INSTITUT FÜR MEDIEN- UND KULTURWISSENSCHAFT

Symposium: „Kraftwerk – Die Mythenmaschine“


Arbeit am Mythos Kraftwerk: Zur Produktionsästhetik eines intermedialen Konzepts

Kraftwerks singuläre Stellung innerhalb der Gegenwartskultur lässt sich auf zwei Faktoren zurückführen. Zum einen gehört das Oeuvre der Düsseldorfer Formation unbestritten zum Kanon der wegweisenden und zugleich klassischen Werke innerhalb der zeitgenössischen, elektronischen Musik. Auf der anderen Seite aber besteht Kraftwerks erstaunliche Rezeptionsgeschichte aus einem komplexen Ensemble von Verkettungen, Imitationen, Transformationen, Umschreibungen und Umbesetzungen. Beide Aspekte konstituieren den popkulturellen Mythos Kraftwerk. Eine genaue medienkulturelle Analyse von Kraftwerks produktionsästhetischen Strategien und Konzepten soll zeigen, dass schon seit den siebziger Jahren ein Gesamtkunstwerk entsteht, das "Resonanz und Staunen" (Stephen Greenblatt) gleichermaßen hervorruft. 

Prof. Dr. Dirk Matejovski studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Von 1994 bis 2008 war er Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Seit 2008 ist Prof. Matejovski am Institut für Medien- und Kulturwissenschaft der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf tätig, und er ist dort u.a. für das Lehr- und Forschungsprojekt „Resonanzräume: Medienkulturen des Akustischen“ verantwortlich.

Prof. Matejovski ist u.a. Mitherausgeber der Sammelbände „Literatur im Imformationszeitalter“ (zusammen mit Friedrich Kittler) und „Pop in R(h)einkultur“.

 

Die Maschine, der Sinn und die Energie - Der Kraftwerk-Sound

Am Anfang war der Sound, der Sound des Urknalls, der noch heute nachhallt. Welche Bedeutung, welchen Sinn hat dieser Sound, hat späterer Sound, hat der Sound von Maschinen? Ob Sein und menschliches Dasein als Maschinen verstanden werden können, und ob Maschinen verstehen können - diese Frage steht im Zentrum vieler Debatten. 'Kraftwerk' hat eine Antwort auf diese Frage, eine Antwort dies- und jenseits humanistisch verstandener und sich humanistisch verstehender Menschen. 

Prof. Dr. Jochen Hörisch: Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte in Düsseldorf, Paris und Heidelberg. Nach der Promotion 1976-88 Assistent bzw. nach der Habilitation (1982) Privatdozent und Professor (C 2) an der Universität Düsseldorf. Seit 1988 Ordinarius für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim. Ruf an die University of Virginia in Charlottesville (USA) im Jahr 2000 und Ruf auf den Lehrstuhl "Medientheorien" an der HU Berlin abgelehnt (2002). Längere Gastprofessuren 1986 an der Universität Klagenfurt, 1993 am CIPH und der ENS in Paris, 1996 in Charlottesville (USA/Virginia), 1999 in Princeton (USA), 2002 in Bloomington (USA/Indiana), Kurzzeitdozenturen 2003 in Buenos Aires, 2006 an der EPHE in Paris, 2007 an der Marmara Universität in Istanbul. Vortragstätigkeit im Ausland. Rundfunk- und Fernsehsendungen zu kultur- und medienanalytischen Themen.

Hörisch ist Mitglied der europäischen Akademie für Wissenschaften und Künste in Salzburg, der Freien Akademie der Künste in Mannheim und der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

 

Kraftwerk in der Geschichte elektroakustischer Musik

Die dokumentarische Konzertinszenierung der Gruppe und der Musik Kraftwerks zu Beginn des Jahres 2013 gibt Anlass, elektromusikalische Praktiken, Ästhetiken sowie Rezeptionsweisen der vergangenen 100 Jahre Revue passieren zu lassen, nicht zuletzt, um dem Geheimnis einer nur in geringem Maße an technologische resp. musikalische Innovation geknüpften Erfolgsgeschichte explizit technikaffiner Musik seit 1975 auf die Spur zu kommen. Die Geschichtsschau mündet narratologisch, gattungsspezifisch sowie wahrnehmungspsychologisch in drei Erklärungsversuchen.

Prof. Dr. Elena Ungeheuer absolvierte ihr Studium der Musikwissenschaft in den Fächern Psychologie und Ethnologie in Bonn. Sie ist Professorin für Musik der Gegenwart an der Universität Würzburg und ist darüber hinaus am Institut für Sprache und Kommunikation, Fachgebiet Musikwissenschaft, in Berlin tätig. Hier hat sie unter anderem einen Lehrstuhl für Systematische Musikwissenschaften. Elena Ungeheuer hat zahlreiche Veröffentlichungen zum Verhältnis von Musik und Medien, musikalisches Hören, Musik und Sprache, Musikpsychologie, Musikvermittlung, Kunst und Wissenschaft, Musik im 20./21. Jahrhundert, Musik und Technik herausgebracht.

 

Kraftwerk als Musterbeispiel für Pop-Konzepte

Da Kraftwerk sich auf dem Höhepunkt musealer Würdigung befinden, ist es Zeit, darüber nachzudenken, ob und inwiefern die Gruppe dem Popsektor angehört. Merkmale wie Flüchtigkeit, Gegenwärtigkeit, kulturindustriell betriebene Kommerzialisierung, Teenie-Anhängerschaft fallen bei einer Einordnung von Kraftwerk zumindest heutzutage offenkundig nicht mehr stark ins Gewicht. Der Vortrag wird deshalb versuchen, Kraftwerk mit anderen Kriterien, die der Popgeschichte entstammen oder oft zur Beschreibung von Pop-Phänomenen zugrunde gelegt wurden - wie etwa Künstlichkeit, Reproduzierbarkeit, Stilverbund, Oberflächlichkeit -, zu fassen und einzelne ihrer Artefakte auf den poptheoretischen Begriff zu bringen.

Prof. Dr. Thomas Hecken, geb. 1964, studierte Neugermanistik und Philosophie in Bochum. Er vertritt eine Professur für Germanistik und Kulturwissenschaft an der Universität Siegen. Buchveröffentlichungen zum Thema Pop- und Populärkultur: Populäre Kultur (2006), Theorien der Populärkultur (2007), Pop. Geschichte eines Konzepts 1955-2009 (2009), Avant-Pop. Von Susan Sontag über Prada und Sonic Youth bis Lady Gaga und zurück (2012).

 

 

Boing – Boom – Tschak: Kraftwerk und die bildenden Künste

Die Evolution von Kraftwerk richtet sich, ähnlich wie die Ideen der bildenden Künstler der späten Nachkriegszeit, gegen eine in der Konsequenz regressive Ideologie, welche die Produkte der Kulturproduktion nicht als gesellschaftlich vermittelt, sondern als authentischen Abdruck des Innenlebens und der Intentionen ihrer Urheber begreifen will. Der Vortrag wird versuchen eine Geschichte von Kraftwerk zu erzählen, die ihre Bedeutung innerhalb der bildenden Künste nachgeht.



Dr. Matthias Mühling ist Kunsthistoriker und Leiter der Abteilung Sammlungen / Ausstellungen / Forschung und Sammlungsleiter für Kunst nach 1945 an der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau in München. Er studierte Kunstgeschichte, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und Politikwissenschaften in Bochum und Münster. 2003-2005 war er wissenschaftlicher Assistent an der Hamburger Kunsthalle. Sein Forschungsinteresse zeichnet sich durch einen breiten kulturwissenschhaftlichen und kunsthistorisch epochenübergreifenden Horizont aus. Als Autor und Kurator hat er zahlreiche Publikationen und Ausstellungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts realisiert.

Zu nennen sind dabei zum Beispiel Einzelaustellungen zum Werk von Monica Bonvicini, Angela Bulloch, Tom Burr, Pablo Bronstein, Willie Doherty, Marcel Duchamp, Maria Lassnig, Sarah Morris oder Mondrian und De Stijl. 2011 betreute er die von Kraftwerk eigens für den Kunstbau des Lenbachhauses entwickelte 3D Video Installation.

 

Round Table: Zur Ästhetik eines globalen Pop-Phänomens

Lucas Croon ist Mitglied des Düsseldorfer Elektronik-Trios Stabil Elite, dessen Debütalbum Douze Pouze als Hommage an die große Zeit des Kraut-Sounds gilt.

Philipp Holstein, geboren 1972 in Vechta, studierte Politologie, Germanistik und Anglistik und arbeitet heute als Autor mit Schwerpunkt Musikkritik für Tageszeitungen, Agenturen und Magazine. Holstein ist Co-Autor des Buches "30 - bis hierher und wie weiter" (Rowohlt-Verlag) und seit 2005 Redakteur für populäre Musik und Kino im Feuilleton der Rheinischen Post. Seit 2010 ist er als Juror beim "Preis der Deutschen Schallplattenkritik" im Bereich "Rock/ Pop" tätig und bekam 2011 den Literatur-Förderpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf verliehen.

Thomas Meinecke studierte Deutsche Literatur und Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1978 gründete er die Literaturzeitschrift „Mode und Verzweiflung“. 1980 entstand daraus die Band F.S.K. (Freiwillige Selbstkontrolle), die bis heute aktiv ist. In den 1980er Jahren schrieb Meinecke zeitweilig Kolumnen für die Wochenzeitung „Die Zeit“. Seit den neunziger Jahren ist Meinecke als literarischer Schriftsteller aktiv. Im Januar/Februar 2012 hält er die Frankfurter Poetik-Vorlesungen des Jahres 2012.

Der Düsseldorfer Galerist Hans Mayer war der erste, der Andy Warhol in Düsseldorf zeigte. 1960 bis 1964 arbeitete Mayer in Krefeld, zunächst im Avantgarde-Möbelladen Schröer ("made in") und dann in seiner Op-Art-Galerie. 1971 zog er zum Grabbeplatz in Düsseldorf. Von dort aus hat Hans Meyer die amerikanische Pop Art, die Fotokunst von Peter Lindbergh und Helmut Newton sowie die amerikanische Kunst der 1980er Jahre entdeckt und die legendäre Zusammenkunft von Beuys und Warhol organisiert.

 

Die Veranstaltung ist kostenlos, um Anmeldung wird gebeten.

Zum Online-Anmeldeformular: tinyurl.com/mythenmaschine