INSTITUT FÜR MEDIEN- UND KULTURWISSENSCHAFT

Tagung: Geste - sich | bewegen (Film und Tanz)

Institut für Medien- und Kulturwissenschaft der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
in Zusammenarbeit mit dem tanzhaus NRW

30.11.2006 bis 02.12.2006
tanzhaus NRW, Erkrather Str. 30, 40233 Düsseldorf

Gesten machen den Körper – für sich und für andere - wahrnehmbar, ohne dass ein narrativer Zusammenhang bestehen muss. Diese unmittelbare Theatralisierung des Körpers ist auch unabhängig von der Wahrnehmung eines intentionalen Verhaltens. Im Gegenteil: Der Begriff der Geste, oder, mit Bertolt Brecht, des Gestus, zielt auf die Loslösung des Körpers aus der Vorgängigkeit von Geschichten. Keine Intrige bestimmt oder motiviert das Verhalten, die Geste selbst verwickelt den Körper, den eigenen und den anderen, in eine Intrige. Sie setzt sie in eine reflexive Bewegung. In diesem Sinne kann man auch sagen, die Geste ist eine Verknüpfung, durch sie werden die Punkte einer Gerade oder einer Kurve zur Linie. Sie setzt Wahrnehmung als Selbstaffektion ebenso voraus wie sie Wahrnehmung ermöglicht. In dieser Hinsicht kann die Geste als reine Mitteilbarkeit oder Medialität verstanden werden, wie Giorgio Agamben und Werner Hamacher in Anschluss an Walter Benjamin sagen. Mit der Frage der Geste als basaler Medialität ist deshalb auch eine Frage der Ethik im Sinne von Emmanuel Levinas angesprochen. Historisch scheinen Gesten in allen visuellen und performativen Künsten, in der Literatur, aber auch in den Humanwissenschaften wie etwa der Psychologie um so mehr Beachtung zu finden, je unbestimmter die Handlungszusammenhänge der Menschen sind. In der Kontingenz wird die Geste zum Ausdruck für das, was ohne Ausdruck bleibt. Insoweit wird die Geste zu einem vielfachen Grenzphänomen: Die Geste ist Schwelle der Wahrnehmbarkeit. Der Kunsthistoriker Aby Warburg sah in ihr eine Formel, die offen ist zum Chaos und zum Wahn ebenso wie zur Rationalität und zur Triebbeherrschung. In anderer Weise gilt diese Beschreibung auch für den Tic und andere in der Psychiatrie beschriebene Verhaltenssymptome, an denen Subjektivierung und Entsubjektivierung, Rationalität und Wahnsinn in eine Zone der Ununterscheidbarkeit getreten sind. Ein öfter schon beachtetes Beispiel sind Kafkas Texte, von denen Walter Benjamin bemerkt, sie  eien gestisch, weil in ihnen die Aussage erlischt. In ähnlicher Weise kann man das sicher für Samuel Becketts Theater sagen, vor allem für seine Fernseharbeiten, in denen aller Ausdruck bis auf die Bewegungen des Körpers ausgezehrt ist. Becketts Figuren gehören einem Raum vor der Aktion, einem prä-hodologischen Raum an.

Der Workshop soll sich nun vor allem zweier Künste und ihrer Beziehungen im Hinblick auf ein Verständnis der Geste widmen: dem Kino und den Tanz. Von seinen Anfängen an war das Kino von der Geste fasziniert. In dem Maße, in dem es einen Zusammenhang von Körper und Handlung konstruierte, spielte es auch mit der Spannung zwischen Geste und Narration. Der Slapstick machte daraus ein eigenes Genre. Als unmittelbare Theatralität des Körpers kehrt die Geste dann spätestens im italienischen Neorealismus eines Rosselini und vor allem in der Nouvelle Vague wieder. Video und digitale Medien erlauben heute neue Weisen einer Analyse, im Film oder auch in der Kunst eines Bill Viola. In auffälliger Parallelität entwickelt sich ein Bewusstsein der Geste als pränarrativer Präsenz und Bewegung im Tanz, der sich von der Dominanz der Idee des Ausdrucks löst und in dem ein Verständnis der Geste als Bewegungsmaterial zunehmend Bedeutung gewinnt.

 

Pogramm

Donnerstag, 30.11.2006
14:00-15:00 Akkreditierung | 15:00-15:30 Begrüßung | 15:30-16:00 Christoph Wulf (Berlin): Geste und Ritual | 16:15-17:00 Kristina Köhler (Weimar/Straßburg): "So wird es schließlich Dein Bild sein, das für Dich tanzt" - Aspekte einer Poetik von FilmTanz | 17:00-17:30 Timo Skrandies (Düsseldorf): Wann beginnt Tanz? | 17:30-18:00 Diskussion | 20:00-22:00 Filme von Maya Deren, Miranda Pennell u.a.

Freitag, 01.12.2006
10:00-10:30 Karin Bruns (Linz): Vom freien Ausdruck uniform(iert)er Körper: Künstlerische Geste, Alltag und Narrativität im zeitgenössischen Kino | 10:30-11:00 Sabine Fries (Hildesheim): Heisse Gesten - wie Jim Jarmusch in "Coffee and Cigarettes" grosse Pausen macht | 11:00-11:30 Diskussion | 11:45-12:15 Stephan Trinkaus (Berlin/Düsseldorf): Exzess und Exorzismus der Geste: Hans-Christian Schmids Film "Requiem" | 12:15-12:45 Frank Kessler (Utrecht): Überlegungen zur Geste im frühen Film | 12:45-13:15 Diskussion | 14:45-16:00 Frankfurter Küche: Betabet (lecture performance) | 16:15-16:45 Brigitte Schulze (Trier/Alta Valle de Metauro): Poesie, Freiheit und Aura in der Gestik fragilen Mensch-Seins in Film-vermittelten Erfahrungsräumen zwischen Indien und Italien | 16:45-17:15 André Karger (Düsseldorf): Geste und/oder Symptom | 17:15-17:45 Astrid Deuber-Mankowsky (Bochum): Tanzende Striche - Lacan zur Geste | 17:45-18:15 Diskussion | 20:00-22:00 Micha Purucker/living room (München): xxl-re.enactment

Samstag, 02.12.2006
10:00-10:45 Werkstattgespräch mit Micha Purucker (München) und Henrike Kollmar (Düsseldorf) | 11:00-12:30 Christine Gaigg (Wien): TRIKE und ADEBAR/KUBELKA (lecture demonstration) und Benjamin Schoppmann (Wien): Reflexionen zu TRIKE | 12:30-13:00 Diskussion | 14:30-15:00 Petra Maria Meyer (Kiel): Maya Deren: Die filmische als choreographische Geste traumwandlerisch | 15:00-15:30 Marie-Luise Angerer (Köln): Das Kino besteht aus Gesten | 15:30-16:00 Reinhold Görling (Düsseldorf): Im Medium sein | 16:00-16:30 Diskussion

Wir danken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Heinrich-Heine-Universität und der Van-Meeteren-Stiftung für ihre Unterstützung