Kategorie-Archiv: Film

Hier finden Sie Kritiken zu aktuellen japanischen Filmen, Berichterstattung von Filmfestivals und Informationen zur Film-Forschung an unserem Institut.

Fukushima-Filme zeigen Leben mit der Strahlung

Die Trauer um die Toten, der Verlust von Heimat, wirtschaftlicher Niedergang – die Katastrophe vom 11. März 2011 ist innerhalb kurzer Zeit im japanischen Film schon von vielen Seiten beleuchtet worden. Unter den japanischen Beiträgen bei der diesjährigen Berlinale beschäftigten sich die Spielfilme Kujira no machi, Tôkyô kazoku und Cold Bloom mit der Katastrophe. Die Atomkatastrophe und die verheerenden Folgen der austretenden Radioaktivität allerdings waren bisher nur im Bereich des Dokumentarfilms präsent (z.B. Nuclear Nation, Friends after 3.11, Radioactivists).

nipponDas hat sich jetzt geändert: Beim diesjährigen japanischen Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt gab es gleich zwei Spielfilme, die sich mit der unsichtbaren nuklearen Bedrohung auseinandersetzen. Kibô no kuni (“Land of Hope”) von Sono Sion spielt in einer Zukunft, in der in Japan erneut ein Reaktor zerstört wird. Durch die Protagonisten – ein altes Bauernpaar, ihren Sohn und dessen schwangere Frau – erlebt der Zuschauer Ausweglosigkeit und verzweifeltes Aufbäumen. Odayakana nichijô (int. Titel “Odayaka”) schildert in schlichten, alltagsnahen Bildern die Reaktionen der Menschen auf die Katastrophe irgendwo im Großraum Tokyo. Der Regisseur Uchida Nobutera konzentriert sich dabei auf zwei Frauenfiguren, die sich um die Gesundheit der Kinder sorgen, mit ihren Befürchtungen jedoch den Missmut ihres Umfeldes auf sich ziehen.

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Letzte Berlinale-Nachlese: Senzo ni naru (“Roots”)

Ohayô! Kyô mo ganbarimashô!
“Guten Morgen! Lass uns auch heute unser Bestes geben!”

 

senzo

Naoshi, der Protagonist des Dokumentarfilms (c) Webseite senzoninaru.com

Dieser Satz, gerufen durch einen gelben Trichter, steht am Anfang des Dokumentarfilms Senzo ni naru 先祖になる (“Roots”), der bei der Berlinale vorgestellt wurde. Die Stimme, die durch den Trichter schallt, gehört zu Satô Naoshi, dem mittlerweile 79-jährigen Protagonisten des Films, den der Regisseur Ikeya Kaoru über mehr als ein Jahr begleitet hat. Naoshi, der von seinem gesamten Umfeld vertraulich beim Vornamen genannt wird, hat am 11. März 2011 seinen Sohn durch den Tsunami verloren und das Aramachi-Viertel (in Rikuzentakata, Präfektur Iwate), in dem er lebt, wurde weitgehend zerstört. Das ganbarimashô zu Anfang legt schon den Grundton des Films fest: Es geht nicht in erster Linie um das Leid der Menschen oder um politische Intentionen, sondern um das Schicksal einer einzelnen Person, die mit einem beinahe schon aggressiven Optimismus der gewaltigen Zerstörung trotzt. Das mag auf manche verengt wirken – erwartungsgemäß kam von deutschen Zuschauern der Kommentar, dass sie die Thematisierung von Fukushima vermissten –, trifft in Japan aber sicher auch einen Nerv, zumal der Regisseur mit Naoshi wirklich einen Charakter gefunden hat, der seinesgleichen sucht.

Man erkennt es noch an einer feinen Linie: Mit dem Tsunami kam das Wasser in Naoshis Haus bis in den zweiten Stock. Der Sohn, der sich bei der freiwilligen Feuerwehr engagierte, wurde fortgerissen, als er eine alte Frau in Sicherheit bringen wollte. Doch für Naoshi geht das Leben sofort weiter. Nur einen Tag später, am 12. März, wird seine jüngste Enkelin geboren. Aus Getränkekisten baut er eine Art Hochbett, in dem er zusammen mit seiner Frau und seiner Schwiegertochter, die jetzt Witwe ist, schläft. Kurze Zeit später bestellt sich der Teilzeitbauer und -waldarbeiter eine neue Kettensäge, pflanzt Reis und Buchweizen und freut sich über Gurkenpflanzen, die aus dem Trümmerfeld vor seinem schwer demolierten Haus hervorsprießen.

rikuzentakata

Luftaufnahme der Stadt Rikuzentakata, ehemals eine Stadt von 19.655 Einwohnern. Quelle: Wikipedia

Wenn Naoshi auf Bäume klettert, dicke Stämme fällt oder dem Regisseur und seinem Kameramann einen gigantischen Penis zeigt, den er für einen kleinen Tempel ausgesägt hat, dann merkt man ihm weder sein Alter an, noch die Prostata-Krebserkrankung, die in seinem Körper schwelt. Naoshi wäre unglaubwürdig, hätte man ihn für ein Drehbuch erfunden. So kann man aber nun staunend beobachten, wie dieser zierliche, drahtige alte Mann tatsächlich alles daran setzt, sein Haus genau an der selben Stelle wieder aufzubauen. Trotz der Gefahr weiterer Tsunamis, trotz der Behörden, die das nicht wollen, und trotz der Tatsache, dass fast alle anderen gegangen sind – inklusive seiner Frau. Mit seinem Optimismus steht Naoshi schließlich ziemlich alleine da, lebt aber konsequent das Leben, das für ihn das einzig lebenswerte ist: An dem Ort, aus dem er stammt, unabhängig von Hilfsleistungen, ehrfürchtig vor der Natur, und gosenzo to ishô ni – “zusammen mit meinen Ahnen”.

Der Regisseur Ikeya hatte zunächst vor, als Volunteer in die Katastrophenregion zu gehen, entschied sich dann jedoch dazu, seinen Teil mit einem Dokumentarfilm beizutragen. Naoshi lernte er auf einem Kirschblütenfest kennen, das dieser im Jahr 2011 zeitnah zur Katastrophe organisiert hatte. Ikeya erinnerte sich bei der Berlinale an einen der ersten Sätze, den er von Naoshi dort hörte: “Die Kirschblüten blühen auch dieses Jahr, wie immer.” Der Regisseur übermittelte in Berlin eine Grußbotschaft von Naoshi, und aus dem Publikum kamen Antworten dazu, die Ikeyas Kameramann aufzeichnete. So wurde eine – wenn auch sehr zarte – Verbindung zwischen Berlin und Rikuzentaka geknüpft.

Zum Film gibt es eine Webseite, auch auf Englisch, auf der man viele Informationen und einen Trailer findet.

Kein Dokumentarfilm über Walfang: Kujira no machi

Kujira no machi (Stadt der Wale), der auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Panorama gezeigt wurde, ist der Abschlussfilm und erste Spielfilm von Tsuruoka Keiko. Die Handlung dreht sich um die drei Jugendlichen Machi, Hotaru und Tomohiko, die durch Freundschaft aber auch unerwiderte Liebe miteinander verbunden sind: Hotaru liebt Tomohiko, Tomohiko liebt Machi und Machi ist in ihrer eigenen Welt versunken. Auf der Suche nach Machis verschwundenem Bruder, der die Familie vor sechs Jahren verließ, reisen die Freunde nach Tokyo. Da Tsuruoka fast kein Budget zur Verfügung stand, werden alle Rollen von Freunden und Bekannten übernommen, weshalb im Film auch keine Erwachsenen vorkommen. Diese Sachzwänge haben aber ein durchaus positives Ergebnis: Die Vertrautheit der Schauspieler untereinander und mit der Regisseurin erzeugt eine gewisse Intimität, von der der Film lebt und die Abwesenheit von Machis Mutter verdeutlicht die Einsamkeit von Machi.

Auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht so scheint: Auch in diesem Film spielen die Ereignisse vom März 2011 ein wichtige Rolle. Als die Dreifach-Katastrophe passierte, verwarf Tsuruoka ihr bisheriges Drehbuch und fing noch einmal neu an. Der Tsunami wird in Kujira no machi durch das Motiv des Wassers repräsentiert, das sich durch den gesamten Film zieht. Der Tsunami ließ viele Menschen spurlos verschwinden und zurück blieb nur eine Leere. In Kujira no machi ist es Machis Bruder, der verschwunden ist. Zurück bleiben nur ein leeres Apartment und das Tropfen des Wassers.

Der Titel Kujira no machi wurde im Berlinale Programm mit The Town of Whales, die Stadt der Wale, ins Englische übersetzt, kann aber im Japanischen noch anders verstanden werden: Wenn man machi nicht als das japanische Wort für Stadt liest, sondern als den gleichklingenden Namen der Protagonistin. Dann ist Machi der Wal. Im Traum fragt Machis Bruder Teppei sie: „Warum können die Wale nicht an Land bleiben? Weil sie dort ihr Gewicht nicht tragen können, müssen sie ins Wasser zurückkehren.“ Auch Machi ist nur glücklich, wenn sie schwimmen kann. In Situationen von emotionalem Stress kehrt sie ins Wasser zurück. Warum aber gerade ein Wal? „Weil ich Wale mag“, meint die Regisseurin, aber auch weil der Wal ein magisches Wesen sei. Denn Wale seien aus dem Meer gekommen und an Land gegangen, aber dann wieder ins Meer zurückgekehrt.

 

Machi (Tobita Momoko)

Machi (Tobita Momoko)

Nicht nur die Symbole des Wassers und des Wals sollen eine magische Stimmung erzeugen. Tsuruoka bedient sich auch verschiedener gestalterischer Mittel zu diesem Zweck. Teilweise wird das Bild so stark überbelichtet, dass das weiße, gleißende Licht den gesamten Frame ausfüllt. Zudem verwendet sie eine Farbtönung, die in manchen Szenen die Farben übernatürlich leuchten lässt.

 

Tomohiko (Katano Sui) und Hotaru (Yamaguchi Sakiko); Foto: www.berlinale.de

Tomohiko (Katano Sui) und Hotaru (Yamaguchi Sakiko); Foto: www.berlinale.de

 

Zu dieser magischen Stimmung soll, laut Tsuruoka, auch der Freund des Bruders beitragen, den die drei auf ihrer Suche um Hilfe bitten. Nanao kleidet sich als Frau und benutzt im Japanischen eine weibliche Ausdrucksweise. Diese Ambiguität, die nur eine solch ambivalente Figur auszudrücken vermag, trage zur magischen Stimmung bei. Für Tsuruoka war die Verwendung einer solchen Figur nicht in einem Hinweis auf eine Gender-Problematik verbunden – auch wenn die Publikumsfragen beim Q&A auf der Berlinale darauf hindeuten, dass es als Hinweis auf die sexuelle Orientierung des Bruders gelesen wurde und als mögliche Erklärung für seine Trennung von der Familie.  Übrigens wurde der Film auch von den Teddy-Award-Veranstaltern  in seine Liste der „Queer Films“ der diesjährigen Berlinale aufgenommen. Dies zeigt auch wie unterschiedlich man den Film interpretieren kann.

Fazit: Ein durchaus sehenswerter Film, der viele Deutungen zulässt, einen aber deshalb auch etwas unbefriedigt zurücklässt.

 

Japan auf der Berlinale 2013 – Capturing Dad

 

Capturing Dad (Chichi o tori ni) von Nakano Ryota ist eine Hommage an die Familie. Genauer gesagt an die Mutter des Regisseurs und deren „Coolness“, meint Nakano. Seine Mutter zog ihn und seinen Bruder nach dem Tod seines Vaters allein groß (Nakano war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt).

Im Film wurden die beiden Schwestern Koharu, 17, und Hazuki, 20, von ihrer Mutter aufgezogen, nachdem der Vater seine Familie für eine andere Frau verließ. Nun viele Jahre später bekommt die Mutter der beiden einen Anruf: ihr geschiedener Mann liegt im Sterben und die Mädchen sollen ihren Vater besuchen –  um Abschied zu nehmen und um für ihre Mutter ein Foto von ihm zu machen. Allerdings nicht aus sentimentalen Gründen, sondern damit sie über ihn lachen kann.

Foto: www.berlinale.de

Foto: www.berlinale.de

Immer humorvoll und liebevoll folgt Nakano den beiden Schwestern, die von Yanagi Erisa und Matsubara Nanoka wunderbar gespielt werden, auf ihrer Begegnung mit der Familie des Vaters. Damit die Mädchen und Watanabe Makiko, die die Mutter der beiden spielt, eine überzeugende Familie darstellen konnten, ließ Nakano die beiden, die sich durch den Dreh erst kennenlernten, händchenhaltend Einkaufen gehen. Und dann mit der Filmmutter Gyôza kochen -  und schon war die Familie da.

Es ist in gewissem Sinne ein sehr „Japanisch“ anmutendender Film. Wer sich mit japanischen Sitten nicht so gut auskennt, rätselt wohl über die Beerdigungsriten, den Job der einen Tochter im Dayclub (als Hostess) und anderes. Dennoch macht dies für manche sicherlich auch mit den Reiz dieses Films aus.

Fazit: Capturing Dad ist, trotz des ernsten Themas, ein „gute Laune“-Film, der einen den japanischen Sommer förmlich auf der Haut spüren lässt.

Für alle, die neugierig geworden sind: Hier der Trailer.

Yamada Yôjis Geschenk an sich selbst: Tôkyô Kazoku

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(c) Tokyo Family Film Partners

Yamada Yôjis neuer Film Tôkyô Kazoku 東京家族 (“Tokyo Family”), der am Mittwoch auf der Berlinale vorgestellt wurde, klingt zunächst mächtig schwergewichtig: Ein Film, mit dem der Regisseur das mittlerweile 50. Jahr seines Schaffens feiert, ein Remake von Ozus Meisterwerk Tôkyô Monogatari, und das auch noch zum 60. Jubiläum dieses Films, der 1953 erschienen ist. Allen Befürchtungen zum Trotz wurde es dann doch ein vergnüglicher Kino-Abend mit einem Film, dessen Drehbuch sehr nah am Original bleibt, aber seine ganz eigene Stimmung entwickelt, eine typische Yamada-Yôji-Stimmung mit vielen Momenten zum Schmunzeln und einigen zum traurig sein.

Seine Qualität gewinnt Yamadas Film nicht aus einer Aktualisierung oder gar einem Einbezug virulenter gesellschaftlicher Tendenzen. Zwar wird auch das Leben der Familie Hirayama, die wir hier kennenlernen, ganz am Rande von der Katastrophe vom 11. März 2011 berührt, zwar bezeichnet sich einer der Söhne selbst als Freeter (wobei er als Bühnenbildner wohl eher der Kategorie ”freier Künstler” zuzuordenen wäre) – diese Elemente wirken jedoch eher wie Randbemerkungen, die Yamada notgedrungen fallen lässt, um nicht zu antiquiert zu wirken. Ansonsten hat sich nämlich für ihn nicht viel geändert seit den 1950er Jahren, als Ozu seinen Film schuf, der so treffend die Kluft zwischen den Generationen im Nachkriegsjapan einfing. Fumiko, die Frau des ältesten Sohnes, sieht man die meiste Zeit mit Schürze in der Küche stehen, immer ihre Pflicht gegenüber der Familie erfüllend. Dass der schusselige Sohn Shôji, den Yamada sozusagen hat auferstehen lassen (bei Ozu war er im Krieg gefallen), plötzlich eine aufgeräumte Wohnung hat, liegt nicht an dessen persönlicher Entwicklung, sondern daran, dass er jetzt eine Verlobte hat – Noriko, der “Engel” des Films, der sich rührend um die Schwiegereltern kümmert und vor der Ehe auf getrennte Schlafzimmer besteht. Die ryôsai kenbo (“gute Ehefrau und weise Mutter”) lässt grüßen.

Wenn man aber die Haltung einnimmt, von dem mittlerweile 81-jährigen Yamada keine gesellschaftskritischen Statements zu erwarten, und sich auf die Geschichte einlässt, so macht sie durchaus Spaß,  nicht zuletzt wegen der großartigen Schauspieler, die der Regisseur gewinnen konnte. Wie bei Ozu wirkt das ältere Ehepaar, das von einer Insel vor Hiroshima nach Tokyo gereist kommt, wie aus einer anderen Zeit. Zwar hat die 68-jährige Tomiko (Yoshiyuki Kazuko) gelernt, wie man ein Handy benutzt, dennoch erscheint es in ihrer Hand wie ein Fremdkörper, wenn sie mit ihren Kindern telefoniert. Ihr Mann Shûkichi (Hashizume Isao) wundert sich, dass der Enkel abends noch zu einer Nachhilfeschule gehen muss: Taihen da ne – Tôkyô no ko wa. (“Die Kinder in Tokyo haben es schon schwer”).

Eine der stärksten Episoden des Films ist der Kurztrip, den die Kinder ihren Eltern schenken, um sie für eine Weile loszuwerden – schließlich sind alle zu beschäftigt. Während Ozu seine Protagonisten nach Atami, ein Seebad, schickte, landen Tomiko und Shûkichi bei Yamada in einem schicken Hotel hoch über Minato Mirai, dem futuristisch anmutenden Viertel am Hafen von Yokohama. Ein Luxus, vor dem sie hilflos stehen wie Kinder. So sitzen sie schließlich am hellichten Tag in ihrem Zimmer und haben nichts anderes zu tun, als das Riesenrad vor ihrem Fenster bei seinen gemächlichen Drehungen zu beobachten und sich an ein erstes Rendezvous und den “Dritten Mann” zu erinnern. Wenn das Ehepaar beinahe resigniert vor seinem feinen europäischen Essen und den zahlreichen Besteckoptionen des Nobelrestaurants sitzt, hat das nichts Lächerliches, sondern man fühlt einfach mit.

Yamada hat sich auch in der Wahl seiner Kameraeinstellungen an Ozu orientiert. Als Regieassistent hat er einst selbst miterleben können, wie der Meister seinen Szenenaufbau gestaltete. Spürbar wird die stilistische Hommage an Ozu vor allem in den häuslichen Episoden, in denen die Kamera häufig die “Tatami-Perspektive”, also die Perspektive eines am Boden sitzenden Menschen, einnimmt. Auch deshalb kommen wohl so viele Zimmer im japanischen Stil vor.

Yamada Yôjis Tôkyô Kazoku ist vergnüglich, aber ohne die Schärfe und Aktualität, die Tôkyô Monogatari auszeichnen. Wenn der alte Vater in Tôkyô Kazoku sagt “jetzt sind wir obdachlos”, dann lacht der Kinosaal. Bei Tôkyô Monogatari hatte dieser Satz eine ungleich resigniertere Note. Yamada als ewiger Optimist kann eben die Familie nicht verloren geben.

 

Einen Trailer gibt es auf der offiziellen Webseite.

Film: You Drive Me Crazy

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Am 18. April 2013 feiert der Film<You Drive Me Crazy> ihre deutschlandweite Premiere. Ein Film von Andrea Thiele und Lea Jaspers.

Die Dokumödie zeigt das Leben dreier Menschen, die ihr zu Hause aufgeben, um in einem anderen Land einen Neuanfang zu wagen. Ihre größte Herausforderung liegt dabei in dem Erwerb des Führerscheins in der Wahlheimat. Zunächst bringt den Protagonisten der Fahrunterricht Ärger, aber mit der Zeit lernen sie eben dadurch, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden.
Ein drittel des Abenteuers spielt in Tokyo, in das der amerikanische Grafikdesigner Jake gezogen ist.

Mehr Informationen gibt es auf facebook und der offiziellen Homepage.

Der Trailer bei Youtube:

Japan auf der Berlinale 2013 / Cold Bloom

Die Auswirkungen der Katastrophe vom 11. März 2011 auf das Filmschaffen in Japan sind auch auf der diesjährigen Berlinale wieder sehr deutlich spürbar. Dass dieses Jahr nur fünf neue Filme aus Japan in Berlin vertreten sind – merklich weniger als in den Vorjahren – zeigt, dass die Filmindustrie sich nur langsam erholt. Drei der fünf Filme beschäftigen sich außerdem direkt oder indirekt mit der Katastrophe. Heute Abend feiert im Friedrichstadtpalast Yamada Yôjis neuer Film Tokyo Kazoku 東京家族 (“Tokyo Family”) seine Premiere, ein Remake des Meisterwerks von Ozu Yasujirô. Ein gewagtes Projekt, auf das man gespannt sein darf.

Funahashi Atsushi, der letztes Jahr seinen eindringlichen Dokumentarfilm “Nuclear Nation” vorgestellt hat, präsentierte am Montag sein neues Werk Sakura namiki no mankai no shita ni 桜並木の満開の下に (“Cold Bloom”), eine Liebesgeschichte, die sich in einer von dem Tsunami gebeutelten Region entfaltet.

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“Cold Bloom” ist aus einer Menge vielversprechender Zutaten zusammengemengt. Mit der Stadt Hitachi in Ibaraki-ken hat Funahashi Atsushi eine Location gefunden, an der sich vieles konzentriert: Die Zerstörung durch den Tsunami, der langsame Zerfall einer ehemaligen Keimzelle der japanischen Wirtschaftskraft und die Perspektivlosigkeit der örtlichen Jugendlichen. Die Szenerie wird bestimmt von alten Fabrikgebäuden, Trümmerresten und einem wild schäumenden Meer. Die altmodische kleine Firma, in der die Geschichte spielt, ist ein treffend gewählter Ort für das Aufbäumen gegen den Niedergang einer Region. Per Hand stanzt eine Handvoll Mitarbeiter an altmodischen Maschinen Metallteile aus, der Computer im Büro ist eine Antiquität und die morgendlichen Parolen von einer “akarui mirai”, einer strahlenden Zukunft, wirken reichlich bizarr.

Funahashi ließ Beobachtungen in seinem Film einfließen, die er während seiner Reisen in der Region gemacht hat. Der Streit zwischen japanischen und chinesischen Arbeitern, der in dem Film immer wieder einmal aufbrandet, verdeutlicht nach Ansicht des Regisseurs ein Symptom, das sich derzeit in Japan beobachten ließe: “Menschen sind unzufrieden, können aber niemanden direkt dafür anklagen, deswegen lassen sie es an dem Typen aus, den sie direkt vor sich haben.” – In diesem Fall der chinesische Arbeiter, der fleißig ist, weniger Geld nimmt und daher zur Konkurrenz wird.

Funahashi hat hier also einen vielschichtigen Hintergrund für eine Geschichte gewählt, deren Umsetzung schon vor 3/11 geplant war und in ihren Grundzügen unverändert geblieben ist. Mit seiner Geschichte hatte Funahashi nach Eigenaussage nicht weniger vor, als die “essence of human mind” einzufangen. Stattdessen ist es aber leider nur eine schleppende und wenig glaubwürdige Liebesgeschichte geworden, die nicht nur unter dem plumpen Spiel der Hauptdarsteller leidet. Den Zuschauer beschleicht das Gefühl, dass dieser Drehort so viele Geschichten zu erzählen gehabt hätte – hätte man ihn gelassen und nicht versucht, ihm ein Buch aus der Schublade aufzupfropfen.

Funahashi verfolgt neben seinen Spielfilm-Projekten auch dokumentarisch das Schicksal der Menschen von Futaba weiter, die im Mittelpunkt von “Nuclear Nation” standen – das lässt auf einen besseren Film im nächsten Jahr hoffen.

 

Einen Trailer zu dem Film gibt es hier.

7. Japanische Filmwoche

7. Japanische Filmwoche

 

Schon seit 2007 findet jährlich die Japanische Filmwoche statt. Das japanische Generalkonsulat lädt auch 2013 wieder dazu ein. Im siebten Jahr dieser Veranstaltung werden Interessierte mit beliebten japanischen Filmen wie z. B. “Ponyo” und “Yentown” in die BLACK BOX gelockt.

Vom 18.01. bis zum 27.01.2013 zeigen die Veranstalter 11 verschiedene Filme in japanischer Sprache mit Untertiteln. Außerdem ist bei jeder der 23 Vorstellungen der Eintritt frei.

Die Auswahl verspricht, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist! Um euch davon zu überzeugen, besucht doch die Homepage des Japanischen Generalkonsulats oder werft einen Blick auf den Flyer! Dort findet ihr nicht nur das Programm, sondern auch genaue Angaben zum Veranstaltungsort.

Wir wünschen viel Spaß!

Japan bei der Berlinale: Kazoku no kuni

Kazoku no kuni (internationaler Titel: “Our homeland”) ist ein Film, den eigentlich Stephanie Klasen besprechen müsste, unsere Expertin für Filme mit Japankoreaner-Thematik. Da sie aber gerade in Japan weilt, springe ich gerne ein, um diesen  gelungensten japanischen Spielfilm der Berlinale vorzustellen.

Raffiniert ist schon der Titel Films, “Kazoku no kuni” – “das Land meiner/unserer Familie”. Welches Land damit gemeint ist, bleibt bewusst offen, denn die Hauptfiguren stehen zwischen zwei Ländern, Japan und Nordkorea. Es geht um eine Familie von Japankoreanern (Zainichi), die schon seit mehreren Generationen in Japan lebt. Die Mutter kann schon nicht besonders gut Koreanisch und die Tochter Rie, eine Japanischlehrerin, spricht es gar nicht (auch wenn sie es versteht). Der Vater allerdings ist ein nordkoreanischer Patriot, der sogar der örtlichen nordkoreanischen Vereinigung vorsteht. Auf Betreiben des Vaters ist der Sohn, Sonho, – wie viele Japankoreaner, die sich davon ein besseres Leben erhofften – in den 1970er Jahren im Alter von nur 16 Jahren nach Nordkorea ausgewandert und konnte seither nicht einmal für einen Urlaub zurückkehren. Nun leidet er an einem Hirntumor und hat die Erlaubnis erhalten, für drei Monate nach Japan einzureisen, zur Behandlung. Die Freude über das Wiedersehen mit der Familie wird allerdings nicht nur durch die Krankheit überschattet, sondern auch durch einen hartnäckigen “Aufpasser”, den das Regime mitgeschickt hat.

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen mit Zainichi-Thematik beschäftigt sich “Kazoku no kuni” nicht damit, welchen Platz Japankoreaner in der japanischen Gesellschaft einnehmen. Nur einmal, ganz kurz, wird diese Problematik angesprochen, als ein homosexueller Zainichi davon spricht, dass die Diskriminierungen weniger geworden seien: “Ich muss es ja wissen, ich bin schließlich eine doppelte Minderheit”. Der Regisseurin Yang Yonghi geht es in ihrem ruhig, aber sehr eindringlich erzählten Film um eine Auseinandersetzung mit dem Land Nordkorea, den dortigen politischen Verhältnissen und Lebensbedingungen. Diese Auseinandersetzung könnte persönlicher gar nicht sein, denn Yang Yonghis Brüder leben in Nordkorea und sie darf seit 2005 nicht mehr in das Land einreisen – zu unbequem wurde die Regisseurin, die mit ihren beiden Dokumentarfilmen “Dear Pyongyang” und “Sona, the other myself” sehr kritisch Stellung bezogen hatte. “Ich kann meine Familie nicht mehr sehen, aber ich habe mich trotzdem entschlossen, diese Filme zu machen”, erzählt Yang Yonghi bei der Berlinale, und jeder im Saal kann spüren, wie groß dieses Opfer für sie ist und wie überzeugt sie dennoch von ihrer Arbeit ist.

Die Geschichte, die sie nun in ihrem ersten Spielfilm erzählt, dreht sich wie die beiden Dokumentationen um ihre eigene Familie. Yonghi macht sich selbst zur Protagonistin und erzählt vor allem aus ihrer Perspektive die Geschichte des jüngsten ihrer drei Brüder, der Ende der 1990er Jahre kurz für eine medizinische Behandlung in Japan war.

Es wird sehr deutlich, wie unterschiedlich sich die beiden Geschwister entwickelt haben, die über 20 Jahre in zwei völlig gegensätzlichen Welten gelebt haben. Der Bruder ist eine gebrochene Figur, deren alte Lebensfreude aber in einigen Momenten doch wieder aufkeimen kann. Wie die Familie changiert die Atmosphäre des Films immer zwischen dem Glück über den Augenblick, den man zusammen hat, und tiefer Verzweilfung – denn der Aufenthalt ist begrenzt, der nordkoreanische Staat unerbittlich. Aber wie die Regisseurin selbst stellen sich die Figuren dem Unausweichlichen tapfer entgegen, und sei es mit einem neuen Anzug für den ungeliebten Spitzel, “damit er dort besser angezogen ankommt, als er gegangen ist”. Eine kleine Genugtuung also, wie die Anteilnahme und das Interesse der Zuschauer eine kleine Genugtuung für die Regisseurin sein mögen.

Ein Fukushima-Film von Iwai Shunji: “Friends after 3.11″

“Friends after 3.11″ von dem bekannten Independent-Regisseur Iwai Shunji ist eigentlich kein Film für die große Leinwand. Hauptsächlich zeigt er “talking heads”, das heißt Menschen die Fragen stellen – in diesem Fall sind das der Regisseur selbst und die Schauspielerin Matsuda Miyuki – und Menschen, die darauf antworten. Weil sich “Friends after 3.11″ aber mit der Katastrophe in Japan beschäftigt und der Film damit eine große Aktualität und Brisanz besitzt, hat es die Dokumentation dennoch auf die Berlinale geschafft. In Japan wurde der Film in einer anderen Version im Fernsehen gezeigt, ab 10. März lauft er auch im Kino.

Es ist ein sehr breites Themenspektrum, das Iwai Shunji mit den Interviews anspricht, die er gemeinsam mit Matsuda Miyuki geführt hat, denn die Gesprächspartner könnten diverser nicht sein: Ein Teenie-Star in Schuluniform, der gegen Atomkraft protestiert, Professoren, den Vorsitzenen einer NGO, die sich gegen Selbstmord einsetzt, der Schauspieler Yamamoto Tarô, Journalisten und Regisseure. Viele sind enge Freunde des Regisseurs, der Film war Iwai ein großes Anliegen. Trotz dieser Vielfalt und Motivation bleibt der Ertrag jedoch leider oft dünn und bewegt sich im Bereich von Allgemeinplätzen.

Mitfühlen kann man immerhin mit Kitagawa Eriko, einer Drehbuchautorin, die ihre Sorgen als Mutter äußert und schildert, wie sie sich seit Fukushima fühlt, wenn sie Essen geht: “Ich überlege dann, wo die Zutaten wohl herkommen mögen. Wenn ich aber den ersten Bissen nehme, dann schmeckt es einfach nur lecker.” Genau diese Unsichtbarkeit der Gefahr, die von der atomaren Verseuchung ausgeht, ist immer wieder Thema der Gespräche. Alles sieht so normal aus.

Skurril wirkt der Auftritt von Professor Takeda Kunihiko, der dazu aufruft, mehr CO2 auszustoßen und eine baldige Eiszeit ankündigt. Immerhin spricht er, der bei Asahi Kasei für Forschung zur Urananreicherung zuständig war, sich mittlerweile klar gegen Atomkraft aus.  Ein anderer Professor, Koide Hiroaki (Universität Kyôto), entschuldigt sich, dass er nichts gegen die Katastrophe tun konnte. Seit langem forscht er im Bereich Nuklearenergie und ist mit wachsender Erkenntnis zu einem entschiedenen Gegner der Technik geworden. Viele verstünden den Ernst der Lage nicht: “Die Situation jetzt gerade ist schlimmer als Krieg”, ist sein Fazit zu Fukushima.

Einige aufschlussreiche Momente also hat der Film, was ihm aber im Vergleich zu dem bewegenden Dokument “Nuclear Nation” weitgehend fehlt ist Unmittelbarkeit und Emotionalität. Auch wenn einige Aufnahmen aus dem Katastrophengebiet eingestreut sind, es ist doch hauptsächlich ein “Sprechen über” und kein “Zeigen”, das in “Friends after 3.11″ geschieht. So beklagt die Regisseurin Kamanaka Hitomi, dass umliegende Gemeinden in der Vergangenheit von den Fukushima-Reaktoren profitierten und die Menschen dafür die Schönheit ihrer Dörfer opferten – und blendet dabei die Hintergründe ebenso aus wie die Tatsache, dass die Reaktoren vor allem für Tokyo und andere große Städte (und damit für alle) gebaut wurden.

Als emotionaler Höhe- und Schlusspunkt mit Musikuntermalung muss schließlich herhalten, wie Fujinami Kokoro, das Teenie-Sternchen, beim Besuch in den vom Tsunami zerstörten Gebieten in Tränen ausbricht. Iwai Shunji wollte in seinem Film viel zusammenbringen; es wäre wohl besser gewesen, sich zu beschränken.

Als Film mag “Friends after 3.11″ mehr oder weniger gescheitert sein, als Projekt hat Iwai Shunjis Engagement aber jetzt schon einen großen Erfolg zu verzeichnen. “Friends after 3.11″ zeigt, dass es in Japan viele Intellektuelle, Stars und auch Sternchen gibt, die sich sehr kritisch äußern und ihre Bekanntheit nutzen, um auf Ihr Anliegen – einen anderen Umgang mit der Katastrophe und den Ausstieg aus der Atomkraft – aufmerksam zu machen.

Teile von “Friends after 3.11″ können auf der Webseite von Shunji Iwai angesehen werden. Gemeinsam mit Matsuda Miyuki und anderen veranstaltet Iwai die sogenannten ロックの会, die dem Austausch zu Katastrophe und Kernenergie dienen. Informationen dazu gibt es auf einer Webseite und bei facebook.