Japan bei der Berlinale: Kazoku no kuni

Kazoku no kuni (internationaler Titel: „Our homeland“) ist ein Film, den eigentlich Stephanie Klasen besprechen müsste, unsere Expertin für Filme mit Japankoreaner-Thematik. Da sie aber gerade in Japan weilt, springe ich gerne ein, um diesen  gelungensten japanischen Spielfilm der Berlinale vorzustellen.

Raffiniert ist schon der Titel Films, „Kazoku no kuni“ – „das Land meiner/unserer Familie“. Welches Land damit gemeint ist, bleibt bewusst offen, denn die Hauptfiguren stehen zwischen zwei Ländern, Japan und Nordkorea. Es geht um eine Familie von Japankoreanern (Zainichi), die schon seit mehreren Generationen in Japan lebt. Die Mutter kann schon nicht besonders gut Koreanisch und die Tochter Rie, eine Japanischlehrerin, spricht es gar nicht (auch wenn sie es versteht). Der Vater allerdings ist ein nordkoreanischer Patriot, der sogar der örtlichen nordkoreanischen Vereinigung vorsteht. Auf Betreiben des Vaters ist der Sohn, Sonho, – wie viele Japankoreaner, die sich davon ein besseres Leben erhofften – in den 1970er Jahren im Alter von nur 16 Jahren nach Nordkorea ausgewandert und konnte seither nicht einmal für einen Urlaub zurückkehren. Nun leidet er an einem Hirntumor und hat die Erlaubnis erhalten, für drei Monate nach Japan einzureisen, zur Behandlung. Die Freude über das Wiedersehen mit der Familie wird allerdings nicht nur durch die Krankheit überschattet, sondern auch durch einen hartnäckigen „Aufpasser“, den das Regime mitgeschickt hat.

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen mit Zainichi-Thematik beschäftigt sich „Kazoku no kuni“ nicht damit, welchen Platz Japankoreaner in der japanischen Gesellschaft einnehmen. Nur einmal, ganz kurz, wird diese Problematik angesprochen, als ein homosexueller Zainichi davon spricht, dass die Diskriminierungen weniger geworden seien: „Ich muss es ja wissen, ich bin schließlich eine doppelte Minderheit“. Der Regisseurin Yang Yonghi geht es in ihrem ruhig, aber sehr eindringlich erzählten Film um eine Auseinandersetzung mit dem Land Nordkorea, den dortigen politischen Verhältnissen und Lebensbedingungen. Diese Auseinandersetzung könnte persönlicher gar nicht sein, denn Yang Yonghis Brüder leben in Nordkorea und sie darf seit 2005 nicht mehr in das Land einreisen – zu unbequem wurde die Regisseurin, die mit ihren beiden Dokumentarfilmen „Dear Pyongyang“ und „Sona, the other myself“ sehr kritisch Stellung bezogen hatte. „Ich kann meine Familie nicht mehr sehen, aber ich habe mich trotzdem entschlossen, diese Filme zu machen“, erzählt Yang Yonghi bei der Berlinale, und jeder im Saal kann spüren, wie groß dieses Opfer für sie ist und wie überzeugt sie dennoch von ihrer Arbeit ist.

Die Geschichte, die sie nun in ihrem ersten Spielfilm erzählt, dreht sich wie die beiden Dokumentationen um ihre eigene Familie. Yonghi macht sich selbst zur Protagonistin und erzählt vor allem aus ihrer Perspektive die Geschichte des jüngsten ihrer drei Brüder, der Ende der 1990er Jahre kurz für eine medizinische Behandlung in Japan war.

Es wird sehr deutlich, wie unterschiedlich sich die beiden Geschwister entwickelt haben, die über 20 Jahre in zwei völlig gegensätzlichen Welten gelebt haben. Der Bruder ist eine gebrochene Figur, deren alte Lebensfreude aber in einigen Momenten doch wieder aufkeimen kann. Wie die Familie changiert die Atmosphäre des Films immer zwischen dem Glück über den Augenblick, den man zusammen hat, und tiefer Verzweilfung – denn der Aufenthalt ist begrenzt, der nordkoreanische Staat unerbittlich. Aber wie die Regisseurin selbst stellen sich die Figuren dem Unausweichlichen tapfer entgegen, und sei es mit einem neuen Anzug für den ungeliebten Spitzel, „damit er dort besser angezogen ankommt, als er gegangen ist“. Eine kleine Genugtuung also, wie die Anteilnahme und das Interesse der Zuschauer eine kleine Genugtuung für die Regisseurin sein mögen.

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