Dissertationsprojekte
Folgende Dissertationsprojekte werden derzeit an unserem Institut bearbeitet. Wenn Sie auf den Titel des Projektes klicken, erhalten Sie jeweils detaillierte Informationen.
Peter Bernardi:
Die Konstruktion transnationaler Erinnerung: Der Centenário da Imigração Japonesa no Brasil 2008
betreut von Prof. Dr. Shingo Shimada
Nils Dahl:
Kodokushi – Japans einsames Sterben (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Shingo Shimada
Julia Hillmann:
Politische Konzepte von Familie und Geschlechterrollen in der Vereinbarkeitspolitik Japans (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Dr. h.c. Michiko Mae
Stephanie Klasen:
Identitätskonstrukte von Japankoreanern im japanischen Film zwischen Transkulturalität, Hybridität und Transdifferenz (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Dr. h.c. Michiko Mae
Angelika Yuki Köhler:
Unternehmenskommunikation – Public Relations Management: Strategien in Deutschland, Japan und den USA (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Dr. h.c. Michiko Mae
Nora Kottmann:
Jenseits der Kernfamilie – Heiratsentscheidungen junger Menschen in Tokyo zwischen Pragmatismus, Strategie und individuellem Lebensentwurf (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Annette Schad-Seifert
Constanze Noack:
Konstruierte Männlichkeiten – Die Konstruktion und Reproduktion von Wissen um Männlichkeit am Beispiel sōshoku danshi (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Annette Schad-Seifert
Stephanie Osawa:
Hegemoniale Devianzkonzeptionen hinterfragen – Konformität und Abweichung in der Selbstinterpretation devianter Jugendlicher in Japan vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Diversifizierung (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Annette Schad-Seifert
Dr. Julia Siep:
Nationalisierte Mütterlichkeit als Phänomen der Moderne. Frauenzeitschriften in Japan, Deutschland und Italien der 1930er Jahre (abgeschlossen)
betreut von Prof. Dr. Dr. h.c. Michiko Mae
Celia Spoden:
Entscheidungsprozesse zum Lebensende. Patientenverfügungen in Japan (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Shingo Shimada
Mai Umezaki:
Filmsynchronisation aus dem Japanischen ins Deutsche (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Shingo Shimada
Hisako Yoshizawa:
Das Umgangsrecht nach der Scheidung in Japan
betreut von Prof. Dr. Shingo Shimada
Yueh-Chen Yu:
Vorstellung des Tees und des Teetrinkens zwischen Tradition und Moderne in Taiwan unter japanischer Kolonialherrschaft (1895-1945) (Arbeitstitel)
betreut von Prof. Dr. Shingo Shimada
Peter Bernardi:
Die Konstruktion transnationaler Erinnerung: Der »Centenário da Imigração Japonesa no Brasil« 2008 (Arbeitstitel)
Im Zentrum der geplanten Dissertation steht die Konstruktion und Inszenierung von Erinnerung während des »Centenário da Imigração Japonesa no Brasil«, der Feier der einhundertjährigen japanischen Einwanderung nach Brasilien 2008 (im Folgenden Centenário). Das in beiden Ländern gefeierte Jubiläum wird dabei in einem transnationalen Rahmen betrachtet, in dem die unterschiedlichen Strategien der Erinnerung untersucht werden.
Einen theoretischen Rahmen bilden dabei die von u.a. Maurice Halbwachs sowie Jan und Aleida Assmann formulierte Theorie des kollektiven/kulturellen Gedächtnisses und der nationalen »Erinnerungsorte« (lieux de Memoire) nach Pierre Nora. Methodisch stützt sich das Dissertationsvorhaben auf Feldforschung mit qualitativen Interviews in Japan und Brasilien und der Untersuchung konkreter Erinnerungsorte.
In der Analyse des Centenário werden dabei erinnerungskonstituierende Elemente wie Gedenkstätten, Museen und Zeremonien sowie die japanisch- und portugiesischsprachige Erinnerungsliteratur beleuchtet. Als neuer Faktor rückt die medial gestützte Vergangenheitsrepräsentation in den Vordergrund, die den Raum des Internets zur Archivierung von heterogenen Erinnerungen nutzt.
Der Centenário als Beispiel der Konstruktion und Inszenierung von Erinnerung verspricht für Japan und Brasilien spannende Ergebnisse, die Fragen der Transnationalität von Perspektiven, Erinnerungsdiskursen und die Rolle der neuen Medien in einen interdisziplinären Zusammenhang stellen.
Nils Dahl
Kodokushi – Japans einsames Sterben (Arbeitstitel)
Mit dem Begriff kodokushi werden in Japan Szenarien bezeichnet, in denen Todesfälle sozial isolierter Personen erst nach mehreren Tagen oder Wochen entdeckt werden. In der medialen Berichterstattung wird der Term seit den 1990er Jahren gehäuft verwendet. Zuletzt nahmen mehrere japanische Medienanstalten die steigende Zahl der „einsamen Tode“ zum Anlass zu Themenreihen, welche sich mit problematischen Entwicklungen in der japanischen Gesellschaft beschäftigten. Die Erfahrung der Dreifachkatastrophe vom 11.03.2011 steigerte dieses Medieninteresse nochmals, weil vor allem alte Menschen unter den Opfern zu finden waren und sie auch weiter im Zentrum der Wiederaufbaupläne in den überalterten betroffenen Regionen stehen.
Das Dissertationsprojekt „Kodokushi – Japans einsames Sterben“ erforscht, welche Wirkungen die in den Medien beschriebenen „einsamen Tode“ in der sozialen Praxis entfalten. Hierfür soll ein Feldforschungsaufenthalt in den Präfekturen Tôkyô und Iwate durchgeführt werden. Der Diskurs identifiziert bestimmte Todesfälle über die Betitelung „einsamer Tod“ als gesellschaftliches Problem und stellt sie als Ausdruck eines partiellen Scheiterns des gesellschaftlichen Miteinanders dar. Die hiervon ausgehenden Problemlösungsansätze verändern den Diskurs wieder und können neue interdiskursive Bezüge herstellen. Die Beschreibung und Interpretation dieser Wechselbeziehungen zwischen Diskurs und sozialen Praktiken liegt im Fokus der Arbeit.
Julia Hillmann:
Politische Konzepte von Familie und Geschlechterrollen in der Vereinbarkeitspolitik Japans (Arbeitstitel)
Das Dissertationsprojekt untersucht Policies zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Work-Life Balance als Mittel der Bevölkerungs- und Gleichstellungspolitik in Japan. Mit dem Erreichen eines Rekord-Geburtentiefs Anfang der 1990er Jahre rückten die Probleme des Geburtenrückgangs und der Überalterung der Gesellschaft in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Daraufhin wurden eine Reihe von Maßnahmen entwickelt und eingesetzt, die auf dem Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und der Erwerbstätigkeit von Frauen basieren (OECD 2000, 2007). Insbesondere unter dem Label Work-Life Balance werden vermehrt auch Männer in den Fokus der durch das 1999 verabschiedete Gleichstellungsgesetz gerahmten Vereinbarkeitspolitik genommen. Allerdings liegt den übergeordneten Gesetzen vielfach das alte Gesellschaftsbild und Modell des männlichen Familienernährers zugrunde, wodurch ein Widerspruch in der Politiklinie entsteht.
Ziel des Dissertationsprojekts ist es zu ermitteln, welche Bilder von Geschlechterrollen und Vorstellungen zu Familie in den betreffenden Policies konstruiert, und welche Stereotype aufgebrochen oder reproduziert werden. Wie der Aspekt der Bekämpfung des Geburtenrückgangs als zentrales Motiv der Maßnahmen gegenüber dem Ziel, mehr Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen thematisiert wird beziehungsweise inwieweit gleichstellungspolitische Konzepte für neoliberale Ziele nutzbar gemacht werden, wird ebenfalls zu untersuchen sein.
Mit Hilfe einer wissenssozilogischen Diskursanalyse werden diesbezügliche Leitbilder als Idealvorstellungen des politischen Diskurses herausgearbeitet. Als zu analysierendes Material werden unterschiedliche Regierungsdokumente und -publikationen der Jahre 1999/2000 und 2009 zu Grunde gelegt, die als Abbild der politischen Linie und als Träger verschmolzenen „Wissens“ angesehen werden können. Durch diese Vorgehensweise kann zum einen die Entwicklung der letzten zehn Jahre veranschaulicht und zum anderen gezeigt werden, auf welche Weise das Handeln von Menschen gelenkt wird.
Stephanie Klasen:
Identitätskonstrukte von Japankoreanern im japanischen Film zwischen Transkulturalität, Hybridität und Transdifferenz (Arbeitstitel)
Seit den 90er Jahren ist eine neue Entwicklung im Bezug auf japanische Filme zu erkennen, die die Thematik der koreanischen Minderheit in Japan aufgreifen. Zu Einen hat die Anzahl der filmischen Werke, die sich konkret mit der Thematik der koreanischen Minderheit in Japan beschäftigen, deutlich zugenommen. Allein im Jahr 2004 kamen gleich drei erfolgreiche Filme mit japankoreanischen Protagonisten in die japanischen Kinos: Chi to hone (Yôichi Sai) Pacchigi – We Shall Overcome Someday (Izutsu Kazuyuki) und die koreanisch-japanische Koproduktion Rikidôzan (Song Hae-seong). Zum Anderen werden diese Filme überaus positiv rezipiert und erfahren Zuspruch von Kritikern und Publikum. Der Film GO (2001, Yukisada Isao) nach einem gleichnamigen Roman des Japankoreaners Kaneshiro Kazuki gewann 24 nationale und 2 internationale Preise, darunter den Japanese Academy Award für den besten Hauptdarsteller, die beste Regie und das beste Drehbuch sowie Auszeichnungen der renommierten Zeitschrift Kinema Junpo.
Daher möchte ich in meinem Promotionsvorhaben der Frage nachgehen, ob sich auch inhaltlich Änderungen der Repräsentation japankoreanischer Figuren abzeichnen. Ich verorte diese Problemstellung im Postkolonialismusdiskurs und werde zur Analyse daher auf die in diesem Kontext entstandenen Identitätskonzepte der Hybridität, der Transdifferenz sowie der Transkulturalität zurückgreifen. Ziel ist es zu analysieren, wie kulturelle Identität anhand der japankoreanischen Figuren konstruiert wird. Werden Kategorien wie Japaner/Koreaner/zainichi als Konstrukt erkannt und demontiert? Wird die Binarität der Gegenüberstellung Japaner/zainichi reproduziert oder dekonstruiert? Werden vielleicht sogar alternative kulturelle Identitätsmodelle entworfen? Daneben stellt sich auch die Frage, ob es Unterschiede in den Identitätsdarstellungen zwischen Selbstrepräsentationen und Fremdrepräsentationen von Japankoreanern gibt?
Angelika Yuki Köhler:
Unternehmenskommunikation – Public Relations Management: Strategien in Deutschland, Japan und den USA (Arbeitstitel)
„Wenn ein junger Mann ein Mädchen kennenlernt und ihr sagt, was für ein großartiger Kerl er ist, so ist das Reklame [...]. Wenn er ihr sagt, wie reizend sie aussieht, dann ist das Werbung. Aber wenn sich das Mädchen für ihn entscheidet, weil sie von anderen gehört hat, was für ein feiner Kerl er ist, dann ist das Public Relations.“
Public Relations (PR) ist im Wesentlichen das Management von Kommunikation. PR im Bereich Unternehmenskommunikation beschäftigt sich daher schwerpunktmäßig mit dem Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zwischen einem Unternehmen und dessen relevanter Öffentlichkeit.
Japan, Deutschland und die USA stehen an der Spitze der Weltwirtschaft und haben im Zuge der Globalisierung viele multinational agierende Unternehmen hervorgebracht. Viele dieser Unternehmen verfügen neben ihrem Stammsitz auch über Hauptsitze in den beiden anderen Ländern. Dieser Umstand schafft enge, unternehmerische Verflechtungen zwischen diesen Ländern und somit eine breite Materialbasis anhand derer Kommunikationskonzepte in allen drei Ländern untersucht werden können.
Die allgemeine Forschung im Bereich globale PR-Arbeit hat in den letzten Jahren viele Leitfragen hervorgebracht, deren Beantwortung noch ausstehen und zu deren Aufklärung diese Arbeit einen wichtigen Beitrag leisten soll. Interessant bei der Beantwortung einiger dieser Fragen wird es sein zu sehen, welchen Einfluss Faktoren wie Religion, Kultur, Geschichte, Tradition, ebenso wie soziale Aspekte und popkulturelle Phänomene auf die Berufsethik und –praxis in den verschiedenen Ländern haben und inwiefern das zu Problemen oder Vorteilen bei multinationaler PR-Arbeit führen kann.
Während die PR-Forschung in Deutschland und den USA bereits über eine breite theoretische Basis verfügt, so ist das Arbeitsfeld und dementsprechend auch der Forschungszweig PR in Japan noch sehr jung. Diese Arbeit soll daher auch einen Beitrag zum Ausbau der PR-Theorie in Japan leisten.
Des weiteren soll vor dem Hintergrund, dass es im Zuge der immer schneller voranschreitenden Globalisierung mehr und mehr multinational agierende Konzerne gibt und dass Kommunikationsprozesse stark sozio-kulturell geprägt sind, ein Beitrag zu der Diskussion über die Tauglichkeit von PR-Praktiken auf globaler Ebene geleistet werden.
Nora Kottmann:
Jenseits der Kernfamilie – Heiratsentscheidungen junger Menschen in Tokyo zwischen Pragmatismus, Strategie und individuellem Lebensentwurf (Arbeitstitel)
Die Heirat und die damit einhergehende Gründung einer Kernfamilie hat in Japan lange Zeit eine universelle Norm und Verhaltensrealität dargestellt. Seit einigen Jahren findet jedoch ein verhältnismäßig abrupter Wandel des Heiratsverhaltens statt. Neben einem rapiden Anstieg des Erstheiratsalters, einer Zunahme lediger Menschen in Altersgruppen, die ehemals fast vollständig verheiratet waren und einem Anstieg von dauerhaft ehelosen Menschen, kommt es auch zu neuen Formen der gelebten Ehe. Die Kernfamilie bestehend aus einem männlichen Hauptverdiener, einer Hausfrau und ein bis zwei Kinder scheint zunehmend an Attraktivität zu verlieren und/oder nicht mehr realisierbar zu sein. Die Erklärungsmuster für diesen Wandel sind sehr vielfältig und reichen von einem Wertewandel – insbesondere bei den Frauen – bis hin zum Wandel der Strukturen des Arbeitsmarktes, der Entgrenzung von Arbeit und der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft. Bisher noch nicht in den Blick genommen wurden jedoch Individuen beider Geschlechter und deren individuelle „biographische Entscheidungsketten“ (Helfferich).
In meiner Doktorarbeit gehe ich der Frage nach, welche Bedeutung und Sinnhaftigkeit der (Nicht-)Heirat von jungen Erwachsenen zugesprochen wird, wie Heiratsentscheidungen weiblicher und männlicher Individuen zustande kommen, wie diese in den lebensweltlichen Kontext eingebettet werden und die Selbstkonzeption der Individuen beeinflussen. Unter Heirat verstehe ich dabei nicht nur den Akt der Eheschließung an sich, sondern vielmehr auch den Zustand des „Verheiratet-Seins“, d.h. die Ehe und die Familiengründung. Heiratsentscheidungen beinhalten somit für mich sowohl Prozesse, die in eine Heirat münden, als auch solche, die eine Heirat verzögern oder auch verhindern.
Grundlage für meine Arbeit bildet eine qualitative Studie unter jungen Frauen und Männern im Großraum Tokyo im September und Oktober 2010, die von der Alexander von Humboldt-Stiftung gefördert wurde. In teilstandardisierten-biographischen Interviews mit narrativen Passagen wurden junge Erwachsene zwischen 25 und 37 Jahren zu deren Biographien und Lebensentwürfen mit Schwerpunkt Heirat und Partnerschaft befragt. Die Methode habe ich in einer Voruntersuchung in der japanischen Gemeinde in Düsseldorf im Jahr 2009 erprobt und hinsichtlich des Vorhabens und einiger forschungspragmatischer Überlegungen modifiziert. Theoretische Bezugspunkte bilden neben einschlägigen Ansätzen der Biographieforschung die subjektbezogene (Familien-)Soziologie, wobei hierbei insbesondere neue theoretische Überlegungen und Ansätze wie das doing familiy (Jurczyk u.a.) und die Frage nach neuen Lebensgrundlagen (arata na sei no kiban) (Muta u.a.) Beachtung finden.
Constanze Noack:
Konstruierte Männlichkeiten – Die Konstruktion und Reproduktion von Wissen um Männlichkeit am Beispiel sōshoku danshi (Arbeitstitel)
Die Konstruktion von gesellschaftlichem Wissen ist Gegenstand der Wissenssoziologie. Wissen um Geschlecht und somit auch Männlichkeit ist demnach wissenssoziologisch betrachtet ebenfalls ein gesellschaftliches Konstrukt. Dieses gesellschaftliche Wissen um Männlichkeit wird innerhalb von Medien konstruiert und reproduziert. Dabei sollte zwischen einem akademisch-wissenschaftlichem und einem alltagsweltlichen Wissen unterschieden werden, wobei letzteres hauptsächlich als durch Medien vermittelt gilt. In Anlehnung an diese Prämissen liegt die Zielsetzung dieses Dissertationsvorhabens einerseits darin einen Beitrag zur Verbindung von Wissenssoziologie und Geschlechterforschung zu leisten und andererseits darin aufzuzeigen welches Wissen um Männlichkeiten in den gegenwärtigen japanischen Medien hergestellt wird.
Seit der Verleihung des „Vogue-Word-Award“ 2009 erfreut sich der Begriff sōshoku danshi (Pflanzenfresser-Mann, d.h. ein Mann, der weder romantische noch sexuelle Interessen an Frauen hegt) in der japanischen Medienlandschaft enormer Verbreitung. Der ursprünglich durch die Kolumnistin Fukasawa Maki geprägte Begriff fungiert dabei als stellvertretendes Schlagwort für die Beschäftigung und wiederbelebte Diskussion um Männer und Männlichkeiten in Japan. Aus diesem Grund bietet er den idealen Bezugs- wie auch Ansatzpunkt, um zu untersuchen wie Wissen über Männlichkeit gegenwärtig in Japans Medien diskursiv konstruiert und reproduziert wird.
Mithilfe der wissenssoziologischen Diskursanalyse nach Rainer Keller, sollen ausgewählte Printmedien von 2007 bis heute ausgewertet werden. Durch die Aufarbeitung der Diskurse sowie der kommunikativen Wertung als auch Gegenüberstellung mit einer oftmals implizit oder explizit erwähnten diametralen Männlichkeitsform, kann anhand des Begriffes sōshoku danshi die Frage nach den konstruierten Wissensbeständen um Männlichkeiten innerhalb der Alltagswissen reproduzierenden Medien eingehend bearbeitet werden. Dabei wird nicht nur das Wissen um sōshoku danshi aufgezeigt, sondern es kann ein Einblick in weitere gegenwärtig vorhandene gesellschaftliche Wissensbestände um Männlichkeiten gewonnen werden. Hinsichtlich der sich wandelnden japanischen Gesellschaft sind ferner die diskursiven Kontexte in denen Männlichkeiten als signifikanter Moment hervortritt von besonderem Interesse.
Stephanie Osawa:
Hegemoniale Devianzkonzeptionen hinterfragen – Konformität und Abweichung in der Selbstinterpretation devianter Jugendlicher in Japan vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Diversifizierung (Arbeitstitel)
Japanische Jugendliche sind konkreten Verhaltenserwartungen ausgesetzt, die in hohem Maße formalisiert und unter anderem in schulischen Regelkatalogen festgeschrieben sind. Sie regulieren dabei sowohl das schulische Leben als auch das Verhalten und die Lebensgestaltung im privaten Bereich. Die Bandbreite und Exaktheit solcher Verhaltenserwartungen sowie die Genauigkeit, mit der sie kontrolliert und eingefordert werden, vermitteln einen rigiden und die individuelle Handlungsfreiheit stark einschränkenden Eindruck. Die Vorstellungen von Normativität und Konformität für den Kontext Jugend sind damit sehr eng, wodurch die Grenzen zur Devianz leicht überschritten sind. Insbesondere vor dem Hintergrund weit reichender Prozesse gesellschaftlicher Diversifizierung, der damit verbundenen Ausweitung normativer Orientierungsmuster und der medialen Propagierung vielfältiger und unendlicher Handlungsfreiheiten muss dabei die Frage gestellt werden, wie Jugendliche mit den von der „Erwachsenenwelt“ formulierten Erwartungen umgehen.
Ziel meines Dissertationsprojektes ist es, diese Thematik aus der Perspektive von Jugendlichen zu untersuchen und nach der subjektiven Handlungsinterpretation devianter Jugendlicher zu fragen. Anhand von Fallbeispielen wird nachvollzogen, wie deviante Jugendliche ihre eigenen Handlungen wahrnehmen, wie sie diese in einen (lebensgeschichtlichen) Kontext einbetten und in ihrer (aktuellen) Lebenssituation verorten. Dabei wird vor allem eine Rekonstruktion von Erklärungs- und Interpretationsmustern innerhalb der Selbstwahrnehmung devianter Jugendlicher angestrebt und herausgearbeitet, was dies für das Handeln der Jugendlichen bedeutet.
Theoretisch findet das Dissertationsprojekt unter anderem im interpretativen Paradigma sowie in der Handlungstheorie seine Untermauerung. Methodisch ist es qualitativ angelegt und wird über leitfadengestützte Interviews mit devianten Jugendlichen sowie über teilnehmende Beobachtung realisiert. Angesiedelt ist die Studie an einer Mittelschule im Großraum Tokyo. In insgesamt zwei jeweils dreiwöchigen Forschungsaufenthalten wurden Interviews mit devianten Mädchen und Jungen im Alter von 15 Jahren durchgeführt.
Dr. Julia Siep:
Nationalisierte Mütterlichkeit als Phänomen der Moderne. Frauenzeitschriften in Japan, Deutschland und Italien der 1930er Jahre (abgeschlossen)
Im Zuge der weltweit stattfindenden Modernisierungs- und Nationalisierungsprozesse des 19. Jahrhunderts entstanden neue Identifikationsangebote in den sich zunehmend ausdifferenzierenden Gesellschaften. Vor allem die drei Kategorien Nation, Kultur und Gender ersetzten bis dahin gültige vormoderne Orientierungsmuster. Um nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen in die moderne Nation zu integrieren, galt die Mutterrolle als Weiblichkeitsideal: Die Frauen konnten so durch die Erfüllung ihrer reproduktiven Funktion der Nation dienen, ohne die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die Zuordnung der Geschlechter in die streng definierten Bereiche der Öffentlichkeit (Männer) und Privatheit (Frauen) zu gefährden. Darüber hinaus kann die Mutterrolle durch die ihr zugeschriebenen nationalisierten und kulturalisierten Funktionen im Spannungsfeld von Nation, Kultur und Gender positioniert werden. Somit besteht eine Annahme der Arbeit darin, dass Konstruktionen von Mütterlichkeit konstitutiv für die Bildung und Umsetzung von Nationen und nationalistischen Ideologien sind. Gerade in extrem nationalistischen Regimes (wie z.B. der 1930er und 1940er Jahre) wird die Verbindung mit den drei oben genannten Kategorien intensiviert und dadurch besonders deutlich.
Die Dissertation beschäftigt sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit der Frage nach der Funktionalisierung von Mütterlichkeit zur Verwirklichung nationalistischer Ziele in drei exemplarisch ausgewählten Ländern, nämlich Japan, Deutschland und Italien in den 1930er Jahren. Als Beitrag zur Forschung, die insbesondere die Kategorien Nation und Gender fokussiert, analysierte die vorliegende Arbeit, welche Argumentationsstrategien und Konstruktionsmechanismen in drei exemplarisch ausgewählten Frauenzeitschriften existierten, die es ermöglichten, Mütterlichkeit im Kontext extrem nationalistischer Regimes als nationale und kulturelle Besonderheit zu legitimieren. Bei den untersuchten Zeitschriften handelt es sich um Katei (Japan), die N.S. Frauen-Warte (Deutschland) und Il Giornale della Donna (Italien).
Im Vergleich stellte sich heraus, dass Mütterlichkeit in allen drei Ländern auf diskursiver Ebene stark auf die eigene Nation bezogen wurde und dadurch eine nationalisierte Mütterlichkeit konstruiert wurde. Gleichzeitig wurde jedoch deutlich, dass die diskursiven Strukturen, die diese Verbindung zwischen Mütterlichkeit und der eigenen Nation herstellen, dennoch überall sehr ähnlich sind. Dabei spielten drei Themenfelder eine besondere Rolle: "Wesen und Charakter der Frau/Mutter", "Familie" und "Nation". Innerhalb dieser Themenfelder ließen sich spezifische Argumentationsstrategien, wie z.B. die diskursive Gleichsetzung von Mütterlichkeit und Nation, herausarbeiten. Außerdem konnte anhand der Diskursanalyse aufgezeigt werden, dass nur bestimmte Diskursstränge der jeweiligen nationalistischen Ideologie Eingang in die ausgewählten Frauenmagazine gefunden haben, angepasst an die spezifischen Bedingungen des Mediums Frauenzeitschrift. Dabei war es wichtig, dass diese Diskursstränge mit den "weiblichen" Lebenswelten in Verbindung gebracht werden konnten.
Auf diese Weise konnte eine Strukturierung von Mütterlichkeitskonzepten aufgezeigt werden, die aufgrund der kulturvergleichenden Perspektive eine länderübergreifende Explizierung der Thematik innerhalb der Genderforschung erlaubt. Die Arbeit trägt insgesamt dazu bei, Konstruktionsmechanismen bestimmter Genderstrukturen und deren Verbindung mit den Kategorien Nation/Nationalismus und Kultur in der Vorkriegszeit herauszuarbeiten, die auch prägend für die Jahre nach 1945 waren und deren Auswirkungen noch bis heute zu spüren sind.
Celia Spoden:
Entscheidungsprozesse zum Lebensende. Patientenverfügungen in Japan (Arbeitstitel)
Wie werden Entscheidungen am Lebensende getroffen? Welche Bedeutungen haben Patientenverfügungen für den letzten Lebensabschnitt, den Prozess des Sterbens? Welche Akteure sind maßgeblich an solchen Entscheidungsprozessen beteiligt? Und wird die Entscheidung eine Patientenverfügungen zu verfassen, in einen kontinuierlichen und kohärenten Sinnzusammenhang mit bisherigen Entscheidungen gestellt? Diese Fragen bilden die Ausgangslage meines Dissertationsprojekts.
Ich begreife in meiner Doktorarbeit Patientenverfügungen als Ausdruck einer Entscheidungsfindung bezüglich des Lebensendes. Durch eine empirische Studie stelle ich die Perspektive der Verfasser von Patientenverfügungen in den Mittelpunkt und frage nach den Bedingungen und Konsequenzen von Patientenverfügungen sowie welche Strategien von den Verfassern mit ihnen verfolgt werden und welche Interaktionen für sie eine Rolle dabei spielen.
Im Sommer 2009 habe ich während eines zweimonatigen (durch die Alexander von Humboldt Stiftung finanzierten) Forschungsaufenthalts narrative Interviews mit Personen geführt, die Patientenverfügungen verfasst haben, über eine Patientenverfügung nachdenken oder auch Patientenverfügungen ablehnen, obwohl sie aufgrund einer schweren chronischen Krankheit (ALS) sich ständig mit dem eigenen Lebensende und medizinischen Behandlungen am Lebensende auseinandersetzen.
Ziel der Doktorarbeit ist es, die Komplexität von Entscheidungsfindungen aufzuzeigen. Es werden unterschiedliche Narrationsmuster herausgearbeitet, um die Vielfalt von Entscheidungsfindungen und die mit ihnen verbundenen Selbstentwürfe darzustellen. Im Fokus der Analyse steht die Generierung von Konzepten, die in den Interviews eine wichtige Rolle spielen. Derzeit handelt es sich dabei um „Selbst für die eigenen Angelegenheiten Verantwort übernehmen wollen (Eigenverantwortung)“, „Selbst über die eigenen Angelegenheiten entscheiden wollen (selbst bestimmen/Selbstbestimmung)“, „Lebenszeit“, „Familie“, „gelungenes Sterben“ sowie „durch die Patientenverfügung fühle ich mich sicher (Sicherheit/Absicherung)“.
Mai Umezaki:
Filmsynchronisation aus dem Japanischen ins Deutsche (Arbeitstitel)
In den letzten Jahren wurden viele japanische Filme in Europa und Amerika veröffentlicht und erfreuten sich dort großer Beliebtheit. So gewann 2002 der japanische Zeichentrickfilm „Chihiros Reise ins Zauberland“ den goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele und der Film „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ (2009) den Academy Award in Hollywood.
Wenn ein japanischer Film im Ausland gezeigt wird, wird er vorher in die jeweilige Landessprache übersetzt. Im Vergleich zur Textübersetzung geht es bei der Filmübersetzung nicht nur um die Übersetzung des Textes von einer in die andere Sprache, sondern es kommen weitere Faktoren wie Ton und das Medium Bild hinzu, die bei der Übersetzung beachtet werden müssen.
In meiner Doktorarbeit werde ich mich mit dem Themenbereich Filmübersetzung und Synchronisation beschäftigen und die Übersetzungen aus der Perspektive der interkulturellen Kommunikation betrachten. Da sich in der Art und Weise, wie japanische Filme in verschiedenen Ländern übersetzt werden, auch immer kulturelle und strukturelle Aspekte der jeweiligen Gesellschaften sowie Film- und Übersetzungsindustrie widerspiegeln, wird es Ziel meiner Dissertation sein, diese zu untersuchen und herauszuarbeiten.
Hisako Yoshizawa:
Das Umgangsrecht nach der Scheidung in Japan
In Japan wird weder im Familienrecht noch anderweitig das Umgangsrecht nach der Scheidung rechtlich geregelt. Aus diesem Grund regeln etwa 40% der Geschiedenen mit minderjährigen Kindern das Umgangsrecht des Ehepartners ohne Sorgerecht selbstständig und ohne Einmischung des Staates. Das heißt andererseits, dass in ca. 60% der Fälle keine Vereinbarung zwischen den geschiedenen Eltern von minderjährigen Kindern getroffen wird, bzw. sie nicht durchgeführt wird.
Wie regeln Eltern, die sich scheiden lassen, das Umgangsrecht untereinander und welche Mechanismen gibt es im Entscheidungsprozess, die als "lebendes Recht" (ungeschriebenes Recht) funktionieren? Welche Hindernisse oder Mechanismen treten in Entscheidungsprozessen in den Fällen auf, in denen die Eltern nicht zu einer gemeinsamen Vereinbarung finden?
Ausgehend von gesellschaftlichen Normen beschäftige ich mich in meinem Dissertationsprojekt mit dem ungeschriebenen "lebenden Recht" und analysiere anhand von Interviews, welche Faktoren statt einer geschriebenen Regelung im Entscheidungsprozess wirken. Durch Interviewanalyse soll der Prozess der Vereinbarung herausgearbeitet werden und nach dem Verfahren der Grounded Theory eine Theorie zur Besuchsrechtregelung in Japan entwickelt werden.
Yueh-Chen Yu:
Vorstellung des Tees und des Teetrinkens zwischen Tradition und Moderne in Taiwan unter japanischer Kolonialherrschaft (1895-1945) (Arbeitstitel)
In meinem Dissertationsprojekt beschäftige ich mich mit der historischen Entwicklung der Vorstellung des Tees und des Teetrinkens in Taiwan (Formosa) unter japanischer Kolonialherrschaft (1895-1945). Das Dissertationsprojekt liegt im Diskussionsrahmen der wissenschaftlichten Erkenntnisse über Tee und denen des internationalen Teemarkts im 19. und 20. Jahrhundert.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird der Tee weltweit nach derzeitigen „naturwissenschaftlichen“ Kategorien gekennzeichnet. Der Tee als Nutzpflanze wurde wissenschaftlich untersucht, neuen Kategorien zugeordnet und messbar im Labor geprüft. Diese Verwissenschaftlichung des Tees begleitete die Modernisierung und die Kolonialisierung der Teeindustrie. Nachdem Japan infolge des Vertrags von Shimonoseki 1895 Taiwan als Kolonie bekam, förderte die Kolonialherrschaft offiziell die Teeherstellung auf dieser Insel. Für die Kolonialherrschaft war der Tee eine wichtige Einkommensquelle im Außenhandel.
Die Gestaltung der Vorstellung des Tees bzw. des Teetrinkens unter japanischer Kolonialherrschaft steht unter drei Einflussquellen: 1. Traditionelle chinesische Wissenschaft sowie Essgewohnheiten; 2. wissenschaftliche Kenntnisse und Essgewohnheit aus dem japanischen Kolonialherrscher; 3. westliche wissenschaftliche Kenntnisse und Essgewohnheiten, die durch die Kolonialherrschaft vermittelt bzw. eingeführt wurden. Die von der Kolonialherrschaft erarbeiteten wissenschaftlichen Teekenntnisse wurden durch Propaganda der Kolonialpolitik, durch alle Arten von Ausstellungen sowie durch Schulbücher verbreitet. Daneben wurden neue Teekenntnisse zu dieser Zeit auch durch Zeitungsartikeln und Zeitungsanzeigen verbreitet.
Diese Einflussquellen führten zu einer komplizierten Konstellation, in der nicht nur unterschiedliche kulturelle Identitäten mit Anspruch auf Ursprünglichkeit gegeneinander auftritten, sondern auch Traditionalismus und Modernität wechselseitig wirkten. Es ist also ein interessantes Thema der Kulturgeschichte, nachzuvollziehen, wie die damalige Einwohner auf Taiwan ihre Vorstellung bzw. Trinkgewohnheit des Tees dementsprechend einstellten.
