INSTITUT FÜR MODERNES JAPAN

Workshops und Symposien

Hier finden Sie Berichte von Workshops und Symposien, die das Institut für Modernes Japan organisiert hat. Durch Klick auf den Titel erhalten Sie jeweils weitere Informationen.

"Die japanische Populärkultur und Gender"
Panel, 30. August 2012, 15. Deutschsprachiger Japanologentag Zürich

"Japans Zivilgesellschaft nach Fukushima"
Workshop, Bachelor Plus, 28. Juli 2012, Vortragsraum der ULB, HHU

"Medienberichterstattung zur Katastrophe in Japan"
Studentisches Symposium, 4. Februar 2012, HHU

"Familie, Jugend, Alter – Tendenzen und Perspektiven in Japan und Deutschland im Zeitalter der Globalisierung"
Workshop, 1.–2. Juli 2011, HHU

"Jenseits von Murakami – Die ‚andere‘ japanische Literatur der Gegenwart"
Symposium, 17. Juni 2011, Goethe-Museum Düsseldorf

"Feldforschung in Japan: Berichte aus der Praxis"
Workshop, Bachelor Plus, 11. Juni 2011, Hörsaal 2B, HHU

"Japanische Populärkultur als Hybrid"
Studentisches Symposium, 21. Mai 2011, Hörsaal 3B, HHU

"Vom Japonismus zur Japanimation"
Symposium, 20. Mai 2011, Goethe-Museum Düsseldorf

„Gender und japanische Populärkultur“
17. Gender-Workshop, 25.-26. November 2010, Frankfurt am Main

„Zwischen Transkulturalität und Japanizität – Repräsentationen kultureller Differenzen und Diversität in der gegenwärtigen japanischen Populärkultur“
Workshop, 18. Juni 2010, Heinrich-Heine-Saal

„Zur gesellschaftlichen Relevanz des unternehmerischen Handelns. Unternehmensethik in Japan und Deutschland” 
Workshop, 11. bis 13. März 2010, Schloss Mickeln

„Japan-Pop-Workshop“
 29. Januar 2010, Großer Saal der ULB Düsseldorf

 

"Die japanische Populärkultur und Gender"
Panel, 30. August 2012, 15. Deutschsprachiger Japanologentag Zürich


In einem Panel beim 15. Deutschsprachigen Japanologentag in Zürich untersuchten Michiko Mae, Stephanie Klasen und Elisabeth Scherer verschiedene populärkulturelle Genres auf ihre Bedeutung für neue Genderidentitäten und Genderverhältnisse in der heutigen japanischen und deutschen Gesellschaft.

Michiko Mae analysierte in ihrem Beitrag einige Shôjo-Manga/Anime. Die Medienkritikerin Fujimoto Yukari (2008) hat Shôjo-Manga über einen großen Zeitraum hin untersucht und u.a. systemkonforme Tendenzen festgestellt; man könnte also erwarten, dass Shôjo-Manga/Anime auf der narrativen Ebene eher die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und das vorherr-schende Genderverhältnis bestätigen und stabilisieren. Andererseits gibt es aber auch Shôjo-Manga/Anime, die subversive Messages und Inhalte vermitteln, besonders Transgender-Mangas, in denen Mädchen in männlicher Erscheinungsform auftreten. In einigen Boy’s love-Manga werden neue Genderidentitäten und Genderverhältnisse gesucht und damit experimen-tiert. Was bedeuten Grenzüberschreitungen zwischen den Genres Shôjo- und Shônen-Manga und zwischen deren Fans, die grenzüberschreitend beide Genres konsumieren, für die Verän-derung der Genderverhältnisse in Japan? Diese und andere Fragen thematisierte Mae in ihrem Beitrag.

Stephanie Klasen untersuchte, inwiefern Manga-Mitmachfanfiction als Plattform für Gender-Experimente dienen kann. Studien zu Fanfiction sehen diese häufig als potentiellen Ort für die Entwicklung von alternativen und subversiven Interpretationen des Kanons. Damit beste-he auch die Möglichkeit, dass durch diese Interpretationen herrschende Genderverhältnisse auf den Kopf gestellt werden. Inzwischen geht die Tendenz aber eher dazu, diese Einschät-zung etwas kritischer zu sehen. Die Frage, ob Anime/Manga-Fanficion nicht doch das Poten-tial hat, eine ‚Spielwiese‘ für alternative Geschlechterkonstruktionen zu bieten oder ob sie nur Geschlechterstereotype aufgreift, untersuchte Stephanie Klasen anhand von deutscher Mit-machfanfiction zur Manga-Serie Naruto, in denen Geschlechtertausch zum Thema gemacht wird. Klasen analysierte Text und Kommentare dahingehend, welche Entwürfe von Männ-lichkeit und Weiblichkeit vorhanden sind und wie Figuren und Teilnehmer auf die ungewöhn-lichen Geschlechterkonstellationen reagieren.

Die Angebote von Geschlechteridentität, die in japanischen Fernsehserien (terebi dorama) auftauchen, waren Thema des Vortrags von Elisabeth Scherer. Auf den ersten Blick muten aktuelle japanische Fernsehserien häufig an wie eine Keimzelle der Subversion. Doch handelt es sich hierbei auch um „echte“ Identitätsangebote für diejenigen, die diese Serien konsumie-ren? Wird die Abweichung von der gesellschaftlichen Norm mit den terebi dorama im Raum der Fiktion „gebannt“ und verbleibt auch in diesem, oder verleiten die Figuren tatsächlich zur Nachahmung im Alltag? Scherer ging in ihrem Vortrag diesen Fragen nach, indem sie an ei-nem Beispiel strukturelle Merkmale einer Serie verdeutlichte, die Möglichkeiten für ein iden-tifikatorisches „Andocken“ und performatives Nacheifern eröffnen. Darüber hinaus wurde ein Internet-Forum zu dem terebi dorama betrachtet, dessen Nutzerkommentare interessante Auf-schlüsse zur Rezeption geben können.

 

"Japans Zivilgesellschaft nach Fukushima"
Workshop, Bachelor Plus, 28. Juli 2012, Vortragsraum der ULB, HHU

Wie hat sich die Zivilgesellschaft in Japan nach der “Dreifachkatastrophe” im März 2011 verändert? Welche Auswirkungen hatten die dramatischen Ereignisse rund um das havarierte Atomkraftwerk in Fukushima auf die japanische Gesellschaft und deren zivilgesellschaftliches Engagement? Und was bedeutet das für Studierende und Forschende, die nach Japan gehen? Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt des Workshops „Japans Zivilgesellschaft nach Fukushima“ im Rahmen des Bachelor Plus am 28.07.2012.  

Nach der Begrüßung durch Peter Bernardi bildete PD Dr. Christian Tagsold mit seinem Vortrag „Zivilgesellschaft nach 3/11 – jenseits von Fukushima“ den Auftakt. Er berichtete von seinen Forschungen in ländlichen Regionen von Iwate-ken und Miyagi-ken, in denen der hohe Anteil alter Menschen eine besondere Herausforderung bei der Bewältigung der Folgen von Erdbeben und Tsunami  bildet. Vor dem Hintergrund einer kritischen Betrachtung des Konzepts der Zivilgesellschaft gab Tagsold Einblick in seine im September 2011 durchgeführte Feldforschung. Im Anschluss an die Katastrophe war in Iwate und Miyagi die Sicherstellung der Pflege dementer alter Menschen ein dringendes Problem. Hier war die Japanische Vereinigung der Wohngruppen für Demente (Nihon ninchishô gurûpu hômu kyôkai), ein Dachverband für sogenannte Grouphomes (gurûpu hômu), in denen aktivierende Pflege in kleinen Wohngruppen bis zu zehn Personen betrieben wird, ein wichtiger lokaler Akteur. Tagsold legte dar, wie die Verantwortlichen dieser Organisation die Hilfe konkret organisierten und kanalisierten. Dabei stellte er heraus, dass bürgerliches Engagement in Japan nicht auf der Ebene großer Akteure funktioniere, sondern auf der Ebene kleiner Gruppierungen, die hervorragend vernetzt seien. In Anlehnung an Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie schlug er ein alternatives Analysemodell zivilen Engagements vor, das nicht von einer einheitlichen Zivilgesellschaft ausgeht, sondern die Verbindungslinien in diesen Netzwerken verschiedener lokaler Akteure verfolgt.  

Im Vortrag von Dr. Martin Dusinberre (Newcastle University, derzeit Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context“, Universität Heidelberg) ging es unter dem Titel „March 11 and Japan’s postwar ,nuclear village‘: what’s changed?“ um die kleine Stadt Kaminoseki, Yamaguchi-ken, und die dortigen Auseinandersetzungen um den Bau eines Atomkraftwerks. In einem mikrohistorischen Zugriff schilderte Dusinberre die Hintergründe für diesen Fall von DIMBY (definitely in my backyard) im Gegensatz zum NIMBY Phänomen, einer Haltung des „not in my backyard!“, wie sie häufig in Diskussionen um geplante Atomkraftwerke zum Ausdruck kommt. Mitte der 1980er Jahre hatte der Stadtrat mit überwältigender Mehrheit für den Bau eines AKWs gestimmt; nach langen Auseinandersetzungen zwischen AKW Befürwortern und Gegnern waren seit Anfang 2011 die Arbeiten in vollem Gange, als sich die Katastrophe von Fukushima ereignete. In der Folge wurden die Arbeiten gestoppt und Kaminoseki rückte in den Fokus des medialen Interesses. Für viele überraschend, ging bei den Bürgermeisterwahlen, die nur ein halbes Jahr nach Fukushima stattfanden, der pro-AKW eingestellte Kandidat als klarer Sieger hervor.  In Dusinberres Vortrag wurden sehr klar die Realitäten des kleinen Ortes mit nur 3.500 Einwohnern deutlich, der, wie viele ländliche Regionen an der Peripherie, stark unter Bevölkerungsrückgang und Überalterung leidet. In diesem Zusammenhang seien die Planungen für ein AKW in Kaminoseki aus Sicht der Befürworter als notwendige Maßnahme der „town making policies“ (machizukuri) zu sehen, die für das Überleben der Gemeinde angesichts der geschilderten Probleme unerlässlich sei. Die mit einem AKW verbundenen Risiken erschienen vielen Einwohnern gegenüber der krisenhaften Situation der Stadt als das kleinere Übel. Zudem machte Dusinberre deutlich, wie die lokalen zivilgesellschaftlichen Strukturen in Kaminoseki es den Verantwortlichen von Chugoku Electric, der Betreiberfirma des AKW, leicht machten, ihre Ziele durchzusetzen: Die Zivilgesellschaft von Kaminoseki sei geprägt von starken vertikalen Strukturen, in denen die Macht in den Händen weniger einflussreicher Männer liege. Dabei bekleideten wichtige Akteure der Zivilgesellschaft gleichzeitig auch offizielle Positionen in der Lokalregierung, so dass soziale Beziehungen und soziale Verpflichtungen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der pro-AKW Einstellung vieler Bürger Kaminosekis spielten.  

Den Abschluss des Workshops bildete der Vortrag der beiden jungen Filmemacherinnen Julia Leser und Clarissa Seidel. Ihr Dokumentarfilm „Radioactivists – Protests and Discourse in Japan since Fukushima“ entstand zwischen April und Mai 2011 in Tôkyô und behandelt die Anti-Atomkraft-Bewegung und die Straßenproteste, die durch die Ereignisse in Fukushima hervorgerufen wurden. Beide hielten sich zum Zeitpunkt des Erdbebens am 11. März in Japan auf, die Japanologin Julia Leser wegen eines Auslandsjahrs an der Waseda Universität, die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Seidel hatte nach ihren Abschlussprüfungen eine Japanreise unternommen. Für ihren Film sprachen Leser und Seidel mit Teilnehmern und Organisatoren der Demonstrationen und Protestaktionen und diskutierten mit Intellektuellen und Sozial- und Politikwissenschaftlern über die Auswirkungen und Bedeutung der aktuellen Proteste.  Anhand längerer Filmausschnitte beleuchteten die beiden Regisseurinnen die Hintergründe der Protestbewegung und ließen insbesondere die Aktivisten der Gruppierung Shirôto no ran („Aufstand der Amateure“) zu Wort kommen, die im Frühjahr 2011 die größte Anti-Atomkraft Demonstration organisierten. Leser und Seidel zeigten aber auch, dass es, entgegen der Berichterstattung in deutschen Medien, auch bereits vor Fukushima eine Protestkultur in Japan gegeben hat, zu der auch Shirôto no ran gehört. Dabei wurde deutlich, dass die Proteste, die Leser und Seidel dokumentieren, sich nicht nur gegen die Atomlobby, die Regierung und TEPCO richten, sondern auch die Sozialstruktur und gesellschaftspolitischen Realitäten der japanischen Gesellschaft  anprangern.

In der anschließenden Diskussion interessierten die Studierenden neben inhaltlichen Fragen zur Anti- Atomkraft-Bewegung auch ganz praktische Fragen zur Vorgehensweise der Filmemacherinnen bei den Dreharbeiten. Der Vortrag von Julia Leser und Clarissa Seidel ermöglichte einen spannenden Blick hinter die Kulissen eines studentischen Dokumentarfilmprojekts.

 

"Medienberichterstattung zur Katastrophe in Japan"

Studentisches Symposium, 4. Februar 2012, HHU

Die dreifache Katastrophe vom März 2011 in Nordjapan hinterließ auch in den globalen Medien ihre Spuren. Auch deutsche Fernsehsender, Zeitungen und auch Internet-Medien berichteten wochenlang fast ausschließlich über die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis, konzentrierten sich aber vor allem auf die Havarie der Kernkraftwerke von Fukushima. Wie diese Mediendiskurse strukturiert waren, war Thema des studentischen Symposiums „Medienberichterstattung zur Katastrophe in Japan“.
Die Studierenden eines Seminars von Prof. Dr. Dr. h.c. Mae und PD Dr. Tagsold hatten das Symposium selbst organisiert und beworben.

Die Veranstaltung war in drei Themenblöcken unterteilt. Zunächst wurden verschiedene Aspekte der Berichte über die atomaren Katastrophe unter die Lupe genommen – so zum Beispiel die Kontroverse über die sogenannten „Wegwerfarbeiter“ in Fukushima oder die „Fukushima 50“. Der zweite Themenblock wandte sich verschiedenen deutschen Sichtweisen auf die Katastrophe zu. Die Rolle der Japanologen im Mediendiskurs war hier ebenso relevant wie die Frage, wie Deutsche in Japan durch Zeitungen befragt wurden. Abschließend wurde die Sichtweise deutscher Mediendiskurse auf die japanische Zivilgesellschaft analysiert. Insgesamt warfen die Beiträge des Symposiums einen sehr kritischen Blick auf die Mediendiskurse. Immer wieder wurde deutlich, wie kulturalistisch die Berichterstattung argumentiert.

 

"Familie, Jugend, Alter – Tendenzen und Perspektiven in Japan und Deutschland im Zeitalter der Globalisierung"

Workshop, 1.–2. Juli 2011, HHU

Der interdisziplinäre Workshop „Familie, Jugend, Alter – Tendenzen und Perspektiven in Japan und Deutschland im Zeitalter der Globalisierung“ fand am 01. und 02. Juli 2011 im Forschungszentrum der Philosophischen Fakultät der HHUD statt. Organisiert wurde er in Kooperation der Institute für Modernes Japan und Medien- und Kulturwissenschaft. 

Eingeleitet wurde der erste Tag durch eine Begrüßung von Prof. Dr. Annette Schad-Seifert und eine Vorstellungsrunde der insgesamt zehn Referenten. Im Anschluss daran leitete Annette Schad-Seifert den Block „Familie“ ein. In ihrem Vortag „Polarisierung der Familienformen und Single-Gesellschaft in Japan“ gab sie einen Einblick in neuere gesellschaftliche Entwicklungen und wissenschaftliche Analysen zu Familie und Heirat in Japan - ein Thema, welches oftmals verwoben mit dem demographischen Wandel und den daraus resultierenden sozialen und ökonomischen Problemen debattiert wird. 

Daran anknüpfend beleuchtete Nora Kottmann in ihrem Beitrag „Einige theoretische Gedanken zum Familienkonzept in Japan – das Fallbeispiel von Herrn A“, wie das normative Familienmodell lebensweltlich umgesetzt wird. Das Fallbeispiel von Herrn A, einem männlichen 34-jährigen Firmenangestellten aus Tokyo, ist dabei als „alternativer Entwurf“ zu betrachten, da Herr A seinem Lebenstraum folgend ein Netzwerk aufgebaut hat, welches durchaus als „Ersatzfamilie“ bezeichnet werden kann, da es ihm den emotionalen Rückhalt bietet, den seine Herkunftsfamilie verweigert. Nora Kottmann spricht sich vor allem mit Blick auf diesen Lebensentwurf dafür aus, das Konzept von Familie auszuweiten.

Im Beitrag von Katrin Ullmann „Familie und Angst in den Selbstkonstruktionen junger Erwachsener aus Südosteuropa“ wurde anhand verschiedener Interviews aufgezeigt, wie Angst familiäre Bindungen zu stärken und zu definieren vermag. Vor allem Interviewpartner, die über Erlebnisse des Krieges und den daraus erwachsenen Ängsten berichteten, wiesen auf ein Verstärken der Signifikanz von Familie sowie ein Erstarken des Zusammenhalts der Familien hin. 

Stephanie Reuter zeigte in ihrem Beitrag „Familie als Prekarisierungspraxis“ anhand einer rekonstruierten Biographie eindrucksvoll auf, wie sich normative Vorstellungen von Familie und das Ausleben alternativer Familien- und Genderentwürfe in einem einzigen Lebenslauf vorfinden können. Das Fallbeispiel machte deutlich, dass die Selbstwahrnehmung von Geschlecht sowie eine „geschlechtlichen Identität“ im Leben eines Menschen wandelbar und veränderlich sind. 

Einstimmend auf den Bereich der Jugend, gab Dr. Hans Malmede mit seinem Vortrag „Forschungsobjekt Jugend – Deutungsmuster im 20. Jahrhundert aus kulturwissenschaftlicher Sicht“ einen Überblick über den Bereich der historischen und aktuellen Jugendforschung. Er gab Einblicke in Schwerpunkte, Perspektiven und Paradigmen und stellte Tendenzen und Forschungsansätze genauer vor.

Anschließend referierte Stephanie Osawa in ihrem Vortrag „Hegemoniale Devianzkonzeptionen hinterfragen – die Perspektive devianter Jugendlicher in Japan am Beispiel des Schülers W“ zu abweichendem Verhalten in der Selbstwahrnehmung devianter Jugendlicher. Anhand des Interviews mit dem Schüler W rekonstruierte sie die Bedeutung, die das abweichende Verhalten in seiner Selbstinterpretation einnimmt und arbeitete Erklärungs- und Deutungsmuster heraus, die Devianz in Ws Wahrnehmung konstituieren. 

Den Block zu Jugend schloss Adam Jambor mit dem Vortrag „Studenten in Okinawa – Zwischen ‚Traum‘ und ‚Zukunftsangst‘“ ab. Basierend auf einer Umfrage und qualitativen Interviews stellte er studentische Lebensentwürfe im Spannungsfeld zwischen dem „Traum“ und den „Zukunftsängsten“ vor, die sich im Zuge der wirtschaftlich prekären Lage auf Okinawa ergeben. 

Den zweiten Tag des Workshops eröffnete Hizako Yoshizawa mit dem Beitrag „Eheschließung und die Frage des Umgangsrechts in Japan – Flexible Entscheidungen am Beispiel von Interviews mit Betroffenen“. Dabei stellte Frau Yoshizawa das japanische System der einvernehmlichen Scheidung vor und verdeutlichte an einem Fallbeispiel, wie Umgangsrecht individuell geregelt wird, ohne dass gesetzliche Fixierungen existieren.

Im Anschluss daran stellte Constanze Noack „Japans ‚pflanzenfressenden‘ Mann als Spiegelbild des gesellschaftlichen Umbruchs“ vor. Mithilfe des medialen Diskurses wurde aufgezeigt, wie am Beispiel des „Pflanzenfresser Mannes“ verschiedene soziale und ökonomische Aspekte der sich verändernden japanischen Gesellschaft an diesem Männlichkeitstyp verhandelt werden. 

Den Abschluss des Workshops bildete Lars Wannemacher mit seinem Beitrag „Gegenderte Generationen und ihre Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis“. Dabei zeigte er auf, wie das Generationenkonzept auf die „Gay Community“ übertragen werden kann, so dass bestimmte Ereignisse den Grundstein einer kollektiven Erinnerung legen, die von Generation zu Generation variieren aber auch weitervermittelt werden.

 

Yoko Tawada und Michiko Mae

"Jenseits von Murakami – Die ‚andere‘ japanische Literatur der Gegenwart"
Symposium, 17. Juni 2011, Goethe-Museum Düsseldorf

Das Goethe-Museum Düsseldorf öffnete am Freitag, 17. Juni 2011, seine Tore für Japan-Interessierte und Japanologen zu dem Symposium „Jenseits von Murakami – Die ‚andere‘ japanische Literatur der Gegenwart“, veranstaltet vom Institut für Modernes Japan der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Rahmen der Reihe: „Tokyo – Düsseldorf, und zurück“.

Diesmal drehte sich alles um die japanische Gegenwartsliteratur, in der es auch jenseits von Murakami Haruki spannende Werke und Autor/innen zu entdecken gibt. Beispielsweise die Literatur der in Japan lebenden koreanischen Minderheit, die Kristina Iwata-Weickgenannt (DIJ Tokyo) in dem ersten Beitrag „Zwischen den Zeilen. Identitätskonstruktionen in der japankoreanischen Literatur“ vorstellte. Für diese Schriftsteller ist die Frage, ob sie sich als japanisch, koreanisch, japankoreanisch oder vielleicht etwas ganz anderes verstehen, eine, der sie sich kaum entziehen können, selbst wenn sie es wollen. Andersherum fordern sie durch die Präsenz ihrer Stimme Konzepte einer japanischen Nationalliteratur heraus und regen so dazu an zu hinterfragen, was denn eigentlich ‚japanisch‘ ist.

Einer ganz anderen Perspektive auf letztere Fragestellung ging Lisette Gebhardt (Universität Frankfurt) in ihrem Vortrag über „Das japanische Unglück in der Ära vor Fukushima – Kirino Natsuos dunkle Welt“ nach. Kirino Natsuo gehört keiner japanischen Minderheit an, aber setzt sich äußerst kritisch mit der japanischen Gesellschaft, dem „Reich der Seifenblasen“ („Bubblonia“), wie Kirino sie nennt, auseinander. Kirinos düstere Romane gehören zum Genre des „Nippon Noir“, gleichzeitig sieht Gebhardt sie auch als Vertreterin einer neuen Prekariatsliteratur, die geprägt ist von der Angst vor dem sozialen Abstieg und ‚Japanhass‘. Abschließend wirft Gebhardt die Frage auf, ob und wie die gegenwärtige Katastrophe in Japan sich auf die Entstehung einer neuen engagierten Literatur auswirken und wie Unglück in der Post-Fukushima-Ära neu definiert werden wird.

Ina Hein (Universität Wien) führte in ihrem Vortrag „Magie und postkoloniale Subversion: Okinawa in der japanischsprachigen Gegenwartsliteratur“ in die Literatur aus und über Okinawa ein. Okinawa, die südlichste Präfektur Japans, erlebte eine wechselvolle Geschichte. Bis zum 17. Jahrhundert war sie ein eigenes Königreich zwischen China und Japan, danach galt die Inselgruppe als zu Japan gehörig und wurde dann im 19. Jahrhundert zur japanischen Präfektur erklärt. Nach der Niederlage Japans im zweiten Weltkrieg besetzten die USA Okinawa.

Erst 1972 ist sie wieder ein Teil Japans, aber noch immer befinden sich dort zahlreiche amerikanische Stützpunkte, gleichzeitig ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor und ständige Quelle von Problemen. Auf den japanischen Hauptinseln sorgte ein regelrechter Okinawa-Boom dafür, dass Okinawa zum Inselparadies für zivilisationsmüde ‚Aussiedler‘ stilisiert wurde. Einige okinawanischen Autoren, beispielsweise Medoruma Shun und  Tefu Tefu P., versuchen durch den Bruch oder das Spiel mit bekannten Okinawa-Klischees ein eigenes, subversives Okinawa-Bild zu entwerfen. Dabei bedienen sie sich häufig des Stilmittels des magischen Realismus, weshalb Hein die These aufstellt, dass die Literatur okinawanischer Autor/innen aus einem postkolonialen Kontext heraus verstanden werden muss.

Mit „Yoko Tawada und ihre Werke: Eine transkulturelle Reise“ stellte Michiko Mae (Universität Düsseldorf) die Autorin Yoko Tawada und zentrale Motive ihres Œuvre vor. Yoko Tawada lebt seit 1982 in Deutschland und schreibt auf Deutsch und Japanisch. Mae stellt fest, dass Tawada die Fremdheitserfahrungen, die aus der Position eines Außenseiters in Deutschland und durch das Lernen und Sprechen einer Fremdsprache entstehen, als kreatives Potential benutzt. Sie positioniere ihr eigenes Sprechen und Schreiben dabei außerhalb einer bestimmten Sprache, Kultur und Nation in einem Raum des Dazwischen, der zum Ort des Schreibens und des Entdeckens wird.

Den krönenden Abschluss des Abends bildete dann die besonders gutbesuchte Lesung der bekannten Autorin Yoko Tawada. Tawada las aus ihrem neuesten Werk „Abenteuer der deutschen Grammatik“ und einigen älteren Texten. Frau Tawada ließ dabei die japanischen und deutschen Texte zu einem Erlebnis werden, bei dem das Publikum seiner eigenen Sprache wie einer Fremdsprache mit neuen Augen begegnete und in der Fremdsprache Vertrautes entdecken konnte.



Dr. des. Cosima Wagner

"Feldforschung in Japan – Berichte aus der Praxis"
Workshop, Bachelor Plus, 11. Juni 2011, Hörsaal 2B, HHU

Die Auseinandersetzungen mit Feldforschung, Methoden und Strategien stand im Mittelpunkt des Workshop"Feldforschung in Japan - Berichte aus der Praxis" im Rahmen des Studiengangs "Bachelor Plus: Kultur- und Sozialwissenschaftliche Japanforschung" am 11.06.2011. Die drei Vortragenden Dr. des. Cosima Wagner, Michiko Uike-Bormann und Celia Spoden veranschaulichten anhand ihrer eigenen Feldforschung in Japan vor, wie sie entsprechende Vorhaben konzipiert und realisiert haben. Dabei diskutierten sie theoretische wie praktische Forschungsfragen für Interviewplanung und -durchführung, Transkription, teilnehmender Beobachtung sowie Aufnahmetechnik, Zeitmanagement oder Kontaktpflege, sodass ein reger Dialog mit den anwesenden Studierenden entstand.

Prof. Dr. Shingo Shimada begrüßte die Gäste und führte in den Workshop ein, der die Zielsetzung des neuen Studiengangs "Bachelor Plus: Kultur- und Sozialwissenschaftliche Japanforschung" unterstützt. Innerhalb des Bachelor Plus-Programms stellt studentische Forschung ein zentrales Element dar. Während des Aufenthalts in Japan führen die Studierenden ein eigenes Forschungsprojekt durch und tauschen sich online vernetzt mit den Betreuern in Düsseldorf über Fortschritte und Ergebnisse aus.

Auf eine Reise in japanologisches Neuland führte Dr. des. Cosima Wagner (Universität Frankfurt) zu Beginn des Workshops: In ihrer Dissertation untersuchte sie die gesellschaftliche Akzeptanz von Robotern in Japan und präsentierte hier einen Auszug zur "Feldforschung in Seniorenheimen in Japan - Fallstudien zur Roboter-Therapie (robotto serapii)". Dazu interviewte sie Ingenieure, Beamte des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) wie auch Fachkräfte in der Pflege und ergänzte diese Perspektiven mit teilnehmender Beobachtung von Sitzungen der robotto serapii. An zwei Fallstudien zeichnete sie ihren Weg von Vorbereitung bis hin zur konkreten Interviewsituation nach und gab viele praktische Tipps zur Planung und Durchführung von studentischer Forschung.

Interviews und teilnehmende Beobachtung spielten eine entscheidende Rolle für Michiko Uike-Bormann, M.A. (Universität Freiburg) und ihre "Ethnologische Feldforschung in japanischen Themen- und Kulturparks". Am Beispiel des Holland-Themenpark "Huis Ten Bosch" in Nagasaki zeigte sie, wie sie einen Zugang zum Feld vorbereitete, den Kontakt mit InterviewpartnerInnen aufbaute, Interviews führte und wie die spätere Datenverarbeitung ablief. Ihr praxisorientierter Vortrag zeigte sehr anschaulich Herausforderungen und Vorteile der Grounded Theory und die Bedeutung von Flexibilität im Forschungsalltag.

Feldforschung als einen Prozess, der mitunter zu überraschenden, aber sehr produktiven Ergebnissen führen kann, verdeutlichte Celia Spoden, M.A. (Universität Düsseldorf) in ihrem Vortrag "Planen mit dem Unplanbaren: Von der Projektidee zum Interview". Ausgehend von Forschung zu "Patientenverfügungen in Japan" veränderte und erweiterte sich ihr Forschungsthema durch die Ergebnisse der Feldforschung. Sie ermutigte zu Eigeninitiative bei der Kontaktaufnahme zu möglichen InterviewpartnerInnen und zu anpassungsfähiger Zeitplanung im Feld.

Es ist geplant, die Ergebnisse des Workshops im kommenden Semester über die Düsseldorfer Japanstudien (DJAS) zu veröffentlichen.

 

Katharina Hülsmann und Sebastian Boehnert

"Japanische Populärkultur als Hybrid"
Studentisches Symposium, 21. Mai 2011, Hörsaal 3B, HHU

Anlässlich des Jubiläums der japanisch-deutschen Beziehungen veranstalteten auch die Studenten des Instituts für Modernes Japan an der Heinrich-Heine-Universität ein Symposium, auf welchem junge, angehende Forscher ihre Ideen zu Japan, im Kontext von Transkulturalität, vorstellen konnten. Unter dem Thema „Japanische Populärkultur als Hybrid – Das Überschreiten kultureller Grenzen in der Postmoderne“ trugen sowohl Studenten der HHU, als auch Gäste von anderen Universitäten, zu einer lebhaften Diskussion bei und zeigten die Aktualität eines Kulturdiskurses im Rahmen der modernen Japanforschung.

Der erste Themenblock, unter dem Titel NARRATIVES, wurde von Andreas van Straalen, Masterstudent an der Heinrich- Heine Universität Düsseldorf, mit einem Vortrag zum Thema der japanischen Detektivliteratur eröffnet. Unter dem Titel „Japanische Detektivliteratur als transkulturelle Schemaliteratur?“ zeichnete er die Geschichte des orthodoxen Detektivromans – honkaku suiri shousetsu – von der Meiji- Zeit bis in die Gegenwart nach. Es wurde aufgezeigt, wie sich der orthodoxe Detektivroman, zunächst als „Importprodukt“ und „Imitation“ westlicher Autoren, mit der Verwendung „japanischer“ Motive und Szenarien im japanischen Literaturkanon einfinden und sich bis heute erfolgreich als Genre etablieren konnte. Dieser Typ des Detektivromans ist im Westen, als „unrealistisch“ kritisiert, mittlerweile kaum noch zu finden.

Besonders hervorgehoben wurde dabei der komplexe Umgang der japanischen Autoren mit ihren westlichen Vorbildern – von einer zunächst deutlichen Verortung der Geschichten in Japan auf der einen Seite, einer ebenso deutlichen Nähe zu ihren „westlichen“ Vorbildern und der anhaltenden Popularität, auch westlicher Autoren, auf der anderen Seite. In neueren Werken des Genres spiele eine spezifische kulturelle Verortung des Romangeschehens allerdings kaum noch eine Rolle. Vielmehr liege der Fokus hier auf der Darstellung eines möglichst raffinierten Tricks, einer Täuschung des Lesers unter Rückgriff auf eine Database (Modell nach Azuma Hiroki) narrativer Merkmale.

Sebastian Boehnert, ebenfalls Masterstudent an unserem Institut, zeigte in seinem Vortrag „Mystery Japanesque? – Bilder des japanischen Mystery“ anhand verschiedener Beispiele diverse Aspekte von Japanizität und Transkulturalität im japanischen Mystery-Genre auf. Angefangen mit dem scheinbar genuin japanischen Anime Shiki und der entsprechenden, von Ono Fuyumi verfassten Romanvorlage, die sich, bei näherem Hinsehen, als stark von Stephen Kings Salem’s Lot beeinflusst zeigen, wurde der Frage nachgegangen, ob überhaupt von einem „japanischen“ Mystery-Genre die Rede sein könne.

Unter Bezugnahme auf C.L. Strauss’ Konzept der Bricolage, Azuma Hirokis Database Modell und dem in der modernen Populärkultur vor allem durch die Comic-Giganten Marvel und DC begründeten Konzept der shared worlds zeigte Boehnert die komplexe, wechselseitige transkulturelle Beeinflussung populärkultureller Produkte auf. Als weiteres Beispiel wurden hier die japanischen Beiträge zu H.P. Lovecrafts Cthulu-Mythos genannt. Diese japanischen Autoren sehen sich klar von Lovecrafts Mythos inspiriert, ihre Werke existieren jedoch auch eigenständig für sich außerhalb dieses Kontexts. Unter einem ähnlichen Aspekt wurde auch das einleitende Beispiel Shiki noch einmal aufgegriffen. Durch Kommentare der Autorin und eine genauere Untersuchung der Erzählung wurde seine Verortung in Japan und sein Aufgreifen spezifischer Thematiken nachvollzogen; der Anime und Roman zeigen sich als klar von Stephen King beeinflusste, aber gleichzeitig auch eigenständige Werke, welche auf ganz eigene Probleme verweisen und eine spezifische Art Spannung zu erzeugen beinhalten.

Abgeschlossen wurde der Vortrag durch den Vorschlag eines prozessualen Kulturbegriffs und einer Fokussierung auf die Autoren und den Entstehungszusammenhang eines Werkes – im Gegensatz zu einer Einordnung in starre Begriffe wie „den japanischen Roman“, „Manga“ oder „Anime“, um derartige komplexe Zusammenhänge angemessen beschreiben zu können.

Eine völlig andere Perspektive auf das Thema der Verarbeitung westlicher populärkultureller Produkte in Japan bot Melissa Sohlich, auch Masterstudentin an der HHU. In ihrem Vortrag „Zwischen Sissi, Benny Goodman und Metal: Adaptionen westlicher Kulturprodukte in der Takarazuka-Revue“ veranschaulichte sie die fast 100-jährige Geschichte des japanischen Takarazuka-Theaters. Seit Gründung im Jahre 1913 konnte das Revue-Theater mit seinen ausschließlich weiblichen Mitgliedern eine breite Fangemeinde sammeln und sich einen ganz eigenen Platz in der japanischen Unterhaltungslandschaft sichern.

Anhand der Umsetzung des Musicals Elisabeth von Michael Kunze oder der Adaption des Liedes „Sing, Sing, Sing“ von Benny Goodman erläuterte Sohlich, wie durch die Anpassung westlicher (Pop-) Kulturprodukte an die Vorstellungen eines japanischen Publikums, an den Rahmen der Revue und an die Werte, die die Revue seit ihrer Gründung vertritt – „Sei unschuldig, aufrichtig und schön“ (jap. kiyoku, tadashiku, utsukushiku) – eine ganz eigene Ästhetik hervorbracht wird. Gleichzeitig wurde die relative Verschlossenheit der japanischen Fangemeinde speziell gegenüber ausländischen Fans aufgezeigt. In Kombination mit den eher konservativen Werten, die durch die Takarazuka-Revue vermittelt werden sollen, zeigt sich hier, wie trotz aller von „außen“ aufgenommener Einflüsse aktiv ein eigener Raum konstruiert und abgegrenzt wird.

Im zweiten Themenblock mit dem Titel GLOBAL nahmen sich die Referenten Beispiele aus der Landschaft der westlichen Unterhaltungsmedien vor. Unter der Verwendung dieser Exempel sollte gezeigt werden, wie in der Gegenwart Prozesse in japanischen Medien ablaufen und ähnliche Muster auch im Westen anzutreffen sind. Wie auch schon im ersten Themenblock herausgestellt, ist es heute nicht mehr ausreichend, nationale Ursprünge als Grenze anzusehen, wie diese Beiträge auch verdeutlichen konnten.

Katharina Hülsmann, Masterstudentin an der HHU, verknüpfte in ihrem Vortrag „Sucker Punch im internationalen Datenbankmodell“ einen aktuellen Blockbuster mit dem Database-Modell nach Azuma Hiroki. Dadurch wurde verdeutlicht, dass sich auch im Westen an der von Azuma attestierten Datenbank von Archetypen und Standardmodellen fiktiver Werke bedient wird. Teilweise stark beeinflusst durch Manga-esque Entwürfe und Settings, stellt Sucker Punch für Hülsmann ein Paradebeispiel für solch eine grenzüberschreitende Teilnahme an einem als Otaku-Konzept entworfenen Modell dar.

Außerdem warf sie die These auf, dass die sogenannte „Otaku-Kultur“ sowie das daraus hervorgegangene Database-Modell keineswegs rein japanische Konzepte sind, da sich diese in postmodernen Theorien (auch nach Jean Baudrillard) begründen. Von Theoretikern wie Ôtsuka Eiji und Azuma Hiroki wurden diese Konzepte, zum „konsumieren und produzieren“, jedoch lediglich für Japan entworfen. Hülsmann schlägt daher vor, dass man diese in Japan entworfenen Modelle vielmehr als Grundlage für einen aktuellen, globalen Mediendiskurs nutzen sollte.

Einem Beispiel aus dem amerikanischen Kinder- und Jugend-TV widmete sich Kenji-Thomas Nishino, Promovent an der Universität Bonn, mit seinem Vortrag unter dem Titel „Avatar – The Genderbender“. Er eröffnete mit der These, dass, obwohl sich die Serie an ein jüngeres Publikum richtet, sie dennoch hoch komplex sei und auf verschiedenen Ebenen analysiert werden könne. Als Beispiel wählte er hier hybride Formen von Geschlechter-Konstruktion, welche sich als überraschend vielschichtig und variabel für eine „Kinderserie“ herausstellen.

Die Spannung der Serie, so Nishino, ist begründet in der flexiblen, nicht an binäre Strukturen gebundenen Geschlechterzuteilung, welche jenseits von simplen Männer- und Frauenrollen konstruiert wird. Geschlecht, von der Perspektive der Gender- und Queer-Studies, wie z.B. nach der von Nishino zitierten Judith Butler betrachtet, erhält also in der Serie eine definitive narrative Funktion. Nishino stellt jedoch fest, dass sich die Serie dennoch nicht gegen eine klassische Geschlechterverteilung ausspricht, diese letztendlich sogar bestätigt und moralisch positiv bewertet. Und auch wenn sich dieser Beitrag nicht direkt mit der Frage nach japanischem oder westlichen Ursprung beschäftigte, so war die Betrachtung einer Serie, die sich ganz klar als Mischform aus amerikanischer und japanischer Populärkultur inszeniert, doch sehr aufschlussreich.

Der dritte Themenblock PERFORMANCES befasste sich einerseits mit performativen Identitätsentwürfen jenseits von festen nationalen Grenzen, als auch mit kulturellem Austausch über diese hinaus. Die Globalisierung kultureller Aspekte zeigt sich vor allem durch international vermittelnde Akteure, sowie neue Entfaltungs- und Verbreitungsmöglichkeiten über kontemporäre Formen visueller Medien.

Oliver E. Kühne, Mitglied des Promotionsverbunds „Heilige Texte“ der Universität Tübingen, begann den Block mit seinem Vortrag „(Trans-)kulturelle Grenzgänger – Otaku-Kultur als subversiver Hybridraum kulturellen Erlebens“, der den Versuch der kulturellen Verortung einer Person darstellte, die 2010 durch filmische Performanz über die Internet-Platform youtube ein im Verhältnis beachtliches Maß an Bekanntheit in Japan erlangte. Beckii Cruel betrieb Cosplay von bekannten Anime-Charakteren oder stellte eigene Moe-Outfits zusammen, in denen sie ParaPara-Tanzimprovisationen vorführte. So wurde ein japanischer Manager auf sie aufmerksam, was zur Veröffentlichung von CDs, Photobooks und Auftritten in Fernsehsendungen und Werbespots führte. Rebecca Flint befindet sich durch ihre von nationalen Ursprüngen losgelöste und somit transkulturell konstruierte Identität namens Beckii Cruel in konstanter Fluktuation. Um also das Forschungsobjekt nicht in seiner Freiheit, mehrere Identitäten zu besitzen, zu beschneiden, schlug Kühne deshalb vor, Phänomene dieser Art als eine Splitter- oder Mosaik-Kultur zu begreifen.

Diese Begrifflichkeit leitet Kühne von den Theorien von Judith Butler und Julia Kristeva ab, die beide in ihrem intertextuellen Verständnis eine definitive Zuschreibung geschlechtlicher und nationaler Eigenschaften und Identitäten als fragwürdig herausstellten. Beide beschreiben ein Bild vom Reisen zwischen Identitäten und Nationen, die niemals endet und bei der sich das Individuum immer im Wandlungsprozess befindet. Zwar begründet Kristeva den Grund dieser Verbildlichung darin, dass Individuen, die sich von ihrer ursprünglichen Nationalität entfremdeten, niemals die ihnen fremde Sprache perfekt erlernen können und somit nur eine Prothese zum kommunizieren verwenden; Beckii Cruel jedoch braucht keine Kenntnis der japanischen Sprache, nicht einmal „der“ japanischen Kultur. Sie wählt gezielt aus japanischer Pop-, bzw. Subkultur Fragmente heraus, setzt sie mehr oder weniger originell zusammen und spricht nicht, sondern schweigt unter Fremden, fühlt sich jedoch mit diesen verbunden, indem sie tanzt.

Im letzten Vortrag des Symposiums mit dem Titel „Rollenspiele im Fluss: Zur Geschichte und Aneignung in Japan“ stellte Björn-Ole Kamm, Promovent im Cluster of Excellence der Universität Heidelberg, sein Promotionsvorhaben vor. Rollenspiele wurde hier verstanden als Sammelbegriff für popkulturelle Unterhaltungsspiele mit verschiedensten Wurzeln, von denen sowohl analoge als auch digitale Varianten, also Karten- und Computerspiele, in den 1970er Jahren auch Japan erreichten. Durch den erfolgreichen Beitrag digitaler japanischer Rollenspielreihen wie Final Fantasy auf globaler Ebene, wird der Begriff RPG (roleplaying game) mittlerweile sowohl in Japan als auch im Westen mit Konsolenspielen gleichgesetzt; in dem Westen, wo das Rollenspiel eigentlich als Tabletop-Spiel seinen Anfang nahm.

Der Vortrag bot einen historischen Überblick der Entwicklung und Transformation dieser Spielgattung in Japan, als auch der flows zwischen japanischen, amerikanischen und europäischen Rollenspielern. Kamm bezog sich dabei vor allem auf die speziell in Japan gegebenen Rahmenbedingungen der Adaption und nannte die Relevanz kosmopoltischer Akteure innerhalb dieses Kontextes. Hierzu verwendete er Ergebnisse aus qualitativen Interviews mit japanischen Rollenspielern, die sich auch in ihrer Funktion als kosmopolitische gatekeepers erweisen, sowie Expertengesprächen mit Game Designern und Illustratoren. Hierbei ergab sich z.B., dass das im Westen sehr beliebte LARP (live-action roleplaying) in Japan nicht ausgelebt wird und auch die Identifikation mit den gespielten Rollen nur insofern stattfindet, als dass es der Entwicklung der Handlung des Spieles hilfreich ist. In seiner Arbeit möchte Kamm die Akteure, die sich international austauschen, mit dem kommunikationswissenschaftlichen Konzept der opinion leaders vergleichen.

Im Laufe des Symposiums kam es zu einer lebendigen Debatte, welche sich auf verschiedenen Ebenen um die Frage nach Japanizität und neuen kulturellen Denkmustern im gegenwärtigen Kontext drehte. So war eine der leitenden Fragen, wie man heutzutage neue Methoden finden könne, um Popkultur und entsprechende Produkte wissenschaftlich zu untersuchen. Eine Frage, die natürlich besonders für angehende Wissenschaftler von grundlegendem Interesse ist. Dabei wurden auch die diversen Felder deutlich, auf denen gedankliche Grenzen gezogen, aber auch wieder eingerissen werden müssen.

 

"Vom Japonismus zur Japanimation"
Symposium, 20. Mai 2011, Goethe-Museum Düsseldorf

Sei es Van Gogh, der mit dem Pinsel die Linienführung japanischer Holzschnitte übernahm und damit die Landschaft der Provence lebendig auf Papier bannte, seien es deutsche Mangaka, die heute im Stil japanischer Comics Fantasiegeschichten zeichnen – der kulturelle Austausch zwischen Japan und dem Westen ist seit dem 19. Jahrhundert sehr fruchtbar. Bei dem vom Instiut für Modernes Japan veranstalteten Symposium "Vom Japonismus zur Japanimation" im Goethe-Museum Düsseldorf wurde die Vielfalt dieser kulturellen Austauschprozesse in sechs Vorträgen aufgezeigt.

Michiko Mae, die Initiatorin des Symposiums, stellte heraus, dass die Auseinandersetzung mit der japanischen Kunst für die europäischen Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts einen schöpferischen Prozess in Gang gebracht habe, der ihnen neue künstlerische Gestaltungsformen ermöglichte und einen wesentlichen Faktor für die Hervorbringung der Moderne darstellte. "Die japanische Kunst nahm damals die Rolle des Befreiers und des Helfers ein." Mae sieht auch in der gegenwärtigen weltweiten Beliebtheit japanischen Populärkultur wie Anime, Manga und Cosplay ein solches Potential zum "Katalysator": "Diese Werke der Popkultur können eine subversive und emanzipatorische Wirkung entfalten."

Dennoch zeige sich in der aktuellen Medienberichterstattung zur Dreifachkatastrophe in Japan, dass das deutsch-japanische Verhältnis immer noch von Topoi der Fremdheit bestimmt sei. So sei von den "stoischen Japanern" die Rede und es kämen Erklärungsversuche auf, die vom Ehrenkodex der Samurai bis zu den Kamikaze-Fliegern reiche. "Das liegt daran, dass wir Kulturen immer noch als Nationen denken, als geschlossene Einheiten", erklärte Mae. Die Professorin plädierte daher für ein Verständnis von Kultur als ein sich öffnender lebendiger Prozess, was unter dem Begriff der "Transkulturalität" gefasst werden kann.

Susan Napier, die eigens von der Tufts University (Boston) angereist war, unternahm in ihrem Vortrag eine kritische Neuansicht des Orientalismus-Konzeptes von Edward Said. Ihrer Meinung nach reicht es nicht aus, die Beziehung zwischen Japan und dem Westen nur unter den Vorzeichen von Dominanz und Macht zu betrachten. Als Kategorien der Betrachtung schlägt sie vor: Power, Pleasure, Play, Liberation, Compensation und Critique. Die Vielfalt der Japan-Rezeption, die Napier in ihrem Vortrag sehr anschaulich darstellte, reichte von den französischen Impressionisten über den Film "Rising Sun" (Philip Kaufman, 1993) bis zu den Einflüssen von Miyazakis Anime auf die Pixar-Filme.

Wie sich die Idee von dem "typisch japanischen Garten" im Westen entwickelte, zeigte Christian Tagsold vom Institut für Modernes Japan auf. Die ersten japanischen Gärten Europas waren im 19. Jahrhundert auf den Weltausstellungen zu sehen. "Damals gab es noch keinen Wissenskanon zu japanischen Gärten", erklärte Tagsold. So hätten beide Seiten – der Westen, aber auch Japan selbst – die Idee von einem japanischen Garten erst noch formulieren müssen.

Eine Möglichkeit, vermeintliche Authentizität zu schaffen, war der Einsatz von japanischen Gartenbaumeistern. Als in Düsseldorf 1904 zur internationalen Kunst- und Gartenbauausstellung der erste japanische Garten Deutschlands auf dem heutigen Tonhallengelände angelegt wurde, war der Baumeister allerdings ein Deutscher, der Gartenarchitekt Reinhold Hoemann. Nach Eigenaussage der Macher entstand der Garten dennoch "streng nach japanischem Vorbild": Eine Foto des Fukiage-Parks in Tokyo diente als Vorlage. Dies zeigt, welche große Bedeutung die Fotografie schon um die Jahrhundertwende für das Japan-Bild im Westen erlangt hatte.

Welche Kompositionsprinzipien deutsche Künstler aus der japanischen Kunst übernahmen erläuterte Claudia Delank, die in Köln eine Galerie unterhält und an der Kunstakademie Düsseldorfs als Lehrbeauftragte tätig ist. Sie konzentrierte sich dabei vor allem auf die Künstler des "Jungen Rheinlandes", einer Künstlervereinigung, die 1919 in Düsseldorf gegründet wurde. Zu der Gruppe gehörte unter anderem August Macke, der schon 1905 Interesse an japanischer Kunst entwickelt hatte, zunächst Manga von Hokusai abzeichnete und dann Prinzipien wie die Betonung von Körperumrissen mit schwarzen Linien in sein eigenes künstlerisches Schaffen integrierte.

Weitere Mitglieder der Vereinigung, die sich von Japan inspirieren ließen, waren Georg Oeder, Heinrich Nauen, Walter Ophey und Otto Pankok. "Die Maler des rheinischen Expressionismus gewannen durch die Anregungen aus der japanischen Kunst eine neue Sehweise", erläuterte Delank. Es sei nicht mehr Ziel gewesen, ein illusionistisches Abbild zu schaffen, sondern stattdessen das Wesen der Dinge zu erkennen und in eine eigene Formensprache zu übersetzen.

Ausgangspunkt des Vortrages von Stephan Köhn von der Japanologie Erlangen war eine Verschärfung der Zensur populärkultureller Produkte, die letztes Jahr, unter anderem auf Initiative des Gouverneurs von Tokyo, Ishihara Shintarô, in Japan eingeführt wurde. Durch diese Zensurverschärfung, die vor allem auf mögliche kinderpornographische Elemente abzielt, könnte es massive Probleme zum Beispiel für Manga aus dem sogenannten "Boys'-Love"-Genre geben, deren Thema homoerotische Beziehungen zwischen Knaben bzw. männlichen Jugendlichen sind. Boys'-Love-Manga werden vor allem von Frauen konsumiert, die in der Partnerschaft zweier Jungen die ultimative Liebesbeziehung sehen.

Eine Politisierung japanischer Populärkultur findet aber nicht nur im Bereich der Zensur statt. Wie Stephan Köhn aufzeigte, stellen teilweise die gleichen Akteure Manga und Anime in den Dienst eines "Kulturnationalismus light", der Japans "Pop-Power" als wichtiges Exportgut sieht. Subkulturelle Gruppen wie die Otaku – Menschen, die sich durch extremen Konsum populärkultureller Medienprodukte auszeichnen – werden so einerseits als eine Art "Kulturbotschafter" ins Licht der Öffentlichkeit gedrängt und staatlicherseits vereinnahmt, andererseits werdem die Produkte, die sie konsumieren, sehr kritisch beäugt und der Zensur anheimgestellt.

"Nach cool Japan" war das Thema von Steffi Richters Vortrag, der sich auch stark auf die aktuellen Ereignisse in Japan bezog und problematisierte, welche Auswirkungen die Dreifachkatastrophe haben wird – auf die Gesellschaft insgesamt, aber auch auf die Populärkultur. Unmittelbar spürbare kleine Indizien waren zum Beispiel, dass einige Computerspiele mit Katastrophen- oder Atomthemen, die in Japan kurz vor der Veröffentlichung standen, gestoppt wurden. Der Kulturkritiker Azuma Hiroki, der für seine Untersuchungen des Otaku-Phänomens bekannt ist und sonst keinesfalls nationalistische Tendenzen erkennen lässt, äußerte in der New York Times Bewunderung für den Zusammenhalt der japanischen Nation und nutzte dabei eine Popkultur-Vokabel: "the Japanese people seem to have completely transformed their kyara."

Ôtsuka Eiji, ein Autor und Kulturkritiker, der sich ebenfalls sehr stark mit Popkultur auseinandersetzt und in einem seiner neuesten Werke die "Cool Japan"-Kampagne als "Irrläufer der Ökonomie in Krisenzeiten" bezeichnet, hat sich bisher nicht zur Katastrophe in Japan geäußert. Steffi Richter stellte jedoch einen Text von ihm vor, in dem er sich bereits 1988 mit der Anti-Atombewegung in Japan auseinandersetzte. Ôtsuka betrachtete die Bewegung damals als Mode-Welle, der das Bewusstsein dafür fehlte, dass wir selbst den radiokativen Müll als Schmutz der Stadt hervorbringen. "Ôtsuka hat einen sehr scharfen Blick für Systemfragen", stellte Richter fest. "Er zeigt hier ganz klar unser Involviertsein auf."

 

In Kleingruppen wurde eifrig über die Beziehung von Populärkultur und Gender diskutiert

„Gender und japanische Populärkultur“
17. Gender-Workshop, 25.-26. November 2010, Frankfurt am Main

Der Gender-Workshop „Geschlechterforschung zu Japan“ – der mittlerweile zum 17. Mal stattfand – behandelte das aktuelle Thema „Gender und japanische Populärkultur“ und wurde von Prof. Dr. Dr. h.c. Michiko Mae (Universität Düsseldorf) gemeinsam mit Dr. des. Julia Siep (Universität Düsseldorf) und Dr. Ina Hein (Universität Wien) durchgeführt. In fünf Vorträgen wurde das Thema aus kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet.

Nach einer kurzen Begrüßung und einer Vorstellungsrunde aller Teilnehmer/innen leitete Michiko Mae mit ihrem Vortrag „Revolution der Genderkonzeption in der japanischen Populärkultur?“ in die Thematik ein. Die zentrale Frage lautete: Haben neue Genderkonzepte in der japanischen Populärkultur einen Wandel in der realen Gesellschaft gebracht oder haben sie nur eine Parallelwelt hervorgebracht? Weil Produkte der Populärkultur, in denen durchaus neue Gendermodelle dargestellt werden, von den älteren Generationen kaum wahrgenommen werden, scheint sich die Parallelwelt-These zunächst zu bestätigen, dass diese neuen Gendermodelle nur in der populärkulturellen Welt der jüngeren Generationen existieren. Dennoch werden solche neuen Lebensmodelle auch in der gesellschaftlichen Realität von nicht wenigen Otaku und Fujoshi (weibliche Fans von sogenannten boys’-love-Manga) auf ihre Weise gelebt. Anhand zahlreicher Beispielen aus verschiedenen populärkulturellen Bereichen (shôjo manga, anime, otaku/fujoshi etc.) warf der Vortrag viele aktuelle Fragen auf und gab Denkanstöße, die den ganzen Workshop über immer wieder aufgegriffen wurden.

Ina Hein und Julia Siep knüpften mit einer Diskussionsrunde an den einleitenden Vortrag an. Die Seminarteilnehmer/innen besprachen in Kleingruppen anhand einiger ausgewählter Zitate aus der Populärkulturforschung die vier Themenbereiche „Populärkultur und Intersektionalität“, „Populärkultur – Progessivität vs. Konservatismus?“, „Populärkultur, Repräsentation und Macht“ sowie „Populärkultur – Hybridität/Queerness vs. neue Grenzziehungen?“. Unter anderem wurde die Beziehung von Konsum und Populärkultur problematisiert: Werden populärkulturelle Medien bloß rezipiert, oder gibt es eine aktive Auseinandersetzung, die auch gesellschaftlichen Wandel anstoßen kann? Wer hat die Macht, neue Diskurse zu definieren, und kann man überhaupt erwarten, dass Massenprodukte alternative Perspektiven aufwerfen? Die wichtigsten Ideen und Ergebnisse wurden mithilfe eines Flipcharts präsentiert und dienten als Erwartungshorizont, Leitfragen und Orientierungspunkte für den Workshop.

Den Tagesabschluss bildete der Vortrag „Geschlechtersegregation am Spieltisch, Transgender im Geist? – Nicht-digitales Rollenspiel in Japan“ von Björn-Ole Kamm (Universität Leipzig). Auf der Grundlage von Interviews, die er in Japan durchgeführt hat, konnte Kamm die Probleme aufzeigen, denen weibliche Spieler auf Conventions begegnen, aber auch die Problematik in der Darstellung weiblicher Charaktere durch männliche Spieler. Es ließ sich das Fazit ziehen, dass es zwar gängige Praxis ist, dass Männer in nicht-digitalen Rollenspielen Frauenfiguren verkörpern und umgekehrt, dass damit aber dennoch die bestehende Geschlechterordnung nicht unterlaufen, sondern im Gegenteil durch die konventionellen Gendervorstellungen der Spieler eher gefestigt wird.

Der zweite Tag des Workshops begann mit der Präsentation von Johanna Mauermann (Universität Frankfurt), die sich mit der „Weiblichen Identitätssuche in japanischen Handyromanen“ beschäftigte. Anhand verschiedener Beispiele erläuterte sie, dass Handyromane auf die Bedürfnisse junger Frauen zugeschnitten werden und dabei ein konventionelles Frauenbild zeichnen. Die weiblichen Protagonistinnen finden ihr Glück nur in der großen Liebe und sind bereit, dafür alles zu opfern. Ein Ergebnis lautete, dass diese regressiven Tendenzen eine Reaktion auf die Verwischung der Geschlechtergrenzen in der Populärkultur zu sein scheinen.

Christian Weisgerber (Universität Trier) thematisierte in seinem Vortrag „Der weinende Mann in der Momotarô-Fabula – Eine Konstante und ein neues Element“ exemplarisch an den shônen-Werken One Piece und Naruto das Motiv weinender Männlichkeit. Ausgangspunkt ist die Figur Momotarô, die sowohl als Modell für die hegemoniale Männlichkeitsnorm des „Betriebskriegers“ steht als auch als Prototyp für populäre shônen-Werke gelten kann. Weisgerber ging der Frage nach, was passiert, wenn männliche Figuren weinen und welche Auswirkungen dies auf Männlichkeit im heutigen Japan hat.

In dem abschließenden Vortrag „Boys’ Love in Japanese Shôjo Manga; its Historical Background and the Modern Transformation“ von Saeki Junko (Dôshisha Daigaku, Kyôto) ging es um die Darstellung der Liebe zwischen Jungen und jungen schönen Männern in Manga, deren Zielpublikum Mädchen und junge Frauen sind (boys’ love Manga). Frau Saeki gab einen umfassenden Überblick über die historische Entwicklung dieses Genres und diskutierte dann mögliche Gründe für die Beliebtheit des Motivs der Boys’ Love.

Der Workshop endete mit einer Abschlussdiskussion, in der die gewonnenen Erkenntnisse reflektiert und auf die eingangs gemeinsam formulierten Leitfragen zurückbezogen wurden. Außerdem wurde diskutiert, welche Fragen offen geblieben sind und welche Forschungsfelder sich aus diesen offenen Fragen ableiten lassen. Außerdem überlegten die Teilnehmer/innen gemeinsam, welches Thema im Mittelpunkt des Gender-Workshops 2011 in Ludwigshafen stehen könnte.

Rege Diskussionen zu Populärkultur gab es im Heinrich-Heine-Saal

„Zwischen Transkulturalität und Japanizität – Repräsentationen kultureller Differenzen und Diversität in der gegenwärtigen japanischen Populärkultur“
Workshop, 18. Juni 2010, Heinrich-Heine-Saal

Hip-Hop-Nationalisten in Baggypants, phantastische Anime-Welten und „Spaghetti-Manga“ – ein Workshop des Instituts für Modernes Japan Düsseldorf am Freitag, 18. Juni, im Heinrich-Heine-Saal verdeutlichte, in welch großem Spektrum „zwischen Transkulturalität und Japanizität“ japanische Populärkultur angesiedelt sein kann. Studierende und Gäste aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen diskutierten gemeinsam mit vier ReferentInnen über aktuelle Tendenzen in den populärkulturellen Medien Japans und in deren Rezeption im Ausland.  

Die gesellschaftliche Bedeutung von japanischen Fernsehserien (terebi dorama) wurde in dem Vortrag von Hilaria Gössmann, Japanologie-Professorin aus Trier, deutlich. Sie behandelte Repräsentationen kultureller Differenzen in japanischen Fernsehdramen seit den 1990er Jahren und gab einen Überblick über die dramaturgische Funktion, die Figuren aus anderen asiatischen Ländern (v.a. China, Korea, Vietnam) in terebi dorama haben können. In der Serie Doku (Fuji TV, 1996) zum Beispiel ist die vietnamesische Hauptfigur eine Art „Retter“ für die japanische Protagonistin Yuki, die ein lethargisches Leben als Büroangestellte führt. Insgesamt lässt sich laut Gössmann feststellen, dass Japan in den terebi dorama eher für Modernität, Individualismus und Orientierungslosigkeit steht, während andere asiatische Länder Traditionalität, Familienorientierung und Tatkraft repräsentieren. Inzwischen ließen sich aber auch schon Ansätze zu einer Überwindung dieser Dichotomie zwischen Japan und Asien finden, erläuterte Gössmann. Ob man bei den Veränderungen der Darstellung asiatischer Figuren im terebi dorama seit 1990 tatsächlich von einer „Entwicklung“ sprechen kann, wurde von den TeilnehmerInnen des Workshops kontrovers diskutiert.

Stephan Köhn von der Universität Erlangen, der derzeit eine Vertretungsprofessur am Seminar für Japanologie Tübingen innehat, kennen die Düsseldorfer Studierenden vor allem durch seine Arbeiten zu Manga und Traditionen visuellen Erzählens in Japan. In seinem Vortrag beschäftigte er sich mit der „Transkulturalität“ der Animationsfilme Miyazaki Hayaos und machte sich dazu auf eine „Spurensuche“ in der Rezeption des Werkes Sen to Chihiro no kamikakushi in der westlichen Presse. Wie Köhn herausstellte, setzten sich bei der Rezeption automatische kulturelle Zuschreibungsverfahren in Gang, die das Werk mit der Nationalität des Regisseurs in Zusammenhang brachten. Während in Japan aufgrund der hohen Bekanntheit des Regisseurs und ausgiebig vorhandener „Sekundärtexte“ in Form von PR-Kampagnen ziemlich klar gewesen sei, wie Sen to Chihiro zu verstehen ist, sei die westliche Rezeption sehr unterschiedlich ausgefallen. Dabei spielte eine große Rolle, dass Animationsfilme im Westen einen völlig anderen kulturellen Stellenwert einnehmen als in Japan, wo das Medium nicht auf eine bestimmte Zielgruppe beschränkt ist und von Erwachsenen ebenso konsumiert wird wie von Kindern. Stephan Köhn plädierte deshalb dafür, bei der Untersuchung von Phänomenen wie Sen to Chihiro no kamikakushi immer die kulturelle Verortung des Mediums/Genres und die Produktionsabsichten zu berücksichtigen. In der anschließenden Diskussion wies Stephan Köhn darauf hin, dass in letzter Zeit in der Wissenschaft mit Begriffen wie „Transkulturalität“ oder „Hybridität“ sehr inflationär umgegangen werde.

Steffi Richter, Japanologie-Professorin an der Universität Leipzig, ist allen bekannt, die sich mit japanischer Populärkultur auseinandersetzen, insbesondere über zwei Werke, die sie gemeinsam mit Jaqueline Berndt herausgegeben hat: Reading Manga und das Japan-Lesebuch zum Thema J-Culture.
In J-Culture schreibt Steffi Richter in einem Aufsatz über die Verwobenheit der zurzeit viel zitierten „Cool Japan“-Kampagne mit nationalkonservativen Diskursen, zu denen zum Beispiel Abe Shinzôs Buch und Kampagne Utsukushii kuni e („Unterwegs in ein schönes Land“) gehört. Sie zeigt auf, dass japanische Populärkultur, deren weltweiten Erfolg Iwabuchi Kôichi damit erklärt, dass sie „kulturell geruchlos“ sei, durchaus auch zum Instrument einer nationalistisch ausgerichteten Kulturpolitik werden kann.
Diese Tendenz war auch Thema ihres Vortrages unter dem Titel „Zwischen ,cool‘ und ,beautiful‘: Trans/Nationalisierung von J-Culture“. Anhand der Hip-Hop-Gruppe Arei Raise, die in enger Verbindung zum Yasukuni-Schrein steht, zeigte Richter, dass eindeutige Allianzen zwischen Herrschaftsdiskursen und populärkulturellen Akteuren bestehen können. Bei der Analyse von Phänomenen wie Arei Raise, aber auch Anime, dorama, Filme usw. sei es wichtig, nicht nur eine reine Inhaltsanalyse vorzunehmen, sondern auch die performative Seite zu berücksichtigen. Bei Arei Raise bedeute das konkret, neben den Liedtexten z.B. auch die medialen Besonderheiten des Musikvideos, das Outfit der Rapper und deren sozialen Hintergrund zu berücksichtigen. Wichtig war es Steffi Richter in der anschließenden Diskussion auch zu betonen, dass für die wissenschaftliche Beschäftigung mit japanischer Populärkultur ein transnationaler Erklärungsansatz nötig sei. Die Japanologie-Studierenden lebten das als „Pop-Cosmopolitans“ vor, so Steffi Richter.

Von Marco Pellitteri, Soziologe von der Universität Trient, ist gerade ein sehr ausführliches Werk zur Rolle japanischer Populärkultur im europäischen Kontext erschienen: The Dragon and the Dazzle. Models, Strategies, and Identities of Japanese Imagination. Beim Workshop berichtete er darüber, wie Anime und Manga in Italien historisch und gegenwärtig rezipiert werden – ein interessantes Thema, wenn man bedenkt, dass in Italien ein umfassendes Angebot an japanischer Populärkultur schon früher verfügbar war als in Deutschland. Matsumoto Reijis Galaxy Express 999 zum Beispiel wurde von 1978 bis 1981 in Japan produziert und erschien bereits 1982 im italienischen Fernsehen, während es deutsche Fernsehzuschauer niemals zu sehen bekamen.  
In Anlehnung an Kiyomitsu Yuki unterteilt Pellitteri die Aufnahme von Anime und Manga in Italien in vier (sich teilweise überschneidende) Phasen: 1975 bis 1990 wurden sehr viele TV-Anime-Serien gesendet und es entwickelte sich – auch wenn dies von den japanischen Produzenten so niemals beabsichtigt gewesen war – bei den italienischen Zuschauern ein gewisser „ästhetischer Sinn“ für diese Produkte. 1978 bis 1986 wurde das Genre Manga „entdeckt“, und vor allem Jugendliche machten sich mit diesem Medium vertraut. Zwischen 1989 und 1999 macht Pellitteri eine Phase der systematischen Publikation von Manga aus, in der das Anime-Publikum sowohl zu Manga-Lesern als auch zu Manga-Verlegern wurde. Seit 2000 erkennt der Soziologe eine Phase der „interiorization“ und „hybridization“, was sich in Italien unter anderem im Erscheinen sogenannter „Spaghetti-Manga“ – Comics von italienischen Zeichnern im Manga-Stil – zeige.

Die rege Abschlussdiskussion wurde von den TeilnehmerInnen des Workshops auch beim gemeinsamen Abendessen fortgeführt und es herrschte allgemeiner Konsens darüber, dass solche Gelegenheiten zu fruchtbarem Austausch häufiger sein sollten. Michiko Mae und Annette Schad-Seifert planen daher eine regelmäßige Fortführung dieser Arbeitstreffen zur japanischen Populärkultur.

 

„Zur gesellschaftlichen Relevanz des unternehmerischen Handelns. Unternehmensethik in Japan und Deutschland”
Workshop, 11. bis 13. März 2010, Schloss Mickeln

Wie andere „Bindestrich-Ethiken“ entstand auch die Unternehmensethik aus der Krisenerfahrung, leitete Prof. Dr. Dieter Birnbacher als Mitveranstalter des Workshops seinen Vortrag ein. Aus philosophischer Sicht skizzierte er die Entwicklung der Beschäftigung mit Unternehmens-ethischen Fragen und eröffnete – nach den Grußworten des Prodekans der Philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Bruno Bleckmann, und den begrüßenden Worten von Prof. Dr. Shingo Shimada – die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Thematik des Workshops.

Gerade durch die Finanzkrise 2008/09 wurde die Abhängigkeit der unterschiedlichsten Wirtschaftseinheiten voneinander spürbarer denn je und die Relevanz einer interdisziplinären Beschäftigung mit Unternehmens-ethischen Fragen erfuhr erneute Aktualität. Vor diesem Hintergrund veranstalteten der Lehrstuhl für praktische Philosophie (Prof. Dr. Birnbacher) und der Lehrstuhl für Modernes Japan mit sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt (Prof. Dr. Shimada) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in Zusammenarbeit mit der Japanisch-Deutschen Gesellschaft für angewandte Ethik (Sprecher: Prof. Dr. Yasushi Kato von der Nanzan Universität in Nagoya/Japan) vom 11. bis zum 13 März im Tagungshaus der Heinrich-Heine-Universität Schloss Mickeln den Workshop „Zur gesellschaftlichen Relevanz des unternehmerischen Handelns. Unternehmensethik in Japan und Deutschland“. Die Vorträge und Diskussionen näherten sich dem Thema aus verschiedenen Perspektiven, bei denen sowohl die interdisziplinäre als auch die interkulturelle Sicht eine wichtige Rolle spielten.

Prof. Dr. Gerd Rainer Wagner von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität knüpfte in seinem Vortrag an die einleitenden Worte von Prof. Dr. Birnbacher an. In seinem Überblick über die aktuelle Forschung zur Unternehmensethik in den Wirtschaftswissenschaften im deutschsprachigen Raum erläuterte er die Rolle von Unternehmensethik beim frühzeitigen Erkennen von Krisenpotentialen und plädoyierte für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Einen ganz anderen Zugang zum Thema wählte der Philosoph Dr. Nobuaki Iwasa aus Nagoya: Er argumentierte in seinem Vortrag, dass im Gegensatz zum Westen in japanischen Betrieben Sympathie (kyôkan) als motivierende Grundlage für unternehmensethisches Handeln betrachtet werde.
Die lebendig geführte Diskussion auf Deutsch, Japanisch und Englisch wurde am zweiten Tag des Workshops im Panel „Work-Life-Balance als ethische Aufgabe?“ fortgeführt. Dr. Takeshi Nakazawa (Waseda Universität Tokyo) referierte zur Zeitpolitik japanischer Unternehmen und stellte aktuelle Umfragen zu Arbeitsbedingungen und Präferenzen japanischer Arbeitnehmer vor, um der Frage nach der Konzeption von Work-Life-Balance aus japanischer Sicht nachzugehen. Daran anschließend stellte Prof. Dr. Annette Schad-Seifert (Institut für Modernes Japan an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) unterschiedliche politische Ansätze zur Realisation von Work-Life-Balance in Japan und Deutschland einander gegenüber und eröffnete den internationalen Vergleich. 
Im Themenschwerpunkt „Inter- und Multikulturalität in Unternehmen“ sprach Prof. Dr. Alois Moosmüller (Ludwig-Maximilians-Universität München) über Erkenntnisse zur kulturellen Diversität in multikulturellen Unternehmen aus seiner Feldforschung und bereicherte den Workshop durch eine ethnologische Sichtweise zu Verantwortlichkeit in Unternehmen. Anschließend diskutierte Dr. Minou B. Friele (Philosophisches Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) anhand verschiedener philosophischer Konzeptionen das Spannungsverhältnis von Korruption und Loyalität, mit dem sich Angestellte konfrontiert sehen können, wenn sie mit anderen Unternehmen kooperieren, die sie als „moralisch Fremde“ empfinden. 

Die Thematik der Krise zog sich durch alle drei Tage des Workshops und wurde immer wieder in der Diskussion aufgegriffen. Besonders deutlich wurde dies im abschließenden Themenblock „ Corporate Social Responsibility (CSR)“. Dr. Michitaro Kobayashi (Nanzan Universität Nagoya) behandelte die Frage, ob und wieweit CSR die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen verstärke. Die konkreten Auswirkungen der Finanzkrise auf CSR-Strategien von Unternehmen in Japan und Deutschland wurden von Uwe Holtschneider (Doktorand an der Universität Duisburg-Essen) in seinem Beitrag dargestellt und diskutiert.

Im Gegensatz zu wirtschaftlich schwachen Ländern – die mit ganz anderen Problemen konfrontiert sind – kann in Industriegesellschaften ein erhöhtes moralisches Bewusstsein auf der Konsumentenseite festgestellt werden. Das Beispiel CSR zeigt, wie Ethik als Wettbewerbsstrategie für Unternehmen sowohl in Japan als auch in Deutschland relevant geworden ist. Durch die Vorträge und Diskussionen wurde deutlich, dass die japanische und deutsche Gesellschaft heute auf einer globalen wirtschaftlichen Ebene mit ähnlichen (Unternehmens-)ethischen Problemen konfrontiert sind. Betrachtet man jedoch die Auseinandersetzung mit unternehmensethischen Fragestellungen in beiden Ländern, so lassen sich voneinander verschiedene Vorgehensweisen ausfindig machen, die durch die unterschiedlichen Modernisierungsprozesse begründet sind. Diese Erkenntnis bereitet einerseits die Möglichkeit zu einem besseren beidseitigen Verständnis und birgt auf der anderen Seite die Chance, voneinander zu lernen, bzw. miteinander neue Ideen und Strategien zur Bewältigung von Krisen zu entwickeln.

 

Johanna Mauermann war eine der Vortragenden beim Pop-Workshop

„Japan-Pop-Workshop“
HHU Düsseldorf, 29. Januar 2010

Handyromane, Boys‘-Love-Manga, Visual Kei und „Cool Japan“ – ein breites Angebot an Themen stand auf dem Programm des Japan-Pop-Workshops, den das Institut für Modernes Japan am 29. Januar 2010 veranstaltete. Entsprechend groß war auch der Andrang: Mehr als 100 Interessierte kamen im Vortragssaal der Universitätsbibliothek zusammen, darunter auch Studierende aus Trier, Bonn und Frankfurt.

Dem neuen literarischen Phänomen Handyroman (keitai shôsetsu) widmete sich Johanna Mauermann (Universität Frankfurt) in ihrem Vortrag. Etwa seit dem Jahr 2000 verzeichnen in Japan Geschichten, die eigens für das Lesen auf dem Handy verfasst werden, sehr große Erfolge. Im Jahr 2007 waren in Japan auf der Liste der zehn meistverkauften Romane des Jahres fünf Werke vertreten, die ursprünglich als Handyroman erschienen waren. Johanna Mauermann erläuterte die Entstehungsgeschichte der keitai shôsetsu, stellte einige Beispiele vor und wies auf die Besonderheiten dieses literarischen Genres hin. Ein Handyroman diente zum Beispiel auch als Vorlage für die erfolgreiche Fernsehserie Akai Ito (Fuji TV, 2008/2009).

Marco Höhn (Universität Bremen) thematisierte in seinem Vortrag „Visual Kei – eine populäre Medienkultur (in Deutschland)“ aus medienwissenschaftlicher Perspektive die Visual Kei-Szene. Als Visual Kei wird eine Jugendkulturszene bezeichnet, in der nicht nur die Musik allein (J-Rock, J-Pop) zählt, sondern ebenso sehr die ästhetische Erscheinung der Musikbands sowie die eigene optische Inszenierung. Anhand eines Kreislauf-Modells zeigte Höhn die Prozesse der Produktion, Repräsentation und Aneignung einer Medienkultur auf. Visual Kei lässt sich als deterritoriale Medienkultur charakterisieren, die überwiegend mediengeneriert ist (Internet) und sämtliche Szeneaspekte umfasst. Höhn ging außerdem auf den Bereich Cosplay (Costume Play) ein, der er in einen Kontext mit Visual Kei stellte.

Mit sogenannten fujoshi, „verdorbenen Mädchen“, beschäftigte sich der Vortrag von Björn-Ole Kamm (Universität Leipzig). Als fujoshi bezeichnen sich selbstironisch die Leserinnen männlich-homosexueller Manga und Romane, die als Boys' Love (BL) oder yaoi bekannt sind. Kamm ging es in seiner Forschung darum, sich mit den „verdorbenen“ Mädchen und Frauen selbst zu beschäftigen, statt lediglich – wie dies bei bisherigen Studien meist der Fall war – auf die inhaltliche Ebene der Manga einzugehen und daraus Schlüsse auf die Motive der Leserinnen zu ziehen. Björn-Ole Kamm befragte fujoshi in Japan und Deutschland und kam dabei zu dem Ergebnis, dass es sich bei den Boys‘-Love-Fans um eine sehr heterogene Gruppe handelt. Ältere Forschungen, die pauschal sexuelle Probleme oder Wirklichkeitsflucht als Erklärungen für die Vorlieben der fujoshi anführen, sind damit nach Kamm als pathologisierend und eindimensional einzustufen.

„Cool Japan – coole Japanologie? Der Diskurs um den weltweiten Boom der japanischen Populärkultur“, so lautete der Vortrag von Cosima Wagner (Universität Frankfurt). Darin beschäftigte sie sich mit verschiedenen Themenschneisen und jeweils entsprechenden Forschungsfragen. Als erste Themenschneise charakterisierte sie Japan als Marke sowie den Zusammenhang zwischen Populärkultur und Soft Power. Fan-Studien und die Frage nach einer möglichen gobalen ‚Japanisierung’ der gegenwärtigen (Jugend-) Kultur stellte die zweite Themenschneise dar. Die dritte Themenschneide widmete sich Detailstudien zur japanischen Populärkultur, in denen unterschiedliche Bereiche wie Manga, Anime, Cosplay und Visual Kei aufgegriffen werden. Anhand mehrerer Beispiele zeigte Wagner außerdem auf, wie die japanische Populärkultur bereits Einzug in den Alltag in Deutschland gehalten hat.

Aktuelle Veranstaltungen

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