Bericht: „Alter(n) im Blick. Feldforschung in Japan und Deutschland“

Im Rahmen des Bachelor Plus Programes berichteten am 12.07.2013 drei Referenten aus ihrer Feldforschungspraxis rund um das Thema Alter(n). Im Mittelpunkt des öffentlichen Workshops stand der Austausch über methodische Aspekte der Planung und Durchführung von Feldforschungsvorhaben – nicht nur in Bezug auf Alter(n)sforschung). Denn neben den drei spannenden Erfahrungsberichten von der Feldforschung aus dem Themenbereich Alter(n) präsentierten auch unsere diesjährigen Bachelor Plus Studierenden ihre thematisch sehr vielseitigen Forschungsprojekte. Hier im Institutsblog gibt es nun eine Zusammenfassung des Workshops.

Nach der Begrüßung durch den Projektleiter des BA+ Programmes, Prof. Dr. Shingo Shimada und die Projektkoordinatorin Michiko Uike-Bormann, stellte sich auch der mittlerweile dritte Jahrgang der Bachelor Plus Studierenden vor, die ab dem kommenden Wintersemester für ein Jahr nach Japan gehen werden. Während dieses einjährigen Studienaufenthaltes führen die Studierenden Feldforschungsprojekte zu selbst gewählten Themen durch.

Shingo Shimada, Evelyn Szawerski, Carolin Maibach, Theresa Behle, Gerrit Neumann, Cédric Klein, Michiko Uike-Bormann (von rechts)

Den Auftakt bildete Evelyn Szawerski mit ihrem geplanten Forschungsprojekt zu „Einstellungen chinesischer Migranten gegenüber den japanischen Medien“. Über Interviews möchte sie mehr über die Erfahrungen chinesischer Migranten im Umgang mit japanischen Medien herausfinden und dabei besonders die Beurteilungen der medialen Repräsentationen durch die Migranten selbst untersuchen.

Mit dem Projekt von Theresa Behle ging es wieder zurück zum Workshopthema Alter(n). Sie untersucht den „Umgang von Angehörigen mit Demenz am Beispiel des Altenheims Yoriai“. Zu diesem Pflegeheim in Fukuoka, in dem Frau Behle ihre Feldforschung durchführen möchte, besteht über Prof. Shimada eine langjährige Verbindung unseres Instituts.

Cédric Klein plant eine „Rekonstruktion journalistischer Methodik in Japan am Beispiel der Akahata Shinbun“. Er will die Arbeitsprozesse von der anfänglichen Information bis zum fertigen Artikel nachvollziehen. Hierzu möchte er am liebsten in der Redaktion der kommunistischen Akahata Shinbun forschen. Er erklärte den Zuhörern aber auch, falls der Zugang hier nicht gelingt, sei auch jede andere Zeitungsredaktion als Forschungsort denkbar.   

Auch Carolin Maibachs Forschungsprojekt befasst sich im weiteren Sinne mit dem Thema Alter(n). Sie möchte die „Ernährungsgewohnheiten der älteren Generation Japans“ untersuchen und erforschen, wie selbstversorgende Senioren ihren Ernährungsalltag zwischen Fast Food und traditioneller Kost gestalten.

Den Abschluss der Präsentationen der Bachelor Plus Studierenden bildete Gerrit Neumann mit seinem Projekt zur „Rolle des Genders im japanischen E-Sport“. Ziel von Herrn Neumanns Projekt ist es, zu einer Ethnographie der E-Sport Szene, einer bisher noch kaum erforschten Subkultur beizutragen.

Im Anschluss an die Projektvorstellungen gab es von den Zuhörern neben Fragen auch wertvolles Feedback zur jeweiligen Projektplanung.

Nach den Bachelor Plus Studierenden folgten nun die erfahreneren Feldforscher, den Anfang machte Dr. Hilke Engfer, Anglistin und Soziolinguistin an der Universität Duisburg-Essen. In ihrem Vortrag mit dem vielversprechenden Titel „Snowballing für Anfänger oder wie ich bei den Nazis landete“ berichtete sie anhand von eigenen Erfahrungen über Schwierigkeiten beim Feldeinstieg und beim Sampling. Frau Engfer erzählte davon, wie sie als absolute Anfängerin in Sachen Feldforschung im Landkreis Uecker-Randow im Osten Mecklenburg-Vorpommerns eine zweiwöchige „Testfeldforschung“ vor der eigentlichen Feldphase für ihre Dissertation durchführte. Ihr Sampling damals habe auf dem Schneeballsystem beruht und als Einstieg habe sie soziale Netzwerke wie Studi VZ benutzt, um überhaupt erst einmal Kontakte zu Bewohnern von Uecker-Randow zu knüpfen. Sie riet unseren Studierenden, anstatt wie sie damals blauäugig in die erste Feldforschung zu stolpern, vorher (eine) klare Forschungsfrage(n) zu formulieren, denn nur dann sei ein zielgerichtetes Sampling möglich. Ihre anschließende „eigentliche“ Feldforschung führte Engfer dann zum Thema Interaktion mit Alzheimer Patienten in Haushalten einer deutschen Kleinstadt durch, in denen alte und demenzkranke Menschen gepflegt werden. In ihrem Vortrag ging Frau Engfer insbesondere auf Aspekte der Forschungsethik ein, die bei alten und dementen Forschungspartnern besonders relevant sind. Anhand eines Beispiels einer schriftlichen Einverständniserklärung erläuterte sie das Prinzip des informed consent (informierte Einverständnis), das auch die Weitergabe von Informationen zu Ziel und Verwendung der im Feld erhobenen Daten umfasst. Sie betonte die Notwendigkeit absoluter Transparenz im Forschungsprozess, was auch beinhalte, keine verdeckten Beobachtungen durchzuführen und geplante Publikationen nicht zu verheimlichen. Dabei sei eine Einverständniserklärung der Forschungspartner immer als temporär und somit als ständig neu verhandelbar aufzufassen. Engfer rief unsere Studierenden zu großer Sensibilität für Themen der Forschungsethik insbesondere im Umgang mit „vulnerable participants“ wie z.B. Alten und Kindern auf.

Nach einer Pause mit Kaffee und Kuchen ging es dann mit dem Vortrag  von Herrn Prof. Dr. Shingo Shimada weiter. Shimada forscht im Rahmen eines vom DAAD geförderten Projekts zum Thema Altersdemenz und lokale Fürsorge im deutsch-japanischen Vergleich. Sein Vortrag befasste sich unter dem Titel „Dichte Beschreibung eines japanischen Pflegeheims“  mit dem Pflegeheim Yoriai in Fukuoka/Südjapan, in dem auch die Forschung der Bachelor Plus Studierenden Theresa Behle stattfinden wird. Shimada hat im März 2013 in Yoriai eine einmonatige Feldforschung durchgeführt. Nachdem er zum Auftakt ausführlich über das von dem Ethnologen Clifford Geertz begründete Konzept der dichten Beschreibung referierte, berichtete er über seinen Forschungsaufenthalt und die dort gewonnen Eindrücke und Erkenntnisse. Anhand von Fotos aus Yoriai schilderte Shimada anschaulich den Ablauf der Feldforschung, die unter sehr angenehmen  Forschungsbedingungen stattgefunden habe. Tägliche teilnehmende Beobachtung vor Ort, Gespräche mit Mitarbeitern, Bewohnern und Nutzern von Yoriai beim gemeinsamen Tee, gemeinsames Singen und Mithelfen bei kleineren Arbeiten seien dabei durch Interviews mit Pflegern, ehrenamtlichen Mitarbeitern und Helfern aus anderen Heimen und der Nachbarschaft ergänzt worden, sodass nicht nur die eigenen Beobachtungen sondern auch die vielfältigen Perspektiven anderer relevanter Akteure des Feldes einbezogen werden können. Dabei interessiert Shimada u.a. wie Pflege konzeptualisiert wird, welche unterschiedlichen Auffassungen von Pflege und unterschiedlichen Umgangsweisen mit Demenz es gibt und wie verschiedene Formen der lokalen Fürsorge organisiert werden. Ziel des Forschungsprojektes ist eine dichte Beschreibung von Yoriai, eine vergleichende Analyse der Fallbeispiele in Deutschland und Japan und schließlich die Einbindung der empirischen Ergebnisse in einen größeren theoretischen Rahmen. Shimada stellte die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Praktikern (Mitarbeiter in Yoriai) heraus und schloss sich somit Hilke Engfer in einer  Betonung von Offenheit und Transparenz in der Feldforschung an. Hierzu gehöre auch, dass die Forschungsergebnisse auf Deutsch und Japanisch publiziert werden, da bei den Forschungspartnern aus der Praxis ein reges Interesse an diesen bestehe.

Im abschließenden Vortrag „Überalterung und Strukturwandel auf der japanischen Noto-Halbinsel: eine studentische Feldforschung“ berichtete Timo Thelen, M.A  über seine Forschung in ländlichen Regionen der japanischen Noto-Halbinsel. Im Rahmen seiner Masterarbeit hatte Thelen im Dorf Natauchi Feldforschung zum dortigen von der Universität Kanazawa initiierten matsuri-Hilfsprojekt durchgeführt. Natauchi sieht sich mit den Problemen der Überalterung, Landflucht und dem Niedergang der Landwirtschaft konfrontiert. Mit der Überalterung drohen auch die matsuri (jap. Volksfeste) langsam zu verschwinden. Die matsuri könne man als eine Art Indikator für die Gesundheit der japanischen Dörfer heranziehen, hieran lasse sich deren Verfall erkennen. Das matsuri-Hilfsprojekt der Kanazawa Universität stellt einen Versuch dar, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Studierende kommen nach Natauchi, verbringen in dortigen Familien einen Homestay, helfen beim matsuri mit und lernen etwas über lokale Kultur und Traditionen. Thelen nahm selber am matsuri-Hilfsprojekt teil, um herauszufinden, was die matsuri für die Menschen in Natauchi bedeuten und ob es sich lohnt, diese zu erhalten. In Zusammenarbeit mit seinem japanischen Betreuungsprofessor führte er Interviews mit Repräsentanten des Heimatrates und den örtlichen Siedlungsvorstehern und verteilte Fragebögen an die Einwohner. Dabei stellte sich sein Feldforschungsaufenthalt als nicht ganz unproblematisch heraus, da neben ihm bereits mehrere andere Wissenschaftler im Dorf forschten, so dass er sich in Konkurrenz zu diesen anderen Forscherteams befand. So sei bei den Bewohnern eine gewisse Forschungsmüdigkeit erkennbar gewesen, die in mangelnder Kooperationsbereitschaft mündete. Anders als bei Shingo Shimada, bei dem zum Feldforschungsort Yoriai eine langjährige persönliche Beziehung und ein entsprechendes Vertrauensverhältnis bestanden, war die Feldforschung bei Thelen manchmal recht schwierig. Nicht immer könne man als Feldforscher davon ausgehen, dass die Menschen ihrerseits auch mit einem reden wollten.

Nicht nur für die Bachelor Plus Studierenden, auch für die anderen ZuhörerInnen bot der Workshop einen spannenden Einblick in Feldforschungsprojekte sowohl auf der Ebene größerer drittmittelfinanzierter Forschungsprojekte, als auch im Rahmen von Dissertationsvorhaben oder studentischen Qualifizierungsarbeiten. Die Diskussion um Feldzugang, Forschungsethik und mögliche Probleme im Feld war sicher für den Einen oder die Andere bereichernd für eigene empirische Forschungsvorhaben.

Die Vorträge von Frau Dr. Engfer, Prof. Shimada und Herrn Thelen wurden vom Multimediazentrum aufgezeichnet. Bei Interesse besteht die Möglichkeit, sich diese Videos online über die Mediathek der HHU anzuschauen. Hierzu melden Sie sich bitte bei Michiko Uike-Bormann: muike@phil.uni-duesseldorf.de

 

 

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