzählte von einer fünfjährigen Beziehung, ein Befragter von zwei jeweils vierjährigen Beziehungen. Als Trennungsursache wurde oftmals ein ‚Verlust der Gefühle‘ benannt. Auch dies deutet auf ein romantisches Beziehungsverständnis hin. Es fiel uns jedoch auf, dass Beziehungen als ‚Statussymbol‘ bezeichnet oder beschrieben wurden und alle Befragten ihre vergangenen Beziehungen – über die alle Befragten verfügten – betonten. Dies kann so verstanden werden, dass es als angebracht verstanden wird, sich in einer Beziehung zu befinden oder eine umfassende Beziehungsgeschichte zu haben und dies den gesellschaftlichen Status hebt.

Da sich die weiblichen Befragten sich zum Zeitpunkt des Interviews durchschnittlich knapp 14 Monate und die männlichen Befragten etwa 22 Monate in Deutschland aufhielten, fragten wir auch nach ihrer Einschätzung hinsichtlich möglicher Unterschiede im Hinblick auf Liebesbeziehungen in Deutschland und Japan. Tatsächlich betonten fast alle der Befragten entsprechende Unterschiede: So gaben einige Befragte beispielsweise an, dass das Führen einer Beziehung in Japan teure Geschenke notwendig mache und somit recht kostspielig sei. Dahingegen äußerten diese Befragten den Eindruck, dass in Deutschland Emotionalität und Intimität einen höheren Stellenwert hätten. Ebenfalls fiel uns aus, dass viele der Befragten zwar den Wunsch nach regelmäßigen Dates mit ihrer Freundin beziehungsweise ihrem Freund äußerten, gleichzeitig aber immer wieder die Wichtigkeit des persönlichen Freiraums hervorhoben. In diesem Zusammenhang sprachen viele Befragte davon, dass Partnerschaften und Freundeskreis in Japan streng getrennt werden. Zwei weitere Unterschiede, die von einigen Befragten benannt wurden, beziehen sich auf das öffentliche Zuschaustellen von Gefühlen sowie die öffentliche Bekanntmachung der eigenen Beziehung. Viele Befragte erzählten, dass es in Japan – anders als in Deutschland – noch ungewöhnlich sei, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten oder sich zu küssen. Des Weiteren vereinbare man in Japan explizit, ob man eine Beziehung führt oder nicht; der Beziehungsbeginn kann somit klar ausgemacht werden. In Deutschland – so einige der Befragten – sei dies manchmal unklar und der Status einer Beziehung befinde sich in einem grauen Zustand. Abschließend verwiesen einige der Befragten außerdem darauf, dass in Japan Beziehungen ab Mitte zwanzig oftmals mit Blick auf eine Hochzeit und Familiengründung eingegangen werden.

In der Diskussion über die erhobenen Daten wurden von uns viele Fragen aufgeworfen: Warum sprach keiner der Befragten über die Wichtigkeit von Gefühlen bei der Partnersuche und welche Rolle spielen diese somit? Warum äußern so viele der Befragten Idealvorstellungen von einem Partner beziehungsweise einer Partnerin, die sich auf den Charakter, den sozialen Status oder das Aussehen des Wunschpartners beziehen und die heutzutage möglicherweise nicht verwirklicht werden können? Warum erscheint die klassische Rollenverteilung so stark verinnerlicht? Warum werden Freundeskreis und Partnerschaft den Befragten zufolge so explizit getrennt? Warum wird der Wunsch nach persönlichem Freiraum so deutlich betont? Und schließlich erstaunte uns der Umstand, dass das Thema ‚Sex‘ oder ‚rein sexuelle Beziehungen‘ praktisch nicht angesprochen wurde. Wir gehen aber davon aus, dass dies nicht bedeuten muss, dass Sexualität keine Bedeutung für unsere Befragten hat. Viel wahrscheinlicher ist, dass es den Befragten schwer fiel, so offen über ein so privates Thema zu sprechen; zumal wir nicht explizit danach gefragt haben.

Zusammenfassend wurde in unserer Studie deutlich, dass die Partnersuche für viele der Befragten durchaus ein Problem darstellt und Beziehungslosigkeit den gesellschaftlichen Status negativ beeinflusst. Während sich dies mit den Ergebnissen des eingangs erwähnten Artikels „Japan: Jugend ohne Sex“ der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ deckt, haben wir doch den Eindruck, dass zumindest in unserer Studie die These, dass junge japanische Erwachsene auf Intimität und Beziehungen verzichten (müssen), so nicht bestätigt werden kann. Vielmehr sprechen alle unsere Befragten von einem Leben voller Beziehungserfahrungen oder zumindest voller Beziehungswünschen.

 

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