INSTITUT FÜR MODERNES JAPAN

Ein Minizengarten, wie er von einem deutschen Versandhaus angeboten wird.

Zengärten zwischen Ost und West

PD Dr. Christian Tagsold, abgeschlossen

Zen-Buddhismus war und ist ein wichtiger Bestandteil der Vorstellung von Japan im Westen. Die Ursprünge dieser Identifizierung liegen im 19. Jahrhundert. Auf der einen Seite mussten sich buddhistische Priester und Intellektuelle gegen den im Zuge der Meiji-Restauration konstruierten Staatsshintôismus behaupten und ihre religiösen Praktiken stärken. Auf der anderen Seite begannen sich westliche Reisende und Forscher für die verschiedenen Formen des Buddhismus in Asien zu interessieren und diese in einen historischen und religionswissenschaftlichen Zusammenhang zu stellen.

Das Weltparlament der Religionen auf der Weltausstellung Chicago bildete dann den Ausgangspunkt für Suzuki Daisetsu, der zum bedeutensten Interpreten des Zen-Buddhismus für den Westen im 20. Jahrhundert werden sollte. Zusammen mit europäischen Denkern wie Eugen Herrigel transportierte er ein sehr spezifisches Bild des Zen-Buddhismus nach Westen.

Die Analyse dieser Prozesse schwankt zwischen zwei Paradigmen. Entweder fragt man, wie Zen – und andere Phänomene des Orients – im Westen rezipiert wurden. Dann steht die Frage im Mittelpunkt, wo es zu Missverständnissen gegenüber dem Authentischen des Ostens kam. Oder man spricht gleich von einer Erfindung des Zen-Buddhismus und sucht Anschluss an die Konzepte der Erfindung der Traditionen von Eric Hobsbawm und den Orientalismus Edward Saids. Beide Paradigmen greifen zu kurz. Weder musste Zen extra neu erfunden werden, denn es gab Praktiken in Japan, die sich darunter fassen lassen, lange vor der Ankunft der Europäer in Asien. Noch kann man dem Osten Authenzität, dem Westen Verständnis oder Missverständnis zuschreiben, denn Zen-Buddhismus als symbolischer Komplex wanderte zwischen Ost und West und gewann erst so seine heutige Bedeutung.

Anhand der Gartenkultur möchte ich der Frage nachgehen, wie man mit Zen zwischen Ost und West theoretisch umgehen kann und so zu Konzeptionalisierunen nicht nur für Zen oder Gärten kommt, die über Rezeption und Erfindung hinaus gehen. Zengärten sind ein gut handhabbares Beispiel, weil sie zwar Religiöses beinhalten, aber auch darüber hinausweisen. Außerdem stehen sie in einer europäischen Tradition der Auseinandersetzung mit Asien, die von den chinesischen Gärten im 18. Jahrhundert über die räumlichen Abstraktionen der Weltausstellungen im 19. Jahrhundert bis zu den Minizengärten für jedermann im 21. Jahrhundert reicht. Die Zengärten sind ein wanderndes und damit liminales Objekt und ihre Analyse kann deshalb zeigen, wie solche Objekte Bedeutungen annehmen und erzeugen.

 

 

Habilitationsvorhaben mit dem Arbeitstitel "Hybridität, Transkulturalität, chanpuru-Kultur? Okinawa-Diskurse im gegenwärtigen Japan"

Dr. Ina Hein

Mein aktuelles Forschungsvorhaben beschäftigt sich mit der Frage nach der diskursiven Konstruktion von kulturellen Identitäten. Kulturen werden hier nicht mehr als auf die Nation bezogene, in sich geschlossene Einheiten verstanden, sondern als durchlässige Gebilde, die durch vielfältige Vernetzungen miteinander verbunden sind bzw. sich gegenseitig durchdringen und sich dadurch auch verändern können. Damit trägt das Vorhaben einem neueren Kulturverständnis Rechnung, wie es sich z.B. in Konzepten wie ‚Hybridität’ (nach Bhabha) oder auch ‚Transkulturalität’ (nach Welsch) ausdrückt. Es stellt so explizit die Vorstellung von einem homogenen Japan in Frage, die während des japanischen Modernisierungsprozesses ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist und sich seitdem als herrschender Diskurs etabliert hat.

Eine Beschäftigung mit der transkulturellen Verfasstheit Japans soll am Fallbeispiel Okinawas erfolgen. Erst im Jahr 1879 als Präfektur in den modernen japanischen Nationalstaat eingegliedert, ist es heute zwar Bestandteil Japans, wird aber dennoch als ‘Peripherie’ verstanden und als kulturell ‚anders’ imaginiert. Entsprechend werden um die Kultur, Zugehörigkeit und Identität Okinawas vielfältige Debatten geführt.

Bei den unterschiedlichen Versuchen, die Kultur Okinawas zu definieren, dienen ‚Asien’, ‚Japan’ und der ‚Westen’ (bzw. die USA) als die wichtigsten Bezugspunkte. Einerseits sind hier Kulturdiskurse auszumachen, die nach wie vor abgrenzend und ausschließend wirken. Andererseits aber wird häufig auch gerade das Heterogene und Vermischte der Kultur Okinawas betont: Okinawa wird vielerorts als hybrides Gebilde konstruiert, das sich gerade durch ein Vermischen der Elemente verschiedener Kulturen auszeichnet und damit die japanische Homogenitätsbehauptung herausfordert.

Materialbasis für das Forschungsvorhaben sollen theoretische Schriften von Intellektuellen, Filme und literarische Werke von Autor/inn/en aus Okinawa sein, in denen die kulturelle Positionierung Okinawas im Verhältnis zu Japan im Vordergrund steht. Anhand ausgewählter Beispiele soll herausgearbeitet werden, wie die Frage der kulturellen Identität von unterschiedlichen okinawanischen (und damit nicht-hegemonialen) Standpunkten heraus verhandelt wird. Werden aufgrund der besonderen Position Okinawas innerhalb Japans - es ist zwar ein Teil Japans, aber gleichzeitig auch wieder nicht - womöglich Entwürfe grenzüberschreitender Kulturkonzepte sichtbar? Und auf welche Weise wird die Frage der Kultur mit anderen Kategorien der Identitätsbestimmung (wie Geschlecht oder Klasse) verknüpft? Bei der Diskursanalyse ist dabei auch den unterschiedlichen (politischen) Motivationen Rechnung zu tragen, aus denen heraus sich die Beteiligten äußern, um der Frage nachgehen zu können, wie und mit welchem Ziel die Vorstellung ‚kultureller Identität’ instrumentalisiert wird.

Die Entwicklung der kulturellen Positionierung Okinawas ist dabei selbstverständlich im historischen Kontext zu sehen. In der Nachkriegszeit lassen sich grob drei Phasen unterscheiden: Erstens die Zeit der amerikanischen Besatzung (1945-1972), in der mit dem Argument der kulturellen Zugehörigkeit Okinawas zu Japan auch der politische Wiederanschluss an Japan gesucht wurde; zweitens die Phase zwischen 1972 und den 1990er Jahren, die - nach der Rückgabe Okinawas an Japan durch die USA - von einer Desillusionierung gegenüber Japan geprägt war; und drittens die Entwicklungen ab den 1990er Jahren, die in den Kontext weltweiter Re-Ethnisierungstendenzen im Zusammenhang mit dem Globalisierungsprozess einzuordnen sind. Die vorherrschenden Diskursstränge der ersten beiden Phasen sollen anhand der vorliegenden Forschungsliteratur aufgearbeitet werden; der Schwerpunkt der eigenen Forschung anhand konkreter Beispiele wird auf der Zeit ab den 1990er Jahren liegen.