
Schauspielschulen aus der ganzen Welt treffen sich einmal im Jahr am "Piccolo Teatro di Milano". Zweieinhalb Wochen zeigen sie dort in "Masterclasses" auf den dortigen Studiobühnen und im Kleinen Haus ihre Arbeiten, arbeiten gemeinsam in Workshops und lernen einander kennen. In jedem Jahr kann eine begrenzte Anzahl Studierender der Mailänder Universitäten, mit denen auch auf anderen Ebenen ein reger Austausch besteht, an den "Masterclasses" teilnehmen. Die "Heinrich-Heine-Universität" war im Juni 2009 die erste nicht Mailändische Hochschule, die zu diesem Programm Zutritt hatte.
Vierundzwanzig Studierende des "Instituts für Kultur und Medien" nahmen eine Woche lang an dem Programm teil, sahen Aufführungen im Rahmen der "Masterclass", hörten deutsch-italienische Vorträge zur Geschichte des "Piccolo" und zum Marketing des großen italienischen Theaters, nahmen an Diskussionen zur Arbeit russischer Schauspielschulen teil und diskutierten vor laufender Kamera und mit erhitzten Köpfen, dann später bis in die Nacht interkulturelle Differenzen der Theaterarbeit, lachten in einem Workshop zur praktischen Theaterarbeit mit dem italienischen Regisseur Emiliano Bronzino, erkundeten ernsthaft die Säle und Nebenräume von "Piccolo" und "Scala", schlenderten durch das Stadtzentrum und über die Navigli, beschäftigten sich mit der auf dem Text eines Mathematikers beruhenden Inszenierung "Infinities" und konnten den alten Philosophen und Literaten Guido Ceronetti auf der Bühne verrückt spielen sehen.
Auf dieser Seite soll versucht werden einen Eindruck der verschiedenen Erfahrungen zu geben. Bei Bewilligung einer Finanzierung wird aus dieser ersten Kooperation eine dauerhafte Zusammenarbeit mit dem "Piccolo Teatro di Milano" werden. Das bedeutet: weitere Teilnahmen an "Masterclasses", Beteiligung am Internetauftritt des Theaters, gemeinsame Projekte, ein Austausch.
Eine Woche Mailand. Eine Woche Auseinandersetzung mit den schauspielerischen Herangehensweisen an Theater. Eine Woche Ein- und Ausgehen im 'Piccolo Teartro' in Mailand. Vom 13. bis 20. Juni durfte unser Seminargruppe Teil der 'Masterclass' des 'Piccolo Teatro' sein. Dieser ansonsten nur aus Mailänder Studenten bestehende Arbeitsgruppe schlossen wir uns an um gemeinsam über die Inszenierungen der eingeladenen internationalen Schauspielschulen zu diskutieren.
Die erste Diskussion entbrannte nach dem Aufführungsbesuch der klassisch inszenierten Szenen, die die "Schepkin School“ des „Maly Teatr“ Moskau präsentierte. Zusammen mit den streng nach Stanislawski arbeitenden russischen Schauspielschüler begaben wir uns auf Sucher der Beantwortung folgender Fragen: Wofür brauchen wir heutzutage klassische Inszenierungen, wofür Moderne? Wie definieren wir eigentlich klassisch, wie modern? Fragen die unsere Gehirne rauschen und unsere Münder sprudeln ließ. Des Weiteren sahen wir eine Schultheaterinszenierung des “Liceo Ginnasio Statale Dante Alighieri di Latina”, die in ihrem Stück Brecht thematisierte und die Szenencollage "Strada nostro santuario” des berühmten italienischen Theatertheoretikers und Philosophen Guido Ceronetti.
Auch wenn wir die Inszenierung »Infinities« von dem Regisseur und künstlerischen Leiter Luca Ranconi nicht hautnah erfahren konnten, so gab uns die Viedoaufzeichnung einen guten Eindruck von diesem Versuch der Zusammenführung von Mathematik und Theater. John Barrows mathematische Aufsätzen finden in Ranconis Inszenierung in fünf verschiedenen Räumen einer Lagerhalle eine theatrale Gestaltung. Die fünf Insterlationen nähern sich auf ganz unterschiedlicher Weise dem unbeschreibbaren Thema der Unendlichkeit.
Neben unseren gewonnen Seherfahrungen und den darauf folgenden theoretischen Reflexionen nehmen wir einen Einblick in die Arbeitsweise des Piccolo Teatro mit nach Deutschland zurück. Das Piccolo ist das Theater Europas, das am engsten an den Theorien Brecht orientiert ist und unter anderen durch seine fortschrittliche Marketingarbeit zu den bedeuteten Theatern Italiens gehört. Um mit der 'Dreigroschenoper' Brechts zu schließen, die uns auf eine eigentümliche Weise während der Woche verfolgte, nun folgendes Zitat aus der Schluss-Strophe:
"Und so kommt zum Guten Ende alles unter einen Hut, ist das nötige Geld vorhanden ist das Ende meistens gut."
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Das Piccolo Teatro - Ein Theater für alle - von Claudia Di Nuzzo und Lioba Schmid
Giorgio Strehler und Paolo Grassi gründeten 1947 das Piccolo Teatro. Sie etablierten das erste bedeutende italienische Theater mit festem Wohnsitz. Ihre Theaterarbeit steht unter dem Einfluss der Brecht’schen Theorien und ist beeinflusst von der Brecht’schen Regiearbeit.
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Das Piccolo Teatro und das Teatro alla Scala – Der Zusammenhang von zwei großen kulturellen Institutionen - von Liesa Beermann
Im Jahr 1972 ging Paolo Grassi, neben Giorgio Strehler und Nina Vinchi Gründer des „Piccolo Teatro di Milano“, als Intendant an die Mailänder „Scala“. Hintergrundinformationen zu dieser Zeit der Spaltung sowie der Zusammenarbeit zweier Institutionen, zweier Mailänder Theater, deren Gäste wir waren.
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Modernes multimediales Marketing am Piccolo Teatro - von Sandra Stempel und Uta Klink
YouTube, Twitter, Facebook und aktuelle WebTV Beiträge – das zukunftsorientierte Marketing des Piccolo Theaters schafft gekonnt den Kontakt zur jüngeren Generation.
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Die Schepkin School des Moskauer Maly Theaters
- Zur Internetseite der Schepkin School: Englisch / Russisch
- Zur Internetseite des Maly Theater Moskau: Russisch
- Zu den Videoaufzeichnungen der Aufführung der Schepkin School im Rahmen der Masterclass am Piccolo Teatro:
Szenenstudium / Übungen
»Infinities«
Eine Inszenierung von Luca Ronconi nach den mathematischen Aufsätzen von John Barrow: Italienisch