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Rahmungsstrategien in Tanz und Medienkultur
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Freitag 15.01.2010, 10-18h
10.00h – 10.15h
Begrüßung, durch die Dramaturgin des tanzhaus nrw Henrike Kollmar
10.15h – 11.00h
Timo Skrandies: Die Organisation ästhetischer Erfahrung – zur medialen und künstlerischen Praxis von Rahmungsstrategien
Der Beitrag ist durch eine zwiespältige gedankliche Bewegung geprägt: Zum einen werden einige Vorschläge unterbreitet, welche Bedeutungsfacetten der Grundbegriffe der Tagung (Rahmung, Strategie) sinnvollerweise zu berücksichtigen wären – in dieser Hinsicht wird also eine gewisse Begriffsordnung vorgestellt. Zum anderen wird mit der Konstruktion einer solchen Ordnung (die selbst eine Rahmung ist) aber auch klar, dass künstlerische Rahmungsstrategien die inhärenten Ordnungen solcher kultureller Instanzen wie „Rahmen“ (Innen/Außen) oder „Strategie“ (Ziel, Mittel, Zweck) gerne unterlaufen bzw. außer Kraft setzen. Der Vortrag wird insofern an einigen Beispielen aus Kunst und Medienkultur darauf hinweisen, dass weder Rahmungen noch Strategien neutrale, rein technische Größen sind, und dass die künstlerische Praxis sich diesem Umstand zuwendet und ihn bewusst bzw. wahrnehmbar macht.
11.00h – 11.45h
Annette Gilbert: Übernimm du! Offene Handlungsfelder in interaktiver Kunst (an Beispielen aus Literatur, Kunst und Tanz)
"Dieses Buch hat eine Gebrauchsanweisung, denn es wäre hübsch, wenn Sie sich aus ihm einen Roman basteln wollten. […] Das Material liegt bereit […]." Dessen Sichtung und Anordnung aber bleibt in Andreas Okopenkos Lexikon Roman von 1970 ganz dem Leser überlassen.
'Übernimm du!' heißt das Kommando, das verstärkt seit den 1960er Jahren zu hören ist, und dies keineswegs nur in der Literatur. In allen Künsten entstanden offene Kunstwerke dieser Art, in denen dem Rezipienten eine bloße Versuchsanordnung in die Hand gegeben wird, verbunden mit der Aufforderung, das Kunstwerk selbst hervorzubringen – sei als Ausführung einer Anweisung oder als Ordnen gegebener Elemente oder als Entscheidung für eine von mehreren Möglichkeiten der Verwirklichung des Werks. Diese Art von Interaktivität überschreitet das bloße Wahrnehmungs- und Interpretationsangebot 'gewöhnlicher' Kunstwerke, denn sie inkludiert Handlungen des Rezipienten, die das Werk – zwar nicht in seiner Struktur, aber in seiner konkreten Erscheinung – beeinflussen. Sie rüttelt damit an althergebrachten Kategorien wie Werk, Autorschaft und Originalität.
In jüngster Zeit hat die interaktive Kunst – insb. durch die neuen Medien – neuen Auftrieb erfahren und im Verbund mit relationalen und partizipativen Kunstpraxen auch den zeitgenössischen Tanz erreicht. Wird dieser in einem theatralen Rahmen präsentiert, wendet er sich im Unterschied zur Literatur und Bildenden Kunst jedoch weniger an den einzelnen Rezipienten als vielmehr an ein kollektives Publikum. Dabei wird zum einen die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne neu verhandelt und zum anderen die kollaborative Ausführung des Tanzstücks zwangsläufig zur Aufführung ihrer selbst. Doch wie kollektiv sind diese Projekte wirklich, wie aktiv ist das Publikum, welche Elemente stehen beim Tanz überhaupt zur Disposition, und: wer trägt die Verantwortung für das, was da entsteht? "die frage ist, ob dem spiel- und kommunikationsbedürfnis des besuchers auch ein gestaltungswille innewohnt, der dem kunstwerk sowie den tänzern gegenüber bereit ist, die verantwortung zu übernehmen." (Jo Fabian)
11.45h – 12.30h
Laborbericht des Diskursbüros
Für den gesamten Festivalzeitraum wurde von Studierenden des Masterstudien-gangs Medienkulturanalyse (Institut für Medien- un Kulturwissenschaft) ein Diskursbüro eingerichtet. In Interaktion mit den Besuchern und Künstlern wurden die Stücke und Thematiken des Festivals durch verschiedene Kommunikationsformate wie eines interaktiven Blog-Portals, Einführungen und Gesprächsrunden begleitet und reflektiert. Im Rahmen der Tagung berichten die Studierenden in Form eines Laborberichts über die Entwicklungen des Diskursbüros.
12.30h – 13.30h
Mittagspause
13.30h – 14.15h
Susanne Foellmer: Framing inside out. Rahmenüberschreitungen in Tanz, bildender Kunst und Performance
Seit Mitte der 1990er Jahre sind Praktiken der Entgrenzung ein Charakteristikum im zeitgenössischen Tanz, so etwa in den Choreographien Meg Stuarts. Der Körper wird verdreht, fragmentiert, verschleudert und mithin dekonstruiert und scheint bisweilen in jenen Bewegungen mit dem ihm umgebenden Raum zu verschwimmen. Solche Überschreitungen sind indessen bereits in der bildenden Kunst der 1950er sowie in der Performance Art als Strategien des Rahmenaufdehnens und Auflösens zu beobachten, so in den Bildern Francis Bacons und den video-choreographischen Anordnungen Bruce Naumans. Sämtlichen Bild- und Bewegungsexperimenten eignet dabei das betonte Setzen von ästhetischen Rahmen, die, als solche zunächst explizit sichtbar gemacht, schließlich in Frage gestellt und demontiert werden – wodurch diese paradoxerweise mitunter um so stärker in die Wahrnehmung des Publikums rücken.
14.15h – 15.15h
Isabelle Drexler: Vom Fleisch zum Stein (Lecture Performance)
Die Strategien der Rahmung in der Fotografie sind extrem und radikal diskontinuierlich. Es gibt nur eine Chance, um dem Körper, der sich vor dem Objektiv in ständiger Auflösung befinden, habhaft zu werden, einen Moment, in dem ein Zeit- und Raumfragment endgültig aus seinem Kontext herausgerissen wird. Der Tanz braucht den Fluss. Ohne Kontinuität in Raum und Zeit kann er sich nicht entfalten. Er ist tendenziell randlos. Die Fotografie aber muss dem Uferlosen Grenzen setzen. Nichts weniger als der Griff nach dem Unfassbaren steht auf dem Spiel. In der Konfrontation mit dem Fleisch des Tanzes wirkt die Fotografie in der Geste des Auflösens brutal: Sie versteinert mit eiserner Hand. Der Tanz in seiner Flüchtigkeit im hier und jetzt flattert vor dem statischen Auge der fotografischen Linse wie eine leichtfüßige Provokation: Er muss stillgestellt werden. Jetzt! Hier! Auf einen Schlag muss er aus dem Gewebe der Wirklichkeit herausgeschnitten werden. In der Tanzfotografie zeigt sich, dass die Fotografie dem Tanz nicht nur etwas nimmt – seine Bewegung – sondern ihm auch etwas zurückgibt: Ein Geheimnis, dass nur das Kameraauge offenbaren kann.
15.15h – 15.45h
Nachmittagspause
15.45h – 16.45h
Yvonne Hardt: Thinking about TR_C_NG (Lecture Performance)
Wo bleiben Bewegungen, wenn ihre Tänzer nicht mehr anwesend sind? Wie und mit welchen Medien, mit welchen Geschichten und Rahmungen beschwören wir das herauf, was bereits vergangen ist. TR_C_NG (2007) ist eine Tanzperformance, die sich performativ mit der Frage nach der Inszenierung von Geschichte und Rekonstruktion von Tanz auseinandersetzt. Unweigerlich geraten hier Fragen nach den Spuren und Medien des Erinnerns, nach der Übersetzung und Rahmung in den Mittelpunkt. Nicht nur die Beschaffenheit der Spuren, die der Tanz in unterschiedlichen Medien hinterlässt sondern auch die Lücken, Auslassungen und Unzulänglichkeiten, die durch die Vergänglichkeit von Bewegungen entstehen werden zum kreativen Material der Erzählung. Wo verläuft hier die Grenze zwischen Rekonstruktion und Imagination?
In der Lecture-Performance wird Yvonne Hardt der nun doppelten Abwesenheit – von Stück und dem in ihm Reproduzierten Tanzgeschichten – nachgehen und aufdecken, wie Fotos, Filme und Erzählungen Rahmungen in der Kunst schaffen, die die Wissenschaft als Kunst und die Kunst als Wissenschaft erscheinen lassen.
16.45h – 18.00h
Abschlussdiskussion
Moderation: Timo Skrandies