Lehrportfolio Prof. Dr. Annette Schad-Seifert
Meine meisten Lehrerfahrungen habe ich an den Universitäten Berlin, Leipzig und Düsseldorf gemacht. Nachdem ich an der Freien Universität meinen Abschluss gemacht habe, unterrichtete ich dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Teilweise waren die Studierenden dort älter als ich, was daran lag, dass Berlin einen hohen Anteil an Studierenden des zweiten Bildungswegs hatte. Die altersmäßige Heterogenität wirkte sich sehr anregend aber auch anstrengend aus. In Berlin waren noch die Nachwehen der 68er Studierendenrevolte zu spüren, fast alle haben sich untereinander geduzt (auch Studierende die Professoren) und es wurde im Sinne der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule alles unter Ideologieverdacht gestellt und extrem kontrovers diskutiert. Man konnte wunderbar alle möglichen Denktraditionen ausloten und anzapfen. Natürlich wurde auch die Autorität der Dozentin permanent hinterfragt. Ich dachte, das sei die Normalität – bis ich eines besseren belehrt wurde. Als „Wessi“ fand ich eine Stelle in Leipzig und erlitt so etwas wie einen kleinen Kulturschock. Im ehemaligen Ostdeutschland fand ich mich zunächst fremd. Durch Abitur nach 12 Jahren waren manche der Studierenden in meinen Seminaren noch nicht volljährig, die Alterstruktur war sehr homogen und jung (17-22 Jahre), viele Studenten wirkten auf mich naiv, unerfahren und autoritätsgläubig. Kritische Fragen und Widerspruch – Fehlanzeige. Ich sehnte mich nach Berlin zurück. Das hat mich für meine Lehre sehr herausgefordert. Ich wünschte mir Studierende so auszubilden, dass sie kritische und reflektierte Fragen an die Welt, an Autoren, an Dozierende und an Texte stellen können.
Ich denke, dass in einem Fach wie Japanologie – auch in seiner modernen Ausrichtung als sozialwissenschaftliche Japanforschung – nach wie vor sehr viel Wissen über das Lesen von Texten angeeignet wird. Sicher kann man zahlreiche Bildungsinhalte über didaktische Aufbereitung vermitteln und sozusagen verdauungsgerechter machen. Der Einsatz aller möglichen medialen Formen und Präsentationen ist absolut wichtig. Aber meiner Meinung nach führt letztlich nichts an der Lektüre von Texten im ORIGINAL vorbei. Alles andere bleibt an der Oberfläche. Ich selbst liebe es, wissenschaftliche historische und zeitgenössische Texte im Original zu lesen, und ich sehe auch immer wieder mit Freude, wie begeistert oder irritiert Studierende einem zeitgenössischen Text, einer eigenwilligen Denkweise und einem spezifischen zeitlichen Kontext begegnen. Radikale Kontextualisierung und Dekonstruktion sind deshalb wissenschaftliche Strategien, die ich in der Lehre vermitteln möchte. Unter Dekonstruktion verstehe ich die Frage nach den Bedingungen, unter denen ein Wissen oder eine Idee entstanden sind oder eine Person existieren kann. Es geht nicht darum, ein theoretisches Lügengebäude zu zerstören oder hämisch zu widerlegen, sondern darum, die Welt in ihrer historischen Gewordenheit zu verstehen.
