Bachelor Plus 5 Questions

Unsere Studierenden des inzwischen dritten Bachelor Plus Jahrgangs sind aus Japan zurück und starten jetzt ins Wintersemester in Düsseldorf. Während eines einjährigen Japanaufenthaltes haben Theresa Behle, Cédric Klein, Carolin Maibach, Gerrit Neumann und Evelyn Szawerski an einer der Partneruniversitäten des Instituts studiert und spannende Feldforschungsprojekte zu selbstgewählten Themen bearbeitet. Nach einem Willkommen-zurück-Treffen, bei dem sich alle TeilnehmerInnen des BA+ und das BA+ Projektteam wiedersehen und über die in Japan gemachten Erfahrungen austauschen konnten, wollen wir jetzt natürlich genauer wissen, wie es unseren Studierenden in Japan ergangen ist und wie sie ihre Forschungsprojekte geplant und durchgeführt haben. Wie auch bereits bei den vorangegangenen BA+ Jahrgängen (erster Jahrgang und zweiter Jahrgang) haben wir die Studierenden daher zum Interview gebeten und werden diese in den nächsten Wochen hier auf dem Blog veröffentlichen.

Als erste in unserer Reihe berichtet uns Theresa Behle von ihrer Forschung zu „Demenz im familiären Kontext: Die Situation Angehöriger am Beispiel des Pflegeheims Yoriai. Frau Behle war an der Nanzan Daigaku und hat nach dem Abschluss ihres Studienprogramms mehrere Wochen in der Pflegeeinrichtung Yoriai geforscht und als Volunteer mitgeholfen. Zu diesem Pflegeheim in Fukuoka besteht über Prof. Shimada eine langjährige Verbindung unseres Instituts.

Altersdemenz und Pflege: Feldforschung im Yoriai

Angesichts des demographischen Wandels und der zunehmenden Alterung der Gesellschaft ist auch das Thema Demenz immer stärker in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Unsere Studierende Theresa Behle hat sich mit ihrem Forschungsprojekt eines Themas angenommen, das insbesondere für Japan von aktueller gesamtgesellschaftlicher Relevanz ist. Dabei interessiert sie besonders, wie die Angehörigen dementer Menschen mit der Situation umgehen. Wie betrachten und empfinden Angehörige von Dementen die Erkrankung ihrer Verwandten? Wird man als demente Person unweigerlich zu einer Last für seine Familie und sein Umfeld? Wie kann die Pflege im familiären Kontext organisiert werden, gibt es auch Alternativen und wie sehen diese aus? Diesen und anderen Fragen ist sie anhand des Beispiels der Pflegeeinrichtung Yoriai in Fukuoka nachgegangen.  

DSCF9235

Basar von Yoriai

BA+: Frau Behle, was ist das Besondere an Yoriai im Vergleich zu anderen Pflegeeinrichtungen in Japan?

Yoriai unterscheidet sich von anderen Pflegeeinrichtungen in Japan durch sein ungewöhnliches Konzept. Yoriai ist nicht nur ein einzelnes Demenzpflegeheim, sondern umfasst drei einzelne Pflegeheime – Yoriai 1 bis 3 – und ein wachsendes Netzwerk, zu dem auch ein Café, ein sehr beliebter Basar, eine sehr große Medienpräsenz und eine starke Einbindung in die lokale Gemeinde gehören. Es gibt zwar in Japan andere kleine Einrichtungen, die Yoriai ähneln, trotzdem ist Yoriai mit seinem großen Netzwerk einzigartig und war tatsächlich auch das erste Pflegeheim dieser Art in Japan.

DSCF9236

Basar von Yoriai

BA+: Um Ihr Forschungsprojekt durchzuführen, haben Sie ja einen mehrwöchigen Feldforschungsaufenthalt in Fukuoka verbracht und im Yoriai als Volunteer mitgearbeitet. Welche Aufgaben haben Sie denn übernommen?

Ich habe kleinere Aufgaben übernommen und geholfen, wo es mir möglich war. Ich habe zum Beispiel Geschirr aus- und abgeräumt, Malzeiten verteilt, Kaffee und Tee gemacht und an alle verteilt und hin und wieder Geschirr gespült. Zweimal habe ich für alle Mittagessen gekocht. Einmal bin ich mit zwei Mitarbeitern von Yoriai zum Erdbeerpflücken gefahren und habe danach mit ihnen Erdbeermarmelade gekocht, die dann im Café von Yoriai 3 verkauft wurde. Außerdem habe ich zweimal samstags im Café von Yoriai 3 als Kellnerin ausgeholfen, was sehr viel Spaß gemacht hat.

BA+: Wie haben Sie als junger Mensch den Umgang mit alten, dementen Menschen empfunden?

Da ich bis zu meinem Praktikum bei Yoriai keinen direkten Kontakt mit dementen Menschen hatte, war es für mich eine neue Erfahrung und ich fühlte mich zu Beginn unsicher. Ich wusste nicht genau, wie ich mit den Dementen umgehen muss und ob ich sie überhaupt verstehe (auch wegen meiner noch begrenzten Japanischkenntnisse). Außerdem hatte ich durch meine mangelnde Erfahrung in diesem Bereich auch keine genaue Vorstellung davon, wie sich Demente verhalten. Durch die intensive Unterstützung und Hilfe der Mitarbeiter habe ich mich aber sehr schnell zurechtgefunden und hatte weniger Verständigungsprobleme als befürchtet. Ich merkte auch sehr schnell, dass es nicht „eine Form des Dementseins“ gibt, sondern dass jeder Mensch unterschiedlich ist, und im Nachhinein kann ich sagen, dass sich anfängliche Ängste oder Unsicherheiten schnell aufgelöst haben. Es hat im Großen und Ganzen sehr viel Spaß gemacht und war sehr interessant, mit den alten Menschen zusammenzuleben.

DSCF8994

Gemeinsames Singen in Yoriai

BA+: Wie gehen die Angehörigen mit der Situation um, einen Demenzkranken in der Familie zu haben und wie werden sie im Yoriai unterstützt?

In einem Interview mit einer Angehörigen konnte ich erfahren, dass die Demenzerkrankung an sich von ihr als nicht so schlimm empfunden wurde. Meine Interviewpartnerin beriet sich auch mit Freunden und Verwandten über die Krankheit. Die Pflege innerhalb der Familie allerdings wurde als große Belastung empfunden und so entschied man sich, die Angehörigen zu Yoriai zu bringen.

Laut meiner Interviewpartnerin wurde sie sehr früh von Yoriai unterstützt, man tauschte sich schon früh aus und hielt Kontakt, noch bevor es zu einem Umzug ins Yoriai kam.

BA+: Hat Ihr Projekt Ihre Sichtweise auf das Thema Demenz verändert und wo möchten Sie selber im Alter leben?

Ja, das Projekt hat meine Sichtweise auf jeden Fall verändert. Ich hatte mich zwar vorher schon ein wenig mit Yoriai beschäftigt, aber vor Ort alles zu erleben, hat mich wirklich sehr beeindruckt. Ich hatte vorher keine wirkliche Vorstellung davon, was es bedeutet „dement“ zu sein und hatte ein eher negatives Bild davon. Durch den täglichen Umgang mit den Alten habe ich gemerkt, dass auch Demente noch sehr viel selbst tun können, sich verständigen können und durchaus noch ein sehr vielseitiges und schönes Leben führen können. Meine Wunschvorstellung für mein eigenes Alter sieht so aus, dass ich gerne mit einem Hund und ein paar Schafen und Hühnern in einem kleinen Häuschen wohnen würde und mich selbst versorgen. Sollte ich aber dement werden, möchte ich definitiv in Yoriai oder an einem ähnlichen Ort leben!

BA+: Wir wünschen Ihnen natürlich, dass Ihr Wunsch in Erfüllung geht! Frau Behle, vielen Dank für das Interview und den Einblick in die Erfahrungen, die Sie mit einem Thema gemacht haben, das für uns alle früher oder später relevant werden kann!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *