Fukushima-Filme zeigen Leben mit der Strahlung

Die Trauer um die Toten, der Verlust von Heimat, wirtschaftlicher Niedergang – die Katastrophe vom 11. März 2011 ist innerhalb kurzer Zeit im japanischen Film schon von vielen Seiten beleuchtet worden. Unter den japanischen Beiträgen bei der diesjährigen Berlinale beschäftigten sich die Spielfilme Kujira no machi, Tôkyô kazoku und Cold Bloom mit der Katastrophe. Die Atomkatastrophe und die verheerenden Folgen der austretenden Radioaktivität allerdings waren bisher nur im Bereich des Dokumentarfilms präsent (z.B. Nuclear Nation, Friends after 3.11, Radioactivists).

Das hat sich jetzt geändert: Beim diesjährigen japanischen Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt gab es gleich zwei Spielfilme, die sich mit der unsichtbaren nuklearen Bedrohung auseinandersetzen. Kibô no kuni („Land of Hope“) von Sono Sion spielt in einer Zukunft, in der in Japan erneut ein Reaktor zerstört wird. Durch die Protagonisten – ein altes Bauernpaar, ihren Sohn und dessen schwangere Frau – erlebt der Zuschauer Ausweglosigkeit und verzweifeltes Aufbäumen. Odayakana nichijô (int. Titel „Odayaka“) schildert in schlichten, alltagsnahen Bildern die Reaktionen der Menschen auf die Katastrophe irgendwo im Großraum Tokyo. Der Regisseur Uchida Nobutera konzentriert sich dabei auf zwei Frauenfiguren, die sich um die Gesundheit der Kinder sorgen, mit ihren Befürchtungen jedoch den Missmut ihres Umfeldes auf sich ziehen.

 

Wie eine Art Hintergrundfolie für diese beiden Spielfilme wirkt der Dokumentarfilm A2 von Ian Thomas Ash, der bei Nippon Connection mit dem Nippon Visions Award ausgezeichnet wurde. Ash, der seit zehn Jahren in Japan lebt, ging eineinhalb Jahre nach der Katastrophe in die Präfektur Fukushima, in die Gebiete nah an der Grenze zu den Sperrgebieten, wo das Leben „ganz normal“ weitergeht: Die Kinder in Schulen und Kindergärten spielen wieder draußen, und sogar der Reis für das Schulessen soll bald wieder aus der Präfektur Fukushima kommen. Doch medizinische Untersuchungen zeigen, dass fast die Hälfte der Kinder in der Region schon jetzt Zysten an der Schilddrüse haben – zwar noch klein und gutartig (Typ A2), aber in steigender Anzahl.

In allen drei Filmen, Kibô no kuniOdayakana nichijô und A2, gibt es wiederkehrende Motive zum Leben der Menschen mit der Strahlung:

Die Unmöglichkeit der Grenzziehung

Ab welchem Punkt muss man Menschen evakuieren? Ab welchem Strahlungswert können Kinder wieder draußen spielen? Welche Grundstücke muss man dekontaminieren? Die Filme zeigen, dass es praktisch unmöglich ist, derartige Fragen eindeutig zu beantworten. Eine der stärksten Szenen des Films Kibô no kuni schildert folgende Vorgehensweise: Machtlos müssen der Milchbauer Ono Yasuhiko und seine Familie zusehen, wie eine Horde von Männern in Schutzanzügen anrückt und direkt vor ihrem Haus ein Band durch den Ort zieht, das die verseuchte Zone markiert. Die Familie aus dem Haus nebenan wird umgehend evakuiert, den Onos jedoch wird versichert: „Ihr Haus ist in der sicheren Zone“ – geschätzte zehn Meter sollen hier den Unterschied ausmachen. Die Bauernfamilie bleibt genauso ratlos zurück wie der Hund der Nachbarn, der am Zaun angebunden ist und seinen hastig verschwindenden Besitzern nur nachsehen kann.

Ebenso verständnislos zeigen sich Familien im Dokumentarfilm A2, deren Grundstücke nicht dekontaminiert werden, weil der dort gemessene Wert der Strahlenbelastung bei 0,93 Mikrosievert pro Stunde liegt – der Richtwert für eine Dekontaminierung aber bei 1,0 Mikrosievert. Ist das Leben für sie deshalb wirklich weniger gefährlich? Auf einem Grundstück, das direkt neben der Schule ihrer Kinder liegt, misst eine besorgte Mutter mit ihrem eigenen Gerät einen Wert von über 30 Mikrosievert. Für die Schulleitung ist jedoch alles in Ordnung – auf dem Gelände der Schule seien die Werte okay. Doch macht Strahlenbelastung vor Grundstücksgrenzen halt?

Diskriminierung

Ein Relikt aus dem Katastrophengebiet, vollgepflastert mit Empörung, Wut und Ablehnung: Menschen aus der Nachbarschaft haben das Auto eines Mannes im Film Odayakana nichijô mit Zetteln beklebt, sie wollen keine kontaminierte Materie in ihrem Umfeld. Und das junge Paar, das in Kibô no kuni  in eine bessere Zukunft fahren will, aus den verseuchten Gebieten heraus, wird an der Tankstelle zunächst nicht bedient – das Nummernschild verrät ihre Herkunft.

Die Diskriminierung zeigt sich aber auch noch in weiteren, subtileren Abstufungen. Schon das Tragen einer Schutzmaske kann den Zorn des Umfeldes auf sich ziehen – die Menschen wollen die Bedrohung nicht wahr haben, wollen ihren normalen Alltag weiterleben können. Die Atemmaske wird als Symbol der Kapitulation, der Angst und sogar Paranoia wahrgenommen. Nachdem die junge Mutter Saeko in Odayakana nichijô ihre Tochter Kiyomi veranlasst hat, auch im Kindergarten immer eine Atemmaske zu tragen und nicht auf den Spielplatz zu gehen, findet sie Drohbriefe in ihrem Briefkasten. Die anderen Mütter äußern sehr offen, was sie von ihr halten: Sie habe eine Atom-Neurose. In der Realität der Präfektur Fukushima sieht es nicht viel anders aus. Nur zwei Kinder aus der Klasse ihres Sohnes würden die Schulmilch (die aus der Region stammt) auf Anraten ihrer Eltern nicht trinken, erklärt eine Mutter in A2 – sie könne ihm daher nicht zumuten, auch noch beim Schulessen eine Sonderrolle einzunehmen. Ausgrenzung wäre die mögliche Folge.

Sugino Kiki, die die junge Mutter in Odayakana nichijô spielt und zugleich Produzentin des Films ist, berichtete am Freitag in Frankfurt, dass es anfangs sehr schwer gewesen sei, Geldgeber für das Thema zu finden. Das Thema Radioaktivität werde tabuisiert, stelle aber gleichzeitig eine sehr reale Bedrohung dar. Deswegen sei der Film, der seit Juni 2011 geplant war und 2012 gedreht wurde, zunächst schwierig umzusetzen gewesen – die Reaktionen auf den Film waren aber sehr positiv; vor allem ein Screening direkt in Fukushima zum Jahrestag der Katastrophe ist Sugino sehr eindrücklich in Erinnerung geblieben.

Die Gefahr für die Kinder

Ian Ash befragt in A2 ein ganzes Sofa voll Jungs, die nah am Sperrgebiet leben und zur Schule gehen. Der Gesundheits-Check hat bei ihnen allen ergeben, dass Sie zur Kategorie A2 gehören, also Zysten an der Schilddrüse haben. Wie sie sich ihre Zukunft vorstellen? „Ich werde wohl Krebs bekommen“, sagt einer von ihnen und lacht. Die Kinder haben sich an das Thema gewöhnt, aber man gewinnt den Eindruck, dass sie die Bedrohung nicht wirklich realisieren können – es wird viel über sie gesprochen, aber sie ist unsichtbar und abstrakt, auch für die Erwachsenen.

Vor allem Mütter stehen im Zentrum der Filme: In Sorge um ihre Kinder nehmen sie große Widrigkeiten auf sich, stellen sich gegen die Gemeinschaft, protestieren oder beschaffen sich eigenständig Informationen, weil sie der Regierung nicht vertrauen. Izumi in Kibô no kuni wird nach der Katastrophe schwanger und schwört sich, alles zu tun, um das ungeborene Kind zu schützen. Sie geht nur noch im Schutzanzug vor die Tür, dichtet die Wohnung mit Plastikfolie ab und überredet ihren Mann schließlich dazu, die Gegend ganz zu verlassen. Dass sie zum Gespött des ganzen Ortes wird, nimmt sie in Kauf. Kinderkriegen wird zur Mut- und Zerreißprobe, auch in Odayakana nichijô. Hier entschließt sich ein Paar am Ende, trotz der Katastrophe ein Kind zu bekommen – der umfassendste Beweis, dass das Leben weitergeht, wenn auch mit vielen Fragezeichen.

Odayakana nichijô und A2 bieten jeweils auf ihre Weise einen Einblick in die Lebensrealität der betroffenen Menschen und legen die Problematik der radioaktiven Verseuchung differenziert in ihren verschiedenen Facetten dar. Kibô no kuni hingegen arbeitet mit sehr starken, plakativen Motiven und bringt als in der Zukunft angesiedelte Groteske die Problematik überspitzt auf den Punkt. Der Film trägt so sehr dick auf und schafft damit auch Distanz zu den gegenwärtigen Geschehnissen in Japan – dabei hätte deren Schrecken schon mehr als ausgereicht.

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