INSTITUT FÜR MODERNES JAPAN

Projekte von Dr. Julia Siep

Abgeschlossene Dissertation "Nationalisierte Mütterlichkeit als Phänomen der Moderne. Frauenzeitschriften in Japan, Deutschland und Italien der 1930er Jahre"

(betreut durch Prof. Dr. Michiko Mae)

Im Zuge der weltweit stattfindenden Modernisierungs- und Nationalisierungsprozesse des 19. Jahrhunderts entstanden neue Identifikationsangebote in den sich zunehmend ausdifferenzierenden Gesellschaften. Vor allem die drei Kategorien Nation, Kultur und Gender ersetzten bis dahin gültige vormoderne Orientierungsmuster. Um nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen in die moderne Nation zu integrieren, galt die Mutterrolle als Weiblichkeitsideal: Die Frauen konnten so durch die Erfüllung ihrer reproduktiven Funktion der Nation dienen, ohne die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die Zuordnung der Geschlechter in die streng definierten Bereiche der Öffentlichkeit (Männer) und Privatheit (Frauen) zu gefährden. Darüber hinaus kann die Mutterrolle durch die ihr zugeschriebenen nationalisierten und kulturalisierten Funktionen im Spannungsfeld von Nation, Kultur und Gender positioniert werden. Somit besteht eine Annahme der Arbeit darin, dass Konstruktionen von Mütterlichkeit konstitutiv für die Bildung und Umsetzung von Nationen und nationalistischen Ideologien sind. Gerade in  extrem nationalistischen Regimes (wie z.B. der 1930er und 1940er Jahre) wird die Verbindung mit den drei oben genannten Kategorien intensiviert und dadurch besonders deutlich.

Die Dissertation beschäftigt sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit der Frage nach der Funktionalisierung von Mütterlichkeit zur Verwirklichung nationalistischer Ziele in drei exemplarisch ausgewählten Ländern, nämlich Japan, Deutschland und Italien in den 1930er Jahren. Als Beitrag zur Forschung, die insbesondere die Kategorien Nation und Gender fokussiert, analysierte die vorliegende Arbeit, welche Argumentationsstrategien und Konstruktionsmechanismen in drei exemplarisch ausgewählten Frauenzeitschriften existierten, die es ermöglichten, Mütterlichkeit im Kontext extrem nationalistischer Regimes als nationale und kulturelle Besonderheit zu legitimieren. Bei den untersuchten Zeitschriften handelt es sich um Katei (Japan), die N.S. Frauen-Warte (Deutschland) und Il Giornale della Donna (Italien).

Im Vergleich stellte sich heraus, dass Mütterlichkeit in allen drei Ländern auf diskursiver Ebene stark auf die eigene Nation bezogen wurde und dadurch eine nationalisierte Mütterlichkeit konstruiert wurde. Gleichzeitig wurde jedoch deutlich, dass die diskursiven Strukturen, die diese Verbindung zwischen Mütterlichkeit und der eigenen Nation herstellen, dennoch überall sehr ähnlich sind. Dabei spielten drei Themenfelder eine besondere Rolle: "Wesen und Charakter der Frau/Mutter", "Familie" und "Nation". Innerhalb dieser Themenfelder ließen sich spezifische Argumentationsstrategien, wie z.B. die diskursive Gleichsetzung von Mütterlichkeit und Nation, herausarbeiten. Außerdem konnte anhand der Diskursanalyse aufgezeigt werden, dass nur bestimmte Diskursstränge der jeweiligen nationalistischen Ideologie Eingang in die ausgewählten Frauenmagazine gefunden haben, angepasst an die spezifischen Bedingungen des Mediums Frauenzeitschrift. Dabei war es wichtig, dass diese Diskursstränge mit den "weiblichen" Lebenswelten in Verbindung gebracht werden konnten.

Auf diese Weise konnte eine Strukturierung von Mütterlichkeitskonzepten aufgezeigt werden, die aufgrund der kulturvergleichenden Perspektive eine länderübergreifende Explizierung der Thematik innerhalb der Genderforschung erlaubt. Die Arbeit trägt insgesamt dazu bei, Konstruktionsmechanismen bestimmter Genderstrukturen und deren Verbindung mit den Kategorien Nation/Nationalismus und Kultur in der Vorkriegszeit herauszuarbeiten, die auch prägend für die Jahre nach 1945 waren und deren Auswirkungen noch bis heute zu spüren sind.